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Schlagwort: Zeitzeugen

Geschichte in Geschichten (Teil 9) – Schüler fragen Zeitzeugen: Gotthard Weidel

von Denise Beck, Flora Budde, Paul Schreiber

Gotthard Weidel, geboren 1947, wuchs in der DDR auf. Als Wehrdienstverweigerer studierte er Theologie von 1967 – 1972 in Leipzig. Nachdem er als Pfarrer in Kahnsdorf tätig war, kam er 1984 an die Friedenskirche in Gohlis. Seit den 80er-Jahren nahm Gotthard Weidel aktiv an den Friedensgebeten teil. Am 9. Oktober 1989, dem Tag der Entscheidung, hielt er in der Nikolaikirche die Predigt zum Friedensgebet. Nach 1996 arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 2009 als Soldatenseelsorger in der Bundeswehr.

Wie war Ihr Verhältnis zum DDR-Regime?
Pfarrer Weidel: Ich wurde in der DDR nicht verfolgt, litt aber unter Rechtlosigkeit, am Mangel von Gestaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Leben und an fehlender, persönlicher Freiheit. Für das tägliche Brot in der DDR war gesorgt. Die restlichen Dinge musste man sich organisieren. Wir lebten in der „größten DDR der Welt“, aber sie war in keiner Weise weltoffen. Keiner rechnete mit dem Fall der Mauer oder dem Niedergang der DDR. Deshalb wollten viele das Land verlassen. Sie sahen für sich in der DDR keine Zukunft .

Ich bin heute noch der Meinung, dass, wenn es in der DDR mehr Teilhabe oder Gespräche gegeben hätte, wären Entwicklungen möglich gewesen. Aber – die Menschen mit ihren kritischen Fragen und kreativen Fähigkeiten wurden nicht ernst genommen. Das sind meine Erfahrungen. Wer damals in Leipzig lebte, konnte alle Probleme der DDR hautnah miterleben.

Herrschte innerhalb Ihrer Gemeinde eine einheitliche politische Position?
Pfarrer Weidel: Nein. Ich denke, das ist ganz normal… Viele Mitbürger, die den 2. Weltkrieg und den 17. Juni 1953 erlebt hatten, waren damals nicht der Meinung, etwas verändern zu können. Für sie war es eher eine Frage, wie können wir in Ruhe leben. Das musste ich akzeptieren. Es gab auch Menschen, denen die Forderungen nach Entwicklung und Teilhabe zu lasch waren. Wiederum gab Christen, die die Meinung vertraten, dass allein das Gebet friedliche Veränderungen bringen kann und das Entscheidende im Leben eines Christen ist.

Wir nahmen sehr bewusst in der Friedenskirche diese Themen wahr. Auf der einen Seite versammelte sich die „Gruppe Hoffnung“. Die Antragssteller, welche die DDR verlassen wollten, fanden keinen Ort, an dem sie sich versammeln konnten. Auf der anderen Seite traf sich eine „Dialog – Gruppe“. Ihr Ziel bestand nicht darin, die DDR zu stürzen. Vielmehr wollten die Teilnehmer mitreden, mitgestalten und das Land verändern. Ich arbeitete mit engagierten Gemeindeglieder in dieser Gruppe zusammen.

Ich erlebte, dass oft interessierte, engagierte und junge Menschen den „Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR,“ wie es offiziell hieß, stellten. Die zurück bleibenden Eltern, Freunde oder Kollegen waren hier verwurzelt. Sie erlebten schmerzhaft, wie ihre Kinder und Enkelkinder nach der Ausreise hinter einer fast undurchlässigen Grenze im Westen lebten. Nur zu besonderen Anlässen konnte ein Antrag auf eine Reisegenehmigung gestellt werden. Während einer Demonstration im Herbst 89 wurde eine ältere Frau von einem Reporter gefragt: „Warum sind sie hier?“ Sie antwortete: „Unsere Kinder und Enkelkinder gehen in den Westen. Wir bleiben zurück. Das muss anders werden.“ Die Menschen und Familien wurden durch solche Erfahrungen zerrissen.

Gab es staatlichen Druck oder Benachteiligungen, um Sie von Ihrer Mitwirkung in kirchlichen Initiativen abzuhalten?
Pfarrer Weidel: Viele Menschen in der DDR erlebten Benachteiligungen oder Ärgernisse. Besonders in den 50er- und 60er-Jahren wurden Andersdenkende verfolgt, verurteilt und inhaftiert. Damit ist mein Leben nicht zu vergleichen. […] Einmal sagte eine Lehrerin im Unterricht zu meinem Sohn: „Was nützt es, wenn dein Vater „preedigt“, dann fuhr sächsisch fort, „und wir haben keene Breetchen?“ Der Beruf des Vaters darf keine Rolle für einen Lehrer gegenüber seinen Schülern spielen. Ich wollte die Lehrerin umgehend sprechen. Es war nicht möglich. Ich versuchte es mehrmals und hatte keinen Erfolg. Erst als ich mich an den Rat der Stadt wandte, erfolgte eine Reaktion in der Schule. Es wurde von einem Missverständnis gesprochen. Eigentlich hatte ich die Absicht, mit der Lehrerin in einen Dialog zu treten. Ein Gespräch wurde mir verweigert.

Waren auch Ihre Familienmitglieder von Schikanen betroffen?
Pfarrer Weidel: Meine Frau hatte Ökonomie studiert. Sie konnte in der DDR nie einen leitenden Posten erreichen, weil sie die Frau eines Pfarrers war.

Hatten Sie Angst, dass Ihre kritische Haltung gegenüber der DDR negative Folgen nach sich ziehen könnte?
Pfarrer Weidel: Ja, während der Demonstrationen im Herbst 1989 hatten wir Angst. Entweder meine Frau oder ich konnten jeweils an einer Demonstration teilnehmen. Unsere Kinder sollten im Falle einer Verhaftung nicht allein bleiben. […] Es gab damals Verhaftungen. Gleichzeitig zeigten viele Solidarität mit den Verhafteten. An der Nikolaikirche waren die Fenstergitter mit Namen von verhafteten Personen, mit Blumen, Mitteilungen, Gebeten und Grüßen bestückt. Die Menschen hatten die staatliche Bevormundung satt. Sie hatten zwar Angst, aber ließen sich ihren Mut und Zuversicht nicht nehmen. Auf der Straße überwanden sie Schritt für Schritt ihre Angst. Aus den 70.000 am 9. Oktober wurden eine Woche später 125.000 Demonstranten.

Wie drückend empfanden Sie Ihre Verantwortung als Pfarrer?
Pfarrer Weidel: Die Kirche war ein geschützter Raum. Als Mitglied der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und der UNO, musste die DDR auf die öffentliche Meinung anderer Staaten Rücksicht nehmen. […] Wir, die Kirchen, waren der einzige nicht integrierte Bestandteil in der DDR… Als Pfarrer konnte ich so Räume der Kirchgemeinde hilfesuchenden Menschen zur Verfügung stellen. Im Juli 1989n fand ein Kirchentag in Leipzig statt. Eine Gruppe demonstrierte mit chinesischen Schriftzeichen und erinnerte an den 1989 niedergeschlagenen Aufstand auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking. Diese Gruppe setzte nach dem Kirchentag auf der Karl-Liebknecht-Straße ihre Demo fort. Sofort verfolgte die Staatssicherheit die Teilnehmer. Sie flüchteten zur Peterskirche. In die Peterskirche folgten die Mitarbeiter der Staatssicherheit nicht. Es gab auch für die Stasi Grenzen. Kirchen sind seit dem Mittelalter ein Zufluchtsort für Verfolgte.

Am 5. Oktober, während einer Dienstberatung aller Leipziger Pfarrer mit dem sächsischen Landesbischof Johannes Hempel, sprachen wir über das am 9. Oktober bevorstehende Friedensgebet. Es stand die Frage im Raum: Ist es verantwortlich, das Friedensgebet durchzuführen? Es kann sein, so lauteten unsere Überlegungen, dass es nach der Beendigung zu Auseinandersetzungen mit den staatlichen Organen kommt. Andererseits: Ist es verantwortlich, das Friedensgebet abzusagen?

Das Resultat lautete: Es werden am kommenden Montag in mehreren Innenstadtkirchen unserer Stadt Friedensgebete durchgeführt! Die Kirchen bleiben bis zur Beendigung der Demonstration als Fluchtmöglichkeit offen.

Sie haben am 9. Oktober in der Nikolaikirche die Predigt gehalten. Was war Ihnen dabei besonders wichtig zu vermitteln?
Pfarrer Weidel: Unser Thema lautete: „Volkes Stimme lasst uns sein“. Daraus wurde auf der Straße „Wir sind das Volk“. Das lag in der Luft. Eine Basisgruppe erarbeitete das Konzept des Friedensgebets. Nach dem brutalen Vorgehen der Polizei am 7. Oktober schrieb ich meine Predigt neu. Sie sollte offen, einladend und dialogfähig sein. Die Menschen sollten auch mit unterschiedlichen Anschauungen als Gesprächspartner ernst genommen werden. Ich zitierte „Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht werden“ und fuhr fort: „Das gilt auch jetzt in unserer Stadt. Wir müssen miteinander reden. Dieses Land und unsere Stadt lässt sich nur auf diese Weise verändern.“

Am 9. Oktober 1989 gab es eine Liste, auf welcher 130 Personen – unter anderem auch Sie – vermerkt waren, für die Verhaftungen vorgesehen waren. Fürchteten Sie sich vor einer Festnahme?
Pfarrer Weidel: Ich ahnte, dass es Listen für geplante Verhaftungen gibt. Mir war klar, dass sich im Falle einer Verhaftung meine Kirche für mich einsetzt.

Welche Erwartungen haben Sie damals mit der Friedlichen Revolution verbunden? Sind diese in Erfüllung gegangen?

Pfarrer Weidel: Ich kenne niemanden, der damals den Sturz der DDR wollte. […] Die Macht der SED wurde von der Staatssicherheit abgesichert. Die hochgerüstete Sowjetunion und die besondere politische Lage im geteilten Deutschlands schlossen nach meiner Meinung weitgehende Veränderungen aus. Erst 1990 erkannte ich, wie kleinkariert mein Realismus war. Ein Jahr später gab es die DDR nicht mehr. […] Aber – ich besaß im Oktober 1989 die Hoffnung auf Veränderungen. Ich wollte über Fragen und Themen sprechen, die mich und meine Gemeinde beschäftigten. Ich wollte frei sein.

Welche allgemeinen Forderungen existierten in der kritischen Bevölkerung?
Pfarrer Weidel: Die Menschen wollten eine freie Presse, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, selbstständige Parteien und freie Wahlen. Das war wenig. Es sind die Grundelemente bürgerlicher Freiheit. Wenn diese Forderungen erfüllt worden wären, musste die DDR zusammenbrechen. Das ist mir später klargeworden.

Haben Sie sich mehr von der Wende erhofft? Und wurde Ihnen seitens Ihrer Gemeindemitglieder von Enttäuschungen berichtet?
Pfarrer Weidel: Als Pfarrer erlebte ich vieles auf einer persönlichen Ebene hautnah mit, aber meine Erwartungen hielten sich in Grenzen.

Viele Menschen erwarteten, dass sich auf einmal das Füllhorn öffnet. Diese Vorstellung war eine Illusion. Die versprochenen blühenden Landschaften sind heute vorhanden. Da kann man sagen, was man will. Aber – ich denke an meine Gemeindeglieder, die nach einem langen Berufsleben arbeitslos wurden. Was bedeutet es, plötzlich die Arbeit zu verlieren und in soziale Notlagen oder Abhängigkeiten zu geraten? Es war für viele auch eine Katastrophe.

Redaktionell bearbeitet von Ursula Hein und Wolfgang Leyn

Gesucht: Zeitzeugen für neue Budde-Haus-Chronik

von Jürgen Schrödl

Manch einer kennt sie vielleicht noch: 1999 erschien im Rahmen der Reihe „Gohliser Historische Hefte“ des Bürgervereins Gohlis e. V. eine über 100-seitige Broschüre mit Beiträgen über die Geschichte des Budde-Hauses. Diese Auflage ist längst vergriffen und die Entwicklung inzwischen über zwanzig Jahre vorangeschritten. Deshalb möchte der FAIRbund e. V. – seit 2017 der Betreiber des Budde-Hauses – im nächsten Jahr in Kooperation mit dem Bürgerverein Gohlis eine neue Chronik über das Budde-Haus herausbringen.

Das Buch soll die lange und wechselvolle Ära des Gebäudes und des Geländes vom Wohnort der Fabrikantenfamilie Bleichert bis zur heutigen Nutzung als soziokulturelles Zentrum aufzeigen. Und das nicht allein für Leipziger Geschichts-Fans, sondern für viele Interessierte unterhaltsam aufbereitet, mit vielen authentischen Geschichten und Abbildungen. Dafür suchen die Macher*innen des Budde-Hauses die Unterstützung von Zeitzeugen, von Menschen, die im Budde-Haus lebten, arbeiteten, die hier zu Gast oder in anderer Art und Weise aktiv waren und etwas Spannendes darüber zu erzählen haben.

Gefragt sind Erlebnisse, Anekdoten, besondere Ereignisse, geschichtliche Entwicklungen, Fotos, Zeichnungen, Dokumente etc. Dabei sollen keine fertigen Artikel eingesandt werden, sondern
es werden Interviews geführt. Interessierte Zeitzeugen melden sich dafür bitte bis zum
30. September im Budde-Haus unter Telefon 0341 90960037 oder per Mail an kontakt@budde-haus.de (Kennwort: Budde-Haus-Chronik). Für alle Beiträge, die in der Budde-Haus-Chronik erscheinen, erhalten die jeweiligen Zeitzeugen ein kostenfreies Exemplar sowie eine Danksagung im Buch.

Die Umsetzung des Buches erfolgt in Kooperation zwischen dem Budde-Haus und dem Bürgerverein Gohlis. Der Montbertus Verlag aus Leipzig wurde mit der Gesamtproduktion beauftragt.

Eine Randnotiz im Leben eines Künstlers – Im Interview mit Hans-Martin Kählitz – TEIL I

von Peter Niemann

Es ist ein ruhiger Montag Nachmittag, im ehemaligen Kasernenviertel, unmittelbar an der ‚Grenze‘ zwischen Möckern und Gohlis. Die großen Bäume entlang der Olbrichtstraße spenden angenehmen Schatten. Das Zwitschern einiger Vögel dringt, zusammen mit ein paar Sonnenstrahlen durch das halb geöffnete Fenster der ehemaligen Heeresbäckerei. In dem hohen Raum sitze ich bequem und komme schnell mit Herrn Kählitz ins Gespräch. Unlängst hatte er nämlich den Bürgerverein kontaktiert, nachdem er von dessen Bemühungen um die historische Handschwengelpumpe in der Fritz-Seger-Straße erfahren hatte.

Und Herr Kählitz, Jahrgang 1932, hat wahrlich viel zu berichten – so viel, dass wir das Interview in zwei Teile aufdröseln mussten. Schließlich blickt er auf ein ebenso langes, wie erfülltes Leben hier in unserem Stadtteil zurück. Alles beginnt damit, dass sein Vater 1935 ein Haus in der Baaderstraße in Gohlis-Mitte kaufte. Ein Mittelpunkt entsteht. Zunächst der seiner Kindheit, später dann der seiner eigenen Familie. Die Rollen des Unternehmers, Ehemanns und Vaters füllen ihn aus, lassen ihn nichts missen. Das ändert sich schlagartig, als zwei Umstände aufeinandertreffen: Der Ruhestand und das Dahinscheiden der eigenen Mutter.
Deren Nachlass erzählt nämlich eine Geschichte, die nun auf Gehör und Muße treffen kann. Fotografien, Abbildungen, Skizzen und dergleichen erzählen von seinem Großvater Bruno Wollstädter (* 14. Juli 1878 | † 17. Februar 1940). Selber hat er nur vage Erinnerungen an diesen, war er damals doch ein Schuljunge von 9 Jahren und die produktive Zeit des Großvaters war bereits Geschichte. Dieser habe zwar zur Pflege bei der Familie gewohnt, sei zu dem Zeitpunkt jedoch schwer krank gewesen und bald, mit nur 61 Jahren verschieden. Es gab entsprechend wenig Bezug, kaum Kontakt. Kählitz erinnert sich an einen einzelnen Besuch in der einstigen Werkstatt des Bildhauers Wollstädter im Hinterhof der Delitzscher Straße 80a. Von dessen dortigen Schaffen zeugen heute immerhin noch einige Fresken im Hausflur.

Völlig anders verhält es sich allerdings im Stadtraum Leipzigs und auch darüber hinaus. Erst als Ruheständler realisierte Herr Kählitz mit zunehmender Begeisterung, wie unwahrscheinlich emsig der Großvater und dessen Gehilfen tatsächlich waren. Dabei finden sich seine Bauplastiken an und in profaner wie sakraler Architektur gleichermaßen sowie vereinzelt auch als Grabkunst. Nach prominenten Beispielen dafür muss man nicht lange suchen. So gibt es eine Vielzahl von Messehäusern in der Leipziger Innenstadt an deren bauplastischer Ausgestaltung er beteiligt war. Seine Plastiken schmücken u.a. den Zentralmessepalast, er gestaltete aber auch Grabmale auf dem Südfriedhof. Selbst in Gohlis findet sich seine Bauplastik: an der Fassade der Evangelischen Verlagsanstalt in der Blumenstraße 76.

Was Kählitz jedoch ärgert ist die Tatsache, dass Wollstädter‘s Wirken, gerade im Zusammenhang mit größeren Architekturen entweder (noch) gänzlich unbekannt war bzw. häufig in den Hintergrund trat. Es sind nämlich vor allem die Architekten und manchmal noch die Initiatoren und Geldgeber der großen und renommierten Bauprojekte, deren Namen mit diesen in Verbindung gebracht werden und Erwähnung finden. Erschwerend kommt hinzu, dass es zur Zeit Wollstädters Schaffen nicht erforderlich war, Bauplastiken bzw. deren Schöpfer in Bauplänen genau zu benennen. Ein Platzhalter genügte, was die Erfassung von Baukunst und Künstler aus heutiger Sich auch eher knifflig gestaltet. Beharrlich engagierte er sich jahrelang, um genau diesem Umstand, in Bezug auf seinen Großvater zumindest, Abhilfe zu schaffen. Wo es sich anbot, schrieb er Leserbriefe, trat in Kontakt mit Ämtern, besuchte häufiger auch die Wirkstätten von Wollstädter und klärte auf.
1910 erhielt Bruno Wollstädter bei einem städtischen Wettbewerb den ersten Preis für seinen Entwurf für das Design einer Handschwengelpumpe. Vielfach begegnet uns die Pumpe vom Typ ‚Vogelkäfig‘ heute und in restaurierter Form im Stadtgebiet, etwa in der Magazingasse/ Ecke Neumarkt, im Herzen unserer Innenstadt also. Allerdings kann diese Episode, auch und gerade vor dem Hintergrund des so umfangreichen künstlerischen Schaffens von Wollstädter wohl nur als Randnotiz gelten. Eine Randnotiz, die aber nichts desto trotz dankbare Anknüpfungspunkte an die Arbeit unseres Bürgervereins bietet.

Im nächsten Teil des Interviews wird der Fokus dann auf dem Leben und unternehmerischen Wirken von Herrn Kählitz selbst liegen. Bleiben Sie gespannt.

Geschichte in Geschichten (Teil 8) – Schüler fragen Zeitzeugen: Brigitte Eichelmann

von Felix Böhme, Johannes Kater, Vinzent Schneider

Brigitte Eichelmann, geboren 1941, hat von 1947 bis 1955 die „Turmschule“, die heutige Friedrich-Schiller-Schule, besucht. In den Jahren 1955 bis 1958 absolvierte sie ihre Lehre bei der Sparkasse und begann anschließend ihre Arbeit in einer Geschäftsstelle der Sparkasse im Süden von Leipzig, seit 1961 in der Filiale in Gohlis, von 1965 bis 1998 als Filialleiterin. Dort hat sie am 1. Juli 1990 im Rahmen der deutsch-deutschen Wirtschafts-Währungs- und Sozialunion den Geldumtausch von Ostmark in D-Mark miterlebt und selbst vollzogen.

Wie sind Sie zur Sparkasse gekommen?
Meine Klavierlehrerin sagte: Ja, was willst du denn mal werden? Ja, sage ich, ich möchte mal Apothekerin oder Ärztin werden. Wie wollt ihr das stemmen, deine Mutti, wenn ihr fünf Kinder seid? Würde es dir gefallen, bei der Sparkasse zu arbeiten? Das war was ganz Neues. Was soll ich bei der Sparkasse? Ihre Tochter, die Sekretärin des Direktors, wollte sich dann für mich einsetzen.

Ich bin nach Hause und hab zu meiner Mutti ich gesagt: “Also ich trag‘ was zum Lebensunterhalt bei, ich werde zur Sparkasse gehen.“ Zurück bin ich geflitzt und hab gesagt: „Ich mach das.“ Dann hab‘ ich die Ausbildung gemacht. Zu DDR-Zeiten wurden ja Frauen sehr gefördert. Da gab es viele Möglichkeiten, und so habe ich dann die Finanzschule Gotha nebenher gemacht – Frauensonderstudium.

Und ein schönes Leben war es bei der Sparkasse. 1961 habe ich als Kassiererin angefangen und schon 1965 die Geschäftsstelle als Leiterin übernommen. Dort habe ich von 1961 bis 1998 gearbeitet: Das war eine schöne, schöne Zeit. Ich habe diese Entscheidung nie bereut
Ich habe immer mit vielen netten Menschen zu tun gehabt. Die Gohliser Straße war vom Publikum ganz toll. Wir hatten die gesamte Belegschaft des Funkhauses in der Springerstraße als Kunden und viele Prominente aus Kultur sowie Medizin, Sport und Professoren.

Waren Sie die Einzige, die so jung in der Sparkasse angefangen hat?

Nein. Wir waren 34, die dort gelernt haben, und da waren vier, die entweder die zehnte Klasse hatten oder Abitur.

Wie waren für Sie die Abläufe in der Sparkasse, gerade weil Sie sehr jung angefangen haben?
Wir hatten 88 Geschäftsstellen in der Stadt und im Landkreis, eine in der Großmarkthalle. Dahin kamen Obst-und Gemüsehändler, kleine Einzelhändler, dort war ich im ersten Lehrjahr, im zweiten dann in der Geschäftsstelle am Schlachthof in einer Baracke, dahinter ein gemauerter Anbau mit dem Tresor.

Warum glauben Sie, dass niemand mit dem Gedanken gespielt hat, dort einzubrechen?
Aber wir hatten ja eine Binnenwährung, mit der konnte man nur in der DDR etwas anfangen. Und wenn ich plötzlich Geld gehabt hätte, ich weiß es nicht, das wäre aufgefallen.

Als Ihre Ausbildung zu Ende war, wie ging es dann für Sie weiter?
In der Geschäftsstelle am Schlachthof war ich bis 1961 und hab nach meiner Ausbildung die Kasse übernommen, dahin kam das meiste Bargeld. Montags brachten die Fleischer hohe Geldbeträge, die Tageseinnahmen, zur Gutschrift, abends musste alles stimmen. Ich hatte montags zwei Rentner als Geldzähler zur Hilfe: Geld zählen, Banderole darum, dann noch alles gebündelt. Dann wurde es von einem Auto abgeholt. Wenn wir kleine Beträge bis 50.000 Mark hatten, wurde alles in einen Koffer gepackt, mit der Straßenbahn bis zum Rossplatz in die Staatsbank gebracht. Also allein mit 50.000 Mark!

Wie funktionierte denn die Preisgestaltung in der DDR?
Die Preise waren Einheitspreise, ich konnte hier mein Brötchen für einen Fünfer holen, und egal in welcher anderen Stadt, das kostete fünf Pfennige. Und ein Stück Butter kostete eben überall zwei Mark fünfzig, das war viel Geld. Aber es war der Endverbraucherpreis, EVP nannte sich das, und der war einheitlich.

Wie war das in der Sparkasse, wenn Kunden Westgeld eingetauscht haben?
Das durften wir nicht machen, das musste generell bei der Staatsbank gemacht werden. Die Besucher aus dem Westen mussten bei Einreise Geld umtauschen und dann zur Polizei, um sich anzumelden. Die mussten sich ja auch noch in die Hausbücher eintragen.

Der Bau der Mauer 1961, wie hat der Ihr Arbeitsleben beeinflusst?
Die Menschen waren ja nichts anderes gewöhnt. Die wussten um den Vorteil von Westverwandten. Aber das Arbeitsklima, die Zusammenarbeit auch mit den Kunden war einfach vertrauensvoll und schön. Ich könnte nie sagen, dass da einer gedacht hat, ein anderer hat mehr und dem müsste man irgendwas wegnehmen oder antun oder kaputt machen. Das hat es nicht gegeben. Aber man hat natürlich gemerkt, dass die Kluft immer größer wurde zwischen Ost und West. Und so gab es diese Unzufriedenheit, es fehlte so vieles. Die Leute konnten ja auch ins sozialistische Ausland schauen, dass das Angebot viel besser war.

Ein Thema war die Stasi und man fragte sich auch: Wer wohnt in meinem Haus, wem kann ich vertrauen und wem nicht? Das hat die Menschen verunsichert, das schwelte und führte letztendlich natürlich auch dazu, dass Menschen 1989 im Herbst auf die Straßen gingen, friedlich zu den Montagsdemonstrationen. Es musste was geschehen.

Sind Sie bei den Montagsdemostationen dabei gewesen?
Ja, immer reihum mit meinen Mitarbeitern. Einmal bin ich selber gegangen und dann jede Woche ein anderer Mitarbeiter, so dass jeder das mal miterlebt hat und gefühlt hat, was dort los ist.

Und Ihre Arbeitgeber? Haben Sie mit denen deswegen Probleme gehabt?
Die haben sich da sehr bedeckt gehalten. Ich muss überhaupt sagen: Ich habe bei der Sparkasse auch keinen Zwang erlebt, in die SED einzutreten. Wir wurden gefragt, ja, und auch ich war bei meinem Direktor. Und da habe ich ihm gesagt: Herr K[…] Sie wissen doch, ich singe im Kirchenchor. So, gut, Haken dahinter und dann konnte ich wieder gehen.
In der Sparkasse hat mich nie jemand zu irgendetwas verpflichten wollen. Auch das war immer das Angenehme an der Arbeit

In der DDR gab es ja auch, politisch gesehen durchaus Umschwünge. Zum Beispiel gab es in den 1960er Jahren eine neue Wirtschaftspolitik, 1971 unter Honecker wieder zurückgezogen. Hatte das Einfluss auf Ihren Berufsalltag, auf Ihr Arbeitsleben?
Ich weiß, 1971 hat man ganz viel Selbstständigkeit zunichte gemacht. Kleine Unternehmen aus unserem Kundenkreis wurden staatlich. Das weiß ich noch. Einzelheiten leider nicht, nur dass diese Kunden sehr schwer darüber hinwegkamen.

In der DDR gab es vier Banksäulen: Sparkasse, die Staatsbank, Industrie-und Handelsbank und Deutsche Außenhandelsbank. Hatte die Sparkasse eine besondere Rolle in diesem System?
Die Sparkasse war federführend für Privatpersonen und kleine Betriebe bis zehn Mitarbeiter.
Allerdings hatte damals nicht jeder ein Konto wie heute.

Hat sich nach der Wende irgendetwas beruflich und privat für Sie geändert?
Nee. Bis 1998 blieb ich Leiterin der Geschäftsstelle. Und weil möglichst aus der Geschäftsstelle ein Abteilungsleiter für Produktmanagement mit Kundenkontakt gesucht wurde, habe ich dort noch bis 2000 gearbeitet und bin dann mit 60 in Rente gegangen.

Mit der Wende kam am 1. Juli 1990 auch der Währungsumtausch. Wie hat sich das gestaltet und wie war das für Sie?
Es war ein Sonntag, als die D-Mark eingeführt wurde. Es bedurfte langer, langer Vorbereitungen. Im Juni mussten die Kunden ihr Geld auf ein Sparkonto einzahlen. Girokonten hatten damals die wenigsten. Und so haben wir von früh bis abends Sparkonten angelegt. Dann waren die Sparkonten alle, da haben wir nur noch Einlegeblätter als Sparkonto herausgegeben. Ohne Sparkonto wurde das im Personalausweis aktenkundig. Das funktionierte über Anträge, der Geschäftsstellenleiter entschied.

Der Umtausch war gestaffelt: Bis zum Alter von 14 Jahren 2 000 Mark im Verhältnis 1:1, von 14 bis zum Rentenalter konnten 4 000 Mark 1:1 umgetauscht werden. Bei den über 60-Jährigen waren es 6 000 Mark, Guthaben darüber 2:1. Viele hatten mehr Geld, da wurden dann Konten für Enkel oder Bekannte angelegt und ihnen so eine Art Provision gegeben. Das Geld wurde nach dem offiziellen Umtausch dann bis auf eine DM abgehoben, und wir hatten die 1-DM-Konten noch jahrelang im Bestand.

Die Sparkasse hat also eine sehr große Rolle in der DDR eingenommen. Hat sich das dann mit der Wiedervereinigung geändert?
Ja, viele Banken kamen aus dem Westen, die Bayerische Vereinsbank war schon am Umtauschtag dabei, man brauchte Räume, um das Geld auszuzahlen, in Schulen und Betrieben, alles unter Bewachung.

Hatte sich denn der Alltag nach der Wiedervereinigung in der Sparkasse geändert oder blieb er im Grunde gleich?
Also es hat sich viel verändert. Es musste die ganze Verrechnung neu gemacht werden. Wir hatten ja früher Scheckverkehr gehabt, das kennt ihr alles gar nicht mehr. Im Laufe der Jahre hatten sich die Zahlungssysteme in Ost und West deutlich verändert. Zum Beispiel durch die Einführung der EDV, Geldautomaten usw. Diese ganzen Unterschiede mussten überwunden werden. Das war nicht einfach. Da haben wir auch unsere Zahlungsverkehrsabteilung, also die Experten, angefordert, die das alles ermöglicht hatten. Aber davon haben wir im Geschäftsstellenbereich nicht viel mitgekriegt. Wir hatten immer nur die Reklamationen von Kunden, weil durch die unterschiedlichen Zahlungssysteme das Geld oft so lange unterwegs war, dass die Kunden gesagt haben: Da musste was beglichen werden, ich habe eine Mahnung gekriegt, aber ich habe bezahlt. Das waren dann so die Dinge, die sich relativ lange hingezogen haben.

Intershops und Forumschecks als besondere Instrumente der DDR, um Devisen zu beschaffen: Können Sie schildern, wie das im Einzelnen ablief?
Wir hatten zu DDR-Zeiten sogenannte Delikat-Geschäfte. Dort wurde Westware angeboten. Im Delikat gab es zum Beispiel eine Dose Ananas für 13 Mark. Und im Intershop kostete die eine Mark, und das haben natürlich die Leute auch gesehen. Die waren informiert, was es dort gab, die kannten die Preise. Dass das nicht zur Zufriedenheit führte, kann man sich vorstellen. Man sieht es, die Wünsche sind da, und ich kann es nicht kaufen. Aber es sind ja nun auch viele Verwandte aus Westdeutschland zu Besuch gekommen. Die mussten einen bestimmten Geldbetrag umtauschen, sie haben immer vom Zwangsumtausch gesprochen. Kinder waren frei, aber jeder Erwachsene musste am Tag erst 20 und später dann 25 D-Mark in Mark der DDR tauschen. Und man kriegte von seinen Verwandten auch mal ein Scheinchen in die Hand gedrückt, war ja herrlich, und damit konnten wir im Intershop einkaufen. Aber dann wurde 1979 festgelegt, dass das Westgeld bei der Staatsbank abgegeben werden musste. Und dafür kriegte man Forumschecks in gleichem Wert. So konnte der Staat schnell an die Devisen der DDR-Bürger kommen.

Sie wirken wirklich sehr glücklich, dass Sie bei der Sparkasse waren?
Ich könnte mir kein schöneres Arbeitsleben vorstellen.

Wiedergefundene „Unsere Zwillinge vom Kalender 2021“

von Ursula Hein

Seit dem 1. Juni sehen Sie auf unserem Gohlis-Kalender zwei Mädchen mit ihren Puppenwagen. Mädchen, so wie man sie in den fünfziger Jahren in Ost und West finden konnte. Brav, lieb und schüchtern, zumindest die linke. Gleich gekleidet in dunklen Mäntelchen mit weißem Pelzkragen, Handschuhen, Strickstrümpfen und Schnürstiefelchen. Wir hielten sie für Zwillinge, jetzt wissen wir es aber genauer. Das rechte Mädchen, Annelie, ist im Juni 1947 geboren und das linke, Brigitte, erblickte im September 1948 genau in dem Haus das Licht der Welt, noch heute mit ihrem Mann lebt.
Ihre Tochter Christine hat die Mutti links auf dem Bild des bekannten Gohliser Fotografen Karl-Heinz Mai entdeckt, der mit den Eltern unserer beiden Mädchen gut bekannt war.

Letzte Woche trafen wir die jüngere Tochter, coronabedingt nur per Telefon, und konnten uns gut zwei Stunden mit ihr unterhalten.
Die Krochsiedlung hat der Bürgerverein ja ausführlich im Ortslexikon von 2017 vorgestellt, Geschichte und Architektur, Bürgerverein Gohlis und die Sanierung. Jetzt stellen wir eine Gohliserin mit ihren Erinnerungen vor.

Interview:
Wir fragen Brigitte Stock nach Kindheit und Jugend:
Bis zur Klasse 10 ging ich in die Schule, habe dann bei der Post eine Berufsausbildung mit Abitur gemacht. Danach bin ich in die Industrie gewechselt und habe im Metallgusswerk Leipzig in der Buchhaltung gearbeitet.
Zur Wende hatte der Betrieb etwa 3000 Beschäftigte und wurde dann in drei GmbH` s geteilt – Alugusss, Grauguss und Stahlguss. 2020 war dann endgültig Schluss – die Fa. Halbergguss wurde geschlossen

Wie sah Ihr Leben in der Krochsiedlung aus?
Der Viertelsweg war deutlich grüner als heute, die Krochsiedlung sehr gepflegt mit Hecken, ein Hausmeister sorgte für die Ordnung. Es gab viel Spielmöglichkeiten, wir spielten mit Kreisel, fuhren Roller zwischen den Häusern. Wenn ein Auto kam, was selten genug geschah, gingen wir eben auf die Seite. Spielplätze gab es beim Gartenverein, bis dort Ende der 50er Jahre Garagen gebaut wurden, aber in jeder Häuserzeile standen Bänke für die Mütter um die Sandkästen. Auch Trockenplätze für die Wäsche gab es dort, auch dort konnten wir spielen.
Im Winter gingen wir zum Schlittenfahren zum Heizhaus der Siedlung, dort war ein kleiner Berg, und im Sommer zum Schwimmen ins vorwiegend ins Wackerbad und als größere Kinder ins Stadion des Armeesportvereins. Übrigens gab es von der Schule Ferienspiele und später dort auch Schwimmlager in den Sommerferien aus immer Schwimmlager.
Ach ja, die Schule, die lag in der heutigen Hans-Oster-Straße, ehem. Jonny-Schehr-Straße, auf der Rückseite ist noch heute die Katholische Kirche. Eine Grundschule, die 59. – heute sind dort Luxuswohnungen. Unsere Tochter ging in den 70er Jahren in die Alfred-Frank-Schule. Der Enkel geht in den Kindergarten in Gohlis Süd und die Enkeltochter in die benachbarte Erich-Kästner-Schule.

Was gab es neben der Schule noch für ein Vereinsleben?
Da war die Kirchengemeinde, aber die Pioniere fand ich interessanter als die religiösen Gruppen. Die Pioniere haben viel unternommen. An den Kindertagen gab es für die Schule Sportfeste im Stadion des ASV. auch das Pionierhaus hat für die Kinder ein großes Angebot bereit. Später bei der FDJ war es dann doch langweiliger. In der Schulzeit der Tochter gab es auch gute Freizeitangebote im Pionierhaus.
Direkt an Vereine kann ich mich in meiner Schulzeit nicht erinnern, höchstens noch an die Kleingärten. Dort wurden dann auch Kinderfeste gefeiert. Manchmal gingen wir auch mit den Eltern dorthin und tranken dann unsere Brause.

Wie war es mit dem Einkaufen?
Bis zur Wende hatten wir hier viele Einkaufsmöglichkeiten. In den Pavillons gab es vielerlei Geschäfte, rechts von uns lag der Gemüseladen, dann ein Lädchen mit Kurzwaren, auch einen Fischladen, dann noch den Blumenladen, nach der anderen Seite hatten wir den schönen Milchladen, Man holte dort noch lange die Milch mit der Milchkanne. Man musste noch lange mit Lebensmittelmarken kaufen. Auch ein Frisör war dort, die Drogerie Schlesinger, ein Buchladen und eine Fleischerei. Zwischen den letzten beiden Blocks entstand dann ein großer Milchladen, wo man auch guten Käse kaufen konnte. geplant war auch eine Milchbar-ist aber nie realisiert worden. Der Milchladen wurde geschlossen. Stattdessen wurde durch Vietnamesen ein Gemüseladen aufgemacht Da habe ich immer sehr gerne eingekauft, leider schloss der auch wieder, ebenso der Fischladen. Vor allem, nachdem der Gohlispark `99 gebaut wurden, gab es so nach und nach keine kleinen Lädchen mehr.

Können Sie sich noch an Gaststätten erinnern?
Daran habe ich nicht so viele Erinnerungen. Unsere Eltern hatten nicht so viel Geld, um in Lokale zu gehen. Höchstens `mal in das Lokal des Kleingartenverein. In der Nähe war noch eine Gaststätte, da haben die Besitzer häufiger gewechselt, (Herr Stock konnte sich noch erinnern), einer hieß Koschke. Die Gaststätte als Raum gibt es noch – nach der „Sonnenblume“ wurde die Räumlichkeit von Afghanen übernommen. Heute gibt es allerdings in Richtung Gohlispark noch Geschäfte und kleine Restaurants.
Manchmal gingen wir mit Mutti in die Stadt, Das war dann ein richtiges kleines Fest. In der Hainstraße bekamen wir dann eine holländische Schnitte aus dem Café.

Welche Unterhaltungsmöglichkeiten bot Gohlis für seine Bewohner?
Ein Kino gab in der Coppistraße, eins in der Elsbethstraße, wo jetzt Aldi ist, sonst mussten wir bis Eutritzsch laufen oder in die Stadt. Anderes wie Konzerte gab es nur in der Stadt, oder es gab mal Veranstaltungen von der Schule her, aber da habe ich keine Erinnerungen daran.

Fazit:
Insgesamt bin ich aber zufrieden. Ich war immer arbeiten und habe sehr gerne gearbeitet, bis ich dann 2013 in Rente ging, dann allerdings war es mit der Gesundheit nicht mehr so gut. Ich musste an die Dialyse, zum Glück konnte ich Heimdialyse machen, aber 2019 bekam ich eine Nierentransplantation, und seit 2020 geht es mir wieder gut, so dass ich sogar wieder Sport machen kann, Leider jetzt nur eingeschränkt, aber da müssen wir halt auch noch durch, es wird schon wieder besser werde.

Vielen Dank für das Gespräch, hierdurch wird die Kroch-Siedlung mit echtem Leben erfüllt.

 

Geschichte in Geschichten (Teil 7) – Schüler fragen Zeitzeugen: Gisela Kallenbach

von Cosima Czekalla, Ida Heepe und Jonah Herzig

Gisela Kallenbach, geboren 1944 in Soldin/Neumark, ist aufgewachsen bei der tiefgläubigen Großmutter. Wegen verweigerter Jugendweihe wurde ihr das Abitur verwehrt. Nach der Lehre als Chemie-Laborantin war sie im Auftrag des VEB Mineralölwerk Lützkendorf als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften in Leipzig tätig. Das Fernstudium der Technologie der Chemie beendete sie als Diplomingenieurin, 1967 machte sie den Abschluss als Fachübersetzerin Englisch. 1969 bis 1990 war Gisela Kallenbach Laborleiterin und Themenleiterin (mit zwischenzeitlicher Unterbrechung wegen Geburt und Erziehung der drei Kinder). Seit 1982 Mitglied einer kirchlichen Arbeitsgruppe Umweltschutz gehörte sie ab 1984 zu den Mitgestaltern der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche. 1987-1989 beteiligt am Konziliaren Prozess der Kirchen der DDR. 1990 bis 2000 als Referentin im Dezernat Umweltschutz der Stadt Leipzig tätig, war sie von 2000 bis 2003 Internationale Bürgermeisterin der UN-Mission im Kosovo. 2004-2009 Europaabgeordnete in der Fraktion Die Grünen/Europäische Freie Allianz und 2009-14 Abgeordnete im Sächsischen Landtag.

Warum haben Sie die Jugendweihe verweigert, obwohl Ihnen die Folgen – kein Abitur – klar waren?

Meine Oma Ida, eine tiefgläubige Frau, hat mich nach dem Tod meiner Mutter aufgezogen, ich bin mit Freuden zur Christenlehre gegangen, die Jugendweihe war für mich kein Thema. Die unbedingte Treue zum Staat und das Bekenntnis zur atheistischen Weltanschauung kam für mich nicht in Frage. – Meine Schwester durfte übrigens auch ohne Jugendweihe auf die Oberschule gehen. Nach der 10. Klasse habe ich dann eine Lehre als Chemielaborantin in Naumburg gemacht.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Schule in der DDR?

Der ganze Unterricht war natürlich ideologisch besetzt. Man muss ja eine Botschaft nicht nur in Staatsbürgerkundeunterricht oder Ethik, sondern in allen Fächern verbreiten. Die Folge war, dass die allermeisten Eltern und ihre Kinder mit zwei Zungen gesprochen haben. Das heißt, sie haben zu Hause was Anderes erzählt als in der Schule.

Ab wann kam bei Ihnen dieser Wunsch zu Veränderungen am System der DDR?

Es gab immer mal so ein paar Grenzen: Wir durften ja nicht reisen. Ich hatte eine Großmutter in Westdeutschland. Ich durfte also auch die Großmutter nicht besuchen, nicht mal zur Beerdigung. Der Widerstand, der Wille zu Veränderungen, kam aber erst spät, eigentlich mit der Einschulung meines ältesten Sohnes, weil mir da so sehr bewusst wurde, wie der Staat Einfluss auf die Erziehung der Kinder nimmt, wir aber meinten, dass wir als Eltern entscheiden wollen, wie unsere Kinder erzogen werden.

Wie kamen Sie zum Umweltschutz?

In der Theorie war in der DDR alles großartig. Wir waren eine der höchstentwickelten Industrienationen, wir waren führend, wo immer auch nur denkbar – aber nur in der Theorie, in der Praxis wusste jeder zu erzählen: Mangel da, Mangel dort. Der ganze Südraum Leipzigs war durch den Braunkohletagebau total zerstört und ich dachte, Du hast drei Kinder, es geht um deren Zukunft, wenn wir die Erde so zerstören.

Auch als Christin habe ich mich verpflichtet gefühlt, die Schöpfung zu bewahren, sie nicht zu zerstören. Diese maßlose Zerstörung unserer Umwelt wollte ich einfach nicht hinnehmen. Ich habe mir dann gesagt: So, du hast die Leute, die das tun, aber gewählt. Du regst dich auf, hast sie gewählt, also hast du ja eigentlich gar keine Legitimation, Kritik üben zu können.“

Wie kam es dazu, dass Sie an den friedlichen Demonstrationen teilnahmen?

1981 sind wir nach Eutritzsch gezogen, Pfarrer Aribert Rothe aus der Michaeliskirche hat mich auf die Arbeitsgruppe Umweltschutz hingewiesen, dort trat ich zunächst als Referentin auf – inzwischen war ich ja Chemieingenieurin in der Forschung der Wasserwirtschaft – und seit 1982 dann als Mitglied. Wir waren natürlich nur ein loses Bündnis, haben in Kirchgemeinden informiert und Aktionen gestartet. So kamen wir dann mit den Gerechtigkeits- und Friedensgruppen 1989 zur Friedlichen Revolution.

Also sind Sie ja praktisch mit einem anderen Ziel angetreten?

Mein Hauptziel zu DDR-Zeiten war: Einhaltung der Gesetze. Die DDR hatte eine erstaunlich gute Umweltgesetzgebung, der Schutz von Natur war in der Verfassung festgeschrieben, aber die Gesetze wurden nicht eingehalten. Es gab Tausende von Ausnahmegenehmigungen.
Aber dann kam alles anders und das viel rascher als gedacht.

Was ist Ihre stärkste Erinnerung an die Friedliche Revolution?

Wir hatten eigentlich mit unserer Umweltgruppe im September 1989 eine Veranstaltungsreihe in der Reformierten Kirche ab dem 4. Oktober geplant. Und dann kam der 9. Oktober, den ich auch nie vergessen werde in meinem Leben. Alle hatten Angst, jetzt passiert was, jetzt greift der Staat ein. Es gab tausend Gerüchte über Panzer am Stadtrand, Krankenhäuser mit zusätzliche Blutkonserven. Selbst die Universität, die Schulen haben gewarnt: „Geht ja nicht ins Stadtzentrum!“ Die Geschäfte machten um fünf zu, um sechs Uhr war immer das Friedensgebet, am 9. Oktober gleichzeitig in vier Kirchen im Stadtzentrum. Die Nikolaikirche war ab Mittag um zwei schon voll besetzt.

Wir sind jetzt drei Gruppen gewesen und haben uns Gedanken gemacht, was wir gegen diese drohende Gefahr der Gewalt tun könnten und haben einen „Appell für Gewaltlosigkeit“ formuliert. Am 9. Oktober habe ich diesen Appell in der Stadt verteilt und an Wände geklebt – dafür konnte man damals in den Knast gehen. Entscheidend aber war, dass am 9. Oktober 70.000 bis 100.000 Menschen auf der Straße waren, und die haben uns davor gerettet, als Aktivistinnen verhaftet zu werden. Das konnte man nicht mehr machen.
Es war ein großartiges Erlebnis, dass an diesem 9. Oktober, dann alles friedlich abgegangen war, dass eben kein Schuss gefallen ist.

Am 16. Oktober, jetzt komme ich zu dem Punkt, dass wir eben Veranstaltungen in der Reformierten Kirche abhielten und da kann ich mich noch erinnern: An diesem Tag waren dann plötzlich wieder so viele Menschen auf der Straße. Und die kamen dann schon mit ersten Transparenten an. Dass wir das erleben, das war so unfassbar, so unvorstellbar. Jetzt passiert hier was, jetzt kommen hier Veränderungen! Da war diese Euphorie und nachher muss ich sagen, man konnte es immer wieder gar nicht fassen. Das Wort des Herbstes war „Wahnsinn!“, es hieß immer wieder „Wahnsinn!“.

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls erlebt?

Der 9. November, das war nochmal unfassbar. Für mich ein Gedenken an die Reichspogromnacht, wir sind von einem Gottesdienst in der Nikolaikirche dann mit Kerzen zu dem Gedenkstein gelaufen und als ich dann abends wieder zu Hause war, da haben die Nachbarn erzählt: „Jetzt dürfen die direkt in den Westen fahren“. Keiner hat es eigentlich richtig kapiert, die Öffnung der Mauer und der Grenzen, das war sowas von abwegig und unvorstellbar. „Was, da stehen die auf der Mauer?“ Sonst wurde geschossen, wenn sich jemand der Mauer näherte und versuchte, in den Westen zu gelangen, die sind kaltblütig erschossen worden. Das waren alles Erlebnisse, die sind nicht jeder Generation vergönnt.

Wie sehen Sie den Vereinigungsprozess heute?

Helmut Kohl hat mit seiner massiven Art den Wiedervereinigungsprozess durchgezogen, im passenden Zeitfenster. Ich war mir mit vielen Freunden eigentlich einig, dass wir es schaffen, schrittweise über einen gemeinsamen Beitritt zur Europäischen Union dann quasi ein geeintes Deutschland in einem geeinten Europa zu werden. Aber das war mit der Bevölkerung nicht zu machen, und das war spätestens am 18. März 1990 klar, als das Bündnis aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch [Bauernpartei stimmt nicht! – W. L.] fast die absolute Mehrheit gewann. Ich hätte mir einen längeren Prozess gewünscht.

Rückblickend, was hat die Wende aus Ihrer Sicht verändert?

Für mich persönlich begann mein zweites Leben. Ich habe ja noch mal alle Chancen dieser Welt bekommen. Ich konnte die Hälfte der Woche für das Bürgerkomitee arbeiten und nur noch zwei Tage im Institut. Und dann hieß es: „Jetzt können wir Verantwortung übernehmen.“ Dann hatten wir am 7. Mai 1990 wieder Kommunalwahlen. Ich bin angetreten, wurde gewählt, gehörte damit zu den Entscheidern. Als persönliche Referentin des Dezernenten für Umweltschutz und Sport begann ich im Leipziger Rathaus zu arbeiten und konnte nun plötzlich alles Mögliche mitbeeinflussen. Wir kannten natürlich westdeutsches Verwaltungshandeln überhaupt nicht, das war „learning by doing“. Wir hatten viele Begleiter dabei, aus unseren Partnerstädten Hannover und Frankfurt. Das kann ich nicht anders sagen, das war toll, wie die uns begleitet haben

Wie sehen Sie alles heute?

Ich bin auch heute überzeugt, dass viele Dinge gesellschaftlich verändert werden müssen: Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit, es gibt die Klima-Krise und vieles mehr. Ich bin sehr froh, all die Jahre schon in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat zu leben, aber vieles ist noch nicht eingelöst: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung von Natur und Umwelt, globale Gerechtigkeit. Und deswegen finde ich, gibt es genügend Raum, noch weiter für bestimmte Ziele, bestimmte Ideale zu streiten, zu kämpfen, sich zu engagieren, und das werde ich sicherlich auch weiterhin tun.

Zum Ende hin würden wir Sie gerne fragen, was Sie in der DDR am meisten geprägt hat?

Die Ideologisierung hat bei den meisten Menschen keinen Widerstand erregt, jedoch bei mir schon. Wir waren so eine Art Notgemeinschaft. Mit Not meine ich jetzt nicht, dass wir etwa gehungert hätten oder dass wir in Sack und Asche gegangen wären. Wir haben auch in der DDR natürlich gelebt, geliebt, gelacht, Freunde gehabt, Geburtstage und Familienfeiern gefeiert und alles auch, was man so im Alltag und im Leben braucht, Konzerte besucht, Theater besucht und Literatur versucht sich zu besorgen und, und, und.

Wir hatten damals eine Mangelwirtschaft, der Tauschhandel blühte. Man hat sich gegenseitig sehr viel geholfen. Das gebe es heute viel weniger, höre ich immer wieder. Ich kann das persönlich nicht bestätigen, aber viele klagen, die Ellenbogengesellschaft habe ein mehr egoistisches Herangehen hervorgebracht. Und sie hätten auch Freunde verloren. Es könnte durchaus sein, dass da manches vielleicht heute nicht mehr so ausgeprägt ist, wie es damals zu DDR-Zeiten war.

[Gekürzt und redaktionell bearbeitet Ursula Hein]

Ein Gohliser Jubiläum… und wer dazu gehört TEIL 1 – Gerd Klenk

von Peter Niemann 

Bereits in der vergangenen Ausgabe haben wir darauf hingewiesen, dass uns am 22. April 2022, also ziemlich genau in einem Jahr, ein sehr wichtiges Jubiläum ins Haus steht. Genau dann wird der Bürgerverein nämlich 30 Jahre alt! Weil so viel Geschichte aber schwer verdaulich ist und kaum in einem einzigen Heft Platz finden könnte, fangen wir einfach schon in diesem Jahr an, Sie mit Informationen aus der Historie des Vereins zu versorgen. Schwerpunktmäßig soll es dabei zunächst ein-mal um ein paar besondere Menschen gehen, die sich nicht nur bereits seit Jahren, wenn nicht so-gar Jahrzehnten im Verein tummeln, sondern in all dieser Zeit auch noch dazu beitragen konnten, dass unser Stadtteil so lebenswert ist… wie er eben ist.
In dieser Ausgabe des Gohlis Forums beginnen wir mit einem der ersten Vereinsmitglieder. Sein Name ist Gerd Klenk und ich habe mich Ende März zu einem kurzen Interview mir ihm treffen können.

Hey Gerd. Ich freue mich natürlich sehr, dass es so kurzfristig mit einem Interview geklappt hat. Die Umstände sind ja Dank Corona nicht ganz so günstig für die zwischenmenschliche Kommunikation. Vielleicht fangen wir mit einer kurzen Vorstellung an.

Ich bin der Gerd, 72 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Söhne. Ich wohne seit 1980 in Gohlis. Zu-erst in der Breitenfelder Straße, dann in der Lindenthaler und seit 1996 im Schillerweg in Gohlis Süd. Ich habe in verschiedenen Berufen gearbeitet. Zum einem war ich als Elektriker, als Ingenieur in der Projektierung und als Abteilungsleiter in einer Färberei tätig. Später dann Projektleiter bei Beschäftigungsprojekten und am Ende Migrations- und sozialer Schuldnerberater bei der Caritas. Jetzt bin ich aber im Ruhestand. (lacht)

Eine kleine Familie und reichlich Arbeit also. Trotzdem warst Du ja in Deiner Freizeit recht emsig und hast Dich engagiert. Wann ging das los? Warum?

Das ging eigentlich schon früh los vor der Friedlichen Revolution. War da aktives Mitglied des Friedenskreises Gohlis, weil ich das Geschehen in der DDR so nicht akzeptieren konnte. Dann [war ich] auch im Neuen Forum. Das mit dem Engagement wurde dann viel über die Jahre, wechselte aber auch immer mal. Die Tätigkeit im Bürgerverein war dabei sozusagen auch der Ausgangspunkt, sich für die Menschen im Stadtteil zu engagieren, Gohlis mitzugestalten und hier zunächst einmal Bürgerbeteiligung einzufordern und zu leben. Friedliches Zusammenleben aller Menschen, die hier le-ben ist mir schon immer sehr wichtig gewesen. Ich habe später dann den Flüchtlingsrat Leipzig und auch das Netzwerk Integration-Migranten in Leipzig mit gegründet, das man vielleicht durch die Leipziger Integrationsmessen kennt, welche auch durch die Stadt Leipzig (Referat für Migration und Integration) gefördert werden.

Der Bürgerverein war also ein wichtiger Ausgangspunkt für Dein Bemühen um den Stadtteil. Wann ging das los? Wie muss man sich das vorstellen?

Was die Gründung des Bürgervereins anbelangt war Initiatorin die Frau Dr. Heide Steer, seinerzeit zuständig für Stadtteilkultur im Kulturamt Leipzig. Frau Steer hatte mitbekommen, dass 1992 die Ersterwähnung von Gohlis sich zum 675 mal jährte und suchte nun nach Wegen, ein passendes Jubiläumsfest auf die Beine zu stellen. Die Idee war es unter anderem, dafür einen Verein als Träger zu gründen. Es gab dann ein Gründungstreffen im November 1991 im Gemeindehaus der Friedenskirche. Da bin ich mit Irmgard Gruner, die ja auch heute noch aktives Mitglied ist und die ich vom Neuen Forum her kannte, hin. Wir waren ja beide sehr interessiert an dem Potential von Bürgerbewegungen, von Möglichkeiten der Mitwirkung für uns Bürger in der schnelllebigen Nachwendezeit. Die Gründungsveranstaltung zum Verein fand dann im April 1992 in der Aula der Geschwister-Scholl-Grundschule statt. Die war gut besucht und so haben wir den Bürgerverein Gohlis mit immer-hin 39 Mitgliedern gegründet. Pfarrer Gerhard Passold war der erste Vorsitzende. Ich selber war 1992 – 1998 im Vorstand und dann von 1998 bis 2014 Vorsitzender.

Das war dann sicher ein tolles Jubiläumsfest?

Das auf jeden Fall. Es gab ja damals von der Stadt viel Geld. Manch einer kennt vielleicht das Video vom Jubiläumsfest. Vielleicht sollten wir das mal veröffentlichen. Wir haben die gesamte Menckestraße für das Straßenfest abgesperrt. Höhepunkt für mich war der Auftritt von Peter „Cäsar“ Gläser und seiner Band auf der MDR-Bühne vor dem Gohliser Schlösschen.

Und dann ging es ja offenbar weiter mit dem Verein?

Ja. Eigentlich kann man sagen, es ging bereits auf dem Jubiläumsfest weiter mit dem Verein. Da haben wir ja schon angefangen als Bürgerverein Unterschriften für den Erhalt des Budde-Hauses zu sammeln. Wir wollten verhindern, dass die Stadt das verkauft und dort stattdessen ein soziokulturel-les Zentrum etablieren.

Das hat ja auch geklappt, wenn auch mit ein paar Jahrzehnten Problemen

Hör bloß auf. Die Diskussion mit dem Verkauf gab es ja zwischendurch immer wieder. Wir haben anfänglich den Trägerverein ‚Förderverein Heinrich Budde-Haus e.V.‘‚ mit gegründet, um so den Er-halt des Hauses als soziokulturelles Zentrum zu sichern. Durch eine Kooperation mit dem Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung Leipzig konnte das Gebäude mit in das Gebiet der verstärkten Sanierung einbezogen werden. Das Nötigste konnte so gemacht werden und vor allem das Garten-haus wieder aufgebaut und der Garten dahinter gestaltet werden. Zwischendurch gab es auch Probleme mit dem Förderverein und den Mietern, die zum Ende der Trägerschaft führten. Ich bin froh, dass nun ein Verkauf schon seit ein paar Jahren ein Verkauf nicht mehr ansteht und sich mit dem FAIRbund nun ein verlässlicher Träger für das Budde-Haus gefunden hat. Auch die Sanierung wird ja weiter vorangetrieben und ist meines Wissens nach im nächsten Haushalt der Stadt Leipzig ein-geplant. An all diesen, ich sage mal jüngsten Entwicklungen hat der Bürgerverein ja auch seinen Anteil.

Was hat der Bürgerverein in den ersten Jahren noch so gemacht?

Eine der ersten Aktionen und wie ich finde auch wichtigsten Aktionen von uns war es auch, alle denkmalgeschützten Häuser in Gohlis zu erfassen und die Mieter/ Vermieter entsprechend zu informieren. Wir wollten ja, dass Gohlis so erhalten bleibt. Wir haben letztendlich auch dafür gesorgt, dass das Schlösschen und das Schillerhaus erhalten bleiben.
Ein großer Erfolg der ersten Jahre war ansonsten die Realisierung der Ampelanlage an der Stallbaumstraße. Besonders interessiert hat mich persönlich aber schon immer die – nicht nur scheinbare – Bürgerbeteiligung. Am Anfang fühlten wir uns nicht immer ernst genommen. Das Handeln der Verwaltung war nicht immer transparent genug. Es gab auch zeitweise den Sprecherrat der Bürgervereine, der die Lokale Demokratiebilanz förderte, dann aber feststellen musste, das es keine konkrete Umsetzung seitens der Stadt gab, zumindest in dieser Zeit nicht. Wir wurden entweder zu spät in den Planungsstand von wichtigen Bauprojekten eingebunden oder es gab dann keine Berücksichtigung der Einwände. Ich finde es auch schade, dass die Bürgerbeteiligung oft nur an konkrete Projekte gebunden war. Allerdings muss man auch sagen, dass sich da in den letzten Jahren was getan hat. Es gibt ja auch verbindliche Regelungen, die ab einem bestimmten Projektumfang Bürgerbeteiligung vorschreiben. Für Bürgervereine gibt es auch eine Förderrichtlinie, die diese finanziell unter-stützt.

Wie siehst Du den Bürgerverein heute, mit ein wenig mehr Abstand und als ‚normales‘ Mitglied? Kannst Du dich mit dem identifizieren was wir ‚jüngeren’ Vereinsmitglieder so verzapfen?

Meiner Meinung nach genießt der Bürgerverein noch immer ein hohes Ansehen. Und es engagieren sich ja noch immer so viele unterschiedliche Charaktere hier. Es findet sich in der Arbeit des Vereins weiterhin eine soziale Komponente, die Seniorenarbeit spielt immer noch eine Rolle. Es erfolgen Reaktionen auf wichtige Bauvorhaben etwa. Die Vernetzung mit den Akteuren im Stadtteil und dem Stadtbezirksbeirat ist nach wie vor sehr gut. Im Rahmen seiner Möglichkeiten ist der Verein sehr aktiv, heute macht ihr ja alles ehrenamtlich und habt keine ABM-Kräfte als Mitarbeiter mehr. Es ist in jedem Fall auch gut, dass es die Initiativen wie das Weltoffene Gohlis noch gibt und ihr das Nordcafé weiterhin unterstützt. Was ich besonders wichtig finde, ist, dass der Bürgerverein aufgeklärt ist und schon immer Stellung bezieht und sich zu wichtigen Themen im Stadtteil eine Meinung bildet. Wir sehen natürlich keine Probleme beim Bau der Moschee und haben auch eine klare ablehnende Position zu Corona-Leugnern und den sog. Querdenkern und sagen bzw. schreiben das auch.

Ja. So ist das! Allerdings interessiert mich nun noch was der Bürgerverein denn in Zukunft besser machen kann? Schließlich wissen wir ja beide, dass es immer auch ein wenig Luft nach oben gibt…

Mmh. Manchmal sollte sich der Bürgerverein vielleicht noch mehr öffnen. Das ist gerade schwierig wegen Corona, aber es braucht mehr Gelegenheiten für Bürgerinnen und Bürger, um Anliegen vorzutragen. Sprechstunden reichen da vielleicht nicht immer. Regelmäßige Bürgerforen und ein Bürgerstammtisch wären vielleicht keine schlechte Idee. So kann man bestimmt noch mehr Menschen bewegen, sich vor Ort einzubringen und Gohlis letztendlich mitzugestalten.

Gerd. Vielen Dank!

Geschichte in Geschichten (Teil 5) – Schüler fragen Zeitzeugen: Matthias und Uta Schreiber

von Gabriela Lewandowski, Lina Edel und Philipp Harazin

Matthias Schreiber (Jahrgang 1958) ist seit 1981 Cellist im Gewandhausorchester, sah auf Tourneen mehr von der Welt als die meisten DDR-Bürger. Im Herbst 1989 beteiligte er sich, abwechselnd mit seiner Frau, an den Leipziger Montagsdemos. Weil er als Schüler nicht in der Jugendorganisation FDJ war, bekam er keine Zulassung zum Abitur. Dennoch konnte er in Leipzig Musik studieren. Seine Ehefrau Uta Schreiber (Jahrgang 1963), war als Kind Mitglied der Jungen Pioniere und später auch der FDJ. Zugleich engagierte sie sich in der Jungen Gemeinde. Nach dem Abitur studierte sie in Weimar Musik und ist gegenwärtig als freiberufliche Musikerin tätig.

Sie sind mit dem Gewandhausorchester auch im Westen aufgetreten. Gab es ein Konzert, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Herr Schreiber:
In meiner ersten Spielzeit vom August 1981 bis zum Juli 1982 war ich mit der Leipziger Oper zum Gastspiel in Madrid. Üblicherweise durften die Musiker damals in ihrer ersten Saison noch nicht mit auf Westreisen. Aber es ergab sich, dass damals das Gewandhausorchester eine Konzertreise hatte und parallel dazu auch die Oper. Es fehlten also Musiker, und deshalb konnte ich mitfahren. Das war wunderbar: eine Woche mit der Oper in Madrid! Wir fühlten uns wie in einer anderen Welt. Es war dort alles irgendwie bunter, und die Menschen waren locker, wie die Südländer eben sind. Wir haben auch Spätvorstellungen gegeben, mit Opern, die sehr lange dauerten, wie Wagners „Meistersänger“. Danach konnten wir nachts bis um drei in die Gaststätten gehen und draußen auf der Straße sitzen. Das alles kannten wir von zu Hause nicht. Da war es grau und trist, die Luft war dreckig und an den Häusern blätterte der Putz ab.

Klar, waren ein oder zwei Offizielle von der Stadt mit dabei, und ein paar Stasileute unter den Kollegen auch, aber wir konnten uns dort uneingeschränkt frei bewegen, wann und wie wir wollten. Während der Bahn- und Busfahrten konnten wir den „Spiegel“ lesen, das hat niemanden interessiert, auch von den Begleitpersonen nicht. Das war im Rundfunkorchester ganz anders, wie ich von einem Musikerkollegen weiß, der dort mal mit auf Tournee war. Dem wurde klargemacht, dass Westzeitschriften nicht erlaubt sind. Der DDR-Rundfunk war als staatliche Institution eben viel mehr kontrolliert als wir im Gewandhausorchester.

Zurück zu Ihrer Schulzeit. Sie wurden nicht zum Abitur zugelassen, weil Sie nicht in der FDJ waren. Wie kam es eigentlich dazu?

Herr Schreiber:
Mein Vater war Pfarrer und ich bin in einem kirchlichen Haushalt großgeworden. Meine älteren Brüder waren auch nicht bei den Pionieren und nicht in der FDJ. Da war das für mich irgendwie folgerichtig. Aber man war auch so bissel stolz drauf, dass man da nicht drin war. Dass Nachteile damit verbunden sind, das hat man dann später bemerkt. Das betraf auch nicht alle gleichermaßen. Mein ältester Bruder durfte auf die Oberschule gehen und Abitur machen, obwohl er nicht in der FDJ war. Das war alles sehr willkürlich. Verletzend war eigentlich nur, dass da Leute zum Abitur zugelassen wurden, die deutlich schlechter in der Schule waren als ich, die sich aber für drei Jahre zur Armee verpflichtet haben und über diese Schiene zum Abitur gekommen sind. Das empfand ich als große Ungerechtigkeit. Wir waren eine kleine Gruppe von drei oder vier Schülern in der Klasse, die nicht in der FDJ waren.

Und alle anderen konnten dann das Abitur machen?

Herr Schreiber:
Nein. Das muss man vielleicht erklären. Es gab die Zehn-Klassen-Schule, das war die normale Schule. Und dann gab es die Erweiterte Oberschule, da konnte man Abitur machen. Da ist man dann in der neunten Klasse hingegangen. Dort gab es eine begrenzte Platzanzahl. Also nicht jeder, der etwa den entsprechenden Notendurchschnitt hatte, konnte Abitur machen. Dafür musste man sich bewerben. Da wurde ausgewählt, zum Teil nach der sozialen Herkunft der Eltern. Denn der Staat hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, die Arbeiterklasse besonders zu fördern. Also wurden Arbeiterkinder bevorzugt. Das war auch der Grund der Ablehnung bei mir. Und das haben sie auch so geschrieben.

Frau Schreiber:
Es ging aber auch danach, was in der Wirtschaft gebraucht wurde. Nicht so wie heute, wo jeder die freie Berufswahl hat, damals ging es darum, was gebraucht wurde, das wurde ausgebildet. In der DDR waren es nur ungefähr 10 % eines Schülerjahrgangs, die Abitur gemacht haben.

Sie konnten, anders als Ihr Mann, das Abitur ablegen.
Frau Schreiber:
Mein Mann hatte als Schüler Rückhalt von seinen Eltern, und dann waren in seiner Klasse auch andere nicht in der FDJ, und er wurde relativ in Ruhe gelassen. In meiner Schule wäre das jeden Tag ein Spießrutenlauf gewesen. Das hätte ich nicht ausgehalten. Also war ich bei den Pionieren und in der FDJ. Alles hing sehr davon ab, an wen man geriet und mit wem man gerade zusammen war. Ich bin in Döbeln in die Schule gegangen, das ist liegt in Richtung Dresden, da gab es nie Westfernsehen. Und dort war der Kreisschulrat ein ganz scharfer Hund.

Herr Schreiber:
Die Lehrer, die ich hatte, waren sehr verschieden. Manche haben viel Wert darauf gelegt, dass alles ideologisch richtig ist. Aber wir hatten auch einen ganz tollen Deutschlehrer. Da gab es schon Freiräume. Es war nicht alles so schwarz-weiß, wie es heute manchmal erscheint. Da kam sehr viel auf die Persönlichkeit der Lehrer an.

Wussten Sie damals, als Sie nicht zum Abitur zugelassen wurden, schon, dass sie Musiker werden wollen? Oder ist das dann erst später gekommen?

Herr Schreiber:
Das kam erst später. Ich hatte zunächst eine andere Berufsvorstellung. Ich hatte auch eine Lehrstelle. Das war damals anders als heute. Es gab in dem Kreis, in dem man wohnte, eine bestimmte Zahl an Lehrberufen, und wenn da nichts dabei war, was einem gefiel, dann hatte man Pech und musste trotzdem irgendwas davon machen. Es war undenkbar, dass man sagte: Ich mache erstmal gar nichts. Oder ein Auslandsjahr, das sowieso nicht. Oder ich ziehe irgendwohin und nehme mir eine Wohnung, weil es dort eine Lehrstelle gibt, die mir vielleicht gefällt. Das war undenkbar, es gab ja auch keine Wohnung. Also, ich hatte eine Lehrstelle, das hat mich auch interessiert, so Elektronikkram, also, was damals so Elektronik war. Ich habe die Lehre aber dann nicht angetreten. Wir haben zu Hause viel Musik gemacht, und mein ältester Bruder hat auch Musik studiert. Und ich hab dann einfach ordentlich geübt und es war wohl ausreichend. Jedenfalls dafür, dass ich meine Aufnahmeprüfung geschafft habe.

Eigentlich brauchte man doch das Abitur, um zu studieren. Und Sie hatten keins.

Herr Schreiber:
Das Abitur ist grundsätzlich die Voraussetzung. Zu Kunststudiengängen, also Musik, Malerei, Grafik, Fotografie usw. kann man aber auch ohne Abitur zugelassen werden. Das ist auch heute noch so.

Frau Schreiber:
Es gibt eine Klausel, dass man auf Grund besonderer Begabung auch ohne Abitur studieren kann. Früher war das bei den Musikstudenten in der DDR gar nicht so selten. Viele waren zuvor auf einer Spezialschule. Das war so ein Aussieben der Talente schon in der Kindheit, ähnlich wie in den Sportschulen. Eine andere Variante war, dass man bis zur zehnten Klasse in die Schule ging und sich dann für ein Musikstudium bewarb. Wenn man gut genug war, bekam man ein Vorstudienjahr. Das heißt, man war schon an der Hochschule, wenn auch noch kein richtiger Student. Man hatte noch ein bisschen Schulunterricht in zwei oder drei Fächern. Der Rest waren schon vorbereitende Fächer fürs Studium. Danach kam man dann ins erste Studienjahr.

Eine Frage zum Herbst 1989. Sie haben sich damals an den Montagsdemos beteiligt. Woran erinnern Sie sich?

Herr Schreiber:
Meine Frau und ich, wir sind abwechselnd zu den Montagsdemonstrationen gegangen. Damit immer einer für die Kinder da ist. Man wusste ja am Anfang nicht, wie es ausgeht, ob man wieder heimkommt. Am 9. Oktober gab es viele Gerüchte. Dass unheimlich viel Bereitschaftspolizei und Panzer zusammengezogen wurden, dass man in den Krankenhäusern zusätzliche Blutkonserven bereitgestellt hätte, dass sich Ärzte auf Schussverletzungen vorbereiten sollten. Und alles solche Sachen. Das war schon beängstigend.

Können Sie sich erklären, warum die Sicherheitsorgane dann doch nicht zugeschlagen haben?

Frau Schreiber:
Ich denke, da kam vieles zusammen. Da gab es ja namhafte Leute, die sich mit ihrer Person gegen ein gewaltsames Vorgehen gestellt haben. Der Aufruf der Leipziger Sechs, der über den Stadtfunk verbreitet wurde. Ganz wichtig war, dass sich die Demonstranten nicht zu irgendwelchen Gewalttaten hinreißen ließen. Die waren ja vorher in den Kirchen gewesen, bei den Friedensgebeten wurden sie eingestimmt darauf. Gegen die Friedfertigkeit, die von den Demonstranten ausging, waren Polizei und Armee irgendwie machtlos. Das war eine Erfahrung, die mir immer noch eine Gänsehaut macht.

Welche Veränderungen haben Sie sich damals am meisten gewünscht?

Frau Schreiber:
Mir war ganz wichtig, frei zu entscheiden, wie ich leben möchte und wo ich leben möchte. Reisen zu können. Zu entscheiden, wen ich treffen und welche Bücher ich lesen möchte. Dass ich mich nicht mehr belügen lassen muss und dass ich mir die Zeitung aussuchen kann, die ich lesen will.

Herr Schreiber:
Ich habe gehofft, dass die Umweltsituation deutlich besser wird. Dort, wo ihr heute baden geht, waren ja damals Braunkohlentagebaue. Und die Kraftwerke hatten noch keine modernen Filteranlagen. Auch die Chemieindustrie in Bitterfeld und in Leuna war alles andere als sauber.

Frau Schreiber:
Zu Hause haben alle Leute mit Kohle geheizt. Ab Oktober zog dieser Kohlenrauchgeruch durch die Straßen. Von diesen ekelhaften schwefelhaltigen Kohlen. Smog, unentwegt Smog, den ganzen Winter durch…

Ist nach der Wende alles Wirklichkeit geworden, was Sie sich erhofft hatten?

Frau Schreiber:
Ich habe nicht erwartet, dass jetzt die immerwährende Glückseligkeit eintreten würde. Es gab verpasste Chancen, viele Menschen sind auf der Strecke geblieben, und um die hat sich niemand gekümmert. Viele im Osten mussten sich komplett umorientieren, verloren ihre Arbeit und hatten das Gefühl, das liegt daran, dass sie nichts taugen, dass sie nicht gut genug sind. Damals kamen ja viele Glücksritter in den Osten, die hier ihren Reibach gemacht haben. Die haben Immobilien aufgekauft. Und Firmen, die sie dann platt gemacht haben. Nachdem die Fördergelder einkassiert waren, flogen die Beschäftigten auf die Straße. Das hat nicht zur Überwindung der Spaltung zwischen Ost und West beigetragen.

Herr Schreiber:
Statistiken sagen, dass es bis heute zwischen West und Ost ein Lohngefälle gibt, ein Rentengefälle, ein Wohlstandsgefälle. Dabei muss ich sagen: Uns geht es wirklich gut. Das können nicht alle von sich sagen. Es liegt ja auch nicht immer an einem selbst. Wir haben einfach Glück gehabt, mit dem Beruf, auch mit dem großen Orchester, dass das weiterbesteht. Viele kleine Orchester wurden nach der Wende aufgelöst, da sieht es ganz anders aus.

Frau Schreiber:
Es gibt in jedem System Probleme. Aber im Grunde genommen bin ich froh und dankbar, dass wir in einem System leben, so wie es jetzt ist. Vor allen Dingen hat man das Gefühl, man kann was machen. Und es gibt Wege, irgendwie zum Besseren zu kommen. In der DDR hattest du da nicht sehr viele Möglichkeiten.

(gekürzt und redaktionell bearbeitet von Wolfgang Leyn)

Geschichte in Geschichten (Teil 3) – Schüler fragen Zeitzeugen: Ute Ziegenhorn

Von Judith Lucas, Laura Kronschwitz und Luise Petereit

Ute Ziegenhorn: Jahrgang 1940, aufgewachsen in Jena, besuchte sie von 1946-52 eine Schule in Leningrad, wohin ihr Vater als Zeiss-Spezialist dienstverpflichtet war, danach ging ihre Familie wieder nach Jena. Dort studierte sie von 1959-65 an der Friedrich-Schiller-Universität Medizin und machte eine Ausbildung zur Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Seit 1974 arbeitete sie in Leipzig u.a. in der Poliklinik Nord in Gohlis, in der Menckestraße 17, wo sie bis 1992 praktizierte. Nach deren Auflösung war sie bis 2009 selbständige Kinderärztin in Gohlis.

Laura: Unser Thema ist die Friedliche Revolution in Leipzig und die Wende und ich woll-te wissen, wie allgemein Ihre Einstellung zur Revolution war, wollten Sie die Wiedervereinigung?
Wiedervereinigung hin Wiedervereinigung her. Es war eigentlich der Druck in der Arbeitswelt, Vorstellungen vom beruflichen Dasein und vom Werdegang. Da denke ich, da ist die Wiedervereinigung schon ein Schritt gewesen, der einfach notwendig war, vieles war eben doch so, dass man keine freie Entscheidung treffen konnte, in der Berufswahl ging es ja schon los.
[…]

Laura: Haben Sie auch an den Demos teilgenommen?
[…] Bei den sozialistischen Veranstaltungen musstest du erscheinen und da habe ich mich registrieren lassen und habe mich dann abgeseilt. Wenn du da nicht erschienen bist, dann konnten sie dich von der Uni schmeißen. […]

Laura: Ach so, okay und an denen zur Revolution?
Ja, jeden Montag. Wir haben damals auch immer Spätdienst in der Markgrafenstraße gemacht da war es auch immer schwierig durch die Innenstadt zu kommen und jaja das gehörte dazu. […]

Laura: Gerade am 09. Oktober hatten Sie da Angst, dass das irgendwie eskaliert?
Ja, es war sehr angespannt und die haben ja alle möglichen Lastwagen und Überfallkommandos, was das alles war von der NVA und Bereitschaftspolizei, das hatten sie ja alles aufgefahren. Das war ja überall rund rum um den Ring und wusste ja keiner, was passiert. Alle hatten Angst, dass sie schießen, obwohl die von der Bereitschaftspolizei auch alle Schiss hatten. […] Ich habe ja als Kind schon erlebt, den Juni 1953. Das war ja auch schon so eine kritische Zeit, da war ich gerade 13, das war ja auch nicht ohne.

Laura: Und was genau hat Sie dazu bewegt, obwohl Sie so viel Angst hatten?
Weil wir was verändern wollten, einfach das. Nicht die sog. Freiheit, was ist denn Freiheit, aber einfach um diesen ewigen gesellschaftlichen Druck loszuwerden.

Laura: Haben sich Ihre Hoffnungen jetzt damit erfüllt wie es jetzt abgelaufen ist?
Nein, weil vieles war ja mehr oder weniger dann ein Politikum. Da sind die ganzen Polikliniken zerstört wurden, jetzt erfinden sie die Ärztehäuser wieder. […] Da war vieles in Ordnung und wie gesagt auch die Mütterberatung und die Betreuung der Kindereinrichtungen. Da sind wir ja immer einmal die Woche hingegangen und haben uns die Sorgenkinder angeguckt. […]

Laura: Welche Veränderungen mit der Wiedervereinigung waren für Sie am größten und am bedeutendsten?
Naja, für uns war es beruflich ja total anders. […] nach der Wende hat die Stadt uns ja alle entlassen, da mussten wir uns ja alle erstmal kümmern, um Praxisräume, um die Einrichtung. Ich war da Ende 40, das ist ja nicht so einfach, Schulden aufzunehmen, das kannten wir ja alles nicht Kredite in dieser Form […] Dann war das ja ein total anderes Abrechnungssystem, das haben wir ja alles in der vollen Sprechstunde nebenbei uns aneignen müssen, das war schon nicht so einfach.

Laura: Gab es auch Veränderungen vor allem in Ihrer Branche, die Sie so richtig gut fanden? Neue Methoden oder so, die eingeführt wurden?
Na klar. Wir haben ja nicht mehr so viel schreiben müssen dank Computer, Das war schon ein Schritt, ansonsten Sonographiegeräte und sowas, das hatten wir ja alles nicht.

Laura: Was haben Sie sich damals noch, Sie haben ja schon gesagt, Sie haben sich vor allem diese Freiheit erhofft, was noch?
Ja, die sog. Freiheit, da geht es ja auch um die Reisefreiheit, dass man eben mal in der Welt reisen kann. Das durften wir ja alle nicht und naja, dass du eben nicht diesen ständigen gesellschaftlichen Druck hattest […] Mein Vater und meine Schwester, die waren auf Reisekader, obwohl sie nicht in der Partei waren, ins westliche Ausland und, wenn ich nun hier mal einen Messegast hatte, das wurde ja alles weiter gemeldet das haben die ja alles gewusst, die Stasi. […]

Laura: Empfinden Sie das Gesundheitssystem, wie es jetzt organisiert ist, als besser, oder…? Was finden Sie besser oder schlechter?
Ich finde das… also naja, du hast halt heute ganz andere Möglichkeiten der Untersuchung von MRT angefangen. Das hatten wir ja alles nicht, selbst Universitäten hatten das nicht und die Ultraschall Geräte. […] aber ich sag mir eben immer: der Normalsterbliche, wenn der zum Doktor will, der will ordentlich angehört werden, der will nicht, dass der nur in den Computer guckt und sich auch mal mit dem Menschen unterhält und ein bisschen Zuwendung und das gehört eben auch mit dazu und das ist nicht in Ordnung wie es heute zum Teil läuft […]

Laura: Wenn Sie in der Schule Ihre Meinung gesagt haben, über den Staat und so, es gab ja auch das Fach Staatsbürgerkunde, haben Sie da irgendwie bemerkt, dass Sie da schlechtere Noten bekommen haben?
Ja, auch schlechte Beurteilung habe ich von meinem Klassenlehrer bekommen. Der ist mir dann, nachdem ich das Abitur dann hatte, da hat er so quasi sich entschuldigt… Das kannst du zwar nicht beweisen, aber das war so. […]

Laura: Ja, was weiß ich ja nicht, wie schnell das nach der Wende dann auch alles geändert wurde oder…
Ja, das ging ruckzuck. Die haben da auch keine Rücksicht auf uns genommen. Das hätten die mit keinem Wessi gemacht, was die mit uns gemacht haben. Die haben uns ja sofort das neue System aufgedrückt bei der vollen Arbeit. Da hat doch keiner gefragt, wie wir das bewältigen, das Programm. Es hatte keiner bei uns einen Computer, geschweige denn, das andere Abrechnungssystem, das war alles so nebenbei. […]

Laura: Also hätten Sie sich eher gewünscht, dass nicht einfach die DDR komplett an den Westen angepasst wird, sondern das, was es in der DDR gab…
Ja schon anpassen, aber sinnvoll überlegen, was ist hier erhaltenswert und was nicht, das hat man ja nicht gemacht. Man hat rigoros alles erstmal abgesenst. Das hat man doch gar nicht gemacht, Gedanken sich gemacht. Können wir uns das übernehmen oder nicht, das war ja alles schlecht. Und so war es ja nicht. Das ist ja Fakt. […]

Der Text wurde bearbeitet und gekürzt, Ursula Hein

Geschichte in Geschichten (Teil 2) – Schüler fragen Zeitzeugen: Gerd Klenk

Wie im vorigen Gohlis Forum angekündigt, können Sie hier unser erstes Zeitzeugeninterview lesen, aus Platzgründen redaktionell gekürzt. Das gesamte Interview finden Sie später auf unserer Homepage. Alle neun Interviews wurden im Sommer 2020 von Schülern der Schillerschule im Rahmen eines Gemeinschafts-Projekts mit dem Bürgerverein Gohlis geführt. Wie haben Friedliche Revolution und deutsche Einheit das Leben der Zeitzeugen verändert? Wofür haben sie sich engagiert? Was wurde erreicht, was nicht?

Von Maximilian Mehlhorn, Martin Opitz und Jamal Ziegler

Geboren 1949, studierte Gerd Klenk nach Schule, Berufsausbildung und Abitur an der Volkshochschule an der TH Leipzig, arbeitete ab 1986 im volkseigenen Betrieb „Forschung und Rationalisierung“ im Süßwarenkombinat und engagierte sich in der kirchlichen Umwelt- und Friedensarbeit. 1989 wurde er Vertreter des Friedenskreises Gohlis im „Synodalausschuss für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung im Kirchenbezirk Leipzig-Ost“. Nach Konkurs des Betriebes nach der Währungsunion 1991 wurde er Projektleiter in Beschäftigungsgesellschaften und später Migrations- und Schuldnerberater beim Caritas-Verband. 1992 gründete er mit anderen Gohliser*innen den Bürgerverein Gohlis; von 1998 bis 2014 war er dessen Vorstandsvorsitzender.

Herr Klenk, wie haben Sie die Friedliche Revolution miterlebt?
Ich habe sie aktiv miterlebt als Mitglied des Friedenskreises Gohlis, der am 9. Oktober 1989 das Friedensgebet in der Nikolaikirche gestaltete mit dem geänderten Thema „Volkes Stimme wollen wir sein“. Geändert deshalb, weil wir in der Zeitung als Konterrevolutionäre bezeichnet wurden. Wir forderten deshalb den Dialog mit allen Schichten der Gesellschaft. Die Situation war sehr brenzlig, wir hatten alle Angst, konnten aber nicht mehr zurück. Frau und Kinder blieben zu Hause. Man befürchtete – das war ja vorher angekündigt – der Polizei-Einsatz wird blutig. Viele Genossen waren in der Nikolaikirche, die noch nie in der Kirche waren und viel ängstlicher waren, als wir, logischerweise. Die kannten das ja nicht. (…) Der Pfarrer der Markusgemeinde und Initiator der Friedensgebete, dessen Aufruf „Keine Gewalt“ von allen Basis- und Friedensgruppen immer weitergetragen wurde, lieferte einen wichtigen Beitrag, um eine Eskalation zu verhindern. Im Synodalausschuss für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung waren auch Vertreter von Basisgruppen, die nichts mit Kirche am Hut hatten. (…) Das war immer schwierig mit denen, da sie eigentlich nur ihren politischen Protest zum Ausdruck bringen wollten. Diese Gruppen bestanden meist aus Ausreisewilligen. (…)

Wie standen Sie den damaligen Ereignissen gegenüber?
Ja, das war ‘ne ziemlich dramatische Zeit, und man hatte dabei natürlich Ängste, aber auch Hoffnungen. Nach dem 9. Oktober wurden alle Basisgruppen- und Friedensgruppenvertreter eingeladen ins Rathaus. Und da merkten wir, dass man versuchen wollte, uns zu überreden, dass wir Einfluss nehmen, dass der Dialog nicht durch Demos auf der Straße geführt wird, sondern geordnet eben in Häusern. Man dachte, man könnte es noch ändern, indem man den Kopf der Führung wechselte, durch Egon Krenz. Aber das war dann alles zu spät. Und was ich bedauere, ist: die meisten Leute hatten dann nur noch die D-Mark im Kopf. „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“. Das war eigentlich nicht unser Ansinnen. Die Friedensbewegung wollte etwas Neues, eine Gesellschaft, die nicht so stark auf Konsum orientiert ist. Und wenn eine Vereinigung kommt, dann wollten wir uns da auch mit einbringen können, damit es etwas Gesamtdeutsches wird. Das ist es ja dann leider nicht geworden.

Was haben Sie sich für den neuen Abschnitt nach der Wiedervereinigung erhofft?
Ich hatte mir zumindest erhofft, dass die ostdeutsche Seite sich auch ein Stück mit einbringen könnte, dass der Wiedervereinigungsprozess nicht so verläuft, wie er dann verlaufen ist, also in einer Vereinnahmung, sondern zum Beispiel, dass man eine neue Verfassung vorschlägt; es gab ja nur das Grundgesetz. (…)
Wir wollten mehr. Und ich kenne auch viele in den alten Bundesländern, die wie wir gehofft hatten, dass diese Wiedervereinigung auch für sie eine Veränderung bringt, dass da was Neues entsteht, etwas Gemeinsames. (…)

Hätten Sie damals gedacht, dass es auch heute, 30 Jahre später, noch solche Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland geben wird?
Ich hätte nicht gedacht, dass es noch solche gewaltigen Unterschiede geben würde. Ich hätte mir eher gewünscht, dass wir – wie bei Fridays for Future – uns in eine positive Richtung engagieren, um die Gesellschaft zu verändern bei Themen wie Militarisierung und Umweltschutz und genauso Kapital und Konsum. Die ganze Gesellschaft ist ja sehr stark konsumorientiert. Aber Konsum ist ja nicht das Wichtigste. (…)

Was hätten Sie, wenn Sie damals Mitglied in der Regierung gewesen wären, anders gemacht?
In der Demokratie geht es ja immer darum, Mehrheiten zu bilden, das ist ja das Schwierige, und das war ja damals auch so, wenn ich keine Mehrheit habe, dann kann ich natürlich auch bestimmte Dinge nicht durchsetzen, wie im sozialen Bereich und beim Umweltschutz, obwohl das für die nächste Generation ein ganz wichtiges Thema ist. (…)

Was hätten Sie gern aus der DDR mit in die neue Zeit mitgenommen?
Löhne und Renten waren niedrig, aber auch die Mieten. (…) Gut war, dass in der DDR fast jeder einen Kindergartenplatz gekriegt hat. Außerdem das einheitliche Bildungssystem, auch wenn es negativ politisch belastet war. Wenn ich zum Beispiel von Leipzig nach Rostock gezogen bin, brauchte mein Kind nicht plötzlich neue Schulbücher, weil der Lehrstoff an der Schule dort anders ist als hier. Und natürlich die Zuschüsse für Grundnahrungsmittel. Eigentlich brauchte niemand Existenzangst zu haben.

Fazit

Das Interview mit Gerd Klenk war sehr interessant und aufschlussreich. Man lernt zwar in der Schule einiges über die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung, aber das alles ist rein objektiv. Die subjektive Meinung einer einzelnen Person, in unserem Falle Gerd Klenk, ist da nochmal was Anderes. Wir haben einige neue Dinge erfahren, die uns teilweise auch sehr überrascht haben. Wir können die Methode des Zeitzeugen-Interviews zum Thema Friedliche Revolution und Wende nur empfehlen, solange es noch möglich ist und Zeitzeugen leben.

(Der Text wurde bearbeitet und gekürzt von Ursula Hein, Wolfgang Leyn und der Redaktion)