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Ortslexikon

Joseph Roth in Leipzig

von Elisabeth Guhr

Am 2. September 2019 jährt sich zum 125. Mal der Geburtstag von Joseph Roth (1894 – 1939).

Joseph Roth hielt sich während seiner Besuche in Leipzig ab 1920 meist bei seinen Verwandten, den Grübels, in der Gohliser Str. 18 auf.
Joseph Roth, der Journalist, Essayist, Romanautor und Dichter stammte aus einer jüdischen Familie in Brody, das damals zu Galizien, einem Teil des Österreichisch Ungarischen Kaiserreichs, gehörte. Nach dem ersten Weltkrieg war Brody polnisch und heute gehört es zur Ukraine. Kaum einer kann sich an die Geschichte dieser Stadt, deren Bevölkerung im 19. Jahrhundert zu zwei Dritteln jüdisch war, erinnern. Joseph Roth hat seiner galizischen Heimat und dem untergegangenen Ostjudentum in seinem wehmütigen Roman „Hiob“ ein Denkmal gesetzt.

Moses Joseph Roth, so sein Geburtsname, wuchs vaterlos bei Mutter und Großvater Grübel in Brody auf. Er erhielt dort eine Ausbildung am deutschen Gymnasium und begann danach ein Studium der Germanistik in Lemberg und Wien. In seiner Jugendzeit spielten die Brüder seiner Mutter, Hopfenhändler in Wien, Nürnberg und Leipzig, für ihn eine wichtige Rolle, nicht nur als Vaterersatz.

Einer dieser Brüder, Sally (Salomon) Grübel, lebte hier in Leipzig in der Gohliser Straße Nr. 18. Das Haus wurde im Krieg zerstört. An seiner Stelle befindet sich heute ein Neubau, in dem sich die Sparkasse befindet.
Als Journalist kam der junge Joseph Roth irgendwann nach dem ersten Weltkrieg, aber spätestens 1920, als er von Wien nach Berlin übergesiedelt war, nach Leipzig. Sally Grübel, sein Leipziger Onkel, war, wie er selbst, als Soldat im Krieg auf Österreichischer Seite gewesen und nun, nachdem das Kaiserreich untergegangen war, waren beide keine Österreicher mehr. Ihr Geburtsort Brody in Galizien gehörte nun zu Polen. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen Leipziger Juden, die plötzlich Polen oder staatenlos waren.

Sally Grübel hatte in eine bedeutende Leipziger Rauchwarenhändler-Familie eingeheiratet. Mit Lucy Fischer hatte er einen einzigen Sohn, Fritz, der 1908 in Leipzig im Haus Nordplatz 6 geboren wurde. Fritz war 12 jahre alt, als er seinen Cousin Joseph das erste Mal traf und Schüler des Schillergymnasiums. Bei seinen Besuchen in Leipzig in den Zwanziger Jahren war Joseph Roth meist Gast bei der Familie seines Onkels. Er gab sogar 1930 noch die Gohliser Str. 18 als seine Adresse in Leipzig an.
Joseph Roth hatte damals noch nicht die Berühmtheit, die er später mit seinen Romanen Radetzkymarsch oder Hiob erreichte, aber er hatte schon einen guten Ruf als Feuilletonist. Ja, er gehörte zu den beliebtesten Feuilletonschreibern seiner Zeit. Fred Grubel, wie sich sein Cousin Fritz später in Amerika nannte, meinte, der Journalismus sei für Joseph Roth „bread and butter“ gewesen.

Einer seiner frühen Romane, „Die Rebellion“, der 1924 herauskam, erzählt die Geschichte eines Kriegsinvaliden in einer Großstadt, der den Dank des Vaterlandes erwartet und an der staatlichen Ordnung / der Bürokratie zerbricht. Bilder zu diesem Roman scheinen Joseph Roth in Gohlis begegnet zu sein. Am Anfang kommt Andreas Plum, der einbeinige Invalide, mit einem Leierkasten aus dem Lazarett am Rande der Stadt. Und immer wieder wird ein konkreter Ort, die „Kirche aus gelben Ziegelsteinen“ genannt, in der man unschwer die Friedenskirche erkennen kann. Dort heiratet er und sucht Zuflucht.

Ein anderer Armseliger im Frühwerk Joseph Roths ist der Bettler in der 1920 in Leipzig entstandenen „Ballade“. Diese Ballade, die nur in der von Fritz Grübel selbst gesetzten Form überliefert ist, das Original ging bei der Flucht verloren, zeigt, wie auch die Rebellion, das Interesse und Mitgefühl für die Unterprivilegierten. (1) Nicht umsonst unterschreibt Joseph Roth in dieser Zeit seine Artikel für den „Vorwärts“ mit „der rote Joseph“, was sicher nicht nur als Verballhornung seines Namens gedacht ist.

In seinen späteren Jahren veränderte sich Joseph Roths Haltung hin zum Konservativen, nicht aber seine soziale Haltung. Er lebte in Wien und emigrierte 1933 nach Paris. Sein Leben endete im Mai 1939 in dieser Stadt, in der er rastlos geschrieben, aber auch getrunken hatte, nach einem psychischen und körperlichen Zusammenbruch. Den Einmarsch der deutschen Truppen, der für die nach Paris geflohenen Künstler, Intellektuellen und Juden heillose Flucht, Internierung und Deportation bedeutete, erlebte er nicht mehr. Fritz Grübel, sein Leipziger Cousin, hatte Jura studiert, konnte aber ab 1933 als Jude diesen Beruf in Deutschland nicht mehr ausüben. Bis zu seiner Auswanderung im Jahr 1939 arbeitete er bei der jüdischen Gemeinde als Verwaltungsdirektor. Er wurde bekannt als langjähriger Vorsitzender des
Leo-Baeck-Instituts in New York, das sich die Erforschung und Bewahrung der Kultur der deutschen Juden zur Aufgabe gesetzt hat. Seit der Gründung bis zu seinem Tod im Jahr 1998 war er Präsident der Ariowitsch-Stiftung in Leipzig.

Seine Eltern hatten sich nach dem Zusammenbruch der KuK – Monarchie um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht und diese endlich 1929 erhalten (mit ihnen auch der Sohn Fritz). Sie wurde ihnen kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wieder aberkannt. Daraufhin verließen sie Deutschland und lebten in Sarajewo. Dort starb Sally Grübel 1940. Seine Frau Lucy wurde nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in einem Frauen-KZ interniert, wo sie unter den unmenschlichen Lebensbedingungen wahrscheinlich an Typhus ums Leben kam. Nach 1933 trafen viele Intellektuelle in Sanary-sur-Mer zusammen, unter ihnen Joseph Roth. Die abgebildete Tafel erinnert heute daran.

Ballade
In langer Bettlerschaft verhärtete sein Sinn und Hochmuth war in ihm vor Erbgesessenen:
er schlug zum Schlaf am schroffen Wegrand hin und war wie einer von den gottvergessenen Randsteinen dort am trüben Bachgerinn …
Nur einmal blühte seiner Seele Glut:
als er sie mitten zwischen längst begrabenen
Hoffnungen fand; und sein Vagantenblut verjüngt aufrauschte in dem jäh erhabenen Heilstrom der Liebe, die die Wunder tut .
Noch da sie fortging, mußt‘ er nach ihr späh’n:
wie man Teeblüten nachsieht, zart gewesenen, die Winde töricht wo auf Wüsten sä’n .
Und war, einer von den Niegewesenen, die von versteinten Heiligen Gnade fleh’n

(1) „Da man glaubte, daß manuelle Arbeit im Ausland nützlicher ist, als der Versuch, wieder in einen intellektuellen Beruf hineinzukommen, nahm mein Freund H²O (d.i. Hans Oesterreicher) mich in seines Vaters Druckerei und ich versuchte, Schriftsetzen zu lernen. Meine Glanzleistung war das Setzen eines Gedichts von Joseph Roth, dessen Manuskript er bei uns gelassen hatte. Einen Abdruck meiner Leistungen habe ich noch. Das Manuskript ging leider irgendwie verloren.“ Fred Grubel in „Schreib das auf eine Tafel, die mit ihnen bleibt“

Die Schule auf dem Anger

von Ursula Hein

Zu einem Dorf gehören nach unseren Vorstellungen die Kirche mit Pfarrer und Küster und die Schule mit dem Lehrer. In einem Städtchen oder Stadtteil kommen dann der Arzt und der Apotheker und Geschäftsleute hinzu, die sich dann bei bestimmten Gelegenheiten treffen, zum Beispiel am Stammtisch, wenn auch meist ohne den Pfarrer.

In Gohlis war das ein wenig anders. Zunächst bestand das Dörfchen aus nur kleinen Bauernhöfen, die jeweils unterschiedlichen meist adligen Gerichtsherren unterstellt waren. Eine Schule existierte nicht, die christliche Gemeinde war ebenso wie die von Möckern der Pfarrei Eutritzsch zugeordnet und die Kinder dieser Dörfer mussten dort die Schule besuchen. Der Schulbesuch war nicht wirklich geregelt, in Kriegszeiten fiel er völlig aus, ebenso, wenn die Kinder zur Arbeit auf dem Bauernhof gebraucht wurden.

Wahrscheinlich gab es in Gohlis eine sogenannte Winkel- oder Klippschule, deren Besuch durch Geld oder Naturalien abgegolten wurde. Mehr als ein wenig Lesen, Schreiben, Rechnen und Beten lernten die Kinder nicht. Endlich wurde im Jahr 1685 eine eigene Dorfschule auf dem Anger erbaut und die Kinder durch Theologiestudenten, die sgn. Kinderlehrer, betreut. 1786 sollen in Gohlis etwa 60 Kinder unterrichtet worden sein. Eine Liste der Lehrer in Gohlis mit einigen weiteren Informationen hat uns Willy Ebert überliefert dem wir das erste umfassende und Quellen gestützt Geschichtsbuch über Gohlis verdanken . (2)

Dann wurde im 18. Jahrhundert in Gohlis ein Schlösschen erbaut, aber nicht von einem der adligen Ortsherren, sondern von dem bürgerlichen Kaufmann Johann Caspar Richter, dessen zweiter Nachfolger Johann Gottlob Böhme nach 1774 auch dafür sorgt, dass das Schulgebäude auf dem Anger aufgestockt, die Lehrerwohnung verbessert und eine kleine Bibliothek angeschafft wurde. Zudem erhielten die Gohliser einen Betsaal über der Schulstube im ausgebauten Bodenraum. 1818 wurde das Gebäude wieder umgebaut und vergrößert, 1826 durch den einzigen Lehrer ein Garten für den Privatbedarf angelegt. Weitere Umbauten erfolgten 1830 und 1849.

1861 war die Schule zu klein geworden, in ihre Räume zog die Kinderbewahranstalt/Theresienstift ein. (3) Ab 1861 bis zum Bau der späteren Friedenskirche 1871-73 wurde der Betsaal auch weiter genutzt. 1887 wurde das alte Gebäude abgerissen und der Anker zu einer öffentlichen freien Anlage umgestaltet.

Erst 1805 wurde in Sachsen der Schulzwang für alle Kinder zwischen dem 6.und dem 14. Lebensjahr angeordnet, seine Befolgung aber nicht unbedingt streng kontrolliert. Im November 1819 erhielt dann die Gohliser Volksschule einen engagierten Lehrer, Johann Gottlieb Fleischer (1799–1883), der bis 1848 die Schule alleine betreute.

1851 erhielt er einen Mitstreiter, ab 1861 gab es dann zwei, schließlich seit 1865 drei weitere Lehrer. Für seine Verdienste erhielt Lehrer Fleischer dann den Titel Oberlehrer und war damit für das gesamte Gohliser Schulwesen zuständig. Nach seinem goldenen Ortsjubiläum mit Fackelzug und Kommers im Neuen Gasthof am 12. November 1869 konnte er ein Jahr später in den wohlverdienten Ruhestand treten. 1883 starb er im hohen Alter von 84 Jahren. Willy Ebert hat ihm 1926 in seinem Gohlisbuch ein ganzes Kapitel gewidmet. Hier können wir auch ein Foto des Oberlehrers sehen. Er wirkt darauf sehr energisch und wohl auch recht streng. Aber vielleicht ist das auch nur der Photographie der Zeit geschuldet. W. Ebert konnte 1926 noch mit Schülerinnen und Schülern des Oberlehrers von Gohlis sprechen und diese Informationen für sein Schulkapitel verwenden.

1786 gab es in Gohlis ja etwa 60 Schulkinder. Mit den steigenden Einwohnerzahlen in Gohlis stieg natürlich auch die Anzahl schulpflichtiger Kinder. 1830 waren es schon 130. (4) Bis 1860 stieg die Anzahl der Bewohner auf ca. 2.000. Die Schule auf dem Anger wurde zu klein und man errichtete an der Ostseite des Lindenplatzes, des heutigen Kirchplatzes, ein neues Schulgebäude, das am 19. April 1861 eingeweiht wurde. Da die Einwohnerschaft von Gohlis weiterhin stetig wuchs, war 1873 war auch dieses Gebäude hinter der Kirche zu klein geworden. Ein neues Schulgebäude wurde an der Hallischen Chaussee(heute Georg-Schumann-Ecke Sasstraße) erbaut und hieß dann zunächst 1. später 4. Bürgerschule, zuletzt 37. Volksschule.

Das Gebäude hinter der Kirche wurde nach dem Umzug der Schule nacheinander Pfarre, Gemeinde- und Polizeiverwaltung, Standesamt und Sparkasse genutzt und dann von der Post angemietet. Sein Ende fand es 1943 beim Luftangriff. Es wurde völlig zerstört. Heute befindet sich an dieser Stelle der Garten der Kirchengemeinde.
An die erste Volksschule in Gohlis erinnern nur noch Anger in der Menckestraße und dieser Garten. Ein Hinweisschild auf diese wichtige Bildungseinrichtung sucht man vergebens.

(1) Ebert, Willy, Gohlis. Die Schule und der Schulmeister Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes. Leipzig 1926 Kap. V. S. 34- 43
(2) Ebert a.a. O. S. 37 Die Lehrer der Schule auf dem Anger: 1676 Christian Drechsler; 1684 Christian Schönich stud.theol.;1685 Christian Systenius stud.theol.; 1687 Elias Dreßler aus Neustadt bei Koburg (vorher Kurland); 1699 Christian Wenzel aus Altenburg; 1713 Joh. Gottlieb Hauptmann; 1717 Joh. Martin Langhammer; 1743-17 Haupter; 1751-1761 Haun; 1761-1764 Schulze, Dauer, Böhr; 1786 Johann Karl Jülich, dessen ältestes Kind 1786 im hiesigen Schulhaue geboren und 1871 als Pfarrer emer. zu Haina gestorben ist; 1789 Joh. Daniel Klingler; 1794 Joh. Andreas Gottlob Neumann, Kinderlehrer aus Wehlitz; 1806 Joh. Gottlob Henker; 1814-1819 Joh. Gottlieb Siegismund; 1819-1870 Joh. Gottlieb Fleischer
(3) Guhr, Elisabeth, Das vereinigte Theresia- und Elsbethstift. In 700 Jahre Gohlis a.a.O. S.205-207
(4) 1835: 1 Lehrer 219 Schüler
1874: 15 Lehrer 846 Schüler
1890: 54 Lehrer 2849 Schüler
1900: 131 Lehrer 5362 Schüler

Die Büttnersche Höhere Töchter-Schule – ein Dorf auf dem Weg zum bürgerlichen Wohnort

von Ursula Hein

Gohlis, das kleine Dorf vor den Toren Leipzigs, beherbergte um 1800 in 45 Häusern eine Einwohnerschaft von gerade einmal 450 Leuten, während Leipzig über 33.000 Einwohner zählte. Ein halbes Jahrhundert später lebten in Gohlis über 1.000 Menschen, 1880 schon über 9.000. Das Bürgertum hatte Gohlis nicht nur als Ausflugsort mit vielen Gasthäusern, sondern auch als gesunden Wohnort entdeckt. In dieser noch eigenständigen Gemeinde, die schon lange über eine Volksschule verfügte, sollte nun 1882 die erste private Mädchenbildungsanstalt entstehen, die Büttnersche Höhere Töchter Schule. Zwei Festschriften begleiten den Weg dieser ersten privaten Mädchenschule in Gohlis: 1907 wird noch in Anwesenheit der Schulgründerin Mathilde Büttner das 25jährige Jubiläum und 1932 unter ihrer Nachfolgerin Emma Wenke-Ruschhaupt das 50jährige Jubiläum mit großer Anteilnahme von Schülerinnen, Lehrerinnen, Eltern und Obrigkeit gefeiert.

Nun aber zurück zu den Ereignissen von 1882:
Mit neun sechsjährigen Schülerinnen eröffnet die Lehrerin Frl. Mathilde Büttner am 17. April 1882 in Gohlis in der Langen Straße 54 (heute Eisenacher Straße 31) die erste Klasse einer höheren Mädchenschule, die zunächst nur als dreiklassige Vorschule geplant war. Ob die Gründung der kleinen Privatschule auf Anregung der Lehrerin Frl. Mathilde Büttner oder auf Anregung einer Anzahl Gohliser Familien geschah, sei dahingestellt. Jedenfalls treffen hier Gleichgesinnte aufeinander. Die Eltern wollen ihren kleinen Töchtern den weiten Weg in die Mädchenschule nach Leipzig ersparen, Mathilde Büttner sich mit einer Schule selbstständig machen. Die Lehrerin nahm nun die Mühen auf sich, jeden Tag mit der Pferdebahn von Leipzig nach Gohlis zu fahren. Im Winter musste sie häufig diesen Weg von der Brandvorwerkstraße, wo sie noch mit Mutter und Geschwistern lebte, im tiefen Schnee zu Fuß auf sich nehmen.

Nachdem sie zwei angemietete Zimmer in einem Wohnhaus als Schulstube eingerichtet hatte, unterrichtete sie ihre Zöglinge zunächst alleine. 1883 kam Frl. Dümler hinzu, 1885 dann Frl. Noël, die dann beim ersten Jubiläum eine lange Ansprache zu Geschichte, Idee und Realität der Schule hielt, wie in der Festschrift von 1907 nachzulesen ist.
Die Schule war erfolgreich, was man auch an ihrer „Wanderschaft“ durch verschiedene Domizile in Gohlis nachvollziehen kann, denn der Raumbedarf vergrößerte sich rasch. 1893 ging es in die Nähe des Schillerhäuschens, Schillerstraße 7 mit Blick auf die Lindenstraße (beides Teile des heutigen Schillerweges). Als dann auch der Durchbruch zum Nachbarhaus für den Raumbedarf der größer werdenden Mädchenschar nicht mehr ausreichte, zog man 1903 in die Georgstraße 2 (heute Natonekstraße 2), Auf dem Titelblatt der Festschrift steht allerdings die Hausnummer 8. Hier hatte man schon ein richtiges Schulhaus mit Schulhof. 1928 konnte der Schulhof erweitert, die Aula verschönert und ausgemalt werden.

Zum Zeitpunkt des Jubiläums 1907 gab es an der Schule 118 Schülerinnen und 17 Lehrkräfte. Bis 1918 leitete Frl. Büttner die Schule, um dann krankheitshalber die Aufgabe an Frl. Ruschhaupt, eine Schülerin des Reformpädagogen Gaudig, weiterzugeben. Diese hielt eine Ansprache zur 50-Jahr-Feier 1932 über ihren Beitrag zur „inneren Geschichte der Schule“, wie es in der zweiten Festschrift von 1932 heißt.
1918 hatte die Schule schon 171 Schülerinnen, 1921 sogar 415, doch dann sank infolge der Inflation die Zahl, bis sie bis 1932 noch 289 Schülerinnen und 21 Lehrkräften umfasste. In den 50 Jahren hatten insgesamt 2500 Schülerinnen diese private Mädchenschule besucht.

Zum ersten Jubiläum 1907 hatten Eltern, ehemalige Schülerinnen und Lehrerinnen mit einem Grundkapital von 4.000 Mk. die Mathilde Büttner-Stiftung, eine Krankenkasse für den Lehrkörper, gegründet. In der Inflation von 1923 schmolz das Kapital schließlich bis auf null zusammen, aber schon am 10.März 1924 legte ein Vater mit einer Spende von 22 M den Grundstein für das Wiederaufleben der Stiftung, die 1932 dann über 10.000 RM besaß.

Über die weitere Geschichte der Schule ist fast nichts bekannt. Nur so viel ist sicher, in den historischen Adressbüchern der Stadt Leipzig finden sich unter Georgstraße 2 bis 1937 der Name der Schule, der der Schulleiterin Frau Wenke-Rauschhaupt und der des Schulhausmeister Pautsch. Diese wenigen Jahre während der Zeit des Nationalsozialismus gilt es noch zu untersuchen. Ab 1938 gibt es dann in der Georgstraße 2 ein Jugendheim der Stadt Leipzig, ein H. Martin ist Hausmeister. Der Name der Schulleiterin ist ebenso wie der Name des ehemalige Schulhausmeisters in den Adressbüchern nicht mehr aufzufinden. Auch hier gibt es also noch Forschungsbedarf.

Die Schule hatte von Anfang an sehr ambitionierte Ziele. Sie sollte die jungen Mädchen aus bürgerlichem Haus auf christlicher Grundlage zu einem tätigen Leben bilden und erziehen. Sie sollten befähigt werden, einen Beruf auszufüllen, auch zu studieren. Man sah also die Zukunft junger Mädchen realistisch, nicht mehr nur als geduldig auf den künftigen Ehemann Wartende. Sie selbst sollten für den Lebenskampf gewappnet sein. Frl. Noël beklagt sich in ihrer Rede sogar darüber, dass manche Eltern ihre Töchter nicht bis zum Abschluss auf der Schule ließen, sondern sie sozusagen aus der Ausbildung herausnahmen, um sie in einem bürgerlichen Pensionat nur auf das Familienleben vorzubereiten.

Zum Programm der Erziehung gehörte auch, die Schülerinnen durch Ausflüge mit der Welt bekannt zu machen. Nach Besuchen im Umkreis wie dem Schützenhaus noch unter der Leitung Frl. Büttners ging es dann später auch ins Muldental, in die Thüringer Berge, nach Weimar, zum Kyffhäuser, auf die Wartburg, nach Meißen und Dresden. Im Jahr des 50jährigen Bestehens der Schule musste man sich dann mit Besuchen in der Nähe bescheiden, dies war den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise geschuldet, die auch vor den gut bürgerlichen Kreisen des angesagten Villenvorortes Gohlis nicht Halt machte.
Frl. Ruschhaupt betont in ihrem Beitrag den Einfluss der Gaudig` schen Reformpädagogik auf die Schule. Sie selbst hatte unter dem Reformpädagogen und Schulleiter Hugo Gaudig 10 Jahre an der Gaudigschule, der städtischen höheren Mädchenschule Leipzig in der heutigen Lumumbastraße 2 gearbeitet.

Auch die Worte des Behördenvertreters zeigen 1932 durchaus eine moderne Auffassung der Mädchenbildung, während die Worte des Elternvorsitzenden deutlich konservativer sind. Die Schule hat seit 1919 als Elternvertretung einen Elternrat und Elternversammlungen, in denen über anstehende Fragen der Mädchenerziehung, weibliche Berufe uvm. berichtete wurde. Bei der nach dem Kriege notwendigen Erneuerung der Schulbücherei konnten die Eltern mitwirken und bestehende Lücken schließen. Seit 1922 gab es eine Schulzeitung „Der Weggeselle“, die allgemein interessierende Themen behandeltete. Seit dem gleichen Jahr beginnen die Beteiligungen an den Pfingst-Kundgebungen des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland). Schon seit 1908 hat die Schule ihre Fühler weiter ausgestreckt und im Bund privater deutscher Mädchenschulen aktiv mitgewirkt.

Man sollte nicht außer Acht lassen, dass die neue Schulleiterin nach 1918 bestrebt war, die Möglichkeiten der Privatschule auszubauen. So wurden Aufstiegsklassen für begabte Schülerinnen aus der Gohliser Volksschule eingerichtet. Diese Klassen dienten dann als Vorbild für ein entsprechendes Angebot an städtischen Schulen, was zu Folge hatte, dass die Büttnersche Schule diese Klassen schließen musste. Seit 1929 wurde die Mittlere Reife abgelegt, neue Fächer und Methoden wie das Kuhlmannschreiben statt des bisherigen Taktschreiben eingeführt. Der Musikunterrichte sollte alle und nicht nur die besonders Begabten zum Mitmachen animieren. Sprechtechnik spielte eine große Rolle im Stimmbildungsunterricht (nach Professor Engel aus Dresden), der 1924 zu einem eigen Fach aufgewertet wurde. Auch der Mathematikunterricht wurde zu einem wichtigen Fach in der Mädchenausbildung.

Zuletzt sollte noch auf nette Besonderheit hingewiesen werden. Eva Stadler aus der 4, Klasse verfasst ein Schul- und Wanderlied, für das der Komponist Georg Striegler aus Dresden die Melodie schuf.

Die Büttnersche Mädchenschule hatte für die bürgerlichen Mädchen aus Gohlis eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Das Haus in der Georg- jetzt Natonekstraße steht noch und verdiente eigentlich eine Plakette mit dem Hinweis auf die Schule, die hier von 1903-1937 viele Schülerinnen Bildung und Erziehung vermittelt hat.

Bericht über die Feier des 25 jährigen Bestehens der Büttnerschen Höheren Mädchenschule zu Gohlis Georgstraße 8 erstattet von den Mitgliedern des Kollegiums. Leipzig 1907
Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Büttnerschen Schule. Unter Mitwirkung von Dr. jur. F.O.Jummel herausgegeben von der Büttnerschen Schule. Leipzig 1932
Hugo Gaudig. Architekt einer Schule der Freiheit. Festschrift zum Internationalen Symposium aus Anlass seines 150. Geburtstages. Leipzig 2010
Adressbücher der Stadt Leipzig 1933-1938

„Hunger hatten wir immer“

von Matthias Judt

„Im Herbst 1945 begann auch wieder der Schulunterricht“, berichtete 2015 der in Gohlis geborene Ingenieur Gerhard Eckart in einem von der Leipziger Volkszeitung herausgegebenen Buch. „Ich ging damals in die 38. Grundschule an der Breitenfelder Straße. Wir bekamen auch Schulspeisung., eine fürchterliche Kohlrübensuppe, die eigentlich mehr dazu angetan war, sich das Essen ganz abzugewöhnen. Aber wir hatten ja Hunger. […] Manchmal gab es Milchnudeln. Das war wie ein Festtag. Im Winter gingen wir, da es ja keine Kohlen gab, zumeist nur in die Schule, um Hausaufgaben zu notieren und unser großes Brötchen, welches es inzwischen als Schulspeisung gab, abzuholen. Aber es gab auch Schüler, die das nicht unbedingt brauchten, deren Eltern eine Bäckerei oder ein anderes Geschäft hatten. So waren die Brötchen ein beliebtes Tauschobjekt: Taschenmesser gegen zwei Brötchen oder Brötchen gegen Hindenburg-Briefmarken. Wenn ein Schüler krank war, musste ihm das Brötchen von einem Freund oder vertrauenswürdigen Schüler nach Hause gebracht werden. Hunger hatten wir immer, und wenn wir nachmittags aufden Trümmergrundstücken spielten, hatten wir immer eine Handvoll getrocknete Rübenschnitzel in der Hosentasche.“ (1)

Eckart, der heute einen Gemeindekreis an der Versöhnungskirche im Viertelsweg betreut, berichtete weiter: „An der Ecke von Lindenthaler und Hallescher Straße, heute Georg-Schumann-Straße, war damals ein Laden der Brotfabrik. War das Geschäft voller Kunden, so nutzten wir den Andrang und klauten Brötchen aus dem Schaufenster. Auf der Eisenacher Straße war immer ein reger Betrieb von Brauereifahrzeugen. Wenn wir sie die Straße entlangholpern hörten, standen wir schon in den Startlöchern und warteten darauf, dass die Tiere ihre Pferdeäpfel fallen ließen – für die Tomatenpflanzen in den Blumenkisten vor den Fenstern.“ (2)

(1) vgl. Gerhard Eckart, „Rübenschnitzel in der Hosentasche“, in Leipziger Volkszeitung (Hg.), „So war das damals …“ Leser erzählen aus ihrer Jugendzeit, Leipzig 2015, S. 60 – 63, hier S. 62.
(2) ebd., S. 63. Rechtschreibung nach Original.

Anton Kippenberg, Leipziger Verleger und Gohliser Bürger

In der Richterstraße 27 steht heute ein Neubau. Kein Schild kündet davon, dass hier die Kippenberg-Villa stand, das Zentrum der Goetheverehrung in Leipzig. Die spektakuläre Goethe-Sammlung des Insel-Verlegers Anton Kippenberg hat zwar die Bombardierung der Stadt Leipzig überlebt – sie war schon früh an sicheren Stelle versteckt worden – aber sie ist dennoch nicht mehr in Gohlis, sondern in Düsseldorf im Goethemuseum zu finden. Dorthin haben die beiden Töchter der Familie Kippenberg die Sammlung gegeben, nachdem ihre Eltern sie 1945 mit Hilfe amerikanischer Truppen aus dem Ostteil Deutschlands nach Marburg verbracht hatten.

Wer war nun dieser Anton Kippenberg, an den nur noch eine kleine Straße in Leipzig erinnert? 1874 in Bremen in eine Lehrerfamilie mit 8 Geschwistern hineingeboren, erlernte er von 1890 bis 1893 den Buchhandel, ging als Buchhandlungsgehilfe nach Lausanne, wo er mit dem Kauf einer Faustübersetzung ins Französische den Grundstein für seine berühmte Goethesammlung legte. (2) 1894 kam er nach Leipzig und nach kurzem Zwischenspiel beim obligatorischen Militärdienst blieb er in der Pleißestadt bis 1945. Im wissenschaftlichen Verlag der Fa. Wilhelm Engelmann brachte er es rasch zum Prokuristen.

Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit pflegte er seine kulturellen Interessen: die Konzerte im Gewandhaus, den Thomanerchor, Bach, die Oper. Wer konnte damals schon daran denken, dass der kulturbeflissene junge Mann später im auch im Vorstand des Gewandhauses und Oper sitzen würde.

Seine Bekanntschaft mit der Verlegerwitwe Engelmann und der Komponistenwitwe Hedwig von Holstein, deren Vater eine große Autographensammlung besaß, hatten ihn mit den führenden kulturellen Kreisen in Leipzig zusammengebracht.

Sein Ehrgeiz ebnete ihn trotz fehlenden Abiturs den Weg an die Universität. Mit einer Ausnahmegenehmigung begann er ein Kameralistikstudium, doch Musik, Romanistik und deutsche Literatur wurden zu seinem wichtigsten Fächern. Er schloss schließlich mit einer Promotion bei Albert Köster über „Die Sage vom Herzog von Luxemburg“ sein Studium 1901 mit summa cum laude ab (3), eine Tag später erhielt er die Procura im Verlag. Im selben Jahr besuchte er die Mathildenhöhe in Darmstadt und schloss er sich der Goethegesellschaft in Weimar und der Gesellschaft der Bibliophilen(BibliophilenAbend) in Leipzig an. Neben literaturwissenschaftlichen Abhandlungen widmete er sich auch dem Ausbau seiner Goethesammlung.

Seine Bekanntschaft mit dem Meisterdrucker Carl Ernst Poeschel (1874-1944) aus der Druckerei Poeschel und Trepte, die auch für den Insel-Verlag arbeitete, brachte die entscheidende Wende im Berufsleben Kippenbergs. Als ersten bibliophilen Druck brachten die beiden im Insel-Verlag „Brief der Frau Rat Goethe“ heraus und übernahmen den krisengeschüttelten Verlag, trennten sich aber nach einem Streit um eine Schillerausgabe. Kippenberg verschaffte der „Insel“ ein solides finanzielles Fundament und führte sie gemeinsam mit seiner Frau bis zu seinem Tod 1950.

In das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhundert fiel für Anton Kippenberg noch eine weitere Bekanntschaft, die für sein persönliches und berufliches Leben wohl die wichtigste wurde. Er lernte 1905 auf dem Weg nach Weimar die junge „Studentin“ (4) Catharina von Düring (5) aus Hamburg kennen. Im September erfolgte die Verlobung, im Dezember die Hochzeit in Hamburg. Das junge Paar ließ sich in Gohlis in der Fechnerstraße 6 (später 12) nieder, 1906 kam Tochter Jutta, 1910 Tochter Bettine zur Welt. Katharina, wie sie ihren Vornamen seit der Eheschließung schrieb, wurde zur wichtigsten Mitarbeiterin ihres Mannes, zur „Herrin der Insel“ (6)

Die Aufbruchszeit seit 1900 stand im Banne der Weimarer Klassik mit Goethe als Zentrum, auch moderne Autoren wurden, betreut von Katharine Kippenberg, in der „Insel“ verlegt. Ihrem Zeugnis zufolge arbeitete Anton Kippenberg wie ein Besessener, der sich um alles kümmerte (7). Das schön gestaltete Buch wurde zum Markenzeichen des Insel-Verlages, die Insel-Bücherei, nach dem Vorbild Reclams konzipiert, überragte diese durch ihre Gestaltung und wurde von Stefan Zweig, dem Hausautor der Insel, als „demokratisches Angebot“ (8) gefeiert.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs wurde zum großen Einschnitt für Verlag und Verleger, Anton Kippenberg stellte sich als Reserve-Offizier zur Verfügung, nach erster Tätigkeit als Begleiter von Truppentransporten kam er als Rekrutenausbilder nach Halle, also in direkte Nachbarschaft zum Leipziger Verlag. Später gab er als Hauptmann die Kriegszeitung der IV Armee in Gent heraus, während seine Frau im Verlag bei deutlich reduzierter Belegschaft(24 von 29 Mitarbeitern waren ihr verblieben!) ihren Mann stehen musste. Der Verlag profitierte auch von der anfänglichen Kriegsbegeisterung 1915 mit dem „Kriegsalmanach“.

Nach Kriegsende war Anton Kippenberg schon am 11. November 1918 wieder in Leipzig und führte den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Katharina weiter. In den zwanziger Jahren geriet der Verlag durch sein sehr konservative Verlagsprogramm in finanzielle Schwierigkeiten, dennoch lehnte Anton Kippenberg die Aufnahme moderner deutscher Autoren, die seine Frau protegierte, weitgehend ab. Die Inflation 1923 bedrohte ebenso wie das Erstarken der neuen Medien Kino und Rundfunk die „Insel“, jedoch konnte durch die Veröffentlichung moderner angelsächsischer Autoren, die Katharina für den Verlag gewann, diese Probleme gelöst werden.

Am 22. Mai 1924 wurde dann mit großem Pomp und vielen Gästen Kippenbergs 50. Geburtstag als kulturelles Ereignis gefeiert. Katharina Kippenberg hatte eine bibliophile Festschrift (9) in 500 Exemplaren und Beiträgen vieler Autoren des Verlages wie Rudolf Alexander Schröder, Harry Graf Kessler. Georg Witkowski, Stefan Zweig, um nur einige zu nennen. (10) Das Buch kann in der UB Leipzig nur zu wissenschaftlichen Zwecken eingesehen werden. Zum Geburtstag erschien auch das „Jubelschiff“, eine Sondernummer des Inselschiffes, ebenfalls von Katharina Kippenberg ediert.

Die schwierigste Zeit begann in den dreißiger Jahren und vor allem nach 1933. Die Werke jüdischer Autoren v.a. des jüdischen Hausautors Stefan Zweig wurden nicht mehr gedruckt, konservative Autoren der später so genannten Inneren Emigration wurden gepflegt, was Kurt Tucholsky (11) schon 1932(!) als „merkwürdig“ kritisierte. Anton Kippenberg war der neuen nationalsozialistischen Regierung gegenüber wohl skeptisch, wie Hans Carossa in seinen Briefen schon im Juni 1933 berichtete. Harry Graf Kessler geht hingegen kritischer mit dem Ehepaar Kippenberg um und bezeichnet sie als „geistige Hakenkreuzler“. Nach Meinung der Biographien Katharina Kippenbergs Sabine Knopf sollte man die Haltung des Verlegerehepaars differenzierter betrachten. Aus Anton Kippenberg einen Widerständler (12) zu machen, wie es das Gewandhausmagazin 96 nahelegt, ist doch mindestens ein wenig übertrieben.

Derm Verleger gelang es, seinen Verlag aus der Politik herauszuhalten, seine konservative Verlagstätigkeit war von Erfolg gekrönt, er wurde im konservativen Lager geschätzt. Im Mai 1944 feierte er seinen 70. Geburtstag in Weimar mit vielen Freunden, vielen Paketen und über 1000 Briefen und Telegrammen aus aller Welt. Für ihn öffnete trotz der Kriegsschließung das Hotel Erbprinz, er selbst plante die Schenkung seiner renommierten Goethesammlung „ an das deutsche Volk“. Sie sollte eigentlich in Leipzig bleiben. Die Thomaner kamen nach Weimar und sangen für ihn. Es gratulierten der ehemalige OB Carl Goerdeler, Richard Strauß, Max Brockhaus und viele mehr. Er erhielt die Ehrenbürgerschaft der Stadt Weimar, die Staatsplakette seiner Vaterstadt Bremen, der BibliophilenAbend gratulierte, ebenso die Presse, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ließ durch Dr. Erckmann, Oberregierungsrat im RMVP (13) eine Ehrengabe überbringen.

Die Kriegszeit verbrachten die Kippenbergs auf Schloss Mansfeld bei Katarinas Schwester Louise von der Reche und bei ihren Freunden Heinrich und Maria Berthes auf dem Rittergut Walbeck im Harz.
Die Villa Kippenberg fiel nach dem Verlagshaus im graphischen Viertel Leipzigs den alliierten Bombenangriffen zum Opfer, die Goethesammlung hatte Anton Kippenberg schon früh in acht sicheren Verstecken auf dem Land und in Leipzig untergebracht und so gerettet.

Am Kriegsende boten die Amerikaner den Kippenbergs einen neuen Verlagssitz in Wiesbaden an. Kippenberg sammelte die Bestände ein und sie wurden von amerikanischen Lastwagen in die amerikanische Bergungsstelle nach Marburg verbracht. Am 8 März endet die Epoche Kippenberg in Leipzig mit einem letzten Besuch des Ehepaars in den Trümmern ihres Hauses in der Richterstraße 27 in Gohlis. Am 14.12 1945 spricht Katharina von dem geplanten Wiederaufbau in Leipzig, wozu es nicht mehr kommen sollten.

Seit dem 23. Mai sind die Kippenbergs in Marburg, der Insel-Verlag nimmt seine Arbeit wieder auf. Anton Kippenberg pendelt zwischen Marburg, Leipzig, Wiesbaden und dem Krankenlager seiner Frau in Frankfurt am Main, wo sie am 7.Juni 1947 starb. Sie wurde in einem Ehrengrab auf dem Marburger Friedhof bestattet.

Anton Kippenberg widmet seine Frau und Mitarbeiterin im Herbst desselben Jahres die Rilke-Gedächtnis-Ausstellung, zu dem geplanten Gedächtnisbuch kam es aber nicht mehr. Anton Kippenberg arbeitete unermüdlich weiter, erhielt zu seinem 75. Geburtstag im Mai die Bremer Ehrenbürgerschaft und wurde Ehrensenator der Universität Marburg, auch der Thomanerchor kam aus Leipzig, um dem verehrten Verleger sein Ständchen zu bringen. Im August hielt er zu Goethes 200jährigem Geburtstag die Gedenkrede in der Weimarer Fürstengruft. Zu dieser Zeit war die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten noch offen, der Verleger konnte ungehindert reisen. Von Weimar ging es nach Leipzig, hier hielt er eine Gedenkrede vor 8.000 Menschen auf dem Gelände der Technischen Messe.

Persönliche Schicksalsschläge lähmten jedoch seine wieder erwachte Verlegertätigkeit. Über den Tod von Schwiegersohn und Enkeltochter kam nicht hinweg, der Besuch in der Schweiz brachte keine Erholung, sondern den endgültigen Zusammenbruch. Am 21. September 1950 starb er in Luzern. Am 28. September wurde er an der Seite seiner Frau beigesetzt, im “ewigen Grab“ der Stadt Marburg.

Auf das Angebot der Stadt Leipzig, das Gohliser Schlösschen für die Sammlungen zur Verfügung zu stellen, hatte Kippenberg angesichts der unsicheren Zeitläufte nicht geantwortet, Frankfurt, das ihm nach 1945 nicht den Goethepreis zuerkannte, wollte er nicht auswählen. Schließlich übergab Bettina von Bornhard, die jüngste Tochter, die Anton- und Katharina-Kippenberg-Stiftung der Stadt Düsseldorf, 1953 erfolgte die Eröffnung des Museums im Hofgärtnerhaus. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erhielt 1964 den persönlichen Nachlass, die Bibliothek und Katharinas private Rilke-Sammlung. 1965 wurden die neuen Bestände einem staunenden Publikum vorgestellt und in den Jahrbüchern der Schillergesellschaft gibt es zahlreiche Veröffentlichung. 1974 gesellte sich das Insel-Archiv zu den Kippenberg-Archivalien.

In Gohlis findet sich keine Erinnerung mehr an den Palazzo Chippi, der für fast ein halbes Jahrhundert der kulturellen Mittelpunkt der Goetheverehrung und der Literaturvermittlung in Leipzig war. Der Bürgerverein Gohlis versucht dieses Versäumnis durch mehrere Beiträge über Anton und Katharina Kippenberg und ihre Villa nachzuholen (14). Vielleicht sollte eine Gedenktafel am Neubau in der Richterstraße in der Zukunft der Erinnerung dieser wichtigen Verlegerfamilie wachhalten und nicht nur eine kleine Aster mit dem Namen Aster dumosus Professor Anton Kippenberg.

(1) Sabine Knopf, Katharina Kippenberg-„Herrin der Insel“, Leipzig 2010, Anton Kippenberg – Oxford Reference. www.oxfordreference.com/view/…/authority.201108031000385…Anton Kippenberg (1874–1950) German publisher and Goethe collector.As proprietor of Insel Verlag and president of the Goethe-Gesellschaft (1938–50), he assembled a vast Goethe collection, including many autographs. It became the foundation 
(2) Seine Goethe-Sammlung mit rund 12 900 Nummern wird die größte private Goethe-Sammlung überhaupt, 1945 umfasst sie mehr als 25 000 Objekte und wird seit 1956 als „Anton und Katharina Kippenberg Stiftung“ im Düsseldorfer Goethe-Museum aufbewahrt. Auszeichnungen
(3) Die Sage vom Herzog von Luxemburg und die geschichtliche Persönlichkeit ihres Trägers. Dissertation, Leipzig 1901
(4) 1905 gab es an der Leipziger Universität noch keine Studentinnen. Frauen durften nur Vorlesungen „hören“, nicht aber regulär studieren
(5) Die spätere Katharina Kippenberg .s. den Artikel Katharina Kippenberg im Online-lexikon und im700 Jahre Gohlis S.
(6) Diesen Bezeichnung übernahm Sabine Knopf in den Titel ihrer kenntnisreichen Kippenberg-Biographie
(7) Briefwechsel Rilke-Kippenberg S. 40
(8) S.o. S. 33
(9) Navigare necesse est, Festschr. f. A. K., hrsg. v. Katharina Kippenberg, 1924;
(10) Näheres bei S.Knopf a.a.O. S. 110f.
(11)Tucholsky, Ges. Werke Band 10 S. 68
(12) gewandhaus-magazin-nr-96-herbst-2017 Seite 45 Anton Kippenberg: Der Insel-Verleger, Insel-Bücherei-Erfinder und Goethe-Sammler gehörte ab 1926 der Gewandhaus-Konzertdirektion an. 1938 wurde er deren Vorsitzender. – Erinnerung an einen, der sich widersetzte. Aufsatz von Werner Marx
(13) Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda!
(14) 700 Jahre Gohlis S. 95, 307 und im Internet

Auf Schillers Spuren – Von Mannheim nach Gohlis

von Ursula Hein

Wär hätte das gedacht 2005 und 2009 bei der Eröffnung der Ausstellung zum 250. Geburts- und zum 200. Todestag Friedrich Schillers unter der Schirmherrschaft der Schulleitung und in Anwesenheit zahlreicher und nicht nur germanistischer Kollegen, dass wir 2014, also nur fünf Jahre später, nach Leipzig aufbrechen und in der Nachbarschaft des Schillerhäuschens unser neues (Rentner-)Domizil ansteuern würden.

Kehren wir wieder ins Jahr 2014 zurück. Die ganzen schönen Exponate werden in Kisten verstaut, und nach Leipzig gebracht in unser neues Domizil, in direkter Nachbarschaft zu Schiller. Bei der Besichtigung der Wohnung war uns entgangen, dass in direkter Nachbarschaft im Schillergässchen vor über 200 Jahren ein berühmter Dichter gelebt hatte
Erst bei einem Spaziergang sahen wir, dass es nicht nur das Schillergässchen zwischen Berggarten- und Menckestraße gibt, sondern dass sich zwischen gründerzeitlicher und moderner Bebauung ein kleines weißes Häuschen hinter einem klassizistischen Portal verbirgt und mit einer goldenen Tafel auf das Lied an die Freude erinnert, dass Schiller hier für die fröhliche Freundesrunde gedichtet hat.

Ab Mai 1785 verbrachte Schiller wenige Monate in seiner kleinen Dachstube, gemeinsam mit seinem späteren Verleger Georg Joachim Göschen. Überstürzt war der junge Dichter Ende April aus Mannheim abgereist. Drückende Sorgen hatten ihn zur überstürzten Abreise aus Mannheim gezwungen, wo er doch zuvor große Triumphe mit seinen „Räuber“ gefeiert hatte.
Seine Anstellung als Theaterdichter wurde 1794 nicht verlängert. Der äußerst freundliche Vorschlag Freiherrn von Dahlbergs, es doch lieber mit dem Brotberuf eines Arztes zu versuchen als mit der Berufung zum Theaterdichter, hatten ihn ebenso wie erotische Verwerfungen – Charlotte von Kalb zog ihn in ihren Bann – bewogen, die Einladung seiner fernen Leipziger Verehrer Körner, Huber und deren Verlobte Minna und Dora Stock. Das Mannheimer Theater war dem jungen Dichter nicht mehr freundlich gesonnen. Und wie hatte man ihn am 13. Januar 1782 noch frenetisch gefeiert, aber 1794 bekannte er Körner in einem Brief: „Menschen, Verhältniße, Erdreich und Himmel sind mir zuwider. Ich habe keine Seele hier, keine einzige, die die Leere meines Herzens füllte, keine Freundin, keinen Freund…“

Auch seine Gläubiger bedrängten ihn, sie wollten Geld sehen. Und hier half ihm Familie Hölzel, seine Wirtsleute, aus seiner Verlegenheit. Die Mannheimer haben Frau Anna Hölzel im Schlossgarten ein Denkmal gesetzt, auch Schiller hat sich seinen Gönnern aus dem einfachen Volke gegenüber als dankbar erwiesen.

Der Weg nach Leipzig wurde für Schiller recht mühsam. Auf schlechten Wegen brauchte der junge Dichter acht Tage, bis er „zerschlagen und zerstört“ im Leipziger „Gasthaus zum Blauen Engel“ anlangte. Unsere Fahrt dauerte 2014 auf bequemen Autobahnen nur wenige Stunden, während die Möbelwagen mit ihren vielen Bücher- und Bilderkisten langsamer unterwegs waren und die kostbaren Exponate beider Ausstellungen mit sich führten.

Während Schiller Mitte Mai von der Innenstadt nach Gohlis ins kleine Bauernhäuschen zog, aus dessen Giebelfenster er bis zum Gohliser Rokokoschlösschen schauen konnte, das heute wieder im alten Glanz erstrahlt, brauchten wir dann doch einige Wochen, bis neben den anderen Büchern „der Schiller“ im Wandschrank geborgen war.

Nach seinen morgendlichen Wanderungen im Rosenthal arbeitete der junge Dichter unter der alten Linde oder in einer Holunderlaube, uns ist das tägliche Mittagessen in der “Wasserschenke“ nicht mehr vergönnt, hier steht neben Bauten der Gründerzeit und des Jugendstil noch das „Schillerschlösschen“, eine noch zur DDR-Zeiten angesagte „Destination“, wie das ja auf Neu-Deutsch heißt. Der direkte Blick ins Rosental, in dem der Dichter, angetan mit Schlafrock und begleitet von einem Gals und wassertragenden kleinen Jungen, seinen täglichen Morgenspaziergang unternahm, ist heute nicht mehr möglich

Die Geschichte des Schillerhäusschens nun zeigte in der Folge auch die Zeitläufte mit der unterschiedlichen Wertschätzung Schillers. Im zeitlichen Umkreis der Völkerschlacht war das Haus dem Gedächtnis der Bevölkerung völlig entschwunden. Erst 1841 machte sich der Schillerverehrer und spätere Revolutionär Robert Blum auf die Suche. Mehrere Bauern reklamierten ihr jeweiliges Gebäude als Schillers Aufenthaltsort. Erst die Bestellung eines Gerichtes mit dem Schwur auf die Bibel konnte den rechten Ort ermitteln. Inzwischen ist es das älteste Häuschen in Gohlis, mehrfach war es dem Verfall preisgegeben und vom Abriss bedroht. Bei der Generalsanierung 1998 fand man dann unter dem weißen Putz die „blauen Bänder“ und die Reste eines hellblauen Sockeln, von deren Existenz schon Zeitzeugen gesprochen hatten. Aber nun zurück zum Jahre 1841, Robert Blum gründet mit Gleichgesinnten den „Verein der Freunde des Schillerhäuschens“. Allerdings konnte er nicht mehr am ersten Schillerspaziergang von Leipzig nach Gohlis teilnehmen, der zur Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag 1859 stattfand.n1848 hatte man ihn, den Abgeordneten der Paulskirche und Barrikadenkämpfer in Wien, standrechtlich wider alles Völkerrecht auf der Brigittenau erschossen.

Dieser Schillerspaziergang ist nun Anno Domini 2016 wieder erstanden. Die Schaubühne Lindenfels rief zum „Ersten Leipziger Schiller-Spaziergang! Oder: Die Kunst des Demonstrierens“ im Geiste Robert Blums und des Leipziger Vormärz auf.

Anschließend traf man sich bei Wein und Brezeln im Schillergärtchen, wo die Walderdbeeren und die Rosen blühten, und auch die Schillerrebe schon prächtig gewachsen war. Hier spielt das Schiller-Gymnasium, hier tritt Herr Schiller höchstpersönlich auf (ein jetzt schon ehemaliger Chemiestudent[!] verkörpert seit Jahren den jungen Schiller)

Der kleine Bericht begann mit den Ausstellungen auf der Schönau und endet mit dem Schillerspaziergang. Was bleibt noch zu sagen? Die Gohliser wissen es ja selbst: Aber für allen Neugohliser und Gohliser Gäste: Ein Besuch im Schillerhaus, von dort über die Menckestraße, den alten Gohliser Ortskern vorbei an ehemaligen Dorfanger, der heute von unwissenden Autofahrerin als Parkplatz missbraucht wird, zum Gohliser Schlößchen, einem Kleinod bürgerlicher Rokoko Baukunst. Vorher sieht man aber rechter Hand im Schlösschenweg noch den Mediencampus Villa Ida. Und vom Schlösschen aus findet man am Ende der Turmgutstraße das russische Generalkonsulat, wohl abgeschirmt und gesichert. Über den Poetenweg geht es linker Hand zur Gosenschänke, dort kann man das viel gerühmte Gosenbier versuchen. Es ist für Freme, wie der Mannheimer sagt, sehr gewöhnungsbedürftig. Nun ist man wieder auf der Menckestraße, die zur Friedenskirche führt, der ersten Kirche, die sich das Dorf Gohlis 1873 erbaute. Hier lassen wir unseren ersten Rundgang enden, aber es gibt noch vieles zu sehen und wir kommen ja auch noch einmal wieder in diesen schönen Stadtteil von Leipzig

Der Schillerhain – ein vergessener Name in Gohlis

von Ursula Hein

Am 17. April 1905 und am 9.Mai 2005 war die kleine parkähnliche Fläche am nördlichen Rosental zwischen Platner-, Stallbaum- und Weinligstraße Schauplatz einer von vielen Gohliser Bewohnern und anderen Schillerfreunden durchgeführten Veranstaltung zu Ehren des großen deutschen Dichters, der nicht weit von hier in der Menkestraße im heute Schillerhaus genannten kleinen Bauernhaus das so bedeutende Gedicht „An die Freude“ verfasste das mit der Beethoven` schen Vertonung zur Hymne der EU wurde Einige Monate hatte er hierin dem kleinen Bauernhaus als Gast Körners und seiner Freunde verbracht Von hier wanderte früh des Morgens im Schlafrock gewandet und begleitet von einem kleinen Bauernjungen, der ihm Glas und Flasche nachtrug, während der junge Dichter über seine neusten Schöpfungen nachsann 1905 zum Todestag wurde der kleine Park in Schillerhain umgetauft und eine Schillerlinde gepflanzt und eine Texttafel errichtet. Große Pläne hatte man nach der Stilllegung der Gohliser Mühle mit der Gestaltung zwischen Rosental und Gohliser Schlösschen vor, der Krieg vereitelte das Vorhaben. Nur der Schiller mit zwei große Steinfiguren, die der Leipziger , Tragödie, Melpomene. Um 1860 für das Neue Theater geschaffen und 1910 in den Schillerhain umgesetzt, auf einem Foto von 1912 sind sie am Eingang des Schillerhains zu sehen, irgendwann verschwanden sie, keiner weiß, wann und wohin., die Schillerlinde isz immerhin bis 1950 auf den Stadtplänen zu finden, dann wurde ein Spielplatz errichtet mit der DDR-typischen Tischtennisplatte und einigen Bänken.

Aber 2005 erinnerte man sich in Leipzig wieder seines berühmten Besuchern und der Feiern zu seinem Todestag. A, 9. Mai wurde erneut eine Linde gepflanzt, der Schulchort sang, der OB sprach. Die kleine Namenstafel aus Kupfer ist inzwischen verschwunden, aber erneuert: mit der Inschrift“ eine baumstarke Stadt/zum 200 Todestag /von Friedrich Schiller/am 9.April/Stadt Leipzig. Friedrich Schiller-Gymnasium.
Der Name Schillerhain war bis 1990 auf den Stadtplänen vertreten, dann verschwindet er, er existiert aber weiterhin im Gedächtnis der Bewohner ebenso wie der Schillersteg über die Pleiße., doch den Namen findet man noch im Internet.

Im Herbst gäbe es eine schöne Gelegenheit, den Namen wieder durch ein Schild 2019 feiern wir Schillers 260. Geburtstag oder sollen wir bis 2105 warten, bis der Name wieder öffentlich wird.

Schillerspaziergang Anno 2016

von Ursula Hein

Nachdem Robert Blum 1841 das echte Schillerhäuschen entdeckt hatte, gründete er mit Gleichgesinnten den Leipziger Schillerverein und bei den großen Schillerfeiern, so auch 1859, wurden Spaziergänge von Leipzig nach Gohlis zelebriert. Robert Blum konnte aber an diesem Spaziergang nicht mehr teilnehmen, denn1848 hatte man ihn, den Abgeordneten der Paulskirche und Barrikadenkämpfer in Wien, wider alles Völkerrecht auf der Brigittenau bei Wien standrechtlich erschossen.

An diese Tradition des Schillerspaziergangs wollte man nun 2016 wieder angeknüpfen. Die Schaubühne Lindenfels rief im Geiste Robert Blums und des Leipziger Vormärz auf zum „Ersten Leipziger Schiller-Spaziergang! Oder: Die Kunst des Demonstrierens“.

Am 21. Mai 2016 im Anschluss an das Schillerkolloquium fanden sich ca. 100 Leute zusammen, jung bis alt, und folgten der Fahrradrikscha, auf der der wieder auferstandene Robert Blum thronte.
Zunächst hatte dieser vom Balkon des Alten Rathauses am Leipziger Markt die Blum-Rede von 1841 vor einem staunenden Publikum von 2016 gehalten. Danach bestieg er die erwähnte Rikscha. Eskortiert von Polizei, die einmal froh war, einen freundlich-friedlichen Zug von Schillerfreunden begleiten zu können statt das Abendland verteidigende Pegida-Anhängern gegen schwarz Vermummte verteidigen zu müssen. Die Schiller-Spaziergänger, bewaffnet mit bunten Schirmen, folgten dem Polizeiwagen.

Unser Zug ging vom Marktplatz aus am Konsumtempel des Goerdeler Rings am Richard-Wagner-Platz vorbei und bog in die Pfaffendorfer Straße ein. Am Zoo entlang liefen wir zur Kirche am Nordplatz, wo der Posaunenchor der Gemeinde den Zug mit der „Hymne an die Freude“ empfing. Eine Gruppe junger Spaziergänger posierte mit ihren bunten Schirmen auf dem Rasen vor der Kirche.

Dann folgten wir den Straßenbahnschienen entlang der Gohliser Straße, vorbei an der Friedenskirche, wo gerade die Übergabe dieser Kirche an die Jugend gefeiert wurde. Von dort winkte man uns freundlich zu. Unterwegs wurde unser Zug aus den vorbeiratternden Straßenbahnen angestaunt. Unserem fröhlichen Winken gab man ebenso fröhlich Antwort. Aus Geschäften kamen Verkäuferinnen und Kunden, um den Zug zu bestaunen.

Vor der Friedenskirche bogen wir an der Alten Apotheke links ab in die Menckestraße, also in das alte Gohliser Dorfzentrume. Vorbei lief der Zug an prächtigen Jugendstil- und Historismus-Bürgerhäusern zum kleinen bescheidenen Schillerhäuschen aus dem 18. Jahrhundert.

Hier hielt unser Robert Blum den zweiten Teil seiner Rede von 1841, im Anschluss erklang das „Lied an die Freude“, unterstützt durch einen Trompeter des Leipziger Theaters. Die erste Strophe war den meisten noch geläufig, weiterer Gesang wurde einen Blick auf den Text der vorsorglich verteilten Blätter ermöglicht, so dass das Lied an die Freude doch recht überzeugend klang. Anschließend traf man sich bei Wein und Brezeln im Schillergärtchen, wo Walderdbeeren und Rosen blühten, und auch die Gohliser Schillertraube schon prächtig gewachsen war. Hier spielt häufig das Schiller-Gymnasium, hier tritt Herr Schiller höchstpersönlich auf (Ein ehemaliger Chemiestudent, inzwischen wohlbestallter Chemiker, verkörpert seit Jahren bei Veranstaltungen des Schillerhäuschens den jungen Schiller). Und hier endete unser Spaziergang, dem hoffentlich noch viele andere folgen werden in Erneuerung einer alten Schillertradition in Gohlis.

Leider folgten diesem ersten Spaziergang keine weiteren, vor allem die Corona-Einschränkungen 2020 verhinderte ein Wiederaufnehmen dieser Tradition und auch für den kommenden Mai sehen wir schwarz, aber noch ist nicht aller Tage Abend und das Jahr 2022 kann doch nur noch besser werden.
Also bis zum nächsten Schiller-Spaziergang im Jahre 2022!

Das Verlegerehepaar Kippenberg

von Ursula Hein

Kippenberg, Katharina geb. Catharina von Düring
(1876 Hamburg – † 1947 in Frankfurt am Main)

Catharina von Düring wurde am 1. Juni 1876, als fünfte Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Hartwig von Düring und seiner Ehefrau Anna M. H. geb. Neubourg geboren, wuchs in Hamburg zusammen mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Ihr Vater starb schon 1893 und ließ seine Familie in guten finanziellen Verhältnissen zurück. Nach dem Tod ihres Bruders 1902 ging sie nach Leipzig und nahm als Gasthörerin 1903-1905 an philosophischen, historischen und literarischen Vorlesungen teil.
Ihren späteren Ehemann, den aufstrebenden Verleger Dr. Anton Kippenberg, lernte sie 1905 auf einer Eisenbahnfahrt nach Weimar durch den Leipziger Germanisten Witkowski kennen Beide Herren waren gemeinsam auf dem Weg zur Mitgliederversammlung der Goethe-Gesellschaft. Im September 1905 fand die Verlobung und schon im Dezember die Vermählung statt. Das junge Ehepaar bezog eine Wohnung in Gohlis in der Fechnerstraße 10/12, dort wurden die Töchter Jutta und Bettina geboren.
Katharina Kippenberg, wie sie sich seit ihrer Eheschließung schrieb, unterstützte ihren Mann beim Auf- und Ausbau des Insel Verlages zum führenden deutschen Literaturverlag. Anton Kippenberg vertrat den konservativen Klassikerbereich, seine Frau war als Lektorin für die moderne zeitgenössische Literatur zuständig. Ihre Freundschaft mit Rainer Maria Rilke ist legendär, der Dichter beendete im Turmzimmer der Villa Kippenberg 1910 seine „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Expressionistische Dichter wie Johannes R. Becher, Theodor Däubler aber auch Hans Carossa wurden durch Stipendien des Verlags unterstützt. 1914 organisierte Katharina Kippenberg bei der BUGRA, der internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig, die Unterabteilung Buchillustrationen innerhalb der Sondergruppe „Die Frau im Buchgewerbe und der Graphik“.
Nachdem ihr Mann zu Beginn des 1. Weltkrieges eingezogen worden war, leitete Katharina Kippenberg den Verlag, im Mai 1918 erhielt sie Prokura und 1922 wurde sie Kommanditistin. Die von ihr protegierten Autoren des Expressionismus wie Johannes R. Becher, Leonhard Frank, Martin Andersen Nexö und Heinrich Mann strich Anton Kippenberg nach der Rückkehr aus dem Krieg wieder aus seinem konservativen Verlagsprogramm. Als in den 20er Jahren die alten Klassiker-Ausgaben nicht mehr so gefragt waren, entdeckte und lektorierte Katharina Kippenberg englische und amerikanische Autoren wie Virginia Woolf, Aldous Huxley und D. H. Lawrence.
Neben der Verlagstätigkeit widmete sich Katharina Kippenberg ihrer Familie und der Gestaltung der Villa Kippenberg in der Richterstraße 27. Die mit Möbeln der Goethezeit eingerichtete Familienvilla in Gohlis wurde unter dem Namen „Palazzo Chippi“ zu einem literarischen Salon des Ehepaars. Katharina Kippenberg organisierte Dichterlesungen, Konzerte, Empfänge. Wie das im Marbacher Literaturarchiv inventarisierte Gästebuch zeigt, waren namhafte Vertreter aus Kunst, Kultur und Wissenschaft dort häufig zu Gast, unter anderem Max Planck, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Elly Ney, Reichkanzler Hans Luther ebenso wie die deutsche Kronprinzessin Cecilie. Auch die Familie Goerdeler gehörte zu den engen Freunden des Hauses.
1933 änderte sich einiges im Verlagswesen. Nachdem Katharina Kippenberg dem Nationalsozialismus zunächst aufgeschlossen gegenüber stand, änderte sie nach SA-Ausschreitung, Verlagsreglementierungen und der Flucht bedeutender, meist jüdischer Autoren ihre Haltung. Während es ihrem Mann gelang, den Verlag weitgehend aus der Politik herauszuhalten und vor allem Autoren der „Inneren Emigration“ veröffentlichte, hielt sie weiterhin Kontakt zu Autoren wie Stefan Zweig, Ricarda Huch, Edzard Schaper, Reinhold Schneider sowie zu der Familie Goerdeler.
Katharina Kippenberg edierte und kommentierte schon seit 1914 die moderne Literatur im Insel Verlag. Sie gilt inzwischen als eine der bedeutendsten Verlegerinnen des 20. Jahrhunderts. 1935 schrieb sie eine Rilke-Biographie, der letzte Band „Kleine Aufsätze“ kam posthum 1948 heraus.
Die Kriegsereignisse hatten auch vor dem Insel Verlag nicht halt gemacht, 1943 war das Verlagshaus und 1945 die Gohliser Villas zerstört worden. Die ausgelagerte Goethesammlung entkam den Bombenangriffen, das Ehepaar überlebte in Weimar und Walbach. Die letzten Jahre führten beide dann von Leipzig weg. Schon 1945 verhalfen die Amerikaner der Familie, die Goethe- und Rilkesammlung nach Marburg zu bringen, wo die Amerikaner einen „Collecting point“ eingerichtete hatten, den die Universitätsbibliothek betreute. In dieser Stadt ließen sich die Kippenbergs nieder.
Trotz Krankheiten und Depressionen, die sie ihr Leben lang geplagt hatten, arbeitete Katharina Kippenberg bis zu ihrem Tode für den Insel Verlag und an ihrem letzten Buch über Rilkes Duineser Elegien, dessen Herausgabe sie 1946 noch erlebte.
Für ihre Verdienste verlieh ihr die Universität Leipzig am 22. Mai 1946 und die Universität Marburg am 1. Juni desselben Jahres die Ehrendoktorwürde, doch da war sie schon sehr krank und konnte die Ehrungen nicht mehr selbst in Empfang nehmen.
Sie starb am 7. Juni 1947 in einem Frankfurter Krankenhaus und wurde am 12. Juni 1947 in Marburg beigesetzt. Auf dem Friedhof ist das Ehepaar Kippenberg beide in einem „Ewigen Grab“ wieder vereint.

Werke in Auswahl
Deutsche Choräle. Auswahl und Nachwort Leipzig 1914
Die Anrede. In: Navigare necesse est. Eine Festschrift für Anton Kippenberg. Leipzig 1924
Insel-Almanach auf das Goethejahr 1932 Leipzig 1931(Hrsg.)
Georg Trakl: Gesang des Abgeschiedenen. Nachwort Leipzig 1933
Rainer Maria Rilke. Ein Beitrag Leipzig 1935
Rainer Maria Rilke, Späte Gedichte Leipzig 1934
Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien und Sonette an Orpheus. Wiesbaden 1946
Kleine Schriften. Wiesbaden 1948 (posthum. Sammelband mit früher publizierten Aufsätzen)

Literatur:
Sabine Knopf: Katharina Kippenberg – Herrin der Insel. Markkleeberg und Beucha, Sax-Verlag 2010.
Kussmaul, Ingrid, Die Sammlung Anton und Katharina Kippenberg. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft Bd. 15, 1971, S.505-554
Schnack, Ingeborg, Die Rilke Handschrift der Sammlung Kippenberg. In Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft Bd. VII 1963, S.536-550

Jüdisches Leben in Gohlis

von Steffen Held

Bis in die 1870er Jahre lebten in Gohlis nur wenige Juden. Erst in den 1880er Jahren und vor allem nach der Eingemeindung nach Leipzig 1890 stieg ihre Zahl zu einem hohen zweistelligen Bereich. Der Höhepunkt jüdischen Lebens entwickelte sich in den 1920er Jahren. In dieser Zeit bestand erstmals eine Synagoge, gab es mehrere Einzelhandelsgeschäfte, deren Inhaber Juden waren.

Für das Jahr 1864 ist erstmals ein jüdischer Einwohner in Gohlis nachweisbar. Es handelte sich um den Kaufmann Moritz Herzfeld, der mit einer Christin verheiratet war und in der Menckestraße 3 wohnte. Die Ehe mit der evangelisch-lutherischen Ehefrau Anna Sophie war aber nicht in Sachsen geschlossen worden, denn hier waren Ehen zwischen Juden und Christen nicht erwünscht. Auch das 1865 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch für das Königreich Sachsen enthielt ein Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Christen. Dieses Verbot verlor allerdings nach dem Beitritt Sachsens zum Norddeutschen Bund allmählich seine Wirkung.

Um 1845 war der Kaufmann Heinrich Hirsch nach Leipzig gekommen. Hier konvertierte er 1847 zum Protestantismus. Damit galt Hirsch nach der Religionszugehörigkeit der evangelisch-lutherischen Konfession zugehörig und konnte anders als Juden uneingeschränkt am bürgerlichen Leben teilhaben. 1863 zog er mit seiner Frau Johanne, geborene Wittgenstein, die ebenfalls aus einer jüdischen Konvertitenfamilie kam, und drei Kindern nach Gohlis. Wie mehrere christliche Leipziger Stadtbewohner besaßen auch einige wenige Juden seit den 1860er Jahren Grundstücke im dörflichen Gohlis, die vor allem in den Sommermonaten genutzt wurden. Ein solcher Sommergast war Gustav Plaut, Teilhaber des 1852 von seinem Bruder Jacob Plaut in Leipzig gegründeten Bankhauses H. C. Plaut. Jacob Plaut stiftete 1873 die Uhr für den Turm der Friedenskirche.

Für das Jahr 1890 weist die damalige Volkszählung im Königreich Sachsen für Gohlis unter 19.312 Ortsanwesenden 64 Juden aus. Zehn Jahre später hatte sich die Zahl der Juden nur unwesentlich auf 70 erhöht, während schon 30.114 Ortsanwesende gezählt wurden. Die Gesamtzahl der 1890 in Leipzig wohnenden Juden lag bei 4.070 Personen, die bis 1900 auf 6.170 anstieg. Für 1925 weist die Statistik 573 Juden in Gohlis aus. Unter den 1890 eingemeindeten Vororten wies Gohlis damit die höchste Zahl jüdischer Bürger auf.

Eines der ersten Warenhäuser, die in Gohlis eröffnet wurden, war Adler’s Warenhaus. Es befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes Äußere Hallische Straße 107 (dann Hallische Straße 127). Inhaber war der Kaufmann Jacob Adler, der mit Frau und Tochter bis Anfang der 1920er Jahre auch in diesem Haus wohnte. 1929 verkaufte Adler sein Geschäft. Der Nachfolger firmierte unter dem Namen Adlers Warenhaus. 1934 schloss das Warenhaus und ein Friseurgeschäft und eine Rossschlächterei zogen in die Räume ein.

Der erste Betraum wurde 1922 im Schillerweg 31, im Hofgebäude, geweiht. Es war eine orthodoxe Synagoge, die den Namen Scha’are Zedek (Tore der Gerechtigkeit) erhielt. Sie wurde von Privatpersonen wie dem in der Elsbethstraße wohnenden Borstenhändler Barney Taub finanziert. Als Vorbeter wirkte Josef Kober. Eigentümer des Grundstücks war die Bierbrauerei Kleinkrostitz. An der Synagoge wirkte möglicherweise Hermann Ludwig als Rabbiner. Ludwig wohnte seit etwa 1914 in der Menckestraße 12. Dem Leipziger Adressbuch ist zu entnehmen, dass er anfangs als Prediger und Lehrer arbeitete, später als Rabbiner und Religionslehrer.

Nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der „Wohnstadt Neu-Gohlis“ durch die A. G. für Haus- und Grundbesitz im Jahre 1930 bezogen auch Juden die neuen Wohnungen. In der Wohnung des Handelsvertreters Josef Verderber in der Wilhelmshavener Straße 2c (heute Beyerleinstraße) richteten mehrere jüdische Mieter einen Betraum ein. Einige Zeit später entstand ein neuer Betraum im Sockelgeschoss der Landsberger Straße 90, zuständig war der im Norderneyer Weg 18 wohnende Kaufmann Erich Blumenfeld. Da das bauausführende Unternehmen eine Tochterfirma des Bankhauses Kroch jun. KG a. A. war, wurde das Neubaugebiet umgangssprachlich als „Krochsiedlung“ bezeichnet. Etwa 2500 Menschen wohnten in der Krochsiedlung. 1932 bis 1934 lebte der Schauspieler Joachim Gottschalk mit seiner jüdischen Frau, der Schauspielerin Meta Wolff, und dem 1933 geborenen Sohn im Norderneyer Weg 5a. Gottschalk hatte ein Engagement am Alten Theater in Leipzig. 1947 erinnerte Kurt Maetzig im DEFA-Film „Ehe im Schatten“ an das Schicksal des Ehepaars Gottschalk im NS-Staat.

Für die nationalsozialistische Judenverfolgung sticht eine besondere gewalttätige Aktion in der Krochsiedlung hervor. Am 10. November 1938 gingen die im Stadtteil Gohlis wohnenden Nationalsozialisten ähnlich wie in der Nordvorstadt besonders aggressiv gegen Juden vor. Nachdem am Vorabend in München Propagandaminister Goebbels zu einem landesweiten Pogrom aufgerufen hatte, durchkämmten Nationalsozialisten in den Morgen- und Vormittagsstunden die Krochsiedlung. Organisiert wurde die Aktion vom NSDAP-Ortsgruppenleiter, der die Zellen- und Blockleiter am frühen Morgen versammelt und auf die Gewaltaktion einstimmte. Dazu wurde eine Namensliste der Wohnungen jüdischer Mieter zusammengestellt und mehrere Trupps von 40–50 Männern gebildet. Die Pogromtäter warfen Fensterscheiben ein, brachen mit Äxten und Brechstangen Wohnungstüren auf und schlugen auf jüdische Mieter ein. Eine größere Zahl Frauen und Männer wurde unter Schlägen und Tritten auf einem Wäschetrockenplatz zusammengetrieben und dann über die Landsberger Straße zur Treitschkestraße

(heute Hans-Oster-Straße) eskortiert. Ziel war die Turnhalle der ehemaligen 4. Katholischen Volksschule, wo die Juden eingesperrt wurden. Unter den Gefangenen waren beispielsweise der Rauchwarenhändler Bruno Alexander und der ehemalige SPD-Stadtrat und damalige 1. Vorsitzende der Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Julius Krause. Während Alexander am 13. November in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde, aber Anfang Dezember 1938 frei kam und ihm und seiner Frau die Emigration nach Shanghai gelang, kam Krause am 11. November in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er vier Tage später starb. Seine Frau Rosalie Krause war von den Ereignissen so schwer traumatisiert worden, dass sie am 8. Januar 1939 starb.

Am Nachmittag des 10. November 1938 hatte Goebbels die sofortige Beendigung des „Volkszorns“ gegen die Juden angewiesen. Daraufhin fuhren Polizeifahrzeuge durch Leipzigs Straßen und verbreiteten über Lautsprecher diese Weisung. Doch abends versammelten sich in Gohlis die Täter erneut und zogen skandierend durch die Siedlung. Dieses Vorgehen war einzigartig in Leipzig.
Im Mai 1947 fand beim Landgericht Leipzig eine Schwurgerichtsverhandlung mit fünf Verhandlungs –

tagen statt. Angeklagt waren 16 Personen, darunter eine Frau, wegen Beteiligungen an der Gewaltaktion am 10. November 1938 in der Krochsiedlung. Verurteilt wurden acht Männer. Die Strafen bewegten sich zwischen zwei Jahren Gefängnis und drei Monaten Gefängnis. Verurteilt wurde auch der Fleischermeister Kurt Fleischhauer, der in der Fleischerei in der Danziger Straße (heute Max-Liebermann-Straße) arbeitete. Auf der einen Seite beteiligte er sich an den Ausschreitungen, andererseits gewährte er den jüdischen Eheleuten Goldmann aus der Montbéstraße 9 (heute Trufanowstraße), die er als Kunden der Fleischerei kannte, am 10. November 1938 Zuflucht in seiner Wohnung. Als strafmildernder Umstand wurde diese menschliche Handlungsweise jedoch nicht gewertet. In der Urteilsschrift wird die Zahl von 90 Jüdinnen und Juden genannt, die in der Turnhalle der katholischen Volksschule gefangen gehalten worden seien. Die Annahme, dass von dort einige noch im Laufe des 10. November in ein Konzentrationslager deportiert wurden, trifft nicht zu. Der erste Transport von Verhafteten aus Leipzig erfolgte am 11. November 1938 in das KZ Buchenwald. Zwei Monate nach der Urteilsverkündung gegen die 16 Angeklagten wurde ein weiterer Täter, der in der Krochsiedlung beteiligt war, in Untersuchungshaft genommen. Am 21. November 1947 fand die Hauptverhandlung gegen den kaufmännischen Angestellten und ehemaligen NSDAP-Blockleiter beim
Landgericht Leipzig statt. Der Angeklagte wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 1. Juni 1939 gab es in der Krochsiedlung noch 42 Wohnungen mit jüdischen Mietern. Am 22. November 1939 bestanden noch sechs Mietverhältnisse mit Juden, bereits am 1. Januar 1940 wohnten keine Juden mehr in der Siedlung. Seit Herbst 1939 hatte die in der Stadtverwaltung geschaffene Judenstelle Juden Wohnraum in sogenannten Judenhäusern zugewiesen. In Gohlis waren die Wohnhäuser Gohliser Straße 1 und 11, deren Eigentümer Juden waren, zu „Judenhäusern“ erklärt worden.

Aber auch in Gohlis wohnten Menschen, die Juden halfen und Leben retteten. Stille Helden wie Georg Jünemann und seine Töchter Marie Jünemann und Josephine Zauzich versteckten untergetauchte Juden. Der Katholik Jünemann war bis 1938 Direktor der 4. Katholischen Volksschule und wohnte mit seinen Töchtern in der Jägerstraße 15. Am 17. September 1942 nahmen sie die Eheleute Walter und Hilda Leopold und die fünfj.hrige Tochter Anneliese für einige Zeit auf, halfen dann dabei, eine andere sichere Bleibe zu finden und trugen mit dazu bei, dass die Leopolds den Holocaust überlebten.

Nach dem Holocaust wohnten wieder einige Juden in der Krochsiedlung, darunter auch Aron Adlerstein und seine Frau Ruth. Adlerstein war von 1988 bis 2000 Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

Heute erinnert manches in Gohlis an das jüdische Leben bis 1945. Am 24. Mai 2007 wurden für Julius und Rosalie Krause im Wangerooger Weg 17 Stolpersteine verlegt. Auch für andere Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wie die Familie Gattermeyer in der Ehrensteinstraße 32 oder die Familie Philippsohn im Poetenweg 15 wurden Stolpersteine verlegt. Seit November 2000 gibt es im Stadtteil Sellerhausen-Stünz die Julius-Krause-Straße. In Gohlis erinnern Straßennamen an das Wirken der Pädagogin Hedwig Burgheim und des Juristen Martin Drucker. 2012 nahm die damalige 75. Grundschule im Jörgen-Schmidtchen-Weg als Ehrennamen Hans-Kroch-Schule an.

In der DDR hatte der Pfarrer der Versöhnungskirchgemeinde Siegfried Theodor Arndt neue Wege für einen christlich-jüdischen Dialog beschritten. Arndt war von 1971 bis 1985 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum.

Die Friedenskirche in Gohlis – Die älteste erhaltene Leipziger Kirche im neogotischen Stil

von Annekatrin Merrem und Agnes Niemann

Foto: A. Platzek

Der ehemalige Leipziger Vorort Gohlis war mit seinen Rokokoschlösschen im 19. Jahrhundert ein beliebter Ausflugsort und Sommerwohnsitz vieler Leipziger Bürger. Als Orientierungspunkt in der Silhouette des Ortes diente vor dem Bau der Kirche in den Jahren 1871 bis 1873 allein der weithin sichtbare, prachtvoll gestaltete Turm des Schlösschens, das damals auch den Namen Turmgut trug.

Die Gohliser Kirchgemeinde wurde erst im Jahr 1869 aus der Eutritzscher ausgemeindet. Etwa zur gleichen Zeit wurde als Bauplatz für eine neue, eigene Kirche ein Ort unweit des historischen Dorfangers an der Menckestraße gewählt, der sich am Ende der zum historischen Leipziger Stadtkern führenden Gohliser Straße befand. Die Vorgaben beim Wettbewerb für den Kirchenneubau bezogen sich u.a. auf den Bauplatz, die Anzahl der Sitzplätze und die Grundform der Kirche als dreischiffiges, längsrechteckiges Gebäude mit Chor, Sakristei- und Kapellenanlagen im Osten. Die Baukosten durften die Summe von 30.000 Talern nicht überschreiten. Zum Baustil gab es keine Vorgaben, jedoch sollte der Bau als Backstein-Verblendbau, gegebenenfalls mit Sandsteindekoration, ausgeführt werden.

Schlussendlich standen zwei Entwürfe zur Realisierung zur Auswahl. Die Pläne des Architekten und Kirchenbaumeisters Hugo Altendorff (1843-1933) erhielten schließlich den Vorzug vor denen des Architekten Oscar Mothes. Neben den zu erwartenden Baukosten schien vor allem der Kirchenbauentwurfs von Altendorff als eher zurückhaltend gestaltete „Dorfkirche“ zu überzeugen, während der Entwurf von Mothes nach Auffassung der Gutachter eher den Charakter einer „Schlosskirche“ – vielleicht bewusst in Korrespondenz zum naheliegenden Rokokoschlösschen gedacht – hatte. In einer Stellungnahme des Vereins für kirchliche Kunst in Sachsen wurde dementsprechend auch die Hoffnung ausgedrückt, dass durch die Umsetzung des Entwurfs von Altendorff „…nun Leipzigs nähere Umgebung ein wirklich würdiges und der verweltlichten Architektur-Richtung entschieden Front machendes Gotteshaus bekomme, das anregend dort wirken muß…“.

Hugo Altendorff war als Architekt hauptsächlich auf den Bau eher dörflicher, vorstädtischer Kirchen spezialisiert. Die Friedenskirche ist ein Zeugnis seiner recht puristischen Auffassung zur Gestaltung evangelischer Kirchenbauten in enger Anlehnung an die liturgischen Vorgaben des Eisenacher Regulativs. Sein Streben nach „architektonischer Wahrheit“ suchte er im Ziegelrohbau in gotisierender Formensprache ohne unnötige ornamentale Details zu verwirklichen. Beim Bau der Friedenskirche ging Altendorff in diesem Sinne besonders weit, indem selbst die gesamte oktogonale Turmspitze als Ziegelrohbau aus frei gemauerten gelblich-braunen Formziegeln aus der ActienZiegelbrennerei zu Greppin bei Bitterfeld ausgeführt wurde.

Die schnörkellose, gemauerte Turmspitze mit schlichtem vergoldeten Kreuz als höchster Punkt des Gotteshauses bildet noch heute im Stadtbild einen wirkungsvollen Kontrast zu der von einer beschwingten Wetterfahne bekrönten Turmhaube des Schlösschens. Sie wurde in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends detailgenau mit Formsteinen, die nach dem historischen Vorbild hergestellt wurden, erneuert. In einem der ersten Sanierungsabschnitte wurde die dringend erforderliche Dachneueindeckung unter Verwendung von Ziegeln nach Muster der bauzeitlichen Dachsteine realisiert. Den Boden des Inneren der Kirche bildet seit der Sanierung Gussasphaltboden, zudem wurden die alten Sitzbänke zugunsten von Stühlen entfernt, wodurch eine flexiblere Nutzung des Kircheninneren möglich wurde.

Seit dem Jahr 1999 ist die Friedenskirchgemeinde mit der Michaelisgemeinde vereinigt. Heute werden Gottesdienste hauptsächlich in der Michaeliskirche am Nordplatz gefeiert, die Friedenskirche soll als Ort lokaler Identität in Zukunft vorrangig für eine stadtteilbezogene Nutzung, Konzerte und Ausstellungen entwickelt werden und wird darüber hinaus seit einiger Zeit als „Jugendkirche“ genutzt. Gemeinde und Förderverein der Kirche engagieren sich für die stufenweise Sanierung der Kirche, die trotz veränderter Nutzung ihren Charakter als Gotteshaus behalten soll.

Motorradseitenwagen aus Gohlis: Die Firma Stoye Fahrzeugbau

von Matthias Judt

Die Geschichte der Motorisierung der Privathaushalte in Deutschland verlief über mehrere Etappen. Sie begann mit Krafträdern, seien es Mofas, Mopeds oder Motorräder, führte über Besitz von einzelnen PKW in vielen Haushalten bis zur Doppel- oder gar Dreifachmotorisierung in den Familien. An den Zulassungszahlen für Privatfahrzeuge kann man diese Entwicklung gut nachvollziehen, die inzwischen auch wieder zu vermehrten Besitz von Motorrädern – oft jedoch als Zweit- oder Drittfahrzeug geführt hat. Dreißig Jahre lang, zwischen 1926 und 1956, waren in Deutschland mehr Motorräder als PKW zugelassen. In der großen Bedeutung, die das Motorrad in Deutschland spielte, unterscheidet sich unser Land fundamental von der Geschichte der Motorisierung in anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien. (1)

Eine Zwischenetappe auf dem Weg zum privat gehaltenen PKW war die Ausrüstung von Motorrädern mit Seitenwagen. In Deutschland waren seit der Zeit des Ersten Weltkrieges insgesamt 22 Hersteller aktiv, von denen zwölf auch oder erst nach dem Zweiten Weltkrieg tätig wurden. (2) Motorradgespanne waren die ersten „Familienkutschen“ mit dem Vater, das Motorrad fahrend, der Mutter im Beiwagen mit einem Kind oder auf dem Sozius sitzend, weil inzwischen weiterer Nachwuchs transportiert werden musste. Sie konnten auch erster „Pickup“ sein, mit Beiwagen, in denen Material und Werkzeug transportiert werden konnten. Motorradseitenwagen stellen also ein wichtiges Stück der Motorisierungsgeschichte des 20. Jahrhunderts dar, gerade in Deutschland.

Auf dem Gebiet der DDR gab es zwei Hersteller von Seitenwagen, AWO in Suhl, wo allerdings nur wenige Jahre zwischen 1955 und 1958 Motorradgespanne produziert wurden, und Stoye-Fahrzeugbau Leipzig, wo von 1925 bis 1990 insgesamt 300.000 Seitenwagen hergestellt wurden. Mit dem zeitweiligen Auslaufen der Fertigung von Seitenwagen in der alten Bundesrepublik am Ende der 1960er wurde Fahrzeugbau Stoye für fast zwei Jahrzehnte sogar das einzige Unternehmen, das in Deutschland Seitenwagen herstellen sollte. (3)

Die Firma Stoye wurde 1920 als mechanische Werkstatt gegründet, die auf Kundenwunsch auch Motorradseitenwagen baute. 1925 tat Walter Stoye (1893 – 1970) sich mit dem Kaufmann Johannes Mittenzwei zusammen. Beide Unternehmer sollten sich dabei sehr gut wechselseitig ergänzen. Mittenzwei wirkte vor allem nach außen und sorgte dafür, dass der Name „Stoye Fahrzeugbau“ immer bekannter wurde. Stoye war wiederum ein sehr einfallsreicher Konstrukteur, der zwischen 1928 bis 1965 ca. 15 Patente und Gebrauchsmuster entwickelte. „Er setzte neue Erkenntnisse sehr schnell in seinen Seitenwagenkonstruktionen um und hat so stets technisch fortschrittliche, aber gleichzeitig auch qualitativ hochwertige und formschöne Seitenwagen gebaut.“ (4)

„Ende der Zwanziger und vor allem in den Dreißiger Jahren konnten dadurch wiederum von Mittenzwei und zunehmend von den mit Seitenwagen belieferten großen deutschen Motorradherstellern und deren Werkssportfahrern mit STOYE-Gespannen viele internationale Wettbewerbe (z.B. Internationale 6-Tagefahrten 1932 bis 1938, u.v.a.) gewonnen werden.“ (5)

Nachdem andere Leipziger Produktionsstandorte der Firma dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen waren, verlagerte die Fahrzeugbau Stoye Leipzig ihre Fertigung 1944 komplett auf das Gelände einer früheren Drahtwaren- und einer Papierfabrik an der Lindenthaler Straße in Gohlis. Kriegsbedingt kam allerdings dennoch die Neufertigung von Seitenwagen zunächst komplett zum Erliegen. (6)

Noch unter amerikanischer Besatzung erhielt die Firma 1945 die Genehmigung, mit der Reparatur von Fahrzeugen, darunter Seitenwagen, die Fertigung am Standort in der Lindenthalter Straße wieder aufzunehmen. Ab 1949 begann die noch vereinzelte Herstellung neuer Seitenwagen für die in sowjetischen Besitz übergegangenen Zweiradwerke in Suhl. Ein Jahr später konnte die Serienfertigung in größerer Stückzahl aufgenommen werden. (7)

Bis 1961 produzierte Stoye Seitenwagen für die SAG AWTOWELO (AWO bzw. Simson), die Eisenacher Motorenwerke (EMW, später Automobilwerke Eisenach) und das Motorradwerk Zschopau (MZ). Zwischen 1925 und 1990 wurden etwa 300 verschiedene Typen entwickelt und produziert. Ab 1956 wurden die weltweit ersten speziell für die neuen Langschwingenfahrwerke der Motorräder SIMSON-SPORT und MZ ES konstruierten Seitenwagen gebaut , die seinerzeit als die „die weltweit modernsten und komfortabelsten“ galten. Vom 1962 von Walter Stoye entwickelten Typ „Superelastik“ wurden bis zur Einstellung der Seitenwagenproduktion 1990 ca. 80.000 Einheiten hergestellt. (8)

Die Firma erlebte ab 1961 einen Prozess der schleichenden Verstaatlichung, der mit der endgültigen Enteignung 1972 abgeschlossen wurde. Anfang der 1960er Jahre wurde erstmals eine staatliche Beteiligung aufgenommen, das Unternehmen wurde ein „Betrieb mit staatlicher Beteiligung“ (BSB). Einher ging der dadurch beginnende Anschluss an die MZ-Werke mit dem Herausdrängen der bisherigen Eigentümer Walter Stoye (im Jahre 1967) und Johannes Mittenzwei (im Jahre 1970). Im Frühjahr 1972 gehörte Fahrzeugbau Stoye dann zu den 11.000 Unternehmen, die im Zuge der letzten großen Nationalisierungswelle in der DDR „ins Volkseigentum“ überführt wurden. (9) Aus der Firma wurde das „Werk IV“ der Motorradwerke Zschopau.

Die Zuordnung zu MZ veränderte das Produktionsprofil entscheidend. Zunehmend wurden Ersatzteile für die MZ-Motorräder hergestellt. 1973 wurde sogar die Fertigung von Seitenwagen für etwa zwei Jahre völlig eingestellt. 1975 wurde sie jedoch wieder aufgenommen und dann bis April 1990 ohne Unterbrechung durchgeführt. (10)

Nach der Vereinigung Deutschlands wurde die Herstellung von Seitenwagen nicht wieder aufgenommen. Die Treuhandanstalt veräußerte das Firmenareal an einen Leipziger Autohändler. Auf dem Gelände entstanden ein Autohaus, eine Tankstelle, eine Autowaschstraße sowie ein Parkhaus. (11)

Vor einigen Jahren machte das Autohaus dicht. 2016/17 wurden seine Räumlichkeiten umgebaut, um ursprünglich daraus eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und andere Personen zu machen. Im August 2017 wurde bekannt, dass sie nur als Reserveflächen vorgehalten werden sollen. (12) Nichtsdestotrotz erinnert seit kurzem ein Straßenname an die frühere Zweckbestimmung des Areals: Am 21. Juni 2018 beschloss der Leipziger Stadtrat, den Straßenabschnitt der Halberstädter Straße nordwestlich der Lindenthaler Straße in „Stoyestraße“ umzubenennen. (13)

(1) Vgl. Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute, Frankfurt am Main/ New York 2008, S. 319; Wolfgang König, Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000, S. 305.
(2) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Motorradgespannherstellern.
(3) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Motorradgespannherstellern; Claus Hüne, „Die Firma Stoye und das Autohaus an der Lindenthaler Straße“ (im Folgenden „Hüne 2017“), in Bürgerverein Gohlis 2017, S. 168-170, hier S. 170.
(4) wiedergegeben und zitiert nach: http://www.stoyeleipzig.de/Geschichte.
(5) zitiert nach: http://www.stoyeleipzig.de/Geschichte.
(6) Vgl. Hüne 2017, S. 168f; http://www.stoyeleipzig.de/Geschichte.
(7) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stoye-Fahrzeugbau-Leipzig; Hüne 2017, S. 168; ders. „Fahrzeugbau Stoye“, in: http://www.leipziger-industriekultur.de/fahrzeugbau-stoye/ (im Folgenden „Hüne 2015“).
(8) Vgl. Hüne 2017, S. 168f.
(9) Vgl. Hüne 2015; Hüne 2017, S. 169; Matthias Judt, “Aufstieg und Niedergang der ‚Trabi-Wirtschaft‘”, in ders. (Hg.) DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, Berlin 1997 und Bonn 1998, S. 87 – 164, hier S. 90 und 121; Wieland Eschenhagen/Matthias Judt, Der Neue Fischer Weltalmanach Chronik Deutschland 1949-2014. 65 Jahre deutsche Geschichte im Überblick, Frankfurt/Main 2014, S. 196. Siehe auch Heinz Hoffmann, Die Betriebe mit staatlicher Beteiligung im planwirtschaftlichen System der DDR, Stuttgart 1999.
(10) Vgl. Hüne 2017, S. 170.
(11) Vgl. Hüne 2017, S. 170.
(12) Vgl. Hüne 2017, S. 170; Stadt Leipzig, Dezernat Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule, „Informationsvorlage Nr. VI-DS-04686. Aktueller Sachstand und weitere Planungen für die Unterbringung von Geflüchteten in der Zuständigkeit der Stadt Leipzig – Stand: 21.08.2017“, S. 13; http://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/auslaender-und-migranten/fluechtlinge-in-leipzig/fluechtlingsunterkuenfte-in-leipzig/, aufgerufen am 31. August 2017.
(13) Vgl. Leipziger Amtsblatt vom 30. Juni 2018.

Adolf Bleichert & Co

von Matthias Judt

Die Bleichert-Werke scheinen langsam in Vergessenheit zu geraten, zumal ihre Geschichte als größtes Industrieunternehmen in Gohlis bereits 1993 endgültig zu Ende gegangen ist. Die Leipziger Volkszeitung hat allerdings 2017 in einer Multimediapräsentation Historie und Gegenwart des Betriebsgeländes in Gohlis noch einmal visuell dargestellt. (1) Zudem gibt es von Videofilmern gemachte Aufnahmen (2) und Fotos (3), die den Verfall der einst so belebten Fabrikhallen seit ihrer Außerbetriebnahme dokumentieren. Mit ihrem Umbau zu Wohnungen wird den ehemaligen Bleichert-Werken neues Leben eingehaucht. (4)

Ihre Geschichte ist in einer Reihe von Publikationen für eine breite, historisch interessierte Öffentlichkeit aufgearbeitet worden. (5) Die wichtigsten der von dort präsentierten Fakten sind auch in Internetquellen abrufbar. (6) Daneben gibt es inzwischen wissenschaftliche Abhandlungen zur Geschichte der Bleichert-Werke. (7)

Ihren Ursprung hatten die früheren Bleichert-Werke in einem kleinen Ingenieurbüro, das am 1. Juli 1874 von Adolf Bleichert (Abbildung: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Adolf_Bleichert.jpg ) (8) und dessen Studienfreund Theodor Otto im Leipziger Zentrum gegründet worden war. Die Wege der beiden sollten sich bereits gut zwei Jahre später, am 23. August 1876, wieder trennen. Bleichert führte die Firma zunächst allein weiter und nannte sie in „Adolf Bleichert Technisches Büro, Fabrik von Drahtseilbahnen“ um. Am 1. Oktober 1877 trat schließlich der Kaufmann Peter Heinrich Piel, der Schwager Bleicherts, in das Unternehmen ein. In Neuschönefeld (damals noch nicht zu Leipzig gehörend) wurde eine Werkstatt für 20 Arbeiter gemietet, während das Ingenieurbüro vorerst im Leipziger Zentrum verblieb. (9)

Genau vier Jahre später, am 1. Oktober 1881, verlegten die beiden Unternehmer ihre gesamte Firma nach Gohlis, das zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch gar nicht Teil Leipzigs war. Es entstand die offene Handelsgesellschaft „Adolf Bleichert & Co Gohlis“ mit 20 Angestellten („Beamten“) und 70 Arbeitern. (10)

Nach Piels Tod am 30. Juli 1887 übernahmen dessen Frau Anna (eine Schwester Bleicherts) und ihre gemeinsamen Kinder die Anteile, wurden jedoch bereits im darauffolgenden Jahr von Adolf Bleichert ausbezahlt. Nichtsdestotrotz blieb der nunmehrige Name Adolf Bleichert & Co bis zur Insolvenz des Unternehmens 1932 beibehalten. (11)

Die Bleichert-Werke entwickelten sich von Beginn an rasant. Mit dem Datum des Umzuges der Firma nach Gohlis (historische Abbildungen zu den Fabrikanlagen unter http://www.vonbleichert.eu/werk-leipzig-gohlis/) verbunden war auch die Auslieferung der 100. Drahtseilbahn. Bis 1890 wurden weitere 500 davon gebaut. Neun Jahre später wurde die 1.000er-Marke überschritten. (12)

„1888 erteilte Adolf Bleichert & Co. der amerikanischen Firma Cooper, Hewitt & Co., der Muttergesellschaft der Trenton Iron Company eine Lizenz zum Bau und Vertrieb von Bleichert-Seilbahnen in den USA. Trenton Iron konnte bald darauf eine große Zahl von Seilbahnen in den USA bis nach Alaska absetzen.“ Bis Bleicherts Tod im Jahre seien Seilbahnen u.a. auch nach Frankreich, Spanien und Argentinien verkauft worden. „Die Adolf Bleichert & Co. war der führende Seilbahnbauer, der sämtliche Rekorde hielt: die höchste und längste Seilbahn in Argentinien, die längste über Wasser in Neukaledonien, die leistungsstärkste in Frankreich (500 t/h), die steilste in Tansania (86%), die nördlichste in Spitzbergen (79°) und die südlichste in Chile (41°). Sie hatte Büros in Leipzig und Brüssel, Paris und London.“ Seit 1901 unterhielt die Firma mit Bleichert’s Aerial Transporters Ltd. auch ein Tochterunternehmen in England (bis 1914). (13)

Es verwundert deshalb nicht, dass Adolf Bleichert 1890/91 unmittelbar gegenüber seiner Fabrik an der Lützowstraße eine prächtige Villa (Villa Hilda) als Familiensitz errichten lassen konnte (Abbildung: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:LE_Gohl_VillaHilda.jpg ) (14), die heute als „Heinrich-Budde-Haus“ ein soziokulturelles Zentrum beherbergt.

Die sehr erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der Firma setzte sich in den folgenden Jahren fort. Nachdem Adolf Bleichert am 29. Juni 1901 während eines Kuraufenthaltes im schweizerischen Davos an Tuberkulose verstorben war, übernahmen seine Söhne Max und Paul die Führung des Unternehmens und entwickelten es bis zum I. Weltkrieg zur größten Drahtseilfabrik der Welt. 1911 beteiligte sich das Unternehmen an einer Eisengießerei und Maschinenfabrik in Lichtenegg in Oberösterreich (Abbildung: http://www.vonbleichert.eu/fabrik-lichtenegg-oesterreich/). Ab 1912 unterhielt Bleichert eine Fabrik in Neuss am Rhein (Abbildung: http://www.vonbleichert.eu/werk-neuss-am-rhein/).

Dabei wurde die Produktpalette ständig ausgedehnt: Seit 1902 produzierte Bleichert Elektrohängebahnen, ab 1904 Becherwerke, seit 1905 Seil- und Kettenförderer, seit 1907 Bagger und ab 1908 Transportbänder. „Während des 1. Weltkrieges wurden Feld- oder Einseilbahnen zum Einsatz hinter der Front für den Transport von Munition, Verpflegung und Verwundeten gebaut, mit denen das Unternehmen Millionengewinne erzielte.“ (15) Durch den I. Weltkrieg gingen zwar die internationalen Geschäftsverbindungen weitgehend verloren, doch die lukrativen Kriegsaufträge brachten nicht nur besagte Millionengewinne, sondern veranlassten den letzten sächsischen König Friedrich August III., Paul und Max Bleichert 1918 in den Adelsstand zu erheben. (16)

Nach dem Ende des Krieges expandierte das Unternehmen weiter. Zwischen 1919 und 1922 entstand in Eutritzsch ein zweites Werk (Abbildung: http://www.vonbleichert.eu/werk-leipzig-eutritzsch/). Das Geschäft verlagerte sich auf die Konstruktion und den Bau von Luftseilbahnen zur Personenbeförderung. 1924 wurde ein Lizenzvertrag mit dem Südtiroler Ingenieur und Unternehmer Luis Zuegg abgeschlossen gemeinsam das System „Bleichert-Zuegg“ für Seilschwebebahnen entwickelt.“ (17) Mit dem Start der Herstellung der „Eidechse“, eines Elektrokarrens, wurde ab 1925 zudem die Produktpalette des Unternehmens erneut erweitert. Er hatte zunächst eine Nutzlast von 1,5 Tonnen. (18) Im gleichen Jahr begann die Fertigung eines Elektro-LKW mit sieben Tonnen Nutzlast. (19)

Die Jahre 1926/27 stellten eine weitere Wendemarke in der Geschichte der Bleichert-Werke dar. Die Gebrüder Max und Paul von Bleichert, die schon einige Zeit zuvor die anderen Familienmitglieder ausbezahlt hatten, bereiteten die Umwandlung der seit 1881 bestehenden offenen Handelsgesellschaft (oHG) in eine Aktiengesellschaft (AG) vor. (20)

Paul von Bleichert musste 1927 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen ausscheiden und verkaufte seine Anteile nach außerhalb, an die Felten & Guilleaume Carlswerk AG aus Köln. Sie wurde damit Großaktionär in der Bleichert & Co AG Leipzig-Gohlis. (21)

Im Jahre 1928 beschäftigte das Unternehmen etwa 1.200 Angestellte und 2.000 Arbeiter und unterhielt Tochtergesellschaften unter anderem in Neuss und in Brünn. (22)

„Infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 kam es 1931 zum Kollaps des deutschen Bankensystems. Die Adolf Bleichert & Co. konnte bei rapide sinkenden Auftragseingängen noch ein Jahr durchhalten, musste dann aber am 4. April 1932 Konkurs anmelden. Dies bedeutete zwar das Ende der Familiengesellschaft, aber das Unternehmen als solches mit seiner Kompetenz wurde in der am 23. Juni 1932 gegründeten Auffanggesellschaft Bleichert-Transportanlagen GmbH weitergeführt, die mit 73 Angestellten und 96 Arbeitern an alter Stätte die Produktion fortsetzte.“ (23)

Mit Zustimmung des Gläubigerbeirates wurde das Unternehmen an den Stahl- und Seilehersteller Felten & Guilleaume Carlswerk Actien-Gesellschaft [F&G] veräußert [der, wie erwähnt, bereits seit 1927 Anteile gehalten hatte]. Die [1928 gegründete] Kabelbagger-GmbH musste kurz darauf Konkurs anmelden, die bereits 1924 gegründete] Personenseilbahn-GmbH wurde als Tochter der Bleichert-Transportanlagen GmbH fortgeführt.“ (24) Die Bleichert-Werke wurden nunmehr aus Köln geleitet, denn in der Tat hatte F&G die neue Bleichert GmbH als Auffanggesellschaft mit Standort in Köln gegründet. (25)

Mit dem neuen Eigner erlebten die Bleichert-Werke einen erneuten Aufschwung in der Produktion von Transportanlagen verschiedener Art. Ab 1934 errichteten die Bleichert-Werke in den Alpen in Kooperation mit Partnern Schlepplifte mit neuartigen selbsttätigen Bügeleinzugseinrichtungen. Aus dem Elektrokarren „Eidechse“ wurde ein Fahrzeug mit 7 Tonnen Nutzlast entwicklet. Zwischen 1935 und 1939 fertigte Bleichert schließlich ein zweisitziges Cabriolet mit Elektroantrieb mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h und ca. 70 km Reichweite. (26)

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war Bleichert wieder führend im Bau von Transportanlagen für Massengüter aller Art. Es wurden Drahtseilbahnen, Kabelkrane und Nahförderanlagen konstruiert und hergestellt. Diese Produktion musste in den Kriegsjahren zurückgefahren werden.

Während des II. Weltkrieges wurden sie – wie schon im I. Weltkrieg – in die Herstellung von Kriegsmaterial einbezogen. Die Nationalsozialisten nutzten die Fabrik als Rüstungsbetrieb und ließen hier im großen Stil Granathülsen produzieren. Nicht von ungefähr wurden die Werke deshalb 1945 zum Ziel von alliierten Bombenangriffen, die starke Schäden an den Gebäuden und Einrichtungen verursachten. (27)

(1) http://multimedia.lvz.de/bleichert#561
(2) https://www.youtube.com/watch?v=K9swxXMeRZk
(3) vgl. https://www.industrie-kultur-ost.de/datenbank/maschinenbauindustrie/adolf-bleichert-werke-leipzig/.
(4) https://www.cg-gruppe.de/immobilien/projekte/in-ausfuehrung/bleichert-werke/399.
(5) Manfred Hötzel, „Die Firma Adolf Bleichert & Co. Leipzig-Gohlis und die Nachfolgebetriebe SAG Bleichert und VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig (VTA)/Verlade- und Transportanlagen GmbH“ (im Folgenden „Hötzel 2017a“), in Bürgerverein Gohlis (Hg.) 700 Jahre Gohlis. 1317 – 2017. Ein Gohliser Geschichtsbuch, Markleeberg 2017 (im Folgenden „Bürgerverein 2017“), S. 159-164; ders., Adolf Bleichert & Co. Leipzig-Gohlis. Kleine Beiträge zu einer großen Geschichte (=Gohlis Forum, Sonderausgabe, Dezember 2010), Leipzig 2010 (abzurufen unter www.buergerverein-gohlis.de/media/…/Sonderausgabe-Bleichertausstellung.pdf, im Folgenden „Hötzel 2010“)), ders., Adolf Bleichert und sein Werk, Beucha 2002 (im Folgenden „Hötzel 2002“).
(6) siehe z.B. http://www.leipzig-gohlis.de/tourismus/bleichert.html; André Winternitz, „Drahtseilbahnfabrik Adolf Bliechert“ (im Folgenden „Winternitz 2012“), in: http://www.rottenplaces.de/main/drahtseilbahnwerk-adolf-bleichert-3370/.
(7) vgl. Oliver Werner: Ein Betrieb in zwei Diktaturen. Von der Bleichert Transportanlagen GmbH zum VEB VTA Leipzig 1932 bis 1963 (= Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte; Bd. 101), Stuttgart 2004.
(8) Foto gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
(9) vgl. „Adolf Bleichert & Co“, in http://www.vonbleichert.eu/bleichert/ (aufgerufen am 29. Juni 2017); Hötzel 2010, S. 8.
(10) vgl. Winternitz 2012.
(11) vgl. Hötzel 2017, S. 160; Hötzel 2010, S. 9 und 16, „Adolf Bleichert & Co“, in http://www.vonbleichert.eu/bleichert/ (aufgerufen am 29. Juni 2017).
(12) vgl. Hötzel 2017, S. 160; „Adolf Bleichert & Co“, in http://www.vonbleichert.eu/bleichert/ (aufgerufen am 29. Juni 2017).
(13) wiedergegeben und zitiert nach Winternitz 2012.
(14) Foto gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
(15) wiedergegeben nach Hötzel 2017, S. 161;„Adolf Bleichert & Co“, in http://www.vonbleichert.eu/bleichert/ (aufgerufen am 29. Juni 2017). Zitat aus Hötzel 2017, S. 161.
(16) vgl. Winternitz 2012.
(17) zitiert nach Winternitz 2012.
(18) vgl. Winternitz 2012; Hötzel 2017, S. 162.
(19) Abbildungen unter: https://www.mdr.de/zeitreise/elektrokarren-aus-leipzig-100.html.
(20) vgl. Hötzel 2017, S. 162.
(21) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Bleichert_%26_Co.
(22) vgl. Winternitz 2012.
(23)Winternitz 2012.
(24) zitiert nach Winternitz 2012, Einfügungen durch MJ. Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Bleichert_%26_Co.
(25) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Pohlig.
(26) vgl. Winternitz 2012.
(27) vgl. Winternitz 2012; https://www.industrie-kultur-ost.de/datenbank/maschinenbauindustrie/adolf-bleichert-werke-leipzig/.

SAG „Bleichert“

von Matthias Judt

Unmittelbare Folge der Besetzung der ostdeutschen Länder durch die Rote Armee waren sogenannte Trophäenaktionen und eine Welle von Demontagen. Das bedeutete, dass – zum Teil auch völlig willkürlich und keineswegs in Abstimmung mit zentralen Befehlsebenen der Besatzungsmacht – Maschinen und Anlagen, Kunstwerke und vieles andere mehr konfisziert wurden.

Beides musste – in Verbindung mit den ohnehin vorhandenen Kriegszerstörungen – die wirtschaftliche Situation der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) noch verschärfen. Bereits Ende 1945 setzte jedoch ein Wandel in der sowjetischen Reparationspolitik ein. Statt Maschinen und Anlagen zu demontieren, sollten Wiedergutmachungsleistungen aus der SBZ als Lieferungen aus der laufenden Produktion erfolgen. Um diese für sich auch sicherzustellen, wurden ab Ende 1945 deutsche Unternehmen in das Eigentum der UdSSR übernommen, genauer gesagt: ihre frühere Beschlagnahme manifestiert. Es entstanden „Sowjetische Aktiengesellschaften“ (SAG), die strikt nach dem deutschen Handelsgesetzbuch agierten, deren Entstehen aber auf besagte Beschlagnahme zurückzuführen war. (1)

Exkurs: Der Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Marshall Georgi Schukow führte Mitte November 1945 zu den Demontagen aus:

„Es ist […] die Frage angeschnitten wegen der Demontierungen, die seitens der Roten Armee und der Alliierten stattfinden. Der Hitlerfaschismus hat der Welt und insbesondere Russland so tiefe Wunden geschlagen, dass dem deutschen Volk genommen werden muss, noch einmal einen Krieg vom Zaune zu brechen. […] wenn wir deswegen diejenigen Industrien abbauen, die für den Krieg benutzt wurden oder werden können, so ist das einerseits erforderlich zur Wiedergutmachung und zur Verhinderung eines zukünftigen Krieges. […] Um Ihnen zu helfen, werden wir trotzdem mehrere 100 Betriebe in der Sowjetischen Besatzungszone errichten, um Arbeit und Existenzmöglichkeiten zu schaffen, allerdings werden diese unter unserer Leitung arbeiten müssen.“ (2)

Auf diese Weise gelangten auch die Bleichert-Werke im Sommer 1946 in sowjetischen Besitz und wurden als „Bleichert Transportanlagen Fabrik SAG Leipzig N 22“ fortgeführt. 1950 wurde die SAG Bleichert der SAG „Transmasch“ zugeordnet. Hier wurden Kabel- und Autokrane, Verladebrücken, Frässchaufler und Elektrokarren, bald auch wieder Drahtseilbahnen hergestellt. (3)

Die Produktionspalette bei Bleichert wurde auf die Bedürfnisse der sowjetischen Volkswirtschaft ausgerichtet. Die Kapazitäten vor Ort wurden dafür deutlich erweitert. So wurde ab 1948 mit dem Autodrehkran (ADK) 3 „Bleichert“ einer der ersten dieselelektrischen Kräne der Nachkriegszeit hergestellt. Er konnte drei Tonnen heben und wurde zunächst als Reparationsleistung als Bausatz in die Sowjetunion geliefert. Dort wurde er auf verschiedene LKW-Typen sowjetischer Bauart, darunter solcher die seit 1942 in amerikanischer Lizenz in der UdSSR produziert wurden, montiert (Abbildungen siehe: http://www.autogallery.org.ru/gstuder.htm). (4)

Ab 1953 wurden sowohl Raupenkräne „Mitschurin“ mit dem gleichen Oberbau wie beim ADK-3 hergestellt als auch für die militärische Nutzung Autodrehkräne auf geländegängigen LKW montiert. (5)

1950 hatte das Unternehmen mehr als 4.000 Beschäftigte (6), nach anderen Angaben stieg die Zahl bis 1953 sogar auf über 6.000. (7)

Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, bei dem die SAG Bleichert ein Schwerpunkt der Streiks in der Stadt Leipzig wurde (8), ging das Unternehmen als eine der letzten SAG-Betriebe mit Wirkung vom 1. Januar 1954 in das Eigentum der DDR über. (9)

(1) vgl. Matthias Judt, „Aufstieg und Niedergang der ‚Trabi-Wirtschaft’“, in ders. (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, Berlin 1997 (und Bonn 1998), S. 87 – 164, hier S. 89.
(2) „Niederschrift des Präsidenten der Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommern, Wilhelm Höcker, über die Rechenschaftslegung der Präsidenten und Vizepräsidenten der Landes- und Provinzialverwaltungen vor dem obersten Chef der SMAD, Marschall Georgi K. Schukow am 13. und 14. November 1945“, in Berichte der Landes- und Provinzialverwaltungen zur antifaschistisch-demokratischen Umwälzung, Berlin (Ost) 1989, S. 139f.
(3) vgl. André Winternitz, „Drahtseilbahnfabrik Adolf Bleichert“ (im Folgenden „Winternitz 2012“), in: http://www.rottenplaces.de/main/drahtseilbahnwerk-adolf-bleichert-3370/. Vgl. auch https://archive.is/20120730003014/http://www.ercl.net/2008-10-11b/album/slides/0062.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Bleichert_%26_Co.
(5) vgl. Ralf Christian Kunkel: DDR Baumaschinen. 1945–1990. 2. Auflage, Stuttgart 2010, wiedergegeben nach https://de.wikipedia.org/wiki/Autodrehkran_Bleichert.
(6) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Autodrehkran_Bleichert.
(7) vgl. Winternitz 2012.
(8) vgl. http://www.spiegel.de/fotostrecke/veb-fabrikruinen-verbluehende-landschaften-fotostrecke-110288.html
Siehe gesonderten Artikel von Matthias Judt, „Der 17. Juni 1953 bei der SAG Bleichert und seine Folgen“ (Link erstellen oder im Text Link setzen); gekürzte Fassung davon in Bürgerverein 2017, S. 55-58.
(9) vgl. Winternitz 2012. Winternitz gibt als Rückgabedatum das Jahr 1953 an. In diesem Jahr wurde die Rückgabe aber nur angekündigt, jedoch erst mit dem Jahreswechsel vollzogen.

Felsche – Goldeck – Leipziger Süßwarenbetrieb – ORSTA-Hydraulik

von Matthias Judt

Die Fabrik für Kakao- und Schokoladenherstellung W. Felsche in der Menckestraße trug eigentlich einen irreführenden Namen. Namenspatron Wilhelm Felsche (1798-1867) war bereits über fünf Jahre tot, als 1873 schließlich in Gohlis die Herstellung von Schokolade begann. Als gelernter Konditor hatte Felsche nur in seinen ab 1821 im Leipziger Zentrum betriebenen Konditoreien bzw. Cafés handwerklich produzierte Schokoladen verkauft. (1) Erst nach Felsches Tod sollte sich die Herstellung von Schokoladen zu einem selbstständigen industriellen Produktionszweig wandeln.

Felsches Schwiegersohn, Adolph Schütte-Felsche (1832–1908), der bereits 1856 Teilhaber im Unternehmen geworden war und ab 1867 die Firma gemeinsam mit Felsches Tochter Johanna (1834–1900) besitzen sollte, verlagerte ab 1873 die Produktion von Schokoladen nach Gohlis. Hier wurde im Jahr darauf die Kakao- und Schokoladenfabrik in Betrieb genommen. Dazu waren über die Zeit immerhin sechs Grundstücke entlang der Menckestraße erworben worden. (2)

1890 gab Adolph Schütte-Felsche die Betriebe im Stammhaus der Firma am Augustusplatz ab und konzentrierte die Geschäftstätigkeit des Unternehmens auf die industrielle Fertigung von Schokoladen. Aus dem Unternehmen wurde eine Gohliser Firma in Familienbesitz. (3) Am 27. August 1886 war nämlich dem ältesten Sohn Oskar Wilhelm Adolph Schütte-Felsche und schließlich am 6. März 1888 dem jüngeren Sohn Carl August Wilhelm (Willy) Schütte-Felsche die Prokura erteilt worden. (4)

In der Folge wurde das Fabrikgelände sukzessive erweitert und ausgebaut. Im Jahr 1897 wurde an der Menckestraße ein dreistöckiges, 26-achsiges Verwaltungs- und Verkaufsgebäude errichtet. Bis 1921 folgte der etappenweise Bau eines weiteren, zum Poetenweg gerichteten Gebäudes, das durch seinen abgewinkelten Grundriss, das zweigeschossige Mansarddach und die 37 Fensterachsen aus heutiger Sicht als Krönung der Anlage gelten kann. (5)

Bemerkenswert erscheint dieser Baufortschritt vor allem aufgrund der Tatsache, dass der 1. Weltkrieg auch für die Schokoladenproduktion einen herben zwischenzeitlichen Einschnitt bedeutete. Während des Krieges führten der Mangel an Rohkakao und die Tatsache, dass viele Beschäftigte zum Kriegsdienst einberufen worden waren, zur Einstellung der Schokoladenherstellung und zur Umstellung der Produktion auf Zuckerwaren und Hafererzeugnisse. Erst im Spätsommer 1919 konnte die Fertigung von Tafelschokolade wieder aufgenommen werden. (6)

1937 verlagerte Willy Schütte-Felsche den Großteil der Produktion in eine neue Betriebsstätte in Wahren. In Gohlis wurden fortan nur noch Vorprodukte der Pralinenherstellung erzeugt. Nachdem während des 2. Weltkrieges von der Firma ausschließlich Wehrmachtsbedarf (u.a. Scho-Ka-Kola) hergestellt worden war, wurden die Fabrikgebäude kurz vor Kriegsende bei einem Luftangriff am 27. Februar 1945 stark beschädigt. (7)

Nach der Flucht der letzten Eigentümer der Firma Felsche, die ab 1949 zunächst in Hamburg und später in den Bremer Hanseaten-Werken ein neues Unternehmen aufbauten, wurde die Leipziger Firma zunächst als Betrieb in Verwaltung durch die „Vereinigung Volkseigener Betriebe Nahrungs- und Genussmittel Sachsen“ geführt und 1952 dann verstaatlicht. Es entstand der VEB Süßwarenfabrik Felsche. Zur endgültigen Tilgung des alten Familiennamens Felsche aus der Unternehmensbezeichnung kam es schließlich wenige Jahre später mit der Umfirmierung des Betriebes in VEB Schokoladenfabrik Goldeck.

1962 fusionierten der VEB Goldeck und der VEB Empor zum VEB Leipziger Süßwarenbetrieb. Am Standort in Gohlis wurde jedoch nur noch bis 1967 die Süßwarenproduktion aufrechterhalten. Bereits ab 1961 waren Teile der Betriebsstätte durch branchenfremde Unternehmen genutzt worden. Ab 1968 übernahm der VEB ORSTA-Hydraulik das Werksgelände und brachte dort seine Forschungsabteilung unter. Neben Entwicklungsarbeiten für den zivilen Bereich wurden hier auch „Auftrage für die Landesverteidigung“ erfüllt, unter anderem Testreihen für die Panzerproduktion. (9)

1990 wurde das Kombinat ORSTA-Hydarulik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Unternehmen nutzte das Betriebsgelände in Gohlis noch bis 1994. Danach wurde es von der Treuhandliegenschaftsgesellschaft in die Verwaltung der Montan Wohnungsbaugesellschaft gegeben, die die Räumlichkeiten an verschiedene Selbstständige, Gewerbetreibende und Vereine vermietete. 2002 wurde das Gelände an die JUS Aktiengesellschaft für Grundbesitz veräußert, die daraus eine hochwertige Wohnanlage gestaltete. (10)

(1) vgl. „Fabrik für Kakao- und Schokoladenherstellung W. Felsche“, in: http://www.leipziggohlis.de/tourismus/felsche.html.
(2) vgl. ebd.; Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig von A – Z. PROLEIPZIG, Leipzig 2005, S. 145. Siehe auch: Susann Buhl: Wer nicht strebt, der nicht lebt! – Wilhelm Felsches Schokoladenimperium in Gohlis (im Folgenden „Buhl 2004“), in Leipziger Blätter Nr. 45, 2004.
(3) vgl. Adolph Schütte-Felsche – Fabrikant, in: http://www.leipzig-gohlis.de/historie/felsche.html.
(4) vgl. „Fabrik für Kakao- und Schokoladenherstellung W. Felsche“, in: http://www.leipziggohlis.de/tourismus/felsche.html.
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Felsche, dort nach Buhl 2004.
(6) vgl. Hansgeorg Herold, „Von der Wasserschenke zum Schokoladenpalais“ (im Folgenden „Herold, Schokoladenpalais“), in Bürgerverein Gohlis 2017, S. 153 – 159, hier S. 156f.
(7) vgl. Herold, Schokoladenpalais, S. 157.
(8) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Zetti; http://www.leipzigdasdorf.de/StadtBurger/Norden/Gohlis/Gohlis.htm, beide aufgerufen am 30. August 2017; http://www.schokoladenpalais.de/announcement/nachkriegszeit-sozialistische-volkswirtschaft-undwende/und https://de-m.wiki.ng/wiki/Zetti, beide aufgerufen am 19. November 2017.
(9) vgl. http://www.zetti.de/unternehmen/, aufgerufen am 30. August 2017; http://www.schokoladenpalais.de/announcement/nachkriegszeit-sozialistische-volkswirtschaft-undwende/,aufgerufen am 19. November 2017; https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Felsche, dort nachBuhl 2004.
(10) vgl. http://www.schokoladenpalais.de/announcement/nachkriegszeit-sozialistische-volkswirtschaftund-wende/, aufgerufen am 19. November 2017.

VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen Leipzig (VTA)

von Matthias Judt

Am 1. Januar 1954 wurde die SAG „Bleichert“ (1) wieder in deutschen Besitz übernommen und firmierte für kurze Zeit als VEB Bleichert Transportanlagenfabrik Leipzig. Auf Geheiß des DDR-Ministeriums für Maschinenbau wurde im Februar 1955 entgegen dem Wunsch der Betriebsleitung der Name „Bleichert“ aus der Firmenbezeichnung in zwei Schritten getilgt. Zunächst hieß das Unternehmen „VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen Leipzig, vormals Bleichert“. Dann wurde 1959 der an die Vorgängerunternehmen erinnernde Namenszusatz komplett gestrichen. (2) (3) Nicht nur das: Im Januar 2018 wurde im MDR-Fernsehen die Geschichte der Bleichert-Werke rekapituliert und dabei berichtet, dass die Produktion von Drahtseilbahnen – also dem Produkt, das einst den Ruhm der Bleichert-Werke ausgemacht hatte – nicht mehr fortgesetzt wurde. (4)

Die bereits in der Zeit als SAG hergestellten Autodrehkräne ADK-3 wurden weiter für den sowjetischen und heimischen Markt produziert, ab 1954 auch in einer Ausführung für den zivilen DDR-LKW „H3“ und den militärischen LKW „G5“, der bei der Kasernierten Volkspolizei (KVP) bzw. der nationalen Volksarmee (NVA) der DDR zum Einsatz kommen sollte. Zwischen 1953 und 1960 wurden zudem mit dem gleichen Oberbau insgesamt 507 Raupenkräne „Mitschurin“ gefertigt. 1954 begann darüber hinaus die Fertigung des ADK-5, der Lasten bis zu fünf Tonnen Gewicht heben konnte. (5)

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre obsiegte in der Führung des Unternehmens die Parteilichkeit gegenüber der Fachlichkeit. 1957/58 wurde der ingenieur-technisch versierte, nach planwirtschaftlichen Maßstäben aber nur wenig erfolgreiche Hauptdirektor von VTA Leipzig auf zähes Betreiben der SED-Betriebsparteiorganisation abgesetzt. (6)

In den 1960er Jahre pendelte sich die Beschäftigtenzahl wieder auf etwa 4.000 ein. Hauptprodukte waren später Bandanlagen für den Braunkohlentagebau, Kabelkrananlagen (darunter Containerkrane für Hochseehäfen), Pratzen- und Schwimmkrane, Kugelschaufler, Elektrokarren und Gabelstapler. (7) Dabei wurde das letztgenannte Produkt – Gabelstapler – im Bruch von Beschlüssen des „Rates fürgegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW, auch als Ostblock bekannt) hergestellt. Eigentlich war zwischen den Mitgliedstaaten des RGW vereinbart worden, die Produktion von Gabelstaplern in Bulgarien zu konzentrieren, doch diese zeichneten sich teilweise durch schlechte Qualität aus. Ein ehemaliger Betriebsdirektor (Detlef Jank) berichtete 2014, die bei VTA produzierten Gabelstapler seien „goldene Ware“ gewesen, die ihm „aus den Händen gerissen“ wurde. (8)

1973 erhielt der VEB VTA den „Ehrentitel“ Paul Fröhlich verliehen. Mit der Verleihung dieses Namens agierte die SED wenig sensibel. Beim Aufstand vom 17. Juni 1953 war die damalige SAG „Bleichert“ ein Schwerpunkt der Arbeiter-Streiks. Eine Reihe von Betriebsangehörigen waren danach Repressionen ausgesetzt, an denen Fröhlich maßgeblich beteiligt. Einige Mitarbeiter wurden zu Haftstrafen verurteilt. (9)

Exkurs: Paul Fröhlich (1913 – 1970)

1950 bis 1952: 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Leipzig-Stadt
Dezember 1952: Ernennung zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig – in dieser Eigenschaft gibt er am 17. Juni 1953 der Leipziger Volkspolizei den Befehl, auf die streikenden Arbeiter zu schießen
1954: Kandidat des SED-Zentralkomitees (also nichtstimmberechtigt)
1958: Mitglied des SED-Zentralkomitees (also stimmberechtigt)
1963: Kandidat des SED-Politbüros
1968: Mitglied des SED-Politbüros
1970: Tod infolge von Herz-Kreislaufversagens in Ost-Berlin
Paul Fröhlich galt zeit seines Lebens als getreuer Gefolgsmann des damaligen SED-Chefs Walter Ulbricht. 1968 setzte Fröhlich auf Geheiß von Walter Ulbricht die Sprengung der Universitätskirche am Karl-Marx-Platz (Augustusplatz) durch, denn es sollte keine Kirche mit dieser Adresse in Leipzig geben. (10)

Seit Bildung von Industriekombinaten in der DDR gehörte VTA zum VEB Schwermaschinenbaukombinat TAKRAF Leipzig und wurde 1985 sein Stammbetrieb, also eine Art Leitbetrieb. (11)

Nach der politischen Wende 1989 verringerte sich ihre Zahl auf 3.160 (April 1990). Im Zuge der Umgründung der früheren volkseigenen Betriebe zu Kapitalgesellschaften wurde zum einen das Kombinat TAKRAF aufgelöst und zum anderen die Verlade- und Transportanlagen Leipzig GmbH gegründet. Sie befand sich im alleinigen Besitz der aus dem ehemaligen Kombinat heraus neu gebildeten TAKRAF AG. Sie entschied sich in der Folgezeit dazu, ihre Standorte in Gohlis zu schließen. Was folgte war die Einstellung der gesamten Produktion und die Entlassung der Belegschaft. Am 1. April 1993 ging die VTA Leipzig GmbH in die Liquidation. Ihre Immobilien wurden von der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG) verwertet und gingen 2001 an eine Unternehmen, das drei Jahre später selbst insolvent wurde. (12)

2008 kaufte schließlich eine eigens gegründete Tochtergesellschaft der CG-Gruppe AG das Gelände. Seit 2015 baut sie das ehemalige Fabrikgelände zu einem Wohnviertel um. (13)

(1) vgl. SAG „Bleichert“, hier in Gohlis in Geschichte und Gegenwart (Link setzen)
(2) vgl. André Winternitz, „Drahtseilbahnfabrik Adolf Bleichert“ (im Folgenden „Winternitz 2012“), in: http://www.rottenplaces.de/main/drahtseilbahnwerk-adolf-bleichert-3370/; Manfred Hötzel, „Die Firma
Adolf Bleichert & Co. Leipzig-Gohlis und die Nachfolgebetriebe SAG Bleichert und VEB Verlade- und
Transportanlagen Leipzig (VTA)/Verlade- und Transportanlagen GmbH“ (im Folgenden „Hötzel“) (3), in Bürgerverein Gohlis (Hg.) 700 Jahre Gohlis. 1317 – 2017. Ein Gohliser Geschichtsbuch, Markleeberg 2017 (im Folgenden „Bürgerverein 2017“), S. 159-164; (anders bebiidert, aber fast identisch im Text:) ders., Adolf Bleichert & Co. Leipzig-Gohlis. Kleine Beiträge zu einer großen Geschichte (=Gohlis Forum, Sonderausgabe, Dezember 2010), Leipzig 2010.
(4) „Der Osten“ und „Echt“, im MDR-Fernsehen gesendet am 23. Januar 2018.
(5) zusammengetragen nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Autodrehkran_Bleichert.
(6) vgl. Friederike Sattler: Rezension von: Oliver Werner: Ein Betrieb in zwei Diktaturen. Von der
Bleichert Transportanlagen GmbH zum VEB VTA Leipzig 1932 bis 1963, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de /2005/07/7644.html
(7) vgl. Hötzel 2017, S. 163.
(8) wiedergegeben und zitiert nach: Rohnstock-Biografien (Hg.), Die Kombinatsdirektoren. Jetzt reden wir weiter. Neue Beiträge zur DDR-Wirtschaft und was daraus zu lernen ist, Berlin 2017, S. 109f.
(9) Siehe gesonderten Artikel von Matthias Judt, „Der 17. Juni 1953 bei der SAG Bleichert und seine Folgen“ (Link erstellen oder im Text Link setzen); gekürzte Fassung davon in Bürgerverein 2017, S. 55-58.
(10) vgl. Christian Rau, „Fröhlich, Paul Albert“, in: Sächsische Biografie, herausgegeben vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., wissenschaftliche Leitung: Martina Schattkowsky, Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi, aufgerufen am 07. Mai 2017.
(11) „TAKRAF“ stellt eine Abkürzung für Tagebau-Ausrüstungen, Krane und Förderanlagen dar. 11 vgl. Hötzel 2017, S. 163.
(12) Hötzel 2017, S. 164. 
(13) vgl. Hötzel 2017, S. 164; https://www.cg-gruppe.de/immobilien/projekte/in-ausfuehrung/bleichertwerke/399.

Jüdische Unternehmer in Gohlis/Möckern: Simon Reich und seine Haar-Zurichterei

von Reinhard Böhm, Text bearbeitet durch Matthias Judt

In der heutigen Bothestraße (der früheren Johann-Georg-Straße) befinden sich unter der Hausnummern 3 und 5 ein kürzlich saniertes Wohn- und ein Geschäftshaus. Damals verlief die Grenze zwischen Gohlis und Möckern in der Mitte der Straße, heute stellt die Bahnlinie die Grenze dar. Damit gründete der jüdische Kaufmann Simon Reich in Möckern ein Unternehmen, das später zu einer Betriebsstätte eines anderen Unternehmens in Gohlis wurde.

Simon Reichs Firma war Spezialbetrieb für die Zurichtung von Dachshaaren zu Rasierpinseln, Bürsten- und Besenbinderei. Nr. 3 wurde das Betriebsgrundstück und Nr. 5 das Wohnhaus der Leipziger Familie Reich. Deren Firma war seit dem 24.05.1909 im Handelsregister beim Amtsgericht Leipzig unter der Nummer HR 14048 eingetragen. Simon Reich wurde am 10.10.1868 in Kolomea, damals Österreich- Ungarn, geboren und war seit 1913 deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Kolomea (ukrainisch Kolomyja) liegt heute in der Westukraine, war einmal polnisch und fiel während der Teilung Polens 1772 an Habsburg. Die Stadt hatte einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil (etwa 50 Prozent), hauptsächlich Chassiden- Strenggläubige mit mystischen Ausprägungen. Die nördliche Innenstadt wurde wiederum von deutschen Siedlern 1818 gegründet und hieß damals Baginsberg.

Um die Wende zum 20.Jahrundert kamen viele Juden, die z.B. im Rauchwarengeschäft tätig waren, aus diesem Grenzgebiet der Habsburger Monarchie zum russischen Zarenreich nach Leipzig. Sie trugen hier zum wirtschaftlichen Erfolg und dem Ruf der Stadt als Rauchwarenzentrum wesentlich bei. Auch andere kamen, unter ihnen Simon Reich.

Das Unternehmen des Kaufmanns Simon Reich wuchs ab 1909 schnell. Anderthalb Jahrzehnte später besaß es bereits einen beträchtlichen Umfang. 1925 waren ca. 60 Mitarbeiter beschäftigt und erbrachten einen Umsatz von über einer Million Reichsmark. Nach der Machtübernahme durch die Nazis im Jahre 1933 geriet Reichs Firma unter Druck. Die Parolen der Nazis: „Kauft nicht bei Juden“ wirkten auch bei ihr. Der Umsatz der Haar-Zurichterei wurde wesentlich verringert, Leute mussten entlassen werden, so dass in den 1930er Jahren nur noch ca. 30 Mitarbeiter in der Firma beschäftigt waren.

Nachdem der Druck der Nationalsozialisten infolge ihrer Rassenideologie auf Juden immer mehr zunahm, eine sinnvolle wirtschaftliche Betätigung und ein gleichberechtigtes Leben nicht mehr möglich war, entschied sich Familie Reich rechtzeitig für eine Ausreise (Flucht) aus Nazi- Deutschland. Simon Reich, dessen erste Frau mutmaßlich aus Italien stammte und Deutschland zu kühl fand, hatte nach der Trennung neu geheiratet.

Mit seiner zweiten Frau Rosa verließ er im September 1935 Leipzig zur Kur nach Karlsbad und meldete sich am 31.08.1936 nach Nordfrankreich, Bethisy- St. Pierre in der Picardie, am Südrand des Waldes von Compiegne, ab. Simon und Rosa Reich gelang nach Beginn des II.Weltkrieges schließlich die Flucht aus Frankreich nach Portugal. Von dort glückte ihnen die Einwanderung in die USA. Simon Reich und seine Frau Rosa sind am 21.09.1951 in New York verstorben. Simon Reichs Söhne aus erster Ehe Josef, Leon, David, Moritz (Maurice), Hermann (bereits vor Simon Reich verstorben) und Ignaz (Irving) und ihre Nachfahren leben heute in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Brasilien. Rosa Reich selbst war kinderlos geblieben.

Bei der Flucht von Simon und Rosa Reich aus Deutschland wurde das gesamte Geschäftsinventar in beträchtlichem Wert zurückgelassen. Nach der sogenannten „Ausreise“ wurde gegen Reich durch das Finanzamt Leipzig- Nord am 1. Februar 1937 eine Arrestanordnung erlassen und aus `Ansprüchen` des Reichsfiskus auf alle beweglichen und unbeweglichen Vermögen der dingliche Arrest angeordnet und eine Sicherungshypothek im Grundbuch eingetragen. Das Unternehmen des Simon Reich wurde nach Angaben, die ein Werkmeister nach dem II.Weltkrieg machte, von einem Zwangsverwalter verschleudert. Der Betrieb sei über Nacht versiegelt und beschlagnahmt worden. Unterlagen zum Nachweis dieses Sachverhalts konnten aber nicht mehr aufgefunden werden.

Die beiden Immobilien des Herrn Simon Reich in der heutigen Bothestraße und dazu ein weiteres Grundstück in der Kirschbergstraße 71 in Möckern, das Reich vor 1933 erworben hatte, wurden am 18. Mai 1938 versteigert und gingen gegen ein Meistgebot von 43.000 Reichsmark an die Bankiers Herbert und Ralph Frege. Sie verkauften zumindest das Betriebsgrundstück in der Bothestraße 3 weiter an einen Karl Heyne , der fortan dort eine Außenstelle seines Unternehmens „Motoren-Heyne“ unterhalten sollte. Die anderen Grundstücke wurden nach einem sogenannten Zergliederungsanbringen abgetrennt.

Mit Schreiben vom 31. Dezember 1938 teilte die Industrie- und Handelskammer Leipzig dem Amtsgericht- Registergericht- mit, dass die im Handelsregister eingetragene Firma Simon Reich seit dem Verzug des Inhabers nach Frankreich in Leipzig keine Geschäftstätigkeit mehr ausübe. Die Firma wurde daraufhin am 8. Dezember1939 von Amts wegen im Handelsregister gelöscht.

Karl Heyne verkaufte wiederum am 13. September1939 das Betriebsgrundstück Bothestraße 3 weiter an Kurt und Max Kurt Kunter in Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die hier eine Spezialreparaturwerkstatt für Elektromotoren, Generatoren und Transformatoren aller Fabrikate und Stromarten betrieben.

Nach 1945 wurde die Reparaturwerkstatt verstaatlicht und bis 1990 dem VEB Elektromotorenwerk Grünhain zugeschlagen, welcher wiederum dem Kombinat VEM angehörte. Sie befasste sich hauptsächlich mit der Reparatur von Ankern für E- Motoren der Balkancar- Hebezeuge. Sie wurde nach 1990 geschlossen.

Nach langem Leerstand, Verfall und Vermüllung des ehemaligen Betriebsgrundstückes Bothestraße 3 haben die heutigen Eigentümer die alte Hülle sorgsam restauriert, denkmalgerecht mit der alten Firmenbezeichnung versehen und damit ein schönes Wohnhaus zur Freude der Mieter und Anwohner in der Bothestraße entstehen lassen.

Die „Alte Apotheke“ in Gohlis

von Ursula Hein

Seit der Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerschaft von Gohlis geradezu sprunghaft an. Deshalb forderte der Gohliser Gemeinderat eine Apotheke für seinen Ort. Der Apotheker Robert Münch, der schon 1866 in der Hauptstraße 64 nachgewiesen ist, fand im Parterre und im Erdgeschoss des Hauses Menckestraße 4 (damals Hauptstraße), einem schönen Neubau aus dem Jahre 1865, der dafür geeignete Räume auswies. 1873 wurde Apotheker Münch Inhaber der „Kronenapotheke genannten Einrichtung.

Einige Jahre später ließ er neben der Kirche an der Ecke der Leipziger Straße 8 ein großes Geschäfts- und Wohnhaus erbauen, das im Giebel auch heute noch die in Stein gemeißelte Inschrift „Apotheke“ und das Jahresdatum „1873“ trägt. Seit 1879/80 ist Robert Münch als Inhaber dieser Kronen-Apotheke nachgewiesen. Ab 1932 lautet die Adresse Gohliser Straße 42. Der Besitzer ist nun Apotheker H. Münch, der in der neuerbauten Kroch-Siedlung, Norderneyer Weg 8 wohnt. Die Apotheke führt ein Apotheker namens C. Böhme. Die Besitz- und Wohnverhältnisse ändern sich auch während des Krieges nicht.
Das Haus übersteht den 2. Weltkrieg unbeschadet. Seit1948 ist Carl Hayner als Apotheker nachgewiesen. Die Kronenapotheke wird 1952 als eine der ersten Apotheken in Leipzig verstaatlicht. Sie erhält den Namen „Alte Apotheke Gohlis“ und arbeitet eng mit der in der Menckestraße gegrün-deten Poliklinik zusammen.

Der Apotheker Günzel übergibt im August 1982 die Apotheke in die Hände von Frau Marga Keller, die schon vorher dort gearbeitet hatte. Jetzt erst gelang es, die Genehmigung für eine not-wendige Modernisierung der Räume durchzusetzen. Von 1982-84 dauerte die Umgestaltung und Erweiterung der Apotheke. Die Arbeitsbedingungen verbessern sich, die Lieferung erfolgt über eine Rampe. Die alte Originaleinrichtung wird durch eine moderne ersetzt. Das Arbeiten wird angenehmer, z.B. erfolgt jetzt die Warenanlieferung über eine Rampe statt durch die Fenster des Erdgeschosses.

Nach der politischen Wende 1989 wird die Alte Apotheke durch die Treuhand privatisiert, Frau Marga Keller übernimmt als eine der ersten Aptheker in Leipzig die Apotheke in Eigenregie. Zwei Jahre später werden Teile der Fassade renoviert, die Inneneinrichtung durch eine neue „alte“ er-setzt, um dem Namen „Alte Apotheke“ gerecht zu werden.

Nach einem Besitzerwechsel des Hauses Gohliserstraße 42 zieht die Alte Apotheke mitsamt der Inneneinrichtung 1998 in das gegenüberliegende Eckhaus Gohliser-Menckestraße. Die alte Einrichtung wird dann stilgerecht ergänzt. Knapp ein Jahrzehnt später geht die Apotheke in neue Hände über, die Apothekerin Marga Keller zieht sich in den vollverdienten Ruhestand zurück. Ihr Sohn Andreas Keller wird neuer Apotheker.
In die alten Räume kommt ein italienisches, seit 2020 spanisches Restaurant. Nur noch die Steininschrift am Giebel erinnert an die ursprüngliche Funktion des Hauses.

Das Käsehaus

von Ursula Hein

Wenn man die Breitenfelder Straße in Gohlis aufwärts fährt, sieht man kurz vor der Eisenbahnbrücke auf der linken Seite, eine Kuh. Hier befindet sich die Käserei Lehmann und das allseits bekannte Leipziger Käsehaus.

Seit 1948 wird in der Käserei Lehmann an dieser Stelle der beliebte Sauermilchkäse hergestellt. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte schon im 19. Jahrhundert. Schon 1898 war der Molkereimeister Hermann Lehmann als Molkereiverwalter in Oberelsungen bei Kassel tätig. 16 Jahre später zog er nach Leipzig und gründete einen eigenen Milchladen mit Großhandel. Sein Sohn Albert Lehmann führte die Traditionslinie weiter, er erwarbt 1931 den Gewerbeschein und begann Sauermilchkäse zu produzieren, den Großhandel gabt er jedoch auf. Nach dem Krieg 1948 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort. Seit diesem Zeitpunkt ist die Breitenfelder Straße 39 in Leipzig Produktionsstätte. 1967 geht der Betrieb an Sohn Bernd Lehmann über. Er führt ihn in Eigenregie weiter, baut ihn aus und verfeinert die altbekannten Produkte „Der Blaue“ und „Der Gelbe“. Als kleiner Betrieb unter 10 Beschäftigten konnte er auch in DDR-Zeiten als privates Unternehmen weitergeführt werden, da diese kleinen Handwerks- und Lebensmittelbetriebe wichtig für die Versorgung in der sozialistischen Warenwirtschaft waren.

Nach der Wende wurde 1990 der Großhandel wieder aufgenommen und erweitert. In Markkleeberg baute Bernd Lehmann gemeinsam mit Sohn Erik 1992 das Lager für den Vertrieb. Ab 1998 wurden immer wieder neue Lehmann-Produkte kreiert. z. B. zwei leckere Sorten Käsesalat und verschiedenen Käseaufschnittplatten .Diese Produkte werden heute unter der Leitung von Sohn Erik Lehmann, in Markkleeberg hergestellt und direkt von dort vertrieben. 2015 entstand dafür eine nagelneue Produktionshalle und das bis dahin bereits vorhandene Lager für den Großhandel, wurde gründlich modernisiert. Das Käsehaus selbst entstand im Jahr 2001direkt auf dem Grundstück der Käserei in Gohlis, als Verkaufs-, Service- und Schulungszentrum. 2015 wurde auch dieses unter der Regie von Tochter Beate Lehmann einer umfangreichen Renovierung unterworfen. Eine neue 11 Meter lange Theke hielt Einzug und eine einladenden „Käsehütte“ wurde geschaffen. In dieser gemütlich rustikalen Ecke des Käsehauses kann man nun genüsslich etwas schlemmen und genießen oder sich kulinarische Käse-und Wurstleckereien aus vielen europäischen Ländern direkt aus der Theke aussuchen und probieren. Auch Kaffee, Kuchen und die sächsischen Weine werden hier gern serviert. Die Herstellung einiger Hausprodukte kann der Kunde in der kleinen Schaukäserei ab und an live verfolgen. Direkt neben dem Eingang zum Käsehaus am großen Fenster, sieht der Kunde die Entstehung vom Sheepka (einer Frischkäserolle mit Feta und Balkan- oder Knoblauch/Dill Kräutern) oder einer der vielen leckeren Sorten Frischkäse (z. Bsp. Auwald-/ Antipasti oder Löwencreme ) Selbstverständlich gibt es alle Lehmann Produkte im Leipziger Käsehaus zu kaufen.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten war man bei Lehmann´s sehr fleißig. Ständig am umbauen, renovieren und modernisieren, um den sich fortwehrend ändernden Maßgaben und Normen in der Gesetzgebung für die Lebensmittelproduktion gerecht zu werden. Dies wird sicher auch in Zukunft der Fall sein, da gerade im Lebensmittelsektor die Anforderungen von Handel und Gesetzgeber stetig steigen.
Einer der wichtigsten Grundsätze und Prinzipien bei Käse Lehmann ist, der regelmäßige direkte Kontakt zum Kunden und da gibt es doch keinen besseren Ort als über die Ladentheke im Leipziger Käsehaus die Probleme, Anregungen, Vorschläge oder auch Kritikpunkte von den Kunden zu hören. Als regionaler Anbieter ist dieser Kontakt sehr wichtig. Daraus entstehen Ideen, dabei gewinnt man Erkenntnisse und dadurch entwickelt man sich weiter, um auch in Zukunft Ihr zuverlässiger regionaler Anbieter für leckere Käse- und Feinkostspezialitäten zu sein.

Mobilität und Verkehr in Gohlis heute

von Matthias Reichmuth

Die Beschäftigung mit Verkehrsthemen hat im Gohlis nach 1990 schon Tradition: So konnte die Arbeitsgruppe „Umwelt, Verkehr und Ordnung (UVO)“ des Bürgervereins Gohlis seit 1992 einiges erreichen, insbesondere eine Fuß- und Radwegverbindung entlang der S-Bahn-Gleise von der Lützowstra.e bis zur Breitenfelder Straße. Zu Zeiten, als die Georg-Schumann-Straße noch zwei Autofahrspuren in jede Richtung und keine Radstreifen hatte, entstand diese attraktive Alternativ route. Die „Bürger gegen Schall und Rauch“ arbeiteten ebenfalls schon viele Jahre als Initiative, bevor sie 2013 ihren Erfolg sehen konnten: Seither ist die Möckernsche Straße (größtenteils) Teil einer Tempo-30-Zone und nicht mehr Teil des Hauptverkehrsstraßennetzes, ebenso die gesamte Berggartenstraße. Im Magistralenrat wurde einstweilen die Entwicklung der Georg-Schumann-Straße begleitet, die durch eine neue Markierung im Jahr 2012 erstmals Platz für den Radverkehr bekam, nachdem ein Teil des Verkehrs auf die neue Bundesstraße 6 verlagert worden war. Im Bürgerprojekt „Starke Nachbarschaften durch aktive Beteiligung“ fand seit 2013 ein intensiver Dialog mit der Stadtverwaltung zur Gohliser Straße statt, der unter anderem 2015 in der Einrichtung einer Fußgängerampel an der Springerstraße mündete.

Der Bürgerverein Gohlis gründete im Januar 2015 eine neue Arbeitsgruppe „Mobilität und Verkehr in Gohlis“, zu der aktive Teilnehmer aus allen diesen Gruppen eingeladen waren, um zukünftig gemeinsam an Gohliser Verkehrsthemen zu arbeiten. Dabei zeigte sich bereits beim ersten Treffen ein breiter Grundkonsens in folgenden Punkten:

  • Kurze Wege und eine gute Nahversorgungsstruktur helfen in Gohlis bei der Vermeidung zu langer Wege und damit von Verkehr. Der Verkehr der kurzen Wege sollte daher vorrangig begünstigt werden.
  • Die Verbesserung der Aufenthaltsqualität, besonders aus Sicht der Fußgänger, ist wichtig.
  • Die Verkehrssicherheit hat Priorität.
  • Niedrige Geschwindigkeiten dienen der Verkehrssicherheit, dem Lärmschutz und der Lebensqualität.
  • Gesucht werden Lösungen, die ganzheitlich helfen, und nicht solche, bei denen nur Verkehrsströme von einer zur anderen Straße verschoben werden.
  • Die vorhandenen Initiativen, die in Gohlis diesen Konsens unterstützen, können gemeinsam mehr bewirken als einzeln.

Die Arbeitsgruppe, die sich seither regelmäßig trifft, konnte mittlerweile einige Themen  voranbringen. So wurden 2015 für eine Entschärfung und Umgestaltung des Kreuzungsbereichs an der Friedenskirche 357 Unterschriften gesammelt. Der Petitionsausschuss des Stadtrates befasste sich damit und erreichte, dass im Stadtrat zwei wesentliche Anliegen im März 2016 in einem Beschluss aufgegriffen wurden, nämlich eine baldige Umgestaltung des Einmündungsbereichs der Berggartenstraße sowie die Prüfung einer Tempo-30-Regelung in der Lützowstraße. Da die Umsetzung noch aussteht, fand im September 2016 in der Lützowstraße die erste „Fahrrad-Schiebe-Demonstration“ statt. Auch im Jahr 2017 bleibt dieses Thema auf der Tagesordnung der AG Mobilität und Verkehr in Gohlis.

2016 organisierte die Arbeitsgruppe das erste Gohliser Forum zum Radverkehr, in dem die Teilnehmer der Veranstaltung die Prioritäten bei rund 40 Schwachpunkten für den Gohliser Radverkehr bestimmten, welche zuvor im Rahmen eines öffentlichen Aufrufs gesammelt worden waren. Im Herbst wurden dann alle Punkte mit Jan Rickmeyer, dem Radverkehrsbeauftragten der Stadt Leipzig, besprochen.

Im gleichen Jahr wurde eine Liste zu Gohliser Schwachpunkten im Fußgängerverkehr zusammengestellt. Ebenfalls durch die Arbeitsgruppe organisiert wurde Ende 2016 eine Veranstaltung, in welcher die Leipziger Verkehrsbetriebe ihre Pläne zur Einrichtung einer neuen Haltestelle „Baaderstraße“ für die Linie 12 im Zuge der Virchowstraße vorstellten, die 2017 gebaut werden soll. Im Sommer 2016 war durch zwei Petitionen auf die bisher noch gefährliche Kreuzung an dieser Stelle hingewiesen worden. Die barrierefreie Haltestelle wird diese Situation wesentlich verbessern.

Die Termine der Treffen werden regelmäßig im Gohlis-Forum veröffentlicht.