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OL 5. Kirchengeschichte

Jüdisches Leben in Gohlis

von Steffen Held

Bis in die 1870er Jahre lebten in Gohlis nur wenige Juden. Erst in den 1880er Jahren und vor allem nach der Eingemeindung nach Leipzig 1890 stieg ihre Zahl zu einem hohen zweistelligen Bereich. Der Höhepunkt jüdischen Lebens entwickelte sich in den 1920er Jahren. In dieser Zeit bestand erstmals eine Synagoge, gab es mehrere Einzelhandelsgeschäfte, deren Inhaber Juden waren.

Für das Jahr 1864 ist erstmals ein jüdischer Einwohner in Gohlis nachweisbar. Es handelte sich um den Kaufmann Moritz Herzfeld, der mit einer Christin verheiratet war und in der Menckestraße 3 wohnte. Die Ehe mit der evangelisch-lutherischen Ehefrau Anna Sophie war aber nicht in Sachsen geschlossen worden, denn hier waren Ehen zwischen Juden und Christen nicht erwünscht. Auch das 1865 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch für das Königreich Sachsen enthielt ein Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Christen. Dieses Verbot verlor allerdings nach dem Beitritt Sachsens zum Norddeutschen Bund allmählich seine Wirkung.

Um 1845 war der Kaufmann Heinrich Hirsch nach Leipzig gekommen. Hier konvertierte er 1847 zum Protestantismus. Damit galt Hirsch nach der Religionszugehörigkeit der evangelisch-lutherischen Konfession zugehörig und konnte anders als Juden uneingeschränkt am bürgerlichen Leben teilhaben. 1863 zog er mit seiner Frau Johanne, geborene Wittgenstein, die ebenfalls aus einer jüdischen Konvertitenfamilie kam, und drei Kindern nach Gohlis. Wie mehrere christliche Leipziger Stadtbewohner besaßen auch einige wenige Juden seit den 1860er Jahren Grundstücke im dörflichen Gohlis, die vor allem in den Sommermonaten genutzt wurden. Ein solcher Sommergast war Gustav Plaut, Teilhaber des 1852 von seinem Bruder Jacob Plaut in Leipzig gegründeten Bankhauses H. C. Plaut. Jacob Plaut stiftete 1873 die Uhr für den Turm der Friedenskirche.

Für das Jahr 1890 weist die damalige Volkszählung im Königreich Sachsen für Gohlis unter 19.312 Ortsanwesenden 64 Juden aus. Zehn Jahre später hatte sich die Zahl der Juden nur unwesentlich auf 70 erhöht, während schon 30.114 Ortsanwesende gezählt wurden. Die Gesamtzahl der 1890 in Leipzig wohnenden Juden lag bei 4.070 Personen, die bis 1900 auf 6.170 anstieg. Für 1925 weist die Statistik 573 Juden in Gohlis aus. Unter den 1890 eingemeindeten Vororten wies Gohlis damit die höchste Zahl jüdischer Bürger auf.

Eines der ersten Warenhäuser, die in Gohlis eröffnet wurden, war Adler’s Warenhaus. Es befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes Äußere Hallische Straße 107 (dann Hallische Straße 127). Inhaber war der Kaufmann Jacob Adler, der mit Frau und Tochter bis Anfang der 1920er Jahre auch in diesem Haus wohnte. 1929 verkaufte Adler sein Geschäft. Der Nachfolger firmierte unter dem Namen Adlers Warenhaus. 1934 schloss das Warenhaus und ein Friseurgeschäft und eine Rossschlächterei zogen in die Räume ein.

Der erste Betraum wurde 1922 im Schillerweg 31, im Hofgebäude, geweiht. Es war eine orthodoxe Synagoge, die den Namen Scha’are Zedek (Tore der Gerechtigkeit) erhielt. Sie wurde von Privatpersonen wie dem in der Elsbethstraße wohnenden Borstenhändler Barney Taub finanziert. Als Vorbeter wirkte Josef Kober. Eigentümer des Grundstücks war die Bierbrauerei Kleinkrostitz. An der Synagoge wirkte möglicherweise Hermann Ludwig als Rabbiner. Ludwig wohnte seit etwa 1914 in der Menckestraße 12. Dem Leipziger Adressbuch ist zu entnehmen, dass er anfangs als Prediger und Lehrer arbeitete, später als Rabbiner und Religionslehrer.

Nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der „Wohnstadt Neu-Gohlis“ durch die A. G. für Haus- und Grundbesitz im Jahre 1930 bezogen auch Juden die neuen Wohnungen. In der Wohnung des Handelsvertreters Josef Verderber in der Wilhelmshavener Straße 2c (heute Beyerleinstraße) richteten mehrere jüdische Mieter einen Betraum ein. Einige Zeit später entstand ein neuer Betraum im Sockelgeschoss der Landsberger Straße 90, zuständig war der im Norderneyer Weg 18 wohnende Kaufmann Erich Blumenfeld. Da das bauausführende Unternehmen eine Tochterfirma des Bankhauses Kroch jun. KG a. A. war, wurde das Neubaugebiet umgangssprachlich als „Krochsiedlung“ bezeichnet. Etwa 2500 Menschen wohnten in der Krochsiedlung. 1932 bis 1934 lebte der Schauspieler Joachim Gottschalk mit seiner jüdischen Frau, der Schauspielerin Meta Wolff, und dem 1933 geborenen Sohn im Norderneyer Weg 5a. Gottschalk hatte ein Engagement am Alten Theater in Leipzig. 1947 erinnerte Kurt Maetzig im DEFA-Film „Ehe im Schatten“ an das Schicksal des Ehepaars Gottschalk im NS-Staat.

Für die nationalsozialistische Judenverfolgung sticht eine besondere gewalttätige Aktion in der Krochsiedlung hervor. Am 10. November 1938 gingen die im Stadtteil Gohlis wohnenden Nationalsozialisten ähnlich wie in der Nordvorstadt besonders aggressiv gegen Juden vor. Nachdem am Vorabend in München Propagandaminister Goebbels zu einem landesweiten Pogrom aufgerufen hatte, durchkämmten Nationalsozialisten in den Morgen- und Vormittagsstunden die Krochsiedlung. Organisiert wurde die Aktion vom NSDAP-Ortsgruppenleiter, der die Zellen- und Blockleiter am frühen Morgen versammelt und auf die Gewaltaktion einstimmte. Dazu wurde eine Namensliste der Wohnungen jüdischer Mieter zusammengestellt und mehrere Trupps von 40–50 Männern gebildet. Die Pogromtäter warfen Fensterscheiben ein, brachen mit Äxten und Brechstangen Wohnungstüren auf und schlugen auf jüdische Mieter ein. Eine größere Zahl Frauen und Männer wurde unter Schlägen und Tritten auf einem Wäschetrockenplatz zusammengetrieben und dann über die Landsberger Straße zur Treitschkestraße

(heute Hans-Oster-Straße) eskortiert. Ziel war die Turnhalle der ehemaligen 4. Katholischen Volksschule, wo die Juden eingesperrt wurden. Unter den Gefangenen waren beispielsweise der Rauchwarenhändler Bruno Alexander und der ehemalige SPD-Stadtrat und damalige 1. Vorsitzende der Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Julius Krause. Während Alexander am 13. November in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde, aber Anfang Dezember 1938 frei kam und ihm und seiner Frau die Emigration nach Shanghai gelang, kam Krause am 11. November in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er vier Tage später starb. Seine Frau Rosalie Krause war von den Ereignissen so schwer traumatisiert worden, dass sie am 8. Januar 1939 starb.

Am Nachmittag des 10. November 1938 hatte Goebbels die sofortige Beendigung des „Volkszorns“ gegen die Juden angewiesen. Daraufhin fuhren Polizeifahrzeuge durch Leipzigs Straßen und verbreiteten über Lautsprecher diese Weisung. Doch abends versammelten sich in Gohlis die Täter erneut und zogen skandierend durch die Siedlung. Dieses Vorgehen war einzigartig in Leipzig.
Im Mai 1947 fand beim Landgericht Leipzig eine Schwurgerichtsverhandlung mit fünf Verhandlungs –

tagen statt. Angeklagt waren 16 Personen, darunter eine Frau, wegen Beteiligungen an der Gewaltaktion am 10. November 1938 in der Krochsiedlung. Verurteilt wurden acht Männer. Die Strafen bewegten sich zwischen zwei Jahren Gefängnis und drei Monaten Gefängnis. Verurteilt wurde auch der Fleischermeister Kurt Fleischhauer, der in der Fleischerei in der Danziger Straße (heute Max-Liebermann-Straße) arbeitete. Auf der einen Seite beteiligte er sich an den Ausschreitungen, andererseits gewährte er den jüdischen Eheleuten Goldmann aus der Montbéstraße 9 (heute Trufanowstraße), die er als Kunden der Fleischerei kannte, am 10. November 1938 Zuflucht in seiner Wohnung. Als strafmildernder Umstand wurde diese menschliche Handlungsweise jedoch nicht gewertet. In der Urteilsschrift wird die Zahl von 90 Jüdinnen und Juden genannt, die in der Turnhalle der katholischen Volksschule gefangen gehalten worden seien. Die Annahme, dass von dort einige noch im Laufe des 10. November in ein Konzentrationslager deportiert wurden, trifft nicht zu. Der erste Transport von Verhafteten aus Leipzig erfolgte am 11. November 1938 in das KZ Buchenwald. Zwei Monate nach der Urteilsverkündung gegen die 16 Angeklagten wurde ein weiterer Täter, der in der Krochsiedlung beteiligt war, in Untersuchungshaft genommen. Am 21. November 1947 fand die Hauptverhandlung gegen den kaufmännischen Angestellten und ehemaligen NSDAP-Blockleiter beim
Landgericht Leipzig statt. Der Angeklagte wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 1. Juni 1939 gab es in der Krochsiedlung noch 42 Wohnungen mit jüdischen Mietern. Am 22. November 1939 bestanden noch sechs Mietverhältnisse mit Juden, bereits am 1. Januar 1940 wohnten keine Juden mehr in der Siedlung. Seit Herbst 1939 hatte die in der Stadtverwaltung geschaffene Judenstelle Juden Wohnraum in sogenannten Judenhäusern zugewiesen. In Gohlis waren die Wohnhäuser Gohliser Straße 1 und 11, deren Eigentümer Juden waren, zu „Judenhäusern“ erklärt worden.

Aber auch in Gohlis wohnten Menschen, die Juden halfen und Leben retteten. Stille Helden wie Georg Jünemann und seine Töchter Marie Jünemann und Josephine Zauzich versteckten untergetauchte Juden. Der Katholik Jünemann war bis 1938 Direktor der 4. Katholischen Volksschule und wohnte mit seinen Töchtern in der Jägerstraße 15. Am 17. September 1942 nahmen sie die Eheleute Walter und Hilda Leopold und die fünfj.hrige Tochter Anneliese für einige Zeit auf, halfen dann dabei, eine andere sichere Bleibe zu finden und trugen mit dazu bei, dass die Leopolds den Holocaust überlebten.

Nach dem Holocaust wohnten wieder einige Juden in der Krochsiedlung, darunter auch Aron Adlerstein und seine Frau Ruth. Adlerstein war von 1988 bis 2000 Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

Heute erinnert manches in Gohlis an das jüdische Leben bis 1945. Am 24. Mai 2007 wurden für Julius und Rosalie Krause im Wangerooger Weg 17 Stolpersteine verlegt. Auch für andere Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wie die Familie Gattermeyer in der Ehrensteinstraße 32 oder die Familie Philippsohn im Poetenweg 15 wurden Stolpersteine verlegt. Seit November 2000 gibt es im Stadtteil Sellerhausen-Stünz die Julius-Krause-Straße. In Gohlis erinnern Straßennamen an das Wirken der Pädagogin Hedwig Burgheim und des Juristen Martin Drucker. 2012 nahm die damalige 75. Grundschule im Jörgen-Schmidtchen-Weg als Ehrennamen Hans-Kroch-Schule an.

In der DDR hatte der Pfarrer der Versöhnungskirchgemeinde Siegfried Theodor Arndt neue Wege für einen christlich-jüdischen Dialog beschritten. Arndt war von 1971 bis 1985 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum.

Die Friedenskirche in Gohlis – Die älteste erhaltene Leipziger Kirche im neogotischen Stil

von Annekatrin Merrem und Agnes Niemann

Der ehemalige Leipziger Vorort Gohlis war mit seinen Rokokoschlösschen im 19. Jahrhundert ein beliebter Ausflugsort und Sommerwohnsitz vieler Leipziger Bürger. Als Orientierungspunkt in der Silhouette des Ortes diente vor dem Bau der Kirche in den Jahren 1871 bis 1873 allein der weithin sichtbare, prachtvoll gestaltete Turm des Schlösschens, das damals auch den Namen Turmgut trug.

Die Gohliser Kirchgemeinde wurde erst im Jahr 1869 aus der Eutritzscher ausgemeindet. Etwa zur gleichen Zeit wurde als Bauplatz für eine neue, eigene Kirche ein Ort unweit des historischen Dorfangers an der Menckestraße gewählt, der sich am Ende der zum historischen Leipziger Stadtkern führenden Gohliser Straße befand. Die Vorgaben beim Wettbewerb für den Kirchenneubau bezogen sich u.a. auf den Bauplatz, die Anzahl der Sitzplätze und die Grundform der Kirche als dreischiffiges, längsrechteckiges Gebäude mit Chor, Sakristei- und Kapellenanlagen im Osten. Die Baukosten durften die Summe von 30.000 Talern nicht überschreiten. Zum Baustil gab es keine Vorgaben, jedoch sollte der Bau als Backstein-Verblendbau, gegebenenfalls mit Sandsteindekoration, ausgeführt werden.

Schlussendlich standen zwei Entwürfe zur Realisierung zur Auswahl. Die Pläne des Architekten und Kirchenbaumeisters Hugo Altendorff (1843-1933) erhielten schließlich den Vorzug vor denen des Architekten Oscar Mothes. Neben den zu erwartenden Baukosten schien vor allem der Kirchenbauentwurfs von Altendorff als eher zurückhaltend gestaltete „Dorfkirche“ zu überzeugen, während der Entwurf von Mothes nach Auffassung der Gutachter eher den Charakter einer „Schlosskirche“ – vielleicht bewusst in Korrespondenz zum naheliegenden Rokokoschlösschen gedacht – hatte. In einer Stellungnahme des Vereins für kirchliche Kunst in Sachsen wurde dementsprechend auch die Hoffnung ausgedrückt, dass durch die Umsetzung des Entwurfs von Altendorff „…nun Leipzigs nähere Umgebung ein wirklich würdiges und der verweltlichten Architektur-Richtung entschieden Front machendes Gotteshaus bekomme, das anregend dort wirken muß…“.

Hugo Altendorff war als Architekt hauptsächlich auf den Bau eher dörflicher, vorstädtischer Kirchen spezialisiert. Die Friedenskirche ist ein Zeugnis seiner recht puristischen Auffassung zur Gestaltung evangelischer Kirchenbauten in enger Anlehnung an die liturgischen Vorgaben des Eisenacher Regulativs. Sein Streben nach „architektonischer Wahrheit“ suchte er im Ziegelrohbau in gotisierender Formensprache ohne unnötige ornamentale Details zu verwirklichen. Beim Bau der Friedenskirche ging Altendorff in diesem Sinne besonders weit, indem selbst die gesamte oktogonale Turmspitze als Ziegelrohbau aus frei gemauerten gelblich-braunen Formziegeln aus der ActienZiegelbrennerei zu Greppin bei Bitterfeld ausgeführt wurde.

Die schnörkellose, gemauerte Turmspitze mit schlichtem vergoldeten Kreuz als höchster Punkt des Gotteshauses bildet noch heute im Stadtbild einen wirkungsvollen Kontrast zu der von einer beschwingten Wetterfahne bekrönten Turmhaube des Schlösschens. Sie wurde in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends detailgenau mit Formsteinen, die nach dem historischen Vorbild hergestellt wurden, erneuert. In einem der ersten Sanierungsabschnitte wurde die dringend erforderliche Dachneueindeckung unter Verwendung von Ziegeln nach Muster der bauzeitlichen Dachsteine realisiert. Den Boden des Inneren der Kirche bildet seit der Sanierung Gussasphaltboden, zudem wurden die alten Sitzbänke zugunsten von Stühlen entfernt, wodurch eine flexiblere Nutzung des Kircheninneren möglich wurde.

Seit dem Jahr 1999 ist die Friedenskirchgemeinde mit der Michaelisgemeinde vereinigt. Heute werden Gottesdienste hauptsächlich in der Michaeliskirche am Nordplatz gefeiert, die Friedenskirche soll als Ort lokaler Identität in Zukunft vorrangig für eine stadtteilbezogene Nutzung, Konzerte und Ausstellungen entwickelt werden und wird darüber hinaus seit einiger Zeit als „Jugendkirche“ genutzt. Gemeinde und Förderverein der Kirche engagieren sich für die stufenweise Sanierung der Kirche, die trotz veränderter Nutzung ihren Charakter als Gotteshaus behalten soll.