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OL 1. Anfänge bis heute

Archäologische Funde aus Gohlis

von Ursula Hein

Das Dorf Gohlis lag nicht im Blickfeld der Archäologen. Erst nach Eingemeindung und Ausbau zu einem beliebten Stadtteil mit neuen Siedlungs- und Industriegebieten hätte es Arbeit für die Ausgräber gegeben. Doch hat man, um den Ausbau nicht zu verlangsamen, lieber archäologische Fundstellen zerstört. Erst in den 90er Jahren wurden die archäologischen Funde die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt .
Nur wenige Streufunde werfen Schlaglichter auf die ur- und frühgeschichtliche Situation von Gohlis.

Der Einzelfund eines Schuhleistenkeils (Dechsel oder Flachbeilen) aus einer Art Basalschiefer (Amphibolithschiefer) wurde schon 1896 gemeldet. 1906 wurde am Gohliser Exerzierplatz eine facettierte Axt aus Amphibolit gefunden, Rückschlüsse auf Zeit und Fundplatz lassen sich daraus nicht ziehen.
Ende Oktober 1937 untersuchte Kurt Braun eine Fundstelle im Gartenverein Erdsegen. „Herr Lehrer Laudel hatte beim Ausheben eines Baumloches eine Anzahl Scherben in 1m Tiefe gefunden und er ins Naturkundliche Museum der Stadt gebracht“.

Die Scherben stammen von verschiedenen jungbronzezeitlichen Gefäßen, darunter wenigstens ein großes, dickwandiges Gefäß. Weitere Scherben ließen nach Meinung Kurt Brauns auf eine jungbronzezeitliche Siedlung schließen.

Weitere Einzelfunde von wenigen Feuersteinartefakten bringen keine weiteren Erkenntnisse. Oberlehrer Moschkau, ein Vertrauensmann für Bodenaltertümer im Bezirk Groß-Leipzig, beschreibt ein kleines Steinbeil, das am 20.7.1944 aus dem Auswurf eines Bombentrichters in der Pariser Straße/heute Virchow-Straße geborgen wurde. Ein Fundzusammenhang war natürlich nicht zu klären. Während in Leipzig von der Bronzezeit bis ins Mittelalter zahlreiche Fundstellen belegt sind, scheint Gohlis fundleer zu sein. Nur eine wohl slawische Scherbe aus der Menckestraße (Grabung GQI-21) könnte zeitgleich mit der ersten urkundlichen Erwähnung von Gohlis einhergehen (1317 n Chr. Golzu bzw. 1359 n Chr., Golusch). Erst aus der Zeit der Völkerschlacht 1813 gibt es wieder Fundmaterial. 2011 fand sich bei der Verlegung einer neuen Trinkwasserleitung im Bereich des ehemaligen Kasernenareals – heute Kaisergärten- eine längliche Grube mit menschlichen Knochen. Die archäologischen Untersuchungen (GQI-18) identifizierten zehn ev. auch dreizehn 13 Einzelindividuen des Massengrabes.

Die Toten waren ohne erkennbare Regelmäßigkeit und äußerst spärlich bekleidet ins Grab „verbracht“ worden. Der Fund eines Uniformknopfes mit zwei Kanonen auf einem Anker weist die Bestatteten der französischen Armee, genauer dem 1.Regiment der französischen Marineartillerie zu. Es handelt sich wohl um französische Soldaten, die bei den Kämpfen um Möckern während der Völkerschlacht am 16.Oktober 1816 fielen und deren geplünderte Leichen im Massengrab verscharrt wurden. bekleidet ins Grab „verbracht“ worden. Der Fund eines Uniformknopfes mit zwei Kanonen auf einem Anker weist die Bestatteten der französischen Armee, genauer dem 1.Regiment der französischen Marineartillerie zu. Es handelt sich wohl um französische Soldaten, die bei den Kämpfen um Möckern während der Völkerschlacht am 16.Oktober 1816 fielen und deren geplünderte Leichen im Massengrab verscharrt wurden

Die jüngsten, archäologischen Untersuchungen erfolgten als Bauvorbereitung für den neuen REWE-Markt an der Breitenfelder Straße, Ecke Möckernsche Straße. Auf diesem unbebauten Areal standen zunächst eine DDR-Kaufhalle und nach 1990 ein kleiner REW-Markt.(Abb.3) Auf diesem „Knochenplatz“ genannten Areal war von 1851-1868 der Gohliser Friedhof, der dann an den heutigen Viertelsweg/ Franz-Mehring-Straße der neue Gohliser Friedhof verlegt wurde. Die Fundamente der Bebauung von 1949 hatte das Areal zwar stark gestört, jedoch fanden sich bei den neusten Bauarbeiten noch Gräber von 13 Personen in randlicher Lage zum parkähnlichen Eckgrundstück. Es erstaunt doch sehr, dass diese Toten bei der Auflassung des Friedhofs im 19. Jahrhundert nicht auf den neuen Friedhof umgebettete wurden.

Der Dorfanger – der alte Ortskern von Gohlis

von Ursula Hein

Der Haupt- und spätere Menckestraße
1317 erstmals urkundlich erwähnt, dürfte das Dorf Gohlis eine deutlich ältere slawische Gründung mit dem Namen Goluz sein. Die Lage des Ortes auf eine Anhöhe der Auenniederung entspricht dem Verlauf der heutigen Menckestraße. Entlang der Straße mit dem Anger gruppierten sich die Bauergehöfte.

Der Anger diente jahrhundertelang als Zentrum des Dorfes. Hier stand seit 1685 die Schule, ein kleines flaches Gebäude mit der Lehrerwohnung. 1774 wurde sie aufgestockt und erhielt einen tapezierten Betsaal mit Orgel, Kanzel und Gestühl, eine Stiftung des reichen Schlossbesitzers J. G. Böhme, der auch die Straße pflastern ließ.

Neben der Schule entstand ein Gebäude für die Feuerwehr mit Arrestzelle und dem außen angebrachten Pranger.

1818 wurde das Schulgebäude umgebaut, die Lehrerwohnung vergrößert und ein Garten angelegt. Im 1. Stock war nun die Gerichts- und Gemeindestube, im Erdgeschoss wurde der Leichenwagen neben die Feuerspritze gestellt. Der Anger beherbergte nun die wichtigsten öffentlichen Einrichtungen des Dorfes, was fehlte, war aber weiterhin eine Kirche. Im 19. Jahrhundert reichten die öffentlichen Bauten auf dem Anger nicht mehr aus, das Dorf vergrößerte sich. Eine neues Schulgebäude entstand am heutigen Kirchplatz, seit 1873 hatte das Dorf eine eigene Kirche, die heutige Friedenskirche. Die Gebäude auf dem Anger wurden schließlich 1887 abgerissen und der Platz zu einer Grünanlage umgestaltet. Aus dem Bauerndorf wurde durch den Bau mehrstöckige Wohn- und Mietshäuser, den sogenannten Bürgerhäuser, ein modernes Wohnviertel, das sich schließlich 1890 von Leipzig eingemeinden ließ.

In der Hauptstraße gab es seit den 1890er Jahre eine Pferdekutsche, die die Verbindung zu Leipzig herstellte. Seit 1873 finden sich Gleise für die Leipziger Pferdebahn, die bis zur Gaststätte Weintraube führte. Mit der die elektrische Straßenbahn hielt seit 1890 der Fortschritt seinen Einzug in den neuen Leipziger Stadtteil. Die Hauptstraße wurde dann 1900 in Menckestraße umbenannt

Der Haupt- und spätere Menckestraße
Um 1900 wurde die Hallesche Straße, die heutige Georg-Schumann-Straße, zur Hauptstraße von Gohlis, doch Mittelpunkt des Stadtteils, der jetzt auch über eine eigene Kirche verfügte, blieb weiterhin die Menckestraße mit dem Gohliser Schlösschen, dem Schillerhaus, der Gaststätte Kaiser Friedrich. Neue bürgerlich-repräsentativen Wohnbauten versammelten sich um den alten Ortskern. Die Oberschenke wurde für lange Zeit Treffpunkt für Einheimische und Ausflügler, 1908 musste sie wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Eine Gedenktafel erinnert heute noch an die Oberschenke.

In den 30er Jahren erbaute der Zeitungsverlag Edgar Herfurth & Co. hier ein Doppelwohnhaus für seine Beschäftigten.

Seit 1870 entstand im westlichen Teil der Menckestraße die Schokoladenfabrik Felsche, die sich in DDR-Zeiten zum VEB Goldeck wandelte. In den 60er Jahren arbeitete in diesen Werkhallen die Forschungsabteilung des DDR-Kombinates orsta hydraulik. Nach 2000 entstanden hier Wohnungen, die Gohliser Industrieecke war zum beliebten Wohngebiet geworden. Im Jugendstilhaus Nr. 19 entstand nach 1945 die Poliklinik Nord, seit 1992 ersetzt durch das Ärztehaus in der Nr. 17.

1992 feierte der neu gegründete Bürgerverein Gohlis das 675-jährige Jubiläum von Gohlis mit einem Straßenfest auf der Menckestraße und einer Festveranstaltung im Gohliser Schlösschen. Ein Wandbild mit Gohliser entstand an der Außenmauer des Grundstücks Nr. 32, noch heute erinnert es im Durchgang zum neuerbauten Wohnhaus Nr. 30 an die Ereignisse.

Literatur:
Ebert, Willy, Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes Leipzig 1926 Hötzel, Manfred, Der alte Ortskern von Gohlis In:700 Jahre Gohlis Leipzig 2017 S.31ff.

Gohlis in Kriegszeiten

von Ursula Hein

Das kleine Dorf Gohlis lag vor den Toren der großen befestigten Stadt Leipzig, die immer wieder zum Schauplatz kriegerischer Ereignisse wurde. So konnte es nicht ausbleiben, dass das Dorf von der Stadt nicht nur profitierte, sondern auch die Folgen der Kriege deutlich spüren musste. Zwar fan-den die Kriegshandlungen nicht direkt im Dörfchen statt, aber Einquartierungen, ob von Feind oder von Freund, und Plünderungen ebenso durch Feinde wie durch Freunde, lassen sich in der Ge-schichte des Örtchens immer wieder aufzeigen.
Zwar konnten die Bewohner bei drohender Kriegsgefahr in der ummauerten Stadt mit ihrem Vieh Zu-flucht erhalten, ihr Dorf aber wurde geplündert und niedergebrannt. Auch als Gohlis 1870 zum Stadt-teil Leipzigs geworden war, hatte es unter Kriegsfolgen unterschiedlichen Ausmaßes zu leiden. Es gab Einquartierungen von Soldaten oder Verwundeten bis ins 20. Jahrhundert belegt, auch von Bom-bardierungen im Zweiten Weltkrieg wurde es nicht verschont.
Auf einen Teil der Kriege soll in einzelnen Kapiteln eingegangen werden:

  1. Der Schmalkaldische Krieg 1546-1547
  2. Der Dreißigjährige Krieg 1618-48
  3. Der erste Schlesische Krieg1740 bis 1763
  4. Die Napoleonischen Kriege bzw. Die Befreiungskriege1813-15
  5. Die Garnison Gohlis-Möckern 1866-19
  6. Die Weltkriege 1914-18 und 1939-45

1.Der Schmalkaldische Krieg (1546–1547)

In diesem ersten Religionskrieg nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555
stand der Schmalkaldische Bund aus protestantischen Landesfürsten und Reichsstädten gegen die katholische Seite mit dem Kaiser an der Spitze.
Von Süddeutschland aus verlagerte sich der Krieg in den sächsisch-thüringischen Raum. Herzog Moritz von Sachsen (1521–53) stand – obwohl Protestant – auf Seiten des katholischen Kaisers, um die angestrebte Kurfürstenwürde zu erhalten, die sein Vetter Johann Friedrich (1503–54) innehatte. Moritz sollte im Auftrage des Kaisers an Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen die Reichsacht voll-strecken. Der Kurfürst kam von der Donau, eroberte sein Land zurück und wollte Herzog Moritz aus Leipzig vertreiben.
Dieser ließ die Befestigungen der Stadt verbessern, Ranstädter und Hallesche Abb. 4 Stadtansicht Leipzig, Belagerung 1547Vorstadt abtragen, die Tore schützen und damit die Stadt belagerungsfest machen. Die umliegenden Dörfer wurden dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Gohliser sollten ihr Hab und Gut in die befestigte Stadt bringen, zögerten aber so lange, bis die anrückenden Landsknechte das Dorf niederbrannten, flohen dann in die Stadt zu Verwandten und Freunden, ande-re wurden im Universitätsbereich und ihr Vieh im Paulinerkollegium untergebracht.
Am 6. Januar begann mit heftiger Beschießung die Belagerung der Stadt durch Kurfürst Johann Friedrich, schon am 29. Januar 1547 gab er die Belagerung aus finanziellen und witterungsbedingten Gründen wieder auf. Nach dem Abzug der Truppen gab es weiterhin marodierende Feinde im Um-land, das Niederbrennen der Gohliser Mühle ist für den 27. Februar 1547 belegt.
In der Folge wurde der Ort Gohlis mit Leipziger Hilfe wiederhergestellt, die Stadt verzichtet auf die Hälfte des jährlichen Erbzinses. Die Gohliser Bauern profitierten dann durch den Zuzug von Flücht-lingen aus Antwerpen.

2. Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Von direkten Kriegshandlungen blieben Leipzig und Umgebung in den ersten Kriegsjahren verschont. Um dem Brotmangel in Leipzig zu begegnen, durften die Gohliser Bauern ihr Brot in der Stadt direkt verkaufen. Die Ausrüstung eines „Heerfahrtwagens“, eines Proviant- und Trosswagens mit Fuhr-pflicht für die Ausrüster, gemeinsam mit den Eutritzschern, kostete zunächst 561, dann 1623 erneut 364 Taler. In der Zeit von 1631 bis 1649 wurde Gohlis fünfmal niedergebrannt und verwüstet, die Bewohner mussten mehrmals in das befestigte Leipzig flüchten. 1631 stellte der kaiserliche Heerfüh-rer Graf von Tilly (1559–1632) bei der Belagerung der Stadt mit 40000 Mann seine Feuermörser zwi-schen Gohlis und Pfaffendorf auf und bezog Quartier in den umliegenden Dörfern. Die Stadt musste sich ergeben, doch schon wenig später bezogen die Schweden Quartier, erst die Schlacht bei Brei-tenfeld be -endete 1631 die Einquartierungen.
1632 waren es die Kaiserlichen, die die Dörfer niederbrannten. 1635 verursachte ein Soldat eine Feuersbrunst in Gohlis. Dabei wurden 16 Bauernhöfe eingeäschert, also fast das ganze Dorf. 1637 plünderten die Schweden den Ort, der zudem durch die Pest ein Drittel seiner Bevölkerung verlor. Vier Jahre später plünderten die Schweden erneut die Gegend um Leipzig, eine weitere Schlacht bei Breitenfeld 1642 brachte Gohlis noch einmal schwedische Besatzung, die erst am 30. Juni 1650 ab-rückte. Der Dankgottesdienst am 22. Juli 1650 beendete für die Gohliser endgültig diesen Krieg, je-doch sollten seine Folgen wie Ernteverluste und Zerstörungen noch Jahre zu spüren

3. Der erste Schlesische Krieg1740 bis 1763

Kaum ein Jahrhundert nach dem 30.jährigen drohten neue Kriege. Friedrich II. von Preußen (1712–1786) versuchte ab 1740 in drei Kriegen Schlesien für seinen Staat von Österreich zu gewinnen. Die ungünstige Lage Sachsens zwischen den beiden kämpfenden Mächten führte dazu, dass der Kur-fürst zunächst im 1. Schlesischen Krieg (1740–42) auf der Seite Preußens stand. Im 2. Krieg (1744/45) wechselte er auf die österreichische Seite. Im 3. Schlesischen Krieg (1756–63), auch als Siebenjähriger Krieg bekannt, wurde Sachsen und Leipzig besonders in Mitleidenschaft gezogen.
Ortsgeschichte 27 Im August 1745 bezogen Teile des sächsischen Heeres unter General Rutowsky (1702–64) ein Lager zwischen Gohlis und Schönefeld, wohl auf der Petzscher Mark.
Im Oktober versammelte sich das gesamte sächsische Heer von ca. 30 000 Mann zwischen Gohlis und Möckern, erst am 29. November rückten preußische Truppen von Halle mit 30000 Mann vor Leipzig. „An den Teichwiesen in der Gohliser Mark“ schanzten sie und hoben Laufgräben und Wulfs-löcher aus. Die Husaren des alten Dessauers, d. i. Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau (1676–1747), plünderten Gohlis. Während dieses Krieges kam es auch wieder zu Einquartierungen und Zerstörun-gen, die erst mit Kriegsende und dem Friedensschluss 1763 endeten.

4. Die Napoleonischen Kriege bzw. Die Befreiungskriege1813-15

Nach den erfolgreichen Napoleonischen Eroberungskriegen begann 1812 mit Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug die Gegenoffensive der alliierten Truppen (Preußen, Russland, England u.a.). Sachsen stand als Rheinbundstaat auf französischer Seite verhielt sich aber ambivalent Sachsens, die Truppen kämpften noch auf französischer Seite, während ihr König versuchte mit den Alliierten zu
Verhandeln, aber 1813 sich wieder zu Napoleon zuwandte und während der Völkerschlacht in Leipzig bleiben musste.
Dieses Jahr 1813 brachte für Gohlis sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ebenso wie die anderen Dörfer in Leipzigs Umgebung gab es wechelnde Einquartierungen und zahleiche Kampfhandlungen. Das Gohliser Schlößchen wurde zum Standort unterschiedlicher Befehlshaber. Der französische Marschall Davoust (1770–1823) musste dem österreichischen General Wittgenstein (1769–1843) weichen, der im April 1813 Gohlis wieder verließ. Nach der für die Alliierten verlorenen Lützener Schlacht am 1./2. Mai mussten sich die Österreicher unter Mitnahme vieler Pferdefuhrwerke gänzlich aus Gohlis zurückziehen.
Die Franzosen kehrten zurück und vom 2.–10. Juli wurden Handwerker zu Dienstleistungen in Gohlis herangezogen. 28 Schneider waren damit beschäftigt, die Montierung der Dragoner, die auf Gut Be-nedix saßen, zu ändern. Am 10. August gab Jean-Toussaint Casanova, Herzog von Padua (1778–1853) und Gouverneur von Leipzig, im Gohliser Schlößchen ein Fest zu Ehren des Napoleonstages (eigentlich der 15. August), wohl das letzte friedliche Ereignis des Jahres in Gohlis.
Anfang September war Gohlis voll von französischen Einquartierungen und zwar von Husaren, Kü-rassieren und Infanterie, am 23. September kamen an die 200 Soldaten aus Möckern hinzu. Zwei Tage später führte ein französischer General alle Reiter aus Gohlis fort, am 29. folgten die übrigen Soldaten bis ans Hallische Tor vor Leipzig, abends kam die Kavallerie wieder in das Dorf. Mann-schaft und Pferde mussten durchgehend verpflegt werden.

Die ersten kriegerischen Handlungen begannen dann am 5. Oktober. Die Stadt und das Umland wur-den vom fliehenden französischen Heer besetzt. Am 16.10. mussten die Franzosen unter General Marmont (1774–1852) ihre Stellungen in Möckern verlassen, am 18.10. gab es nur noch wenige Franzosen in Gohlis. Sie wurden am 17.10. von General Blücher (1742–1819) angegriffen, auch am 18.10. gab es Kämpfe bei Gohlis, im Rosental und in Eutritzsch. Die restlichen Franzosen flohen ins Rosental, wo viele gefangen oder bei Widerstand getötet wurden. Nach der Flucht besetzte die schlesische Armee Gohlis, am 19. Oktober brachen 3000 Mann russischer Infanterie in das Rosental auf und nahmen dort noch versteckten französischen Soldaten gefangen.

Ab dem 18. Oktober nahm ein Dragonergeneral mit seinen Offizieren Quartier in der Oberschenke in Gohlis, am 20. und 21. Oktober wurde Gohlis zum Quartier General Blüchers. Bis zum 8. Dezember waren die meisten Soldaten entweder nach Merseburg gezogen oder nach Leipzig ins Lazarett oder ins St. Georghaus gebracht worden.
Als Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch in Gohlis die Felder verwüstet, die Vorräte aufgezehrt. Die Einquartierung österreichischer Truppen sollte noch bis 1814 dauern, 1815 zogen dann auf dem Weg nach Frankreich wiederum österreichische und preußische Truppen durch Gohlis.
Archäologische Überreste der Kämpfe von 1813 fanden sich fast zweihundert Jahre später. Im De-zember 2011 stießen Arbeiter bei Baggerarbeiten auf der Baustelle der „Kaisergärten“ in Gohlis auf menschliche Schädel. 2012 konnten Archäologen die sterblichen Überreste von zehn Soldaten aus-graben und sie als Tote der Völkerschlacht bei Leipzig identifizieren.

5. Die Garnison Gohlis-Möckern ab1866

Nach diesen kriegerischen Ereignissen zu Beginn des Jahrhunderts blieb für Gohlis weitgehend von Kriegen verschont. Nach dem deutsch-deutschen Krieg 1866, in dem Sachsen auf der Seite des Deutschen Bundes stand, wurde Leipzig an dem 15./16, Juni bis zum 29. Dezember 1866 von preu-ßischen Truppen besetzt. Am 28.6. errichtete man internationale Lazarette in Leipzig, u.a. wurde das Gohliser Schlösschen zum Militärhospital Gohlis. Gemeinsam mit andren Lazaretten wurde es mit Freund und Feind belegt und unterstand dem Johannisorden, der insgesamt 400 Diakonissinnen aus Preußen zur Pflege der Verwundeten nach Leipzig sandte. Trotz dieser Bemühungen starben viele der Verwundeten. Seit 1867 erinnert ein Gedenkstein an diese Toten.
Fünf Jahre später wurde es 1870/71 zur Garnisonsstadt und die Garnison auf der Flur Möckern-Gohlis zum wichtigen Wirtschaftsfaktor für Gohlis.

6. Die Weltkriege 1914-18 und 1939-45

Die Kämpfe des Ersten Weltkrieges (1914–1918) spielten sich fern von Leipzig ab; wie die meisten deutschen Gemeinden zollte man seinen Tribut an den Krieg „nur“ in Form von Toten und Verwunde-ten. Für Letztere wurden wie in anderen Gemeinden Schulen und andere Gebäude freigemacht. In Gohlis war es unter anderem die Gaststätte Schillerschlößchen, in dem die Verwundeten versorgt wurden. An die vielen Toten erinnern auch heute noch Gedenktafeln in Gohliser Kirchen ebenso wie Denkmäler. Für die Friedenskirche in Gohlis schuf der Leipziger Bildhauer Carl Ludwig Seffner (1861–1932) 1926 zwei Gedächtnistafeln für 743 Gefallene der Friedenskirchgemeinde, die am 21. November des gleichen Jahres im Gottesdienst geweiht wurden.

Im Gegensatz zum Ersten fand der Zweite Weltkrieg auch auf deutschem Boden statt. Leipzig und der Stadtteil Gohlis, der nördlich des Hauptbahnhofes liegt, wurden Opfer zahlreicher alliierter Luft-angriffe. Am 27. März 1943 lösten die Notabwürfe eines britischen Flugzeuges in Gohlis ein Groß-feuer aus. Am 20. Oktober 1943 erlebten die Leipziger den ersten großen Luftangriff auf ihre Stadt. Bei den Bombenangriffen im Dezember 1943 und im Juli 1944 wurde die Friedenskirche in Gohlis stark beschädigt, die Kirchenfenster, die man nicht ausgelagert hatte, gingen zu Bruch, bis heute fehlt die Nordsakristei. Am Gohliser Schlösschen wurden Garten, Arkaden und Dach des Haupthau-ses sowie das Deckengemälde beschädigt. Größere Bombenschäden gab es auch an der heutigen Georg-Schumann-, Lützow- und Berggartenstraße. Diese Lücken sind zum Teil bis heute noch sicht-bar. Der Seitenflügel des Heinrich-Budde-Hauses fehlt noch immer, die starken Zerstörungen auf dem Werksgelände Bleichert wurden nach 1945 beseitigt. Weitere Angriffe erfolgten nahezu monat-lich, bis die Amerikaner im April in Leipzig einzogen. Die Stadt war in Teilen zerstört, mehr als 5000 Menschen waren ums Leben gekommen.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs kam für Leipzig mit der Übernahme der Stadt durch US-Truppen. Da die Stadt nicht zur Festung erklärt worden war, ging der Krieg weit – gehend unblutig zu Ende. Volks- und Wehrmachtseinheiten hatten sich an verschiedenen Stellen der Stadt verschanzt und leis-teten vereinzelt Widerstand wie beim Hauptbahnhof und bei den Gohliser Kasernen. In der Nacht vom 18. auf den 19. April wurden sie von amerikanischen Truppen überrollt und das Kasernengelän-de besetzt.
Die 106er Kaserne an der Halleschen Straße wurde für 2500 Flüchtlinge zu einem Flüchtlingslager umgewidmet, die Georgskaserne als behelfsmäßige Flüchtlingssammelstelle verwendet. Ein Jahr später diente die 106er Kaserne ab dem 31. Juli als Quarantänelager für entlassene deutsche Kriegsgefangene. Damit war für Gohlis der direkte Krieg zu Ende. Nach dem Abzug der Amerikaner kam die russische Besetzung, der Krieg war zu Ende.
Nach 1945 begann dann endlich für Gohlis wie für ganz Mitteleuropa eine Zeit ohne Kriege und Zer-störungen.

Literatur
Alt-Gohlis. Eine historische und städtebauliche Studie. Hrsg. Nabert, Thomas / Rüdiger, Bernd, Pro Leipzig e. V., Leipzig 1996
Ebert, Willy: Gohlis, Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes. Leipzig 1926
Geißler, Emil, Aus der Vergangenheit von Gohlis. Leipzig, [ca. 1900]
Heimatgeschichte für Leipzig und den Leipziger Kreis, [bearb] Reumuth, Karl 1886-1964 ? [hrsg] Kötzschke, Rudolf, 1867-1949 Leipzig ca. 1927
Kürschner, Dieter: Leipzig als Garnisonsstadt 1866-1945/49, Herausgegeben von Ulrich von Hehl und Sebastian Schaar (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig) – Leipzig 2015
Leipzig brennt : der Untergang des alten Leipzig am 4. Dezember 1943 in Fotografien und Berichten Lehmstedt, Mark [hrsg] 1961-
Neu-Gohlis. Eine historische und städtebauliche Studie. Nabert, Thomas ; Weitzmann, Uta-Andrea Leipzig : Hrsg. v. Pro Leipzig e. V, Leipzig 2 Leipzig 2003
Tausend Jahre deutscher Vergangenheit in Quellen heimatlicher Geschichte insbesondere Leipzigs und des Leipziger Kreises Bd.1 und 2 Hrsg. Von K.Beier und A.Doberitzsch Leipzig 1911
1000 Jahre Leipzig – Die große vierbändige Stadtgeschichte Geschichte der Stadt Leipzig Bd. 1-4 Leipzig 2015ff.

Der 17. Juni 1953 bei der SAG Bleichert und seine Folgen

[et_pb_section admin_label=“section“] [et_pb_row admin_label=“row“] [et_pb_column type=“4_4″][et_pb_text admin_label=“Text“]von Matthias Judt (1)

Der 17. Juni 1953 steht als Datum für den einzigen gewaltsamen Aufstand gegen das SED-Regime, der aus Streiks in 560 Städten und Gemeinden überall in der DDR hervorgegangen war. Die „SAG Bleichert“ sollte (neben dem Bodenbearbeitungsgerätewerk) zu einem Zentrum der Streikbewegung in Leipzig werden. (2)

Auslöser der von der Baustelle der „ersten sozialistischen Straße Deutschlands“, der Ost-Berliner Stalinallee, ausgehenden Streikwelle waren Maßnahmen von Regierung der DDR und SED zur Drosselung des Konsums in der DDR. Sie folgten damit sowjetischen Vorgaben, die darauf abzielten, die Aufrüstung der „Kasernierten Volkspolizei“ (KVP), dem Vorläufer der Nationalen Volksarmee (NVA), zu finanzieren.

Ein 75prozentiger Rabatt auf sogenannte Arbeiterrückfahrkarten bei der Deutschen Reichsbahn wurde ersatzlos gestrichen. Das betraf vor allem die Berufspendler, die zu Beginn der 1950er Jahre meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nicht mit PKW unterwegs waren. Selbständigen und sogenannten Grenzgängern, nebst ihren Angehörigen, mithin etwa 2 Millionen DDR-Bürgern, wurden die Lebensmittel- und Textilkarten entzogen, mit denen sie in privaten Geschäften und den Läden der Konsumgenossenschaft rationierte Waren zu niedrigeren Preisen als denen in den Läden der „Handelsorganisation“ (HO) (3) erwerben konnten. In Letzteren waren nach einigen Runden mit propagandistisch begleiteten Preissenkungen just im Vorfeld des 17. Juni empfindliche Preiserhöhungen vollzogen worden, was bei den Demonstrationen in den Tagen des Aufstandes nicht von ungefähr die Parole „HO macht uns K.O.“ hervorbrachte. (4) Bauern, die 1953 noch weit überwiegend nicht in Genossenschaften wirtschafteten, waren mit überhöhten Ablieferungssolls überzogen worden. Die „Sicherheitsorgane“ (Volkspolizei, Ministerium für Staatssicherheit) gingen gegen die Kirchen vor, wobei vor allem die „Jungen Gemeinden“ ins Visier gerieten. Sie wurden als „Tarnorganisationen“ im Dienste der CIA diffamiert und ihre Mitglieder in Schulen und Universitäten schikaniert. Reihenweise wurden kirchliche Würdenträger verhaftet oder konnten sich einer Verhaftung nur durch Flucht in den Westen entziehen.

Ausschlaggebend für den Beginn von Streiks war indes die Weigerung der Partei- und Staatsführung, administrativ veranlasste Normerhöhungen um durchschnittlich zehn Prozent zurückzunehmen. Insbesondere diese wurden von den Arbeitern in ihrer Lohn senkenden Wirkung als weiterer Sozialabbau empfunden.

Es waren dann wenige Worte eines FDGB-Funktionärs in der gewerkschaftseigenen Tageszeitung Tribüne, die das Fass zum Überlaufen brachten. SED und DDR-Regierung hatten bereits am 11. Juni 1953 – wiederum auf Anweisung aus Moskau – fast alle oben erwähnten Maßnahmen zurückgenommen und eine Politik des „Neuen Kurses“ verkündet. Doch werde, so der Gewerkschaftsfunktionär in der Tageszeitung des FDGB, an der Normenfrage nicht „gerüttelt“. (5)

Neben Ost-Berlin wurden gerade die Bezirke Halle und Leipzig Schwerpunkte des Aufstands gegen das SED-Regime in den Tagen vom 16. bis 18. Juni 1953. In der Stadt Leipzig selbst beteiligten sich Beschäftigte von 81 Betrieben, darunter fünf der sechs „Sowjetischen Aktiengesellschaften“ (SAG) an Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. In der SAG Bleichert gingen 22 Prozent der Beschäftigten (etwa 1.500 von 6.773 Mitarbeitern) in den Streik. Mehr noch: Bei ihrem Zug ins Leipziger Zentrum forderten die Streikenden von Bleichert Bauarbeiter und Gleisarbeiter der Leipziger Verkehrsbetriebe auf, sich ihnen anzuschließen. (6)

Äußerlich hatte es am 17. Juni 1953 zunächst nicht den Eindruck gemacht, dass bei Bleichert ein Streik ausbrechen könnte. Die Frühschicht verlief problemlos. Jedoch hatten die Mitglieder einer Brigade der SED-Bezirksleitung Leipzig, die den Betrieb in der Nacht vom 16. zum 17. Juni – also nach dem Beginn der Streiks in Ost-Berlin, aufsuchten, festgestellt, dass die Stimmung bei Bleichert nicht so gut war wie bisher angenommen. (7) Tatsächlich begann dann am 17. Juni gegen 14 Uhr der Streik. Die Arbeit wurde bei Bleichert dabei nicht wie in anderen Leipziger Betrieben nur für wenige Stunden niedergelegt, sondern sie ruhte bis zum nächsten Morgen 6 Uhr. (8)

Den Streik bei Bleichert charakterisierte die SED-Bezirksleitung einige Stunden später in einem Bericht an die Parteizentrale in Ost-Berlin in den frühen Morgenstunden des 18. Juni als „Unruhen […], hervorgerufen durch Agenten“. (9) Damit wurde begonnen, die bisherige positive Einschätzung des Betriebes durch die SED völlig auf den Kopf zu stellen. Kurz vor dem 17. Juni hatte die SAG Bleichert noch eine Prämie von 30.000 Mark als Siegerin im „sozialistischen Wettbewerb“ erhalten. Drei Wochen nach dem Aufstand war die SAG in der Einschätzung nunmehr zum „Schlupfwinkel aller möglichen Elemente, ehemaliger Offiziere, besonders Ritterkreuzträger, gestrandeter Funktionäre der SED, der Reaktion und Opposition innerhalb der Arbeiterklasse“ geworden. (10) Und schon am 22. Juni 1953 hatte die SED-Betriebsparteileitung einräumen müssen, dass von den ca. 675 SED-Mitgliedern nur 15 Prozent „auf dem Boden der Partei“ stünden, fünf Prozent seien „negative Elemente“ und die übrigen „als schwankende Genossen“ anzusehen. (11)

Für die SED-Bezirksleitung Leipzig stand schon wenige Stunden nach Ausbruch des Aufstandes fest: „Als die grössten Ruhestörer auf den öffentlichen Plätzen und öffentlichen Gebäuden beteiligten sich besonders Jugendliche, Oberschüler und Arbeitsscheue u. asoziale Elemente.“ (12) Also Unreife, Bürgersöhnchen und –töchter, Faule und Asoziale.

Diese Diktion wurde landesweit in den Tagen nach dem 17. Juni noch verschärft. „Feinde“ und „Provokateure“ seien am Werk gewesen. Der Aufstand an sich wurde zum „faschistischen Putschversuch“ umgedeutet. Als die SED-Kreisleitung Leipzig-Stadt am 24. Juni eine Parteiaktivtagung abhielt, konnte darüber das MfS berichten: „Unter großem Beifall wurden die Genossen in das Präsidium gewählt, welche sich in den Tagen der faschistischen Putschversuche besonders bewährt haben. Die Tagungsteilnehmer waren in einer gewissen Siegesstimmung […] Besonderes Interesse wurde gezeigt, Klarheit über die nächsten Aufgaben zu erhalten, was besonders darin zum Ausdruck kommt, dass alle Diskussionsredner, die nicht zu diesem Problem Stellung nahmen, stürmisch unterbrochen wurden.“ Allerdings seien dort auch „einige negative Kräfte anwesend“ gewesen. (13)

Zu denjenigen, die sich besonders bewährt hatten, gehörte Paul Fröhlich (1913 – 1970), der von 1950 bis 1952 1. Sekretär dieser Kreisleitung und noch im Dezember 1952 zum SED-Chef im gesamten Bezirk Leipzig aufgestiegen war. (14) Am 17. Juni selbst hatte Fröhlich sich zunächst in Ost-Berlin aufgehalten, war am frühen Nachmittag nach Leipzig zurückgekehrt und gab dort der Volkspolizei noch vor Verhängung des Ausnahmezustandes durch den sowjetischen Militärkommandanten den Befehl, das Feuer auf die Demonstranten im Zentrum Leipzigs zu eröffnen. (15)

Auch bei der SAG Bleichert versuchte die Betriebsparteileitung mit Mitteln der Repression Herr der Lage zu werden. In der Nacht zum 18. Juni übergab sie dem MfS eine Liste von „Provokateuren“, die festgenommen werden sollten. Als bis zum 20. Juni immer noch keine der auf der Liste genannten Personen verhaftet war und sich abzeichnete, dass ab 11 Uhr des gleichen Tages der am Morgen des 18. Juni beendete Streik wieder aufgenommen werden könnte, schaltete der Parteisekretär im Betrieb den sowjetischen Generaldirektor und den Stadtkommandanten ein. Dieser drohte schließlich an, die genannten Personen „erschießen zu lassen“, wenn sie nicht innerhalb einer halben Stunde verhaftet seien. (16)

Tatsächlich kam es bei Bleichert zu 22 Festnahmen. Die Verhafteten kamen allerdings bis spätestens 24. Juni wieder auf freien Fuß und trafen in ihrem Betrieb auf die Solidarität ihrer Kollegen, die für sie Geld gesammelt hatten. (17)

Das brachte die SAG Bleichert noch stärker ins Visier der SED-Bezirksleitung. Besonderes Augenmerk bekam Richard Haider geschenkt, seit 1914 bei Bleichert und schon zwei Jahre früher Mitglied der SPD geworden war. Von 1945 bis 1948 war er Vorsitzender des Betriebsrates. Eigentlich Kritiker einer schnellen Vereinigung war er 1946 dennoch Mitglied der SED geworden, jedoch bereits 1948 erstmals in Verdacht geraten, „Agent des Ostbüros“ der westdeutschen SPD zu sein, was ihm damals eine Parteistrafe einbrachte. Eine Beteiligung am Streik und den Demonstrationen am 17. Juni konnte Haider indes nicht angehängt werden, weil er sich im Urlaub befunden hatte. Zum Verhängnis wurde ihm aber seine kritische Haltung gegenüber SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, dem er absprach, ein Staatsmann zu sein. Am 8. Juli 1953 leitete die Betriebsparteileitung ein Ausschlussverfahren gegen Haider ein, das einen Monat später seinen Abschluss mit einer Mitgliederversammlung der SED fand, die Haider als „Parteifeind und Agent“ nach 41 Jahren der Parteizugehörigkeit ausschloss. Im Verlaufe des Jahres wurden weitere 25 SED-Mitglieder, die bei Bleichert beschäftigt waren, ausgeschlossen, sechs erhielten strenge Rügen und je fünf Rügen bzw. Verwarnungen. (18)

Die Disziplinierung der SED-Betriebsparteiorganisation fand damit noch nicht ihren Abschluss. Bei der Parteiaktivtagung der SED-Bezirksleitung am 31. Juli 1953 bat der Parteisekretär von Bleichert den ebenfalls anwesenden Walter Ulbricht, das SED-Zentralkomitee möge dabei helfen, eine Gruppierung von „Agenten“ aus dem Betrieb zu entfernen. Zehn Tage später erklärte SED-Bezirkschef Paul Fröhlich bei einer Sitzung der Bezirksleitung vor dem erneut nach Leipzig gekommenen Ulbricht, unter anderem bei Bleichert habe sich das „Ost-Büro“ etabliert. (19)

Das war fast noch das geringste Problem der SED-Funktionärsschicht. Im August 1953 wurden die Diskussionen in vielen Betrieben der DDR durch andere Themen als die propagandistisch erwünschten dominiert. Darüber berichtete die Zentrale der Staatssicherheit dem SED-Politbüro: „Die zweifellos noch in starkem Ausmaß vorhandenen negativen Stimmen lassen bestimmte Haupttendenzen erkennen, die immer wieder und allerorts auftauchen: Revidierung der Oder-Neiße-Grenze; Zwecklosigkeit aller Verhandlungen; die Ehrlichkeit der Sowjetregierung wird angezweifelt; Kriegsgefangenenfrage; man fragt, ob wir unsere Reparationen nicht schon längst abgegolten hätten und argumentiert, die Westmächte würden gar keine Reparationen verlangen. Immer mehr wird die Note (20) mit den Wahlen zum Bundestag in Zusammenhang gebracht.“ Unter anderem in Leipzig argumentiere „man, mit der Note wolle man nur ‚noch etwas für die KPD bei den Wahlen [in der Bundesrepublik –MJ] herausholen’, man solle in der DDR solche ‚freien Wahlen wie in Westdeutschland’ durchführen und man müsse die SPD in der DDR zulassen.“ (21)

Zwar beruhigte sich mit der Zeit die Lage in vielen Unternehmen, doch gerade bei Bleichert liefen noch Anfang September 1953 die Feststellungen der Staatssicherheit darauf hinaus, dass sie SAG zu den Betrieben gehöre, in denen „noch eine verhaltende Stimmung zu bemerken“ sei. (22)

Die Bundestagswahlen am 6. September 1953 brachten den Unionsparteien unter Bundeskanzler Konrad Adenauer einen erdrutschartigen Sieg. Nicht nur bildeten sie erneut die stärkste Fraktion und Regierung. Auch die zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Bundesrepublik verbotene KPD flog aus dem Parlament. Infolge dessen flammte in Leipzig die Diskussion über den 17. Juni erneut auf.

Am 12. September 1953 berichtete die wegen des Versagens beim Juniaufstand einen Monat später zum Staatssekretariat zurückgestufte Staatssicherheit (23) aus Leipzig über Diskussionen in der Bevölkerung. Demnach wurde argumentiert: „hauptschuldig an dem schlechten Wahlergebnis seien die Fehler unserer Partei und Regierung vor der Verkündung des neuen Kurses; der neue Kurs sei zu spät gekommen“. (24)

Fortgesetzt wurde nun eine Politik von Zuckerbrot und Peitsche betrieben. Die SED setzte vieles daran, die Versorgungslage in der Stadt spürbar zu verbessern und hatte dabei auch einigen Erfolg. Doch das wurde von der Bevölkerung eher mit Misstrauen aufgenommen. Bei der Herbstmesse seien „die Arbeiter über das reichliche Angebot an HO-Waren“ sehr erfreut gewesen, „doch wurde dabei in fast allen Leipziger Betrieben die Frage gestellt: ‚Bleibt es auch so nach der Messe oder soll dies nur Reklame gegenüber dem Ausland und Westdeutschland sein?’“ (25)

Mitunter patzte die SED aber in schon peinlicher Weise. Am 8. Oktober 1953 berichtete das SED-Zentralorgan Neues Deutschland über die Feierlichkeiten am vorhergehenden „Tag der Republik“. Es hätten in Leipzig Platzkonzerte stattgefunden, und die Bürger der Stadt seien durch die Straßen gezogen. (26) Doch genau einen Tag später musste die Staatssicherheit berichten, dass die Platzkonzerte „aufgrund schlechter Organisation nicht stattgefunden“ hätten. Es werde daher „die Meinung zum Ausdruck gebracht, dass solche falschen Behauptungen nur Misstrauen zur Presse, Partei und Regierung hervorrufen.“ (27)

Gleichzeitig wurde in den Betrieben die Loyalität der Beschäftigten mit verschiedenen Maßnahmen getestet, etwa der genauen Analyse von Austritten aus dem FDGB oder dem Nichtbezahlen von Beiträgen. Darüber hinaus suchten die Verantwortlichen weiterhin nach „Rädelsführern“, „faschistischen Provokateuren“ und „Agenten“, nunmehr nicht mehr allein, um ihre Entlassung zu bewirken, sondern um sie strafrechtlich zu verfolgen.

Das betraf unter anderem Richard Haider bei der SAG Bleichert. Unmittelbar nach seinem Parteiausschluss setzte die Betriebsparteileitung in Haiders Abteilung eine Versammlung an, bei der ein Flugblatt mit dem Titel „Das sind sie, die Wölfe im Schafspelz – die Agenten im Schlosseranzug“ verteilt wurde. Darin wurde Haider als „Agent und Heuchler“ diffamiert, er habe zu den Befürwortern des 1. Weltkrieges gehört und damit geholfen „Millionen Arbeiter in die Massengräber zu treiben“. Er sei „von der Gestapo auf lange Sicht als Agent in den Reihen der Arbeiterklasse vorbereitet“ worden und habe nach dem Kriegsende im Betrieb „eine Agentur der Kriegshetzer aufgebaut“ und „Faschisten“ gedeckt und getarnt. Das Flugblatt wurde mit einem Aufruf abgeschlossen. „Genossen und Kollegen Werktätige! Die Feinde haben sich in unsere Reihen eingeschlichen. Unter der Maske eines ehrlichen Arbeiters leisten sie ihre Wühlarbeit, um uns in eine neue Katastrophe zu treiben. Jagt sie aus den Betrieben hinaus und übergebt sie den Organen der Staatsmacht! Helft mit, die feindlichen Agenturen in unserem Betrieb restlos aufzudecken und zu zerschlagen. Wir wollen Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus. Vorwärts zu neuen Erfolgen.“ (28)

Die Versammlungsteilnehmer taten aber nicht wie ihnen geheißen. Sie schenkten der Darstellung wenig Glauben und waren nur bereit, „Provokateure“ zu „übergeben“, wenn es Beweise gäbe. Das wartete die Parteileitung jedoch nicht ab, sondern ließ Haider nach der Belegschaftsversammlung von zwei Angehörigen der betrieblichen Kampfgruppe (29) festnehmen, die ihn zunächst dem Betriebsschutz übergaben, der Haider schließlich an die Staatssicherheit auslieferte. Am 10. August 1953 wurde gegen Haider Haftbefehl erlassen. (30)

Die Untersuchungen gegen Haider dauerten bis Dezember. Im Oktober 1953 versuchte eine „Brigade der Bezirksverwaltung“ der Staatssicherheit im Betrieb über drei Wochen, Beweise zu finden, hatte damit jedoch keinen Erfolg. Schließlich erhob die Staatsanwaltschaft Anklage nach Art. 6 der DDR-Verfassung (Verbot der Boykotthetze) und beantragte eine Haftstrafe von fünf bis sechs Jahren. (31)

Am 3. Dezember 1953 begann vor dem Bezirksgericht Leipzig der Prozess gegen Haider, unter dem Vorwurf, „Agent des Ostbüros“ der SPD gewesen zu sein, der „die SPD-Politik in einem Leipziger Großbetrieb durchführte“. (32) Tags darauf wurde er sogar zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Gericht war also sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinausgegangen. Haider wurde im Jahre 1956 kurz vor seinem 66. Geburtstag schließlich entlassen, war aber ein gebrochener Mann geworden. (33)

Zwei weiteren Mitarbeitern der Bleichertwerke wurde ab 4. Dezember 1953 ebenfalls vor dem Bezirksgericht Leipzig der Prozess gemacht. Ihnen wurde „Schädlingsarbeit vor und nach dem 17.6.1953 im SAG Bleichert“ vorgeworfen. Die Prozesse würden durchgeführt, so das Gericht in einem Bericht, den es wenige Tage später verfasste, „nachdem [SED-Generalsekretär] Walter Ulbricht in dem Betrieb gesprochen und zur Entlarvung dieser Agenten beigetragen“ habe. (34)

Diese Vorgänge hatten mit Sicherheit eine einschüchterne Wirkung, was nicht bedeuten musste, dass Einschätzungen wie die folgende erzwungen gewesen sein müssen. Am 4. Dezember 1953 berichtete die Staatssicherheit: „Die Entlarvung eines faschistischen Provokateurs am 1.12.1953 in der Fa. Bleichert, der wegen Betrügereien im Betrieb zur Rede gestellt wurde und dabei faschistische Propaganda betrieb, fand bei der Belegschaft große Zustimmung. Ein Arbeiter sagte z. B.: ‚Wenn Kollegen nach acht Jahren noch nicht erkannt haben, dass sie vor 1945 auf eine falsche Bahn geführt wurden, dann gehören sie nicht mehr in unseren Betrieb. Zumal [Name] noch SS-Mann gewesen ist, der doch bestimmt aus seinen Fehlern gelernt haben müsste.’“ (35)

Andererseits liefen die Auseinandersetzungen in der SAG Bleichert um die Frage der Entlassung von „Provokateuren“, die sich aktiv an den Demonstrationen am 17. Juni beteiligt hatten, über Monate. Stundenlange Parteiversammlungen, die zum Teil mehrfach angesetzt werden mussten, brachten nicht das erhoffte Ergebnis. Wichtige Teile der Parteibasis bei Bleichert verweigerten lange den Gehorsam. (36) Andere stellten sich jedoch für Propagandaeinsätze außerhalb des Betriebes zur Verfügung. Die Spaltung der Belegschaft (und auch der SED-Mitgliedschaft) im Betrieb sollten die SAG Bleichert und ihre Nachfolgeunternehmen schließlich in Schach halten.

Wie wenig sensibel die SED mit der Geschichte des Streiks der Bleichert-Beschäftigten am 17. Juni 1953 umging, zeigte eine Entscheidung, die 20 Jahre später getroffen wurde: Der Betrieb, inzwischen als VEB Verlade- und Transportanlagen (VTA) firmierend, erhielt 1973 den „Ehrennamen“ Paul Fröhlich verliehen, also den Namen just des Mannes, der 1953 den Schießbefehl auf die Demonstranten im Leipziger Zentrum gegeben und massiv die „Entlarvung“ von „Feinden“ bei der seinerzeitigen SAG Bleichert vorangetrieben hatte.

Fröhlich war 1970 im Alter von nur 57 Jahren in Berlin an Herz-Kreislaufversagen verstorben. Dorthin hatte ihn sein Verhalten am 17. Juni gebracht. Beeindruckt vom richtigen „Klassenstandpunkt“ Fröhlichs am 17. Juni machte Walter Ulbricht ihn 1954 zum Kandidaten des SED-Zentralkomitees, dessen Mitglied und Sekretär Fröhlich ab 1958 wurde. Im gleichen Jahr wurde er Kandidat des engsten Führungszirkels der SED, des Politbüros, und ab 1963 sein ordentliches Mitglied. 1968 setzte Fröhlich auf Geheiß von Walter Ulbricht die Sprengung der Universitätskirche am Karl-Marx-Platz (Augustusplatz) durch, denn es sollte keine Kirche mit dieser Adresse in Leipzig geben. (37)

(1) Erheblich erweiterte Fassung eines Artikels des Verfassers mit gleichen Titel, vgl. Matthias Judt, „Der 17. Juni 1952 bei der SAG Bleichert und seine Folgen“, in Bürgerverein Gohlis 2017, S. 55-58.
(2) Vgl. Matthias Judt, „Aufstieg und Niedergang der ‚Trabi-Wirtschaft’“, in ders. (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, Berlin 1997 (und Bonn 1998), S. 87 – 164, hier S. 96; Heidi Roth, Der 17. Juni in Sachsen, Köln 1999 (im folgenden „Roth 1999“).
(3) Die „Handelsorganisation“ war aus den in den 1940er Jahren gegründeten „Freien Läden“ hervorgegangen. Hier wurden Waren zu hohen Preisen verkauft, weil sie nicht der bis 1958 bestehenden Rationierung von Lebensmitteln und Industriewaren unterlagen.
(4) Auch nach der Niederschlagung des Aufstandes sollte immer wieder die Auflösung der HO verlangt werden.
(5) Vgl. Tribüne vom 16. Juni 1953.
(6) Vgl. Roth 1999, S. 159 und S. 163ff.
(7) Vgl. Betriebsparteiorganisation der SED in der SAG Bleichert, Parteiaktivtagung am 24. Juni 1953, in: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig (SächsStAL), Bestand SED IV/5/01, Nr. 479, Bl. 253, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 166.
(8) Vgl. Roth 1999, S. 167.
(9) Vgl. „2.55 Uhr, 18.6.53, SED-BL Leipzig. Durchsage der BL Leipzig, Genosse Wittig. Informationsbericht 123. Information über die politische Lage im Bezirk (im folgenden „Informationsbericht 123“), in: SAPMO-BArch, NY 4062/94, Bl. 35-45, zitiert nach: http://www.17juni53.de/karte/leipzig/sed.html, aufgerufen am 9. Mai 2017.
(10) Vgl. SED-Bezirksleitung (im folgenden „SED-BL“) Leipzig, „Bezirksleistungssitzung“ (vom 7. Juli 1953), in SächsStAL, SED IV/2/1, Nr. 28, Bl. 70, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 166.
(11) Vgl. SED-Kreisleitung (im folgenden „SED-KL“) Leipzig-Stadt, Berichte aus den BPO und den Stadtbezirken (vom 22. Juni 1953), SächsStAL, SED IV/5/01, Nr. 478, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 437.
(12) Informationsbericht 123.
(13) Alle Zitate aus: „Tagesbericht Nr. 4 [Meldung Nr. 28/53]“ (vom 27. Juni 1953), in: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Bestand Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Allgemeine Sachablage (AS), Nr. 9/57, Bd. 3b, Bl. 297 – 315, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/3475ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+9006, aufgerufen am 9. Mai 2017.
(14) Vgl. Helmut Müller-Enbergs et al., Wer war wer in der DDR. Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 5. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Berlin 2010, S. 353.
(15) Vgl. Christian Rau, „Fröhlich, Paul Albert“, in: Sächsische Biografie, herausgegeben vom
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., wissenschaftliche Leitung: Martina Schattkowsky, Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi, aufgerufen am 07. Mai 2017; Roth 1999, S. 180.
(16) Vgl. SED-BL Leipzig, Parteiaktivtagung vom 31. Juli 1952, in SächsStAL, SED IV/2/2, Nr. 91, Bl. 73, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 167.
(17) Vgl. Roth 1999, S. 489f und 507.
(18) Vgl. Roth 1999, S. 556f.
(19) Vgl. SED-BL Leipzig, Parteiaktivtagung vom 31. Juli 1952, in SächsStAL, SED IV/2/2, Nr. 91, Bl. 73, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 555; SED-BL, Sitzung der BL vom 10. August 1953, in SächsStAL, SED IV/2/1, Nr. 29, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 554.
(20) Gemeint ist: Über praktische Maßnahmen zur Regelung des deutschen Problems. Note der Regierung der UdSSR an die Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs vom 15.8.1953. In: Dokumente zur Deutschlandpolitik der Sowjetunion. Herausgegeben vom Deutschen Institut für Zeitgeschichte, Bd. 1, Berlin (Ost) 1957, S. 329–339.
(21) alle Zitate aus: „Information Nr. 1045“ (vom 20. August 1953), in BStU, MfS, AS, Nr. 39/58, Bd. 2, Bl. 504–512, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/9965ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+20395, aufgerufen am 10. Mai 2017.
(22) Vgl. „Information Nr. 1056“ (vom 1. September 1953), in BStU, MfS, AS, Nr. 39/58, Bd. 2, Bl. 430–436, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/3475ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+22032, aufgerufen am 9. Mai 2017.
(23) Das Staatssekretariat für Staatssicherheit (SfS) wurde am 23. Juli 1953 zudem – allerdings nur formal – dem DDR-Innenministerium unterstellt . Erst Ende November 1955 wurde das SfS wieder zum Ministerium aufgewertet und bekam dabei auch den Bereich der Auslandsaufklärung zugeordnet. Vgl. Jens Gieseke, Die DDR-Staatssicherheit. Schild und Schwert der Partei. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2000, S. 24.
„Information Nr. 1066“ (vom 12. September 1953), in BStU, MfS, AS, Nr. 39/58, Bd. 2, Bl. 357 – 366, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/9965ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+23948, aufgerufen am 10. Mai 2017.
(25) Analyse vom 1. bis 15. September 1953 [Nr. 1/53] , o.D., in BStU, MfS, AS; Nr. 9/57, Bl. 196–213, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/9965ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+26448, aufgerufen am 10. Mai 2017.
(26) Vgl. „Berlin und die DDR feiern Geburtstag unserer Republik“, in Neues Deutschland vom 8. Oktober 1953.
(27) „Informationsdienst Nr. 1089 zur Beurteilung der Situation“ (vom 9. Oktober 1953), in BStU, MfS, AS, Nr. 39/58, Bd. 2, Bl. 189–195, zitiert nach: nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/9965ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+28959, aufgerufen am 10. Mai 2017.
(28) Flugblatt „Das sind sie, die Wölfe im Schafspelz – die Agenten im Schlosseranzug“, in BStU, Außenstelle (Ast.) Leipzig, AU 46/54, Bl. 104, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 557f.
(29) Die ersten betrieblichen Kampfgruppen entstanden bereits 1952 unter unterschiedlichen Bezeichnungen. Bis 1954 wurden sie zu „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ weiterentwickelt.
(30) Vgl. Bezirksverwaltung (BV) für Staatssicherheit Leipzig, Bericht vom 10. August 1953, in BStU, Ast. Leipzig, AU 46/54, BA, Bl. 19, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 558.
(31) Vgl. Staatsanwaltschaft des Bezirkes Leipzig, Anklageschrift, in BStU, Ast. Leipzig, AU 46/54, Bd. 3, Bl. 119, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 560.
(32) „Strafverfahren von besonderer Bedeutung 30.11.-5.12.1953“, in Bundesarchiv Potsdam, P-1-VA-272, Bl. 9ff., zitiert nach Falco Werkentin, Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Vom bekennenden Terror zur verdeckten Repression, 2. überarbeitete Auflage (im Folgenden „Werkentin 1997), Berlin 1997, S. 129.
(33) Vgl. Staatsanwaltschaft des Bezirkes Leipzig, Sitzungsbericht vom 12. Dezember 1953, in BStU, Ast. Leipzig, AU 46/54, BA, Bl. 35, wiedergegeben nach Roth 1999, S. 560.
(34) Vgl. Werkentin 1997, S. 129.
(35) „Informationsdienst Nr. 2038 zur Beurteilung der Situation“ (vom 4. Dezember 1953), in: BStU, MfS, AS, Nr. 39/58, Bd. 1, Bl. 164–170, zitiert nach: http://www.ddr-im-blick.de/Hubert_Co|BStUINTERNET/html/9965ivhfknvg_/S1018_600_de_1233536721/MAINTAB%5Esearch_sheet/_OLINK_SEARCHTOC+CL+39280, aufgerufen am 10. Mai 2017.
(36) Vgl. Roth 1999, S. 566.
(37) Vgl. Christian Rau, „Fröhlich, Paul Albert“, in: Sächsische Biografie, herausgegeben vom
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., wissenschaftliche Leitung: Martina Schattkowsky, Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi, aufgerufen am 07. Mai 2017.

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19. Juni 1953: Tod eines Volkspolizisten

von Matthias Judt

Am 19. Juni 1953 erlag um 2:12 Uhr Erich Kunze seinen schweren Kopfverletzungen, die ihm wenige Stunden zuvor, am späten Abend des 18. Juni, durch die Schüsse eines sowjetischen Soldaten zugefügt worden waren.

Der Referatsleiter der Abteilung Pass- und Meldewesen in der Bezirksverwaltung Leipzig der Deutschen Volkspolizei befand sich zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit drei weiteren Volkspolizisten auf Streifenfahrt in Richtung Delitzsch. Als sie in Richtung des verregneten Gohlis fuhren, dem Stadtteil, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich auch die Sowjetische Stadtkommandantur befand, hörten die vier Volkspolizisten einen Schuss. Der Fahrer des F9-Kübelwagens gab später zu Protokoll: „Noch bevor der Wagen hielt, sah ich in meinem Scheinwerfer einen sowjetischen Soldaten auf der Fahrbahn vor mir auftauchen. Er stand mit gespreizten Beinen und die MPi im Anschlag da. Ich beugte mich nach links aus dem noch fahrenden Wagen heraus, um besser sehen zu können.“ (1) In diesem Augenblick eröffnete der Soldat das Feuer auf das Fahrzeug. Zwei Kugeln schlugen durch die Frontscheibe auf Kopfhöhe des Fahrers ein und trafen den hinter ihm sitzenden Erich Kunze.

Den Volkspolizisten wurde gestattet umzukehren. Sie steuerten zunächst ihre Dienststelle an, brachten Kunze dann ins Polizeikrankenhaus in Wiederitzsch, von wo er wegen seiner schweren Verletzungen noch in die Neurologische Abteilung der Universitätsklinik verlegt wurde. Dort konnten die Ärzte Erich Kunze jedoch nicht mehr helfen und nur noch seinen Tod feststellen.

Wie war es zu dem tragischen Geschehen gekommen? In Reaktion auf den Volksaufstand am 17. Juni 1953, bei denen es im Leipziger Zentrum zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen war, hatte der sowjetische Stadtkommandant eine Ausgangssperre erlassen, die auch vorsah, dass ab 21 Uhr kein Straßenverkehr mehr erlaubt sei. Am 18. Juni waren die vier Volkspolizisten jedoch ab 22 Uhr auf ihre Streifenfahrt gegangen. Ihr Ziel war es, auf Gaststätten und deren Gäste, unter anderem in Gohlis, zu achten. Der sowjetische Soldat war jedoch offensichtlich davon ausgegangen, dass gegen die Bestimmungen der Ausgangssperre verstoßen wurde, indem der PKW mit den Volkspolizisten während der Ausgangssperre unterwegs war.

Nur wenige Stunden nach Kunzes Tod schloss die Leipziger Kriminalpolizei ihre Ermittlungsakte zu dem Fall. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Einäscherung der Leiche an. Die Witwe des Erschossenen und ihre fünf gemeinsamen Kinder sollten sogar erst fast 40 Jahre später erfahren, durch welche Umstände ihr Ehemann und Vater tatsächlich ums Leben gekommen war.

Zwar war Johanna Kunze von Beginn an misstrauisch ob der Geschichte, die ihr am 19. Juni 1953 erzählt wurde. Erich Kunze habe „im Kampf gegen die Putschisten“ (des 17. Juni 1953) sein Leben geopfert. (2) Misstrauisch machte sie auch der – wie sich herausstellte – propagandistische Missbrauch des Falls. Kunze wurde bei der Beisetzung seiner Urne am 23. Juni 1953 in seinem ursprünglichen Heimatort Adorf mit einem Salutschießen und einer Ehrenwache der Volkspolizei geehrt. Der Grabstein erhielt die Inschrift: „Er starb für die Einheit Deutschlands“. Posthum war Kunze zudem noch zum Oberrat befördert worden. Erst nach der Wende erfuhren Kunzes Angehörige, dass sein „Märtyrertod“ eine Lügengeschichte war. (3)

(1) BDVP Leipzig, Abt. K, AK/MUK, „Vernehmung eines Zeugen“ vom 19.6.1953, in: Sächs-StAL, BDVP 2274, unpag.; Darstellung nach BDVP Leipzig, Abt. K, AK/MUK, Leichensache Kunze, in: SächsStAL, BDVP 2274, Bl. 1, zitiert nach: http://www.17juni53.de/tote/kunze.html (veröffentlicht 2004), aufgerufen am 6. Mai 2017.
(2) Heidi Roth, Der 17. Juni 1953 in Sachsen, Köln 1999, S. 182.
(3) Märtyrertod war Geschichtsfälschung, in: Leipziger Volkszeitung vom 5. Januar 1995, darauf verwiesen in: http://www.17juni53.de/tote/kunze.html (veröffentlicht 2004), aufgerufen am 6. Mai 2017. 

 

Der Militärbezirk III der NVA am Viertelsweg

von Matthias Judt

Der Begriff „Militärbezirk“ (MB) verleitet dazu, ihn territorial mit den Bezirken in der DDR gleichzusetzen. Tatsächlich bestand das Land seit 1952 politisch aus 14 Bezirken und der „Hauptstadt der DDR Berlin“. Es gab allerdings nur zwei (von insgesamt fünf) militäradministrative Struktureinheiten, die geographischen Grenzen folgten.

Mit der Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) am 1. März 1956 waren auch die Militärbezirke gebildet worden. Einer entsprach dem DDR-Verteidigungsministerium, zwei weitere wurden für die Luft- bzw. die Seestreitkräfte gebildet, und im Hinblick auf die Landstreitkräfte (also das, was in der Bundeswehr das Heer darstellt) wurden zwei geographisch definierte Militärbezirke eingerichtet, die aus früheren Territorialverwaltungen der Kasernierten Volkspolizei (KVP) hervorgegangen waren. (1) Der nördliche Militärbezirk V erhielt seinen Sitz zunächst in Pasewalk, dann in Neubrandenburg, der südliche (der Militärbezirk III) nahm 1957 seinen Sitz am Viertelsweg in Gohlis, zuletzt in dem dort noch heute befindlichen Neubau mit Erdgeschoss und sechs Obergeschossen in Plattenbauweise. Zuvor war die Kaserne am Viertelsweg kurze Zeit von einer Volkspolizei-Bereitschaft genutzt worden und diente einige Zeit als Standort einer Dolmetscher- und einer Feldscherschule der KVP. (2)

Dem MB III waren zuletzt insgesamt 22 Einrichtungen in den acht südlichen Bezirken der DDR (Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Gera, Erfurt, Suhl, Halle und Cottbus zugeordnet: Divisionen, Regimenter, sogenannte Abteilungen, Bataillone, Basen, Ausbildungszentren und ein Geschwader. In den heutigen Grenzen der Bundesländer befanden sich diese militärischen Einrichtungen in den beiden Freistaaten Thüringen und Sachsen sowie jeweils in den südlichen Teilen von Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In Leipzig selbst befanden sich davon fünf Einrichtungen, von denen allerdings nur der Sitz des Kommandos des Militärbezirks tatsächlich im Ortsteil Gohlis zu finden war. (3)

In den gut 34 Jahren seiner Existenz hatte der MB III neun Befehlshaber, die aber – mit Ausnahme von Hans-Georg Ernst (1921-2000) und Horst Skerra (geb. 1930) – jeweils nur relativ kurze Zeit (anderthalb bis dreieinhalb Jahre) Chefs des Militärbezirks waren. Ernst hingegen war über 12 Jahre Befehlshaber (wurde jedoch aus disziplinarischen Gründen abgelöst), Skerra fast sechs. (4)

Exkurs: Das Ministerium für Staatssicherheit über Hans-Georg Ernst

„Bestärkt in seinem Verhalten wird Generalmajor Ernst besonders durch sein großes Ansehen beim Minister [Heinz Hoffmann (1910-1985)]. Diese guten Beziehungen gestatten es ihm, sich Dinge herauszunehmen, die ansonsten kein Genosse sich wagen dürfte. Zum Beispiel kam Ende 1962 eine Abverfügung seines Dienstwagen [der sowjetischen Automarke] SIM. Aufgrund seiner Beziehungen zum Minister wurde diese rückgängig gemacht. Generalmajor Ernst ließ sich seinen Stabsbus im Frühjahr dieses Jahres [1963] umrüsten in eine Art Luxuswagen. Als der Minister dies feststellte, machte er die Bemerkung, dass wahrscheinlich im MB III zu viel Geld da ist und man muss sich über diese Frage unterhalten. Einige Tage später war dies jedoch vergessen und die Reaktion des Ministers war so, dass er einen Offizier herunterschicken wird, der sich diesen Bus ansehen wird, um ihm ebenfalls einen derartigen zu bauen.“

Quelle: „Bericht des Leiters der HA I/MB III, Oberstleutnant Schönert, betr. Informationen über die Arbeitsweise und das Verhalten des Chefs des MB III, Generalmajor Ernst“ (vom 14. Oktober 1963) (5) [Rechtschreibung und Grammatik nach Original, Einfügungen durch MJ]

Neben der Funktion, Kommandozentrale für die dem Militärbezirk zugeordneten Einrichtungen der NVA zu sein, oblag dieser auch die Planung und Kontrolle der „politischen Erziehung“ der Soldaten und Offiziere. Dazu wurde 1956 zunächst eine „Politabteilung“ gebildet, die auf Beschluss des SED-Politbüros vom 1. Oktober 1961 zu einer „Politischen Verwaltung“ aufgewertet wurde. (6) Im Unterschied zu anderen Einheiten der NVA waren im MB III vor allem Offiziere und eine relativ hohe Zahl von Zivilbeschäftigen im Einsatz, Unteroffiziere und Soldaten dagegen vergleichsweise wenig. Dadurch herrschte dort auch nicht der raue Ton, wie er in anderen Kasernen üblich war. (7)

Enge Verbindungen hielt der MB III zur in Nohra (Thüringen) stationierten sowjetischen 8. Gardearmee, zum polnischen Militärbezirk Wroclaw (dem früheren Breslau) und zur tschechoslowakischen 1. Feldarmee. (8) Im Kriegsfall wäre aus dem MB III die sogenannte 3. Armee geworden, unterstellt dem sowjetischen Oberkommando der Warschauer-Pakt-Armeen. Aber auch in Krisenzeiten innerhalb des Ostblocks sollte das Kommando des Militärbezirks eine wichtige Rolle spielen.

Der Militärbezirk III wurde zum Beispiel in die Vorbereitungen des Einmarsches von Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei zur Niederschlagung des Prager Frühlings ab dem 21. August 1968 einbezogen. Er stellte dafür eine Mot-Schützen- und eine Panzerdivision bereit, die dem sowjetischen Oberkommandierenden der Warschauer-Pakt-Truppen unterstellt wurden. (9) Er wurde durch den DDR-Verteidigungsminister am 21. August 1968 auch tatsächlich in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt, jedoch nahmen die beiden Divisionen aus dem Bereich des MB III dann doch nicht an dem Einmarsch in die Tschechoslowakei teil. Im letzten Augenblick – nur wenige Stunden vor dem Beginn des Einmarsches von Truppen einiger Warschauer-Vertrags-Staaten – hatte der damalige Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew (1906-1982), auf Drängen der tschechoslowakischen Unterstützer des Einmarsches, Vasil Bilak (1917-2014) und Alois Indra (1921-1990), entschieden, sie nicht einzusetzen, sondern die beiden Divisionen aus dem MB III nur als „Reserve“ in ihren Bereitstellungsräumen auf DDR-Gebiet zu belassen. (10) Von dort kehrten sie im Oktober 1968 in ihre Heimatkasernen zurück.

In Bezug auf den ebenfalls geplanten Einmarsch von NVA-Einheiten in Polen im Dezember 1981 lässt sich eine Beteiligung des MB III nicht eindeutig belegen. Allein die Karten des geplanten Einmarsches zeigen, dass Einheiten des MB III an die polnische Grenze herangeführt worden wären und das Gebiet des Militärbezirkes ansonsten An- und Durchmarschgebiet für andere militärische Einheiten gewesen wäre. (11)

Auch bei der finalen Krise des Staatssozialismus sollte der MB III noch einmal eine unrühmliche Rolle spielen. Am 4. Oktober 1989 erließ der damalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler (1920-2017) die Weisung, im Militärbezirk III (Leipzig) die erhöhte Gefechtsbereitschaft auszulösen. (12) Einheiten des MB III standen sowohl am 9. als auch am 16. Oktober bereit, gegen Demonstranten in der Leipziger Innenstadt eingesetzt zu werden. Für den 16. Oktober hatte SED-Generalsekretär Erich Honecker (1912-1994) in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates befohlen, das Entstehen einer Demonstration in Leipzig überhaupt zu verhindern. Um das zu erreichen, wurden allein 31 Hundertschaften der NVA für den Einsatz in Leipzig in Kasernen in Döbeln, Delitzsch, Eilenburg, Bad Düben und der Stadt selbst (unter anderem in der Kaserne des Artillerieregiments und in der Georg-Schumann-Kaserne, die beide unmittelbar an Gohlis grenzten) verlegt. Die Leipziger Volkspolizei sollte die etwa 3.000 Soldaten mit Schlagstöcken ausstatten. Sowohl in der Kaserne des Artillerieregiments (der heutigen General-Olbricht-Kaserne) als auch in der Georg-Schumann-Kaserne übten Teile von ihnen (darunter Elitesoldaten aus einer Fallschirmjägerkompanie aus Lehnin) Taktiken und Techniken des Auflösens einer Demonstration. Sowohl am 9. als auch am 16. Oktober 1989 kamen die militärischen Einheiten jedoch nicht zum Einsatz: Die große Zahl von Demonstranten – 70.000 bzw. 120.000 – machte eine gewaltsame Auflösung unmöglich. (13)

Exkurs: Ein ehemaliger NVA-General, Generalmajor a.D. Heinz Bilan, (14) sieht das alles ganz anders

„In Nummer 5 des ‚Leipziger Amtsblattes’ vom 11. März (15) wird eine neue Ausstellung (16) über die ‚Armee der Einheit’ mit der Überschrift ‚Über Nacht Kameraden’ avisiert. Jeder ‚vom Fach’ weiß, daß beides alles andere als historische Wahrheit ist und auch nicht sein konnte. Die Bundeswehr der BRD und die Nationale Volksarmee der DDR waren aus vielen Gründen unvereinbar. Die Mär von dieser Einheit wurde bewußt in Bonn erfunden. Im Gegenteil: zig NVA-Angehörige wurden vor Gericht gestellt und nach fremden Gesetzen verurteilt, obwohl sie nach DDR-Gesetzen ehrenvoll ihre Pflicht erfüllt hatten. […] Tausende litten viele Jahre unter von der BRD verhängten Strafrenten […].
Die zum großen Teil ungenügend politisch gebildete Jugend glaubt solchen Aussagen [dass NVA- und Bundeswehrsoldaten über Nacht Kameraden geworden seien] – zumal sie gebetsmühlenartig wiederholt werden. Schon allein die unvollständigen Fakten machen deutlich: Von einer ‚Armee der Einheit’ kann keine Rede sein. […]
Der größere Teil der NVA – voran das Offi¬zierskorps – sah sich einer Welle der Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Daß sie Jahrzehnte eine Armee befehligt hatten, die nie in feindlicher Absicht frem¬des Territorium betreten hatte – in der deutschen Militärgeschichte ein einmaliger Vorgang –, die auch dafür sorgten, daß im Herbst 1989 die Waffen in den Kasernen blieben, fand keine Bewertung, geschweige denn Anerkennung. […]
Nein – es gab diese „Armee der Einheit“ nie. Die beiden deutschen Armeen verhielten sich zueinander wie Feuer und Wasser. Wenn die Auflösung der NVA trotzdem fried¬lich verlief, dann war das vor allem ihrem Charakter als sozialistische Volksarmee, dem Selbstverständnis ihrer Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere und Zivilbeschäftigten zu danken.
Wer das anders beurteilt, verdreht die historische Realität. Wir haben die Waffen des Volkes Jahrzehnte ehrenvoll getragen und sie, dem Willen der Mehrheit folgend, auch aus der Hand gelegt. Wir lassen uns auch heute nicht unsere Würde nehmen. Die Mär von der „Armee der Einheit“ ist und bleibt eine Lüge.“

Quelle: Heinz Bilan, „NVA und Bundeswehr waren unvereinbar wie Feuer und Wasser“, in Rotfuchs. Tribüne für Kommunisten und Sozialisten in Deutschland, Nr. 233 von Juni 2017. (17) [Rechtschreibung nach Original. Einfügungen und Hervorhebungen durch MJ]

Nach der Friedlichen Revolution sollte der MB III offiziell nur noch bis zum 2. Oktober 1990 existieren. Der Militärbezirk war gemeinsam mit der Gründung der NVA eingerichtet worden und verschwand auch gemeinsam mit der Armee der DDR. Letzter Befehlshaber war Klaus Wiegand (geb. 1941), der indes bereits am 28. September durch den letzten Staatssekretär im DDR-Verteidigungsministerium, Werner Ablaß (geb. 1946), aus dem Militärdienst entlassen worden war. (18)

Am 4. Oktober 1990 übernahm Generalmajor Ekkehard Richter (geb. 1937) für die Bundeswehr das Kommando im zum „Wehrbereich VII“ umgewandelten MB III mit dem Ziel der Abwicklung von NVA-Strukturen. (19) Hierbei spielten auch die Verpflichtungen eine Rolle, die die beiden deutschen Staaten im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Abkommens eingegangen waren, mit dem die außenpolitischen Fragen der deutschen Vereinigung zwischen DDR und Bundesrepublik, auf der einen Seite, und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges (Frankreich, Großbritannien, UdSSR und USA), auf der anderen Seite, geregelt wurden. Dazu gehörte unter anderem eine erhebliche Verringerung der Truppenzahl auf maximal 370.000 Mann, die vor allem auf Kosten des Unteroffiziers- und des Offizierskorps sowie der Generalität der NVA gehen sollte. (20) Von 90.000 am 3. Oktober 1990 in die Bundeswehr übernommenen NVA-Angehörigen (darunter 39.000 Wehrdienstleistende und 51.000 Zeit- und Berufssoldaten) wurden letzten Endes nur 3.000 Offiziere, 7.600 Unteroffiziere und Feldwebel sowie 200 Mannschaftssoldaten auf Dauer in die Bundeswehr integriert. (21)

Bis zum 30. Juni 1991 wurde für den ehemaligen Militärbezirk III übergangsweise die Bezeichnung „Stab MB III/WBK VII“ geführt, danach erfolgte die Umbenennung in „Division/WBK VII“. Im Zuge einer Strukturreform im Heer der Bundeswehr wurden die Wehrbereichskommandos durch Fusion bestehenden Divisionen in ihren Zuständigkeitsbereich zugeordnet. Zum 1. Januar 1995 erfolgte so die Fusion des Wehrbereichskommandos VII (Leipzig) mit einer Panzergrenadierdivision und 1997 schließlich die Erweiterung des Wehrbereiches auf die Länder Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin. (22) Mit Wirkung vom 1. Oktober 2001 wurde die Zahl der Wehrbereichskommandos von sieben auf vier verringert und der Sitz des auch das ehemalige Wehrbezirkskommando VII umfassenden Bereichs nach Erfurt verlegt. (23) Damit verlor der Standort am Viertelsweg endgültig seine herausragende Funktion.

Die Kaserne am Viertelsweg hatte zwar 1993 noch den Namen „Theodor-Körner-Kaserne“ erhalten und war bis 2007 von der Bundeswehr weiter betrieben worden. Doch mit dem Bedeutungsverlust als Standort der Bundeswehr war schließlich eine Entscheidung über das Schicksal des Areals als Militärfläche verbunden.

2007/08 wurde das Areal folgerichtig an einen Immobilienentwickler abgegeben und ab 2010 zum Wohnquartier „Siebengrün“ umgestaltet. (24) Das Stabsgebäude des ehemaligen MB III ging 2017 in die Sanierung und den Umbau in ein Wohn- und Geschäftshaus. (25) Neben anderen Objekten steht der ehemalige Standort des Militärbezirks III der NVA heute für eine gelungene Konversion von der Kriegsführung gewidmeten Arealen in solche mit ziviler, friedlicher Nutzung.

(1) Vgl. Daniel Giese, Die SED und ihre Armee. Die NVA zwischen Politisierung und Professionalismus 1956 – 1965, München 2002, S. 128.
(2) Vgl. Dieter Kürschner, „Zur Geschichte der Leipziger Garnison und der Kasernen in der Pleißestadt“, in Stadtgeschichte. Mitteilungen des Leipziger Geschichtsvereins. Jahrbuch 2008, Beucha 2008, S. 159-183, hier S. 182, dort nach Quellen des Militärarchivs Freiburg im Bundesarchiv und der Dissertation des Autors, „Zur Geschichte des Militärbezirks III 1956 bis 1961“, Potsdam 1987.
(3) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Landstreitkr%C3%A4fte_der_NVA#Milit.C3.A4rbezirk_III, aufgerufen am 24. Mai 2017.
(4) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Landstreitkr%C3%A4fte_der_NVA#Milit.C3.A4rbezirk_III, aufgerufen am 24. Mai 2017; Helmut Müller-Enbergs et al., Wer war wer in der DDR. Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 5. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Berlin 2010 (im folgenden „Müller-Enbergs 2010“), S. 298 und 1238.
(5) Zitiert nach Daniel Niemetz, Das feldgraue Erbe. Die Wehrmachtseinflüsse im Militär der DDR, Berlin 2006, S. 278, dort nach BStU, MfS, AP 16243/77, Bl. 148. Gut 12 Jahre später wurde Ernst unter maßgeblicher Beteiligung der HA I im Januar 1974 von seinem Amt als Chef des MB III abberufen (vgl. ebd., dort wird auf die „Einschätzung der HA I/MB III über Generalleutnant Ernst“ (vom 23. April 1973), in BStU, MfS, AP 16243/77, Bl. 187ff., verwiesen) und als Kommandeur der Offiziershochschule der DDR-Landstreitkräfte in Löbau eingesetzt. Dort hatte er „bezüglich seiner Führungstätigkeit“ ebenfalls „keine positive Entwicklung genommen“, was letztendlich zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst führen sollte (vgl. ebd., Bl. 207, dort nach „Abschlussbericht der HAI /Kdo.-LaSK(UA Stab Offz.-Hochsule Löbau über Generalleutnant Ernst“ (vom 15. Februar 1977), BStU, MfS, AP 16243/77, Bl. 208).
(6) Vgl. Peter Joachim Lapp, Der Ministerrat der DDR. Aufgaben, Arbeitsweise und Struktur der anderen deutschen Regierung, Opladen 1982, S. 115.
(7) Information von Andreas Praße vom 29. Mai 2017.
(8) Vgl. Hans Ernst, „Der Sommer 1968 im Militärbezirk Leipzig“, in Bruno Thoß (Hg.), Vom Kalten Krieg zur deutschen Einheit. Analysen und Zeitzeugenberichte zur deutschen Militärgeschichte 1945 – 1995, München 1995, S. 187-192 (im Folgenden „Ernst 1995“), hier S. 189.
(9) Vgl. „21.August 1968: Einmarsch – Kein Einmarsch. Die Beteiligung der Nationalen Volksarmee der DDR an der Niederschlagung des ‚Prager Frühlings’“, in https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01095/index-0.html.de, aufgerufen am 23. Mai 2017.
(10) Vgl. „1. Meldung des Ministers für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, über die Handlungen der Vereinten Streitkräfte am 21.8.68“, S. 2 (Quelle: BArch DVW 1/12828), wiedergegeben nach https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01095/index-16.html.de, aufgerufen am 23. Mai 2017; Rüdiger Wenzke, „Sachsen als militärischer Aufmarsch- und Handlungsraum“, in: Konstantin Hermann (Hg.), Sachsen und der „Prager Frühling“, Beucha 2008, S. 89-126, hier S. 107 (wiedergegeben nach Konstantin Hermann, Sachsen und der Prager Frühling. Die drei sächsischen Bezirke der DDR im Einfluss der Reformen aus dem Nachbarland, in Horch und Guck, Heft 4/2008, S. 46-49, im Internet: http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2008-2009/heft-62/06213/; Wieland Eschenhagen/Matthias Judt, Der neue Fischer Weltalmanach. Chronik Deutschland 1949 – 2014. 65 Jahre deutsche Geschichte im Überblick, Frankfurt am Main 2014, S. 165; Ernst 1995, S. 190.
(11) Vgl. Michael Kubina, „Marschbereit in Richtung Osten. Die NVA und Polen 1980/81“, in Horch und Guck, Heft 4/2010, S. 10-15, hier S. 11.
(12) Vgl. http://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/unsere-stadt/herbst-89/leipzig-rundgang-zur-friedlichen-revolution/, aufgerufen am 29. Mai 2017.
(13) Vgl. Fernsehdokumentation zum Luftsturmregiment 40 von 2013, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=9AF8f7sGUI0; Aktennotiz für den Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes vom 15.10.1989 07.00 Uhr, Anlage 2 und Tonbandprotokoll der Rede des Ministers des Innern vor den Chefs der BDVP am 21.10.1989, BStU ZA HA VII 1195, Blätter 22 und 49f, beides wiedergegeben nach Tobias Hollitzer, „‚Heute entscheidet es sich: Entweder die oder wir’ – zum 9. Oktober 1989 in Leipzig“. Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkung. Ein Beitrag zur Geschichte der Entwicklung 1989/90 in Leipzig (im Folgenden: „Hollitzer 1998“), in: Horch und Guck, Heft 23/1998, S. 23-37; Information von Uwe März von 2015.
(14) Heinz Bilan war von 1972 bis 1981 Stellvertreter des Chefs des MB III und Chef der Politischen Verwaltung des MB III.
(15) Vgl. Leipziger Amtsblatt vom 11. März 2017.
(16) Gemeint ist die Ausstellung „Ab morgen Kameraden. Armee der Einheit“, die vom 17. März bis zum 15. Oktober 2017 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig gezeigt worden war (vgl. https://www.hdg.de/zeitgeschichtliches-forum/ausstellungen/ab-morgen-kameraden-armee-der-einheit/, aufgerufen am 4. Februar 2018).
(17) abgerufen bei http://www.rotfuchs.net/rotfuchs-lesen/nva-und-bundeswehr-waren-unvereinbar-wie-feuer-und-wasser.html am 16. Dezember 2017.
(18) Vgl. Müller-Enbergs 2010, S. 15 und 1419; Klaus Wiegand, „Zu den Ereignissen im Oktober/November 1989 im Militärbezirk III. Zeitzeugenbericht“, in Zeitzeugen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR zu den Ereignissen im Herbst 1989 und im Jahr 1990, in Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR, Aktuelle Beiträge. Ausgabe 3/2014, Herausgeber: ISOR e.V., Redaktion „ISOR aktuell“, Berlin 2014, S. 33-38, hier S. 38.
(19) Vgl. Ekkehard Richter, „Wie habe ich die Entwicklung 1989/90 erlebt und wie sehe ich mein damaliges Handeln und Erleben von heute aus“, in Werner Krätschell, Was war und was bleibt. Kamingepräche ehemals führender deutscher Militärs aus Ost und West. Zweite, geänderte Auflage, Potsdam 2008, S. 63-104, hier S. 94.
(20) Vgl. Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland vom 12. September 1990, in Bundesgesetzblatt 1990. Teil II, S. 1317.
(21) Vgl. Nina Leonhard, „Integrationsprozesse infolge der deutschen Vereinigung: Die Soldaten der NVA und die ‚Armee der Einheit’“, abrufbar unter https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/uploads/pdf-2008/leonhard.pdf.
(22)Vgl. Bundesarchiv, „Wehrbereichskommando VII/13. Panzergrenadierdivision (Bestand)“, in: https://www.archivportal-d.de/item/VNK464CTQQDX3G6HEVIMEBMZIH7H6ZHM, aufgerufen am 26. Mai 2017.
(23) Vgl. Stichwort „Wehrbereichskommando“, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Wehrbereichskommando, aufgerufen am 28. Mai 2017.
(24 )Vgl. Leipziger Volkszeitung vom 26. August 2015.
(25) vgl. http://www.leipzig.de/news/news/vorhabenbezogener-bebauungsplan-nr-99-1-geschaeftshaus-viertelsweg-martin-drucker-strasse/, aufgerufen am 26. Mai 2017.

Familienalltag in den 1950er Jahren: Anschreiben lassen und Baden in der Zinkbadewanne

von Matthias Judt

Zu Beginn des 2. Weltkrieges wurden in Deutschland Lebensmittel rationiert. Diese Lebensmittelrationierung sollte im Gebiet der späteren DDR noch bis Mai 1958 anhalten, dort allerdings begleitet von der Existenz sogenannter Freier Läden, in denen zu deutlich höheren Preisen ansonsten rationierte Lebensmittel frei verkauft wurden. Aus den Freien Läden entstanden später die Verkaufsstellen der „Handelsorganisation“, der „HO“. (1)

Wie es einer Familie erging, die es sich nicht leisten konnte, regelmäßig in die HO zu gehen und sogar mit den Lebensmittelmarken nicht immer auskam, hat Monika Jacob beschrieben, die in Gohlis zur Schule (in die damalige in der 38. Grundschule in der Breitenfelder Straße aufgegangenen 37. Grundschule) gegangen ist. Was sie nie vergessen werde, war, „dass wir bei unserem Kaufmann auf der Georg-Schumann-Straße gegen Ende des Monats die gekauften Lebensmittel ‚anschreiben’ lassen mussten, da die Lebensmittelmarken aufgebraucht waren. Am Anfang des nächsten Monats gab es neue, und die Marken mussten umgehend zurückgegeben werden. Nun reichte der Rest natürlich auch nicht lange! Und mit dem Geld in der Lohntüte unseres Vaters war es genauso. Kann sich das heute noch jemand vorstellen? Gegenüber unserem Kaufmann befindet sich heute ein riesiger Supermarkt. Da bekommt man alles, was das Herz begehrt“. (2)

Monika Jacob berichtete 2015 zudem davon, wie in den 1940er und 1950er Jahren gewaschen und gebadet wurde: „Sehr lebhaft in meinem Gedächtnis [ist] auch unsere ‚große Wäsche’. In unserem Hof befand sich ein Waschhaus, und hier hatte unsere Mutter zwei Tage rund um die Uhr zu tun, in einem Kochkessel die Wäsche zu kochen, in einer großen Zinkbadewanne gut zu spülen und so weiter. Anschließend hing dann der ganze Hof voller Wäschestücke und zum Schluss ging es noch zur Mangel, die gottlob gleich bei uns im Hof war. […] Na, und in dieser Zinkbadewanne wurden wir am Abend alle gleich auch noch gebadet. Apropos baden: Zum Ritual am Samstag gehörte auch das Bad in der Küche in einer langen Zinkbadewanne. Es war sehr aufwendig, erst einmal warmes Wasser auf dem Kohleofen herzustellen, und deswegen kam dann ein Kind nach dem anderen in das gleiche Badewasser.“ (3)

(1) Vgl. Wieland Eschenhagen/Matthias Judt, Der Fischer Weltalmanach Chronik Deutschland 19492014. 65 Jahre deutsche Geschichte im Überblick, Frankfurt/Main 2014, S. 90;
(2) Matthias Judt, “Aufstieg und Niedergang der ‚Trabi-Wirtschaft‘”, in ders. (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten.
Beschlusse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, Berlin 1997, S. 87 – 164, hier S. 129.
(3) Vgl. Monika Jacob, „Regenwürmer im Tausch gegen Brot“, in Leipziger Volkszeitung (Hg.), „So war das damals …“ Leser erzählen aus ihrer Jugendzeit, Leipzig 2015, S. 150 – 152, hier S. 152. 3 ebd.

Gohlis 1989: Von Flugblättern und Friedensgebeten

von Matthias Judt (1)

In der Nacht vom 11. zum 12. Januar 1989 wurden in Gohlis zwei Personen festgenommen, die Flugblätter in Briefkästen gesteckt hatten. Ein 26jähriger Ingenieur und seine 19jährige Begleiterin, die als Buchhalterin bei der „Inneren Mission“ in Leipzig arbeitete, hatten bis zu ihrer Festnahme bereits 150 Flugblätter verteilt. Bei ihnen wurden weitere etwa 100 Exemplare eines „Aufrufs an alle Bürger der Stadt Leipzig“ gefunden. Wenige Tage später übermittelte der DDR-Minister für Staatssicherheit Erich Mielke dazu eine streng geheime Information an SEDGeneralsekretär Erich Honecker und weitere SED-Politbüromitglieder. Er berichtete darin „über Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte in Leipzig im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“, mit denen „zur Durchführung eines sogenannten Schweigemarsches ‚für eine Demokratisierung unseres sozialistischen Staates’ am 15. Januar 1989 in Leipzig unter Missbrauch des 70. Jahrestages der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg aufgerufen“ werde (2). Durch die Festnahmen in Gohlis war dem MfS der Plan einer „Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ überhaupt erst bekanntgeworden.

In dem Aufruf hatte die Initiative zunächst das Ritual der offiziellen Kundgebungen kritisiert. Bei ihnen würden „tausende Werktätige verpflichtet […], einer Kundgebung ‚beizuwohnen’, bei der die Redner die jährlich wiederkehrenden Ansprachen halten.“ Dabei seien Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg „für die allumfassenden politischen und ökonomischen Interessen der Arbeiterklasse“ eingetreten, „so auch für ein ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben, für eine ungehemmte Presse, für allgemeine Wahlen und den freien Meinungskampf“. Weiter schrieben die Initiatoren: „Menschen die dieses Vermächtnis unter Berufung auf die Verfassung unseres Landes nach 40 Jahren DDR-Geschichte in Anspruch nehmen, werden immer wieder kriminalisiert.
Der Tag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht soll uns Anlass sein, weiter für eine Demokratisierung unseres sozialistischen Staates einzutreten. Es ist an der Zeit, mutig und offen unsere Meinung zu sagen: Schluss mit der uns lähmenden Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit:
Lassen sie uns gemeinsam eintreten:
– für das Recht auf freie Meinungsäußerung
– für die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
– für die Pressefreiheit und gegen das Verbot (3) der Zeitschrift ‚Sputnik’ und kritischer sowjetischer Filme.“(4)

Im Ergebnis der Vernehmungen der in Gohlis Festgenommenen und der Aussagen einer weiteren Person, die „inoffizieller Mitarbeiter“ des MfS war, wurden neun weitere Flugblattverteiler im Alter von 18 bis 27 Jahren „zugeführt, die an dieser provokatorisch-demonstrativen Aktion teilgenommen hatten.“ In diesem Zusammenhang konnte das MfS zwar 3.500 Exemplare bei
Wohnungsdurchsuchungen beschlagnahmen und ging davon aus, dass insgesamt ca. 750 Flugblätter unter die Leute gebracht worden seien, doch hatte die Initiative insgesamt etwa 12.000 Exemplare hergestellt. (5)

In Mielkes Bericht vom 16. Januar 1989 heißt es weiter: „Gegen alle 11 Personen wurden Ermittlungsverfahren mit Haft wegen gemeinschaftlich begangener Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit gemäß § 214 Absatz 1 und 3 StGB eingeleitet. Unter Berücksichtigung ihrer Tatbeteiligung wurden die Haftbefehle gegen 4 Personen aufgehoben. Die gegen sie eingeleiteten Ermittlungsverfahren werden ohne Haft weiter bearbeitet. In Abhängigkeit von der Sachverhaltsklärung werden weitere Differenzierungsmaßnahmen geprüft.“ (6)

Exkurs:
Staatliche Repression „verrechtlicht“

§ 214. Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit.
„(1) Wer die Tätigkeit staatlicher Organe durch Gewalt oder Drohungen beeinträchtigt oder in einer die öffentliche Ordnung gefährdenden Weise eine Mißachtung der Gesetze bekundet oder zur Mißachtung der Gesetze auffordert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren*) oder mit Verurteilung auf Bewährung,
Haftstrafe, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer gegen Bürger wegen ihrer staatlichen oder gesellschaftlichen Tätigkeit oder wegen ihres Eintretens für die öffentliche Ordnung und Sicherheit mit Tätlichkeiten vorgeht oder solche androht.
(3) Wer zusammen mit anderen eine Tat nach den Absätzen 1 oder 2 begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren**) bestraft.“ (7)

*) Bis zum Juni 1979 wurden nur zwei Jahre Freiheitsstrafe angedroht.
**) Bis zum Juni 1979 gab es keinen Absatz, der Handeln von mehreren Personen strafverschärfend regelte.

Zur Anwendung kam damit ein Paragraph des Strafgesetzbuches der DDR, der fünfzehn Jahre zuvor im Zusammenhang mit der Verabschiedung eines Strafrechtsänderungsgesetzes am 28. Juni 1979 in der Volkskammer in dieser Form in Kraft getreten war. Mit diesem Gesetz war das politische Strafrecht der DDR erheblich verschärft worden, etwa indem auch das Übermitteln nicht-geheimer Informationen unter die Spionageparagraphen fiel. Der § 214 („Beeinträchtigung staatlicher und gesellschaftlicher Tätigkeit“) war dabei besonders dehnbar, denn in ihm wurde gar nicht klar, was unter „staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit“ überhaupt gemeint war und worin deren „Beeinträchtigung“ dann bestehen könnte. (8)

Dabei legten die zum Schweigemarsch Aufrufenden großen Wert darauf, eine „Beeinträchtigung“ der offiziellen Feierlichkeiten aus Anlass des 70. Jahrstages der Ermordung der beiden Führer der zum Jahreswechsel 1918/19 gegründeten KPD zu vermeiden. Die Teilnehmer sollten sich erst um 16 Uhr vor dem Alten Rathaus versammeln.

Trotz der Festnahmen und der Beschlagnahme vieler Flugblätter fanden sich am 15. Januar einige Hundert Demonstranten zusammen: Das MfS meinte, dass sich „ca. 150-200 Personen vor dem Untergrundmessehaus im Stadtzentrum von Leipzig zusammen[rotteten]“, wobei es zur Verlesung eines „vorbereitete[n] Text[es]“ gekommen sei, „in dem zur Teilnahme an dem in den Hetzflugblättern angekündigten Schweigemarsch aufgerufen wurde.“ (9) Teilnehmer schätzten dagegen, dass sich zwischen 500 und 800 Personen eingefunden hätten.

Die seinerzeit in West-Berlin ansässige Rundfunkstation „Radio Glasnost“ konnte kurze Zeit später den genannten Text im Originalton präsentieren: „Wir haben uns heute hier versammelt, um an den 70. Jahrestag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu erinnern. Sie wurden ermordet, weil sie sich nachdrücklich für gesellschaftlichen Fortschritt einsetzten. Wir wollen ihrer mit einem Schweigemarsch gedenken. Und bevor wir schweigen, werden wir reden. Und zwar von den erneuten staatlichen Eingriffen in die Freiheit der Persönlichkeit. Im Vorfeld dieser Veranstaltung kam es zu 11 Verhaftungen von Mitgliedern der Arbeitsgruppe Gerechtigkeit und der Gruppe Leben. Wir protestieren scharf dagegen und fordern die Einstellung der Ermittlungsverfahren! Des Weiteren wenden wir uns gegen die erfolgten Hausdurchsuchungen und zahlreichen Zuführungen. Dieses Vorgehen verdeutlicht, dass zurzeit grundlegende Artikel der Verfassung außer Kraft gesetzt sind. Es betrifft im Besonderen Andersdenkende, die sich für Reformen in der erstarrten Gesellschaftsstruktur der DDR einsetzen. Ein Sozialismus ist ohne die uneingeschränkte Meinungspresse und Versammlungsfreiheit nicht möglich. Dies ist und blieb eine der zentralen Forderungen Rosa Luxemburgs. Ihrer, Karl Liebknechts und aller anderen Verfolgten wollen wir heute gedenken.“ (10)

Im Bericht des MfS an die Parteispitze wurden die weiteren Vorgänge nach der Verlesung des Textes geschildert. Es habe „sich diese Personengruppierung in Richtung Neues Rathaus in Bewegung“ gesetzt, dabei aber „keine Symbole mitgeführt. Da die Teilnehmer den wiederholten Aufforderungen der Deutschen Volkspolizei nach Auflösung des Marsches nicht Folge leisteten, erfolgte durch die Schutz- und Sicherheitsorgane die Zuführung von insgesamt 53 Personen.“ Alle Festgenommenen seien „belehrt“ und „nach Abschluss der Verdachtsprüfungshandlungen bis 22.00 Uhr entlassen“ worden. „Korrespondenten aus dem nichtsozialistischen Ausland“ seien „im Handlungszeitraum nicht festgestellt“ worden. (11)

In der Tat konnten westliche Journalisten nicht von dem Marsch selbst berichten. Sie erfuhren jedoch von der Festnahme der 11 Personen, darunter den Zweien, die in Gohlis verhaftet worden waren. In der Nacht vom 14. zum 15. Januar 1989 hatte der Grünen-Politiker Gert Bastian davon erfahren und die Nachricht an den aus der DDR gegen seinen Willen abgeschobenen Journalisten Roland Jahn weitergegeben. (12) Das führte zur Freilassung aller 11 Flugblattverteiler aus der Haft, gegen die jedoch die Ermittlungsverfahren zunächst (jedoch nur bis 29. Januar 1989) fortgesetzt wurden. (13)

In Gohlis ließ man sich jedoch nicht durch diese staatlichen Aktionen beeindrucken. Am 30. Januar 1989 stellten Mitglieder des 1986 gegründeten Friedenskreises und weitere Personen aus der Friedenskirchgemeinde einen Antrag auf Durchführung einer Gedenkveranstaltung am 25. Februar 1989 auf einem öffentlichen Platz aus Anlass des Jahrestages der Ermordung der Geschwister Scholl sowie weiterer Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Einige Antragsteller strebten ihre Ausreise aus der DDR an und nutzten das Gedenken auch dazu, den Staat, den sie verlassen wollten, herauszufordern. In den Jahren 1988 und 1989 trafen sie sich im Gemeindehaus der Friedenskirche im Rahmen einer leipzigweit agierenden „AG Ausreise“(14), gegen die seitens der Bezirksverwaltung des MfS im Dezember 1988 geplant wurde, einen „Operativen Vorgang“ einzuleiten, mit dem Ziel „der Einschränkung ihrer Wirksamkeit sowie der Zersetzung“. (15)

Die Initiatoren der Gedenkveranstaltung wurden Anfang Februar 1989 an ihren Arbeitsstellen zu Gesprächen eingeladen und dabei befragt, warum sie eine gesonderte Veranstaltung durchführen wollten, wo es doch genügend staatliche Gedenkveranstaltungen gäbe. Als klar wurde, dass sie bei ihrem Antrag bleiben würden, erfolgte eine Einladung ins Präsidium der Volkspolizei, wo die Veranstaltung mit der „Auflage“ belegt wurde, dass die Organisatoren für „absolute Sicherheit“ zu sorgen hätten. In der Vermutung, dass von interessierter Seite Provokationen organisiert werden könnten, für die sie dann zur Verantwortung gezogen werden würden, zogen die Initiatoren der Gedenkveranstaltung ihren Antrag daraufhin zurück. (16)

Statt des Treffens im öffentlichen Raum führte die Friedenskirchgemeinde schließlich die Gedenkveranstaltung in ihren eigenen Räumlichkeiten durch, die Gotthard Weidel, der damalige Pfarrer der Gemeinde, leitete. So wie sie es auch im öffentlichen Raum vorgesehen hatten, lasen bei ihr die Initiatoren aus den Flugblättern vor, die von Hans und Sophie Scholl mit ihren Mitstreitern in München und anderen Städten verbreitet worden waren. (17)

Der Friedenskreis hatte sich in den Jahren 1986 bis 1989 an den Friedensdekaden beteiligt und dabei die Stationierung von sowjetischen SS-20-Atomraketen in der DDR thematisiert. Das VIII. Turn- und Sportfest der DDR im Sommer 1987 bot dem Friedenskreis erstmalig Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt, bei dem die Stationierung von Atomwaffen in beiden deutschen Staaten und Fragen des Umweltschutzes in der Region Leipzig angesprochen wurden. Der Friedenskreis nahm 1987 in Torgau am 5. Olaf-Palme-Friedensmarsch teil und befasste sich im Frühjahr und Herbst 1989 im Umfeld des IX. Pädagogischen Kongresses der DDR mit der Schulpolitik im Lande. (18)

Zweimal sollte der Friedenskreis unter Führung von Gotthard Weidel die Friedensgebete in der Nikolaikirche im Jahre 1989 gestalten, darunter auch an dem denkwürdigen 9. Oktober. Bei der ersten Gelegenheit, am 29. Juni 1989, hatte der Kreis die Bildung eines „Freidenkerverbandes der DDR“ zum Thema gemacht. Der Verband sollte dazu dienen, „allen Versuchen kirchlicher Kreise offensiv [zu] begegnen, die ihren religiösen Einfluß erweitern und zu mißbrauchen versuchen“. (19)

Gohliser sollten im Herbst 1989 dann selbst eine Rolle bei der Friedlichen Revolution in Leipzig spielen. An ihrem wahrscheinlich entscheidenden Tag, dem 9. Oktober, waren die Befürchtungen groß, dass es zur gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen in der Leipziger Innenstadt kommen könnte. Verbände der Volkspolizei, der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, des MfS und der NVA standen bereit. Fünf Tage zuvor war vom Verteidigungsministerium der DDR die Weisung ergangen, im Militärbezirk III (Leipzig) die erhöhte Gefechtsbereitschaft auszulösen. (20)

Wie an jedem Montag war auch der Demonstration am 9. Oktober das schon traditionelle Friedensgebet in der Nikolaikirche vorangestellt. Just an diesem Tag wurde es aber von Pfarrer Gotthard Weidel gemeinsam mit Mitgliedern des Friedenskreises Gohlis gestaltet. (21) Hier reagierten die Akteure unmittelbar auf eine durch den Kommandeur einer Hundertschaft der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ am 6. Oktober in einem Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung ausgesprochenen Drohung: „„Die Angehörigen der Kampfgruppenhundertschaft ‚Hans Geiffert’ verurteilen, was gewissenlose Elemente seit einiger Zeit in der Stadt Leipzig veranstalten. […] Wir sind dagegen, daß diese kirchliche Veranstaltung mißbraucht wird, um staatsfeindliche Provokationen gegen die DDR durchzuführen. […] Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!“ (22)

Nach dem „Aufruf der Leipziger Sechs“ zur Gewaltlosigkeit, den am 9. Oktober neben dem Universitätstheologen Peter Zimmermann (geb. 1944), dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange (geb. 1944) und dem weltberühmten Gewandhausdirigenten Kurt Masur (1927-2015) auch die drei Sekretäre der SEDBezirksleitung Kurt Meyer, Jochen Pommer und Roland Wötzel unterschrieben hatten und der über den Leipziger Stadtfunk verlesen worden war, blieb es in der Stadt ruhig. Die zwar sichtbar präsenten Einsatzkräfte von Volkspolizei, Kampfgruppen und MfS griffen nicht ein, und so konnten an diesem Tag 70.000 Leipziger friedlich demonstrieren.

Eine Woche später jedoch drohte noch einmal die Gefahr einer militärischen Niederschlagung der Demonstrationen in Leipzig. Am 13. Oktober 1989 hatte der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates (NVR) der DDR, SED-Generalsekretär Erich Honecker (1912-1994), den „Befehl Nr. 9/89 des Vorsitzenden des NVR über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung in Leipzig“ unterzeichnet. Demnach waren „alle Maßnahmen vorzusehen, um geplante Demonstrationen im Entstehen zu verhindern“. Tags darauf fand eine Einweisung beim Chef des Hauptstabes des NVR, Fritz Streletz (geb. 1926) statt. (23) In den Notizen des Stabschefs der Bezirksdirektion der Volkspolizei Leipzig zu dieser Einweisung finden sich folgende Aussagen: „Unter allen Umständen sollte verhindert werden, daß es zu Massendemonstrationen im Zentrum Leipzigs kommt. Neben den Kräften und Mitteln der DVP und des MfS sollten die Fallschirmjäger der NVA und die Spezialkräfte des MfS nach Leipzig verlegt werden und dort vorrangig für die Festnahme der Rädelsführer bzw. für den Einsatz zu besonderen Aufgaben vorbereitet werden.“ (24) Dazu wurden allein 31 Hundertschaften der NVA für den Einsatz in Leipzig in Kasernen in Döbeln, Delitzsch, Eilenburg, Bad Düben und der Stadt selbst (unter anderem in der Kaserne des Artillerieregiments und in der Georg-Schumann-Kaserne, die beide unmittelbar an Gohlis grenzten) verlegt. Die Leipziger Volkspolizei sollte die etwa 3.000 Soldaten mit Schlagstöcken ausstatten. (25)

In der NVA-Artilleriekaserne (der heutigen General-Olbricht-Kaserne) hatte die Fallschirmjägerkompanie des Luftsturmregiments 40 aus Lehnin im Bezirk Potsdam am Abend des 14. Oktober 1989 Quartier bezogen. 329 Fallschirmjäger waren unter strengster Geheimhaltung herangeführt worden und trainierten dort, angeleitet durch Antiterrorkräfte des MfS, am 15. und frühen 16. Oktober 1989 Taktiken und Techniken des Auflösens einer Demonstration. (26)

Die militärischen und polizeilichen Kräfte wurden indes auch am 16. Oktober nicht mehr eingesetzt. An diesem Tag kamen 120.000 Demonstranten, nicht ahnend, dass auch sie – wie schon die 70.000 eine Woche zuvor – nur knapp der Gefahr einer „chinesischen Lösung“ entgingen. Am 23. Oktober wurde schließlich eine Rekordzahl von 300.000 Menschen gezählt, die auf dem Ring demonstrierten. (27)

Diese Teilnehmerzahlen waren sehr wichtig: Am 21. Oktober 1989 hatte der DDRInnenminister und Chef der Deutschen Volkspolizei, Friedrich Dickel (1913-1993), in einer Rede vor den Chefs der Bezirksbehörden der VP das Dilemma der Partei und Staatsführung geschildert: „Was sollen wir machen? Ich stelle mal diese rhetorische Frage. Sollen wir dazwischen gehen bei 20.000, 30.000, 40.000 Bürgern? Wissen Sie, was das bedeutet? Da können wir gleich SPW [Schützenpanzerwagen] oder Panzer einsetzen.“ Und weiter: „Natürlich ist das in dem Moment ein Zurückweichen, aber ich sage Euch noch einmal, bei Größenordnungen von 20, 30, 80 oder gar 100.000 ist gar nichts anderes möglich. Am Montag ist das gleiche wieder in Leipzig, das geht jetzt schon wochenlang, und wir schlagen uns hier die Nächte um die Ohren.“ (28)

Exkurs:
Was der Polizeichef der DDR im Herbst 1989 lieber gemacht hätte

„Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, daß ihnen keine Jacke mehr paßt. Ich war 1953 verantwortlich hier in Berlin. Mir braucht keiner zu sagen, was die weiße Brut veranlaßt. Ich bin als Jungkommunist nach Spanien und habe gegen die Halunken, dieses faschistische Kroppzeug gekämpft. […] Mir braucht keiner zu sagen, wie man mit dem Klassenfeind umgeht. Ich hoffe bloß, daß ihr das genau wißt. Umzugehen, Schießen liebe Genossen und das die Panzer dann vor der Bezirksleitung und vor dem ZK stehen, daß wäre noch die einfachste Sache. Aber solch eine komplizierte Situation nach 40 Jahren DDR?“

(1) Erweiterte Fassung eines Artikels des Verfassers mit gleichen Titel, vgl. Matthias Judt, „Gohlis 1989: Von Flugblättern und Friedensgebeten“, in Bürgerverein Gohlis 2017, S. 59-61.
(2) „Information über Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte in Leipzig im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“ (im folgenden „Information vom 16. Januar 1989“), in: MfS, ZAIG, Nr. 25/89, zitiert nach http://www.ddr89.de/ddr89/mfs/mfs25.html, dort aus: Armin Mitter/Stefan Wolle, „Ich liebe euch doch alle…“ Befehle und Lageberichte des MfS, Januar-November 1989, Berlin 1990, S. 11ff.
(3) Im November 1988 war die sowjetische Monatszeitschrift Sputnik, eine Art Reader’s Digest der sowjetischen Presse, in seiner deutschsprachigen Ausgabe „von der Postvertriebsliste gestrichen“, mithin verboten worden. Darüber hinaus durften fünf Spielfilme aus der UdSSR nicht weiter aufgeführt werden. Beides führte in der DDR zu Protesten. Vgl. Die Zeit vom 2. Dezember 1988.
(4) „Aufruf an alle Bürger der Stadt Leipzig“, zitiert nach Information vom 16. Januar 1989, hier Anlage 1 (Orthografie nach Quelle).
(5) Information vom 16. Januar 1989; Uwe Schwabe, „Die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration 1989 in Leipzig“, in: https://www.jugendopposition.de/themen/145316/oppositionszentrumleipzig?video=145185#vplayer, aufgerufen am 24. Mai 2017.
(6) Information vom 16. Januar 1989.
(7) Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik -StGB- vom 12. Januar 1968, in der Fassung des Gesetzes vom 19. Dezember 1974 zur Änderung des Strafgesetzbuches, geändert durch Gesetz vom 28. Juni 1979 (Gesetzblatt der DDR. Teil I S. 139), in: http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch74.htm, aufgerufen am 25. Januar 2018.
(8) Vgl. Wieland Eschenhagen/Matthias Judt, Der neue Fischer Weltalmanach. Chronik Deutschland 1949 – 2014. 65 Jahre deutsche Geschichte im Überblick, Frankfurt am Main 2014 (im folgenden Eschenhagen/Judt 2014), S. 250.
(9) zitiert nach Information vom 16. Januar 1989.
(10) Radio Glasnost, Aufruf zur Luxemburg-Liebknecht-Demonstration in Leipzig, in: https://www.jugendopposition.de/themen/145316/oppositionszentrum-leipzig?video=144977#vplayer, aufgerufen am 24. Mai 2017.
(11) zitiert nach Information vom 16. Januar 1989.
(12) Vgl. Information vom 16. Januar 1989.
(13) Vgl. Der Tagesspiegel vom 20. Januar 1989; Uwe Schwabe, „Die Luxemburg-LiebknechtDemonstration 1989 in Leipzig“, in: https://www.jugendopposition.de/themen/145316/oppositionszentrum-leipzig?video=145185#vplayer, aufgerufen am 24. Mai 2017.
(14) Gespräch mit einem der Organisatoren, Herrn Klaus Wirth, am 17. Mai 2017; Information von Gerd Klenk vom 21. Mai 2017.
(15) Vgl. Die Stasi und die Reisefreiheit, in: http://www.demokratie-statt-diktatur.de/DSD/DE/Reisefreiheit/_node.html, aufgerufen am 24. Mai 2017.
(16) Vgl. Gilbert Jacoby, 1989/90: Die „Friedliche Revolution“ in der DDR, Berlin 2011, S. 12; Gespräch mit Klaus Wirth am 17. Mai 2017. 17 Gespräch mit Klaus Wirth am 17. Mai 2017. 18 Information von Gerd Klenk vom 21. Mai 2017. 19 Information von Gerd Klenk vom 21. Mai 2017.
(17) Gespräch mit Klaus Wirth am 17. Mai 2017.
(18) Information von Gerd Klenk vom 21. Mai 2017.
(19) Vgl. Leipziger Volkszeitung vom 6. Oktober 1989, zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedliche_Revolution_(Leipzig), aufgerufen am 22. Mai 2017 (Orthografie nach Original) und Tobias Hollitzer, „‚Heute entscheidet es sich: Entweder die oder wir’ – zum 9. Oktober 1989 in Leipzig“. Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkung. Ein Beitrag zur Geschichte der Entwicklung 1989/90 in Leipzig (im Folgenden: „Hollitzer 1998“), in: Horch und Guck, Heft 23/1998, S. 23-37.
(20) wiedergegeben und zitiert nach Hollitzer 1998. Ein Kopie des Befehls ist veröffentlicht in Rita Sélitrenny: Die Verantwortung der SED für die Isolierungslager, Arbeitspapiere des Forschungsverbundes SED-Staat Nr. 17/1995, Berlin 1995, Anhang Dokument 12. Zu Honecker und Streletz siehe Helmut Müller-Enbergs et al., Wer war wer in der DDR. Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 5. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Berlin 2010 (im Folgenden „Müller-Enbergs 2010“), S. 575f und 1290f.
(21) Aktennotiz des Stabschefs der BDVP Leipzig Oberst Burghardt über die Einweisung am 14.10.1989, 08.00 Uhr, beim Chef des Hauptstabes des NVR, Genossen Generaloberst Strelitz, Leipzig 14.10.1989 Bl. 1 – 3, hier: Bl. 1, zitiert nach Hollitzer 1998.
(22) Vgl. Aktennotiz für den Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes vom 15.10.1989 07.00 Uhr, Anlage 2, wiedergegeben nach Hollitzer 1998; Information von Uwe März von 2015.
(23) Vgl. Der Spiegel vom 29. September 2014; Hollitzer 1998.
(24)Vgl. Fernsehdokumentation zum Luftsturmregiment 40 von 2013, insbesondere ab der 18. Minute, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=9AF8f7sGUI0. Im Juni 1989 waren Studentenproteste auf dem Pekinger „Platz des himmlischen Friedens“ gewaltsam vom Militär der VR China niedergeschlagen worden.
(25) Vgl. Eschenhagen/Judt 2014, S. 319.
Tonbandprotokoll der Rede des Ministers des Innern vor den Chefs der BDVP am 21.10.1989 (im Folgenden „Tonbandprotokoll 1989“), BStU ZA HA VII 1195, Blätter 22 und 49f, zitiert nach Hollitzer 1998 (Orthografie nach Original). Zu Dickel siehe: Müller-Enbergs 2010, S. 232.Tonbandprotokoll 1989.