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5/2021

Gohlis Forum – Ausgabe 5 für 2021 erschienen

von Agnes und Peter Niemann

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser 5. Ausgabe des Gohlis Forums informieren wir wieder über aktuelle Ereignisse in unserem Stadtteil. Auch diesmal gibt es viel zu erzählen: Gohlis entwickelt sich an allen Ecken und Enden. In der Rubrik Geschäftsleben auf Seite 3 berichten wir über neue Geschäfte. Auch gibt’s einen ausführlichen Bericht zum Makerspace – einer Mitmachwerkstatt im Herzen unseres Stadtteils.

Weitere Bauprojekte stehen für das nächste Jahr an: lesen Sie auf Seite 8 einen Ausblick auf die längst überfällige Sanierung der Landsberger Straße. Auch der historische Gohliser Anger in der Menckestraße soll neu gestaltet und als historische Stätte gewürdigt werden (S. 10).

Mit der 11. Nacht der Kunst Anfang September liegt eines der großen kulturellen Highlights des Leipziger Nordens hinter uns. Mehr als 1.500 Menschen haben an jenem Abend bspw. den Weg ins Budde-Haus gefunden. Aus unserer Sicht ein gutes Zeichen und wir freuen uns schon sehr auf einen Herbst voll gut besuchter Veranstaltungen in unserem Lieblingsstadtteil!

Die vollständige Ausgabe kann hier im Archiv gelesen werden.

DIY in Gohlis – Makerspace – Gemeinschaftswerkstatt für SELBER-MACHER:innen

von Peter Niemann

Es ist das Ende einer ganz kleinen Straße in Gohlis Mitte, wohin es mich an jenem Freitag im September verschlägt. Denn vor etwa einem Jahr hat sich in der Stoye-Straße ein Projekt angesiedelt, von dem ich schon viel Spannendes gehört habe und welches ich mir unbedingt live anschauen wollte: Der Makerspace. Genau so steht es auch auf dem Schild über der kleinen Tür im Eingangsbereich. Mit dem Übertreten der Schwelle öffnet sich eine weitläufige Halle und ich werde dort unmittelbar und sehr herzlich von Claire Fabian empfangen. Sie ist an jenem Tag Ansprechpartnerin für alle Anliegen der fleißig werkelnden Mitglieder des Makerspace und für interessierte Menschen, wie mich. Wobei es egal ist, ob man sich zum Arbeiten angemeldet hat oder spontan hereinschneit – man bekommt eine Führung durch die ausgedehnten Hallen sowie die Gelegenheit, alle möglichen Fragen loszuwerden.
Während meines Rundgangs war ich ziemlich beeindruckt von den vielen verschiedenen Gewerken und den unzähligen Möglichkeiten, die sich dem kreativen Menschen hier auf rund 600qm bieten: So gibt es einen Textilbereich mit Industrienähmaschinen, Dampfbügeleisen und großem Zuschneidetisch. Daneben gut ausgestattete Bereiche für Keramikherstellung und Metallbau. Auch ein sogenanntes FabLab (Fabrikationslabor) ist zu finden, wo der Zugang zu modernen Fertigungsverfahren ermöglicht wird. Hier findet man einen Laser, für Gravuren auf Werkstücken etwa oder für den Beschnitt von selbigen. Derzeit wird die Anschaffung einer CNC-Fräse sowie eines 3D-Druckers vorangetrieben. Im südlichen Teil bieten lichte Räume Platz für Workshops und die technischen Voraussetzungen für professionelle Videokonferenzen. Weiter hinten in der Halle entstehen derzeit eine (mobile) Fahrradwerkstatt, eine Siebdruckanlage sowie ein Fotostudio nebst Dunkelkammer. In dem sehr gemütlichen Bar- und Aufenthaltsbereich im Zentrum des Makerspace treffen sich die Mitglieder gerne in den Pausen.

Claire selbst ist Biologin, im Makerspace für den Keramik-Bereich zuständig und unterstützt das Projekt schon seit Jahren ehrenamtlich. Dabei ist es nicht nur Leidenschaft fürs Handwerk, sondern das soziale Gefüge, welches Claire anspricht. Die Mitglieder stammen aus allen möglichen Altersgruppen und sozialen Schichten. Und so begegnen ihr immer wieder Menschen, mit denen sie sonst vermutlich nie in Kontakt kommen würde. Die Mitglieder seien grundsätzlich sehr hilfsbereit und viele von ihnen widmen ihre Freizeit nicht nur den eigenen Projekten, sondern sind auch an der Weiterentwicklung des Gesamtprojekts interessiert. Der neue Standort in Gohlis gefällt ihr ziemlich gut. Er ist größer als die Halle in der Bitterfelder Straße, die dem Makerspace von 2015 bis 2020 ein Zuhause bot. Zudem sei man im Herzen von Gohlis gut angebunden und es blieben so (fast) keine Wünsche offen.
Probleme bleiben selbstverständlich nicht ganz aus. Dabei reicht die Bandbreite von kleineren „WG-Problemen“ um Abwasch und Aufräumen von Arbeitsplätzen etwa, hin zu echten Herausforderungen. Völlige Barrierefreiheit, die Ausstattung mit sanitären Anlagen sind hier zu nennen sowie auch der eher träge Kontakt zur Hausverwaltung. Man wartet schon lange auf den Ausbau des Stromnetzes sowie eigentlich sogar vertraglich zugesicherte Heizmöglichkeit im Winter. Das ist v.a. auch hinsichtlich der teuren und teilweise sehr kälteempfindlichen Maschinen wichtig. Von der Stadtverwaltung und den Multiplikatoren vor Ort wünscht sie sich, dass man jetzt schon den Blick auf die Zukunft richtet. Der bestehende Festvertrag zwischen der Stadt und dem Eigentümer des Gebäudekomplexes hat nämlich nur eine Laufzeit von 10 Jahren. Ihr größter Wunsch ist Sicherheit für den Standort in Gohlis. Schließlich sei der Makerspace ein zeitloses Projekt, von dem die Menschen im Stadtteil und darüber hinaus immer profitieren können.

Wie kann man im Makerspace mitmachen?

Ganz grundsätzlich ist jede und jeder herzlich im Makerspace willkommen. Eine Mitgliedschaft kostet rund 25€ pro Monat und ein Antrag kann ganz einfach online ausgefüllt werden. Die Einnahmen fließen in die Wartung und Reparaturen von Maschinen sowie die Neuanschaffung von Geräten. Bevor man loswerkeln kann, bekommt man eine ebenso fundierte wie freundliche Einweisung in die Geräte und die Abläufe vor Ort. Außerdem braucht es immer engagierte Leute, die eigene Ideen in den Makerspace einbringen und weiterentwickeln, sei es als Workshopleiter/in oder Verantwortliche/r für ein bestimmtes Gewerk.

Gibt es Angebote für Kinder?

Auch wenn es für Kinder (leider!) gerade keine Workshops gibt und eine Mitgliedschaft erst ab 14 Jahren möglich ist, sind diese gerne gesehen. So bietet der bequem eingerichtete Aufenthaltsbereich genug Raum zum Warten, Spielen und Lesen. Natürlich können die Kleinen auch – unter den wachsamen Augen der Eltern und mit ein paar nachvollziehbaren Einschränkungen – fleißig mitwerkeln.

Wie kontaktiert man den Makerspace?

Ganz einfach im Rahmen der Öffnungszeiten vorbeikommen. Geöffnet ist der Makerspace täglich, außer sonntags und montags. Man kann sich auch via info@makerspace-leipzig.de anmelden. Sämtliche Informationen und aktuelle Termine finden sich ansonsten auf der Website https://makerspace-leipzig.de

Wo ist denn nun eigentlich diese Stoye-Straße?

Da selbst vielen gestandenen Gohliserinnen und Gohlisern ‚Stoye-Straße‘ erst einmal nichts sagen wird und auch Google Maps die Straße (noch) nicht zu kennen scheint, hier noch einige Hintergrundinfos zur erfolgreichen Verortung:
Im Mai 2018 nämlich, und analog zur Beschlussvorlage VI-DS-05361-NF-05 sprach sich die Ratsversammlung für die Teilumbenennung eines Straßenabschnittes der Halberstädter Straße aus. Eine genutzte Chance! Denn spätestens mit der feierlichen Einweihung vor ziemlich genau drei Jahren und der Installation von Straßen- und Zusatzschild wurde so ein Stück Gohliser Stadtteilhistorie transparent gemacht: Erinnert wird seitdem an den Leipziger Seitenwagen-Konstrukteur und -Hersteller Walter Stoye (1893-1970), dessen 1925 gegründetes Unternehmen ab 1944 an eben jenem Ort saß.
Das kleine Areal zwischen der Lindenthaler Straße, den beiden S-Bahnlinien und der Stoye-Straße entwickelte sich beständig weiter. Besonders markant ist der Gebäudekomplex des ehemaligen Autohauses. Dieser beherbergt seit September 2019 mit dem Kunsttanker den Ort mit der wohl größten Dichte an Kultur- und Kunstschaffenden im Leipziger Norden. Im September 2020 siedelte sich schließlich mit dem Makerspace ein wirklich tolles Projekt in der Straße an, das unseren Stadtteil hoffentlich noch viele Jahre bereichern wird.

Geschichte in Geschichten (Teil 9) – Schüler fragen Zeitzeugen: Gotthard Weidel

von Denise Beck, Flora Budde, Paul Schreiber

Gotthard Weidel, geboren 1947, wuchs in der DDR auf. Als Wehrdienstverweigerer studierte er Theologie von 1967 – 1972 in Leipzig. Nachdem er als Pfarrer in Kahnsdorf tätig war, kam er 1984 an die Friedenskirche in Gohlis. Seit den 80er-Jahren nahm Gotthard Weidel aktiv an den Friedensgebeten teil. Am 9. Oktober 1989, dem Tag der Entscheidung, hielt er in der Nikolaikirche die Predigt zum Friedensgebet. Nach 1996 arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 2009 als Soldatenseelsorger in der Bundeswehr.

Wie war Ihr Verhältnis zum DDR-Regime?
Pfarrer Weidel: Ich wurde in der DDR nicht verfolgt, litt aber unter Rechtlosigkeit, am Mangel von Gestaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Leben und an fehlender, persönlicher Freiheit. Für das tägliche Brot in der DDR war gesorgt. Die restlichen Dinge musste man sich organisieren. Wir lebten in der „größten DDR der Welt“, aber sie war in keiner Weise weltoffen. Keiner rechnete mit dem Fall der Mauer oder dem Niedergang der DDR. Deshalb wollten viele das Land verlassen. Sie sahen für sich in der DDR keine Zukunft .

Ich bin heute noch der Meinung, dass, wenn es in der DDR mehr Teilhabe oder Gespräche gegeben hätte, wären Entwicklungen möglich gewesen. Aber – die Menschen mit ihren kritischen Fragen und kreativen Fähigkeiten wurden nicht ernst genommen. Das sind meine Erfahrungen. Wer damals in Leipzig lebte, konnte alle Probleme der DDR hautnah miterleben.

Herrschte innerhalb Ihrer Gemeinde eine einheitliche politische Position?
Pfarrer Weidel: Nein. Ich denke, das ist ganz normal… Viele Mitbürger, die den 2. Weltkrieg und den 17. Juni 1953 erlebt hatten, waren damals nicht der Meinung, etwas verändern zu können. Für sie war es eher eine Frage, wie können wir in Ruhe leben. Das musste ich akzeptieren. Es gab auch Menschen, denen die Forderungen nach Entwicklung und Teilhabe zu lasch waren. Wiederum gab Christen, die die Meinung vertraten, dass allein das Gebet friedliche Veränderungen bringen kann und das Entscheidende im Leben eines Christen ist.

Wir nahmen sehr bewusst in der Friedenskirche diese Themen wahr. Auf der einen Seite versammelte sich die „Gruppe Hoffnung“. Die Antragssteller, welche die DDR verlassen wollten, fanden keinen Ort, an dem sie sich versammeln konnten. Auf der anderen Seite traf sich eine „Dialog – Gruppe“. Ihr Ziel bestand nicht darin, die DDR zu stürzen. Vielmehr wollten die Teilnehmer mitreden, mitgestalten und das Land verändern. Ich arbeitete mit engagierten Gemeindeglieder in dieser Gruppe zusammen.

Ich erlebte, dass oft interessierte, engagierte und junge Menschen den „Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR,“ wie es offiziell hieß, stellten. Die zurück bleibenden Eltern, Freunde oder Kollegen waren hier verwurzelt. Sie erlebten schmerzhaft, wie ihre Kinder und Enkelkinder nach der Ausreise hinter einer fast undurchlässigen Grenze im Westen lebten. Nur zu besonderen Anlässen konnte ein Antrag auf eine Reisegenehmigung gestellt werden. Während einer Demonstration im Herbst 89 wurde eine ältere Frau von einem Reporter gefragt: „Warum sind sie hier?“ Sie antwortete: „Unsere Kinder und Enkelkinder gehen in den Westen. Wir bleiben zurück. Das muss anders werden.“ Die Menschen und Familien wurden durch solche Erfahrungen zerrissen.

Gab es staatlichen Druck oder Benachteiligungen, um Sie von Ihrer Mitwirkung in kirchlichen Initiativen abzuhalten?
Pfarrer Weidel: Viele Menschen in der DDR erlebten Benachteiligungen oder Ärgernisse. Besonders in den 50er- und 60er-Jahren wurden Andersdenkende verfolgt, verurteilt und inhaftiert. Damit ist mein Leben nicht zu vergleichen. […] Einmal sagte eine Lehrerin im Unterricht zu meinem Sohn: „Was nützt es, wenn dein Vater „preedigt“, dann fuhr sächsisch fort, „und wir haben keene Breetchen?“ Der Beruf des Vaters darf keine Rolle für einen Lehrer gegenüber seinen Schülern spielen. Ich wollte die Lehrerin umgehend sprechen. Es war nicht möglich. Ich versuchte es mehrmals und hatte keinen Erfolg. Erst als ich mich an den Rat der Stadt wandte, erfolgte eine Reaktion in der Schule. Es wurde von einem Missverständnis gesprochen. Eigentlich hatte ich die Absicht, mit der Lehrerin in einen Dialog zu treten. Ein Gespräch wurde mir verweigert.

Waren auch Ihre Familienmitglieder von Schikanen betroffen?
Pfarrer Weidel: Meine Frau hatte Ökonomie studiert. Sie konnte in der DDR nie einen leitenden Posten erreichen, weil sie die Frau eines Pfarrers war.

Hatten Sie Angst, dass Ihre kritische Haltung gegenüber der DDR negative Folgen nach sich ziehen könnte?
Pfarrer Weidel: Ja, während der Demonstrationen im Herbst 1989 hatten wir Angst. Entweder meine Frau oder ich konnten jeweils an einer Demonstration teilnehmen. Unsere Kinder sollten im Falle einer Verhaftung nicht allein bleiben. […] Es gab damals Verhaftungen. Gleichzeitig zeigten viele Solidarität mit den Verhafteten. An der Nikolaikirche waren die Fenstergitter mit Namen von verhafteten Personen, mit Blumen, Mitteilungen, Gebeten und Grüßen bestückt. Die Menschen hatten die staatliche Bevormundung satt. Sie hatten zwar Angst, aber ließen sich ihren Mut und Zuversicht nicht nehmen. Auf der Straße überwanden sie Schritt für Schritt ihre Angst. Aus den 70.000 am 9. Oktober wurden eine Woche später 125.000 Demonstranten.

Wie drückend empfanden Sie Ihre Verantwortung als Pfarrer?
Pfarrer Weidel: Die Kirche war ein geschützter Raum. Als Mitglied der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und der UNO, musste die DDR auf die öffentliche Meinung anderer Staaten Rücksicht nehmen. […] Wir, die Kirchen, waren der einzige nicht integrierte Bestandteil in der DDR… Als Pfarrer konnte ich so Räume der Kirchgemeinde hilfesuchenden Menschen zur Verfügung stellen. Im Juli 1989n fand ein Kirchentag in Leipzig statt. Eine Gruppe demonstrierte mit chinesischen Schriftzeichen und erinnerte an den 1989 niedergeschlagenen Aufstand auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking. Diese Gruppe setzte nach dem Kirchentag auf der Karl-Liebknecht-Straße ihre Demo fort. Sofort verfolgte die Staatssicherheit die Teilnehmer. Sie flüchteten zur Peterskirche. In die Peterskirche folgten die Mitarbeiter der Staatssicherheit nicht. Es gab auch für die Stasi Grenzen. Kirchen sind seit dem Mittelalter ein Zufluchtsort für Verfolgte.

Am 5. Oktober, während einer Dienstberatung aller Leipziger Pfarrer mit dem sächsischen Landesbischof Johannes Hempel, sprachen wir über das am 9. Oktober bevorstehende Friedensgebet. Es stand die Frage im Raum: Ist es verantwortlich, das Friedensgebet durchzuführen? Es kann sein, so lauteten unsere Überlegungen, dass es nach der Beendigung zu Auseinandersetzungen mit den staatlichen Organen kommt. Andererseits: Ist es verantwortlich, das Friedensgebet abzusagen?

Das Resultat lautete: Es werden am kommenden Montag in mehreren Innenstadtkirchen unserer Stadt Friedensgebete durchgeführt! Die Kirchen bleiben bis zur Beendigung der Demonstration als Fluchtmöglichkeit offen.

Sie haben am 9. Oktober in der Nikolaikirche die Predigt gehalten. Was war Ihnen dabei besonders wichtig zu vermitteln?
Pfarrer Weidel: Unser Thema lautete: „Volkes Stimme lasst uns sein“. Daraus wurde auf der Straße „Wir sind das Volk“. Das lag in der Luft. Eine Basisgruppe erarbeitete das Konzept des Friedensgebets. Nach dem brutalen Vorgehen der Polizei am 7. Oktober schrieb ich meine Predigt neu. Sie sollte offen, einladend und dialogfähig sein. Die Menschen sollten auch mit unterschiedlichen Anschauungen als Gesprächspartner ernst genommen werden. Ich zitierte „Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht werden“ und fuhr fort: „Das gilt auch jetzt in unserer Stadt. Wir müssen miteinander reden. Dieses Land und unsere Stadt lässt sich nur auf diese Weise verändern.“

Am 9. Oktober 1989 gab es eine Liste, auf welcher 130 Personen – unter anderem auch Sie – vermerkt waren, für die Verhaftungen vorgesehen waren. Fürchteten Sie sich vor einer Festnahme?
Pfarrer Weidel: Ich ahnte, dass es Listen für geplante Verhaftungen gibt. Mir war klar, dass sich im Falle einer Verhaftung meine Kirche für mich einsetzt.

Welche Erwartungen haben Sie damals mit der Friedlichen Revolution verbunden? Sind diese in Erfüllung gegangen?

Pfarrer Weidel: Ich kenne niemanden, der damals den Sturz der DDR wollte. […] Die Macht der SED wurde von der Staatssicherheit abgesichert. Die hochgerüstete Sowjetunion und die besondere politische Lage im geteilten Deutschlands schlossen nach meiner Meinung weitgehende Veränderungen aus. Erst 1990 erkannte ich, wie kleinkariert mein Realismus war. Ein Jahr später gab es die DDR nicht mehr. […] Aber – ich besaß im Oktober 1989 die Hoffnung auf Veränderungen. Ich wollte über Fragen und Themen sprechen, die mich und meine Gemeinde beschäftigten. Ich wollte frei sein.

Welche allgemeinen Forderungen existierten in der kritischen Bevölkerung?
Pfarrer Weidel: Die Menschen wollten eine freie Presse, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, selbstständige Parteien und freie Wahlen. Das war wenig. Es sind die Grundelemente bürgerlicher Freiheit. Wenn diese Forderungen erfüllt worden wären, musste die DDR zusammenbrechen. Das ist mir später klargeworden.

Haben Sie sich mehr von der Wende erhofft? Und wurde Ihnen seitens Ihrer Gemeindemitglieder von Enttäuschungen berichtet?
Pfarrer Weidel: Als Pfarrer erlebte ich vieles auf einer persönlichen Ebene hautnah mit, aber meine Erwartungen hielten sich in Grenzen.

Viele Menschen erwarteten, dass sich auf einmal das Füllhorn öffnet. Diese Vorstellung war eine Illusion. Die versprochenen blühenden Landschaften sind heute vorhanden. Da kann man sagen, was man will. Aber – ich denke an meine Gemeindeglieder, die nach einem langen Berufsleben arbeitslos wurden. Was bedeutet es, plötzlich die Arbeit zu verlieren und in soziale Notlagen oder Abhängigkeiten zu geraten? Es war für viele auch eine Katastrophe.

Redaktionell bearbeitet von Ursula Hein und Wolfgang Leyn

Der Gohlis-Kalender 2022: Spielen in Gohlis – Großes für Kleine

Seit einigen Jahren initiiert der Bürgerverein einen Wandkalender, der ausgewählte Themen in unserem Stadtteil beleuchtet. Auch in diesem Jahr sind viele Menschen unserem Aufruf gefolgt und haben emsig Texte und Bilder beigesteuert. Dafür möchten wir an dieser Stelle danken!

Das Thema unseres aktuellen Kalenders ist ‚Spielen in Gohlis‘ – jedes Kalenderblatt präsentiert dabei einen Gohliser Spielplatz. Auf der Rückseite der Kalenderblätter erfahren Sie in Text und Bild interessante Details zu Lage, Geschichte und Besonderheiten dieser Plätze. Ab Mitte Oktober gibt‘s den Wandkalender im A4-Querformat für 9 € in ausgewählten Buchhandlungen wie dem „Bücherwurm“, Gohliser Straße 20 oder der Verlagsbuchhandlung Bachmann, Markt 1. Direkt beim Bürgerverein kann dieser unter buergerverein@gohlis.info oder telefonisch unter 0341-20018556 montags bis freitags zwischen 10 bis 17 Uhr bestellt werden. Dieser wird dann frei Haus geliefert oder zugesandt. Abgeholt werden kann sich dieser ebenso zur Sprechstunde des Vereins am Freitag zwischen 10-12 Uhr in der Lützowstraße 19.

Auftakt zur Mosaikgalerie

von Jürgen Schrödl

Ein Samstagvormittag Anfang August. Ein bunter Menschenmix von jung bis älter versammelt sich im Einfahrtsbereich des Budde-Hauses vor einer güldenen Plane. Ein Saxophon bläst „Over the rainbow“. Kurze Ansprachen und dann wird der erste Teil der Mosaikgalerie feierlich enthüllt.

Zehn Jugendliche zwischen 18 und 22 Jahren hatten dieses Kunstwerk vom 26. Juli bis zum 6. August unter Anleitung der Leipziger Mosaikkünstlerin Jana Beerhold geschaffen. Vier Jugendliche kamen aus Italien und Frankreich, sechs waren Auszubildende des Berufsbildungswerkes Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte gGmbH. Alle waren von den Entwurfsideen bis zur finalen Anbringung und Verfugung der vielen bunten Mosaiksteine beteiligt. Was dabei entstand, ist nicht nur etwas Bleibendes, an dem sich die Besucher*innen des Budde-Haus-Geländes künftig erfreuen werden, sondern es war ein inklusives Projekt, bei dem Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten, mit und ohne körperliche Beeinträchtigungen gemeinsam kunsthandwerklich tätig waren und voneinander lernten.

Partner des Projektes waren das EU-Austauschprojekt des FAIRbund e. V., das Budde-Haus und das Berufsbildungswerk Leipzig. Finanziert wurde es durch den Europäischen Solidaritätskorps und die Deutsche Organisation für Mosaikkunst e. V. (DOMO). In den nächsten zwei Jahren sollen zwei weitere Mosaike die Galerie vervollständigen.

Geführte Rundgänge durch das Gohliser Schlösschen

Bereits seit einigen Monaten lädt der wunderschöne Barockgarten des Gohliser Schlösschens wieder immer Dienstag bis Sonntag zwischen 10 – 20 Uhr große und kleine Gäste zum Verweilen, Ausruhen und Genießen ein. Aber auch das Schlösschen lässt sich wieder erkunden – interessierte Besucherinnen und Besucher können an geführten Rundgängen durch die prächtigen Innenräume des bedeutendsten Barockdenkmals der Stadt Leipzig teilnehmen. Die öffentlichen Führungen finden jeden Sonntag um 11 Uhr statt. Treffpunkt ist der Eingang über die Menckestraße 23 des Gohliser Schlösschens. Gruppenführungen sind auf Anfrage individuell buchbar.

Weitere Informationen zu den öffentlichen Rundgängen und dem gesamten Veranstaltungsangebot sind online unter www.gohliserschloesschen.de zu finden, Kartenreservierungen sind auch telefonisch unter 0341-58615846 möglich.

Aus dem Geschäftsleben

von Tino Bucksch

Wir berichten von zwei Neuigkeiten aus dem Geschäftsleben, die eng mit einander verbunden sind:

Salumeria Italiana
Jahrelang konnten Genießerinnen und Genießer der italienischen Küche in der Stockstraße warme und kalte Speise genießen. Leider war der dortige Platz begrenzt für die Pläne der Inhaber, so dass diese ihr Geschäft in die Prellerstraße 54a verlagerten. Dort können seit Anfang April nicht nur die gewohnte italienischen Feinkost gekauft werden, sondern die neuen Räumlichkeiten bieten auch genügend Platz, um nun auch warme Speisen und Pizza anzubieten.

Rudolf und Regine
Das Ladengeschäft in der Stockstraße blieb nicht lange verwaist – seit dem 01. Juni lädt dort die Besitzerin Ira Nemeth unter dem Motto „Kommt vorbei und probiert es aus“ in ihren Concept Store „Rudolf und Regine“ ein. Für die besondere Zielgruppe der Familie bietet sie nicht nur Waren zum Kauf an, viele der Artikel können auch vorher gekostet oder ausprobiert werden – so gibt es nicht nur Lebensmittel zu kaufen, sondern auch Spiele und Spielzeug für die Kleine. Dabei sind ihr die regionale Herstellung, fairer Handel und Nachhaltigkeit wichtig. Darüber hinaus gibt es im Garten Veranstaltungen oder Kurse, die über die Website www.rudolfundregine.de gebucht werden können.

Neues aus der Bibliothek Gohlis „Erich Loest“

Liebe Leserinnen und Leser des Gohlis Forum,

zum dritten Mal wurde dieses Jahr der „Erich-Loest-Preis“ vergeben. Mit ihm sollen bevorzugt mitteldeutsche Autorinnen und Autoren ausgezeichnet werden und er ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Auswahl der Preisträgerin bzw. des Preisträgers erfolgt ausschließlich durch eine Jury. Nach Guntram Vesper 2017 („Frohburg“) und Hans Joachim Schädlich 2019 („Felix und Felka“) wurde dieses Jahr die 1979 in Großenhain geborene Autorin Ulrike Almut Sandig ausgezeichnet. Die Auszeichnung erhielt sie für ihr lyrisches Werk und ihren 2020 erschienenen Roman „Monster wie wir“. Er erzählt lebhaft, anschaulich und detailgenau vom Aufwachsen in einer sächsischen Kleinstadt in den späten Jahren der DDR. Aus dem Abstand von einem Vierteljahrhundert und in einer Mischung aus rückblickender Erinnerung und unmittelbarem Erleben berichtet die Ich-Erzählerin Ruth von ihrer Kindheit im ostdeutschen Braunkohlegebiet. Doch das zentrale Thema des Romans wird schnell deutlich. Häusliche Gewalt scheint allgegenwärtig und wird als selbstverständlich hingenommen. Ein Roman über sexuellen Missbrauch, Gewalt und deren Langzeitfolgen, eine Geschichte von starker Eindringlichkeit und Intensität, von Um- und Aufbrüchen, von Identitätsverlust und der Suche nach Selbstbestimmung! Wer sich ein eigenes Urteil bilden möchte, kann dies gerne bei uns tun. „Monster wie wir“ befindet sich natürlich im Bestand der Bibliothek Gohlis „Erich Loest“.

Naxos Music Library

Nachdem wir Ihnen in der vorletzten Ausgabe des „Gohlis Forum“ mit Medici.tv einen Streaming-Dienst zu Klassischer Musik, Opern- und Tanz-Videos vorgestellt haben, möchten wir Ihnen heute ein weiteres Online-Angebot der Leipziger Städtischen Bibliotheken näherbringen! Die Naxos Music Library eröffnet den Nutzerinnen und Nutzern die weltweit größte Datenbank für klassische Musik in bester Audioqualität. Sie ist mit 2,5 Millionen Titeln von mehr als 160.000 CDs die weltweit größte Online-Datenbank für klassische Musik mit integriertem Musikstreamingservice. Alle Werke und Einzelsätze können in voller Länge und werbefrei angehört werden, in Premium-Qualität mit 320 kbit/s. Mehr als 800 Musiklabels sind mit ihren Einspielungen vertreten. Die Musikdatenbank beinhaltet zudem professionell aufbereitete Metadaten, Infotexte zu Werken, Werkanalysen, Biographien, Playlists, digitale Booklets und weitere Features zur Musikinformation. Für eine ausgiebige Recherche stehen erweiterte Suchoptionen zur Verfügung. Nutzerinnen und Nutzer der Leipziger Städtischen Bibliotheken können dieses Angebot einfach mit Ihrem Bibliotheksausweis nutzen: auf der Webseite der Bibliothek in der Rubrik Online-Angebote auf die Schaltfläche Naxos Musik Library klicken, Benutzernummer und Passwort eingeben und sofort Musik hören.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch! Egal, ob virtuell oder vor Ort!

Die Anmeldung für LeipzigPass-Inhaber ist ermäßigt.
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 19. Lebensjahr können die Bibliothek kostenlos nutzen.

Bibliothek Gohlis „Erich Loest“
Stadtteilzentrum Gohlis
Georg-Schumann-Str. 105
04155 Leipzig

Tel.: 0341 / 123 5255
E-Mail: bibliothek.gohlis@leipzig.de

Öffnungszeiten: Mo, Di, Do, Fr 10 – 19 Uhr; Mi 15 – 19 Uhr

Gohliser Baugeschehen – Baukonzept gewinnt Wettbewerb

von Matthias Reichmuth

Einige Birken an der Straßenecke, Gebüsch neben dem Schuhgeschäft und etwas Wiese – so sieht die Gothaer Straße 42 (Ecke Lindenthaler Straße) heute aus. Städtebaulich gesehen eine Baulücke, direkt an der Straßenbahnhaltestelle bestens angebunden. Dass sie nun bald bebaut werden soll, überrascht nicht. Allerdings gehört das Grundstück der Stadt Leipzig, und die Stadt ist inzwischen dazu übergegangen, Grund und Boden nicht mehr einfach meistbietend zu verkaufen, sondern ein Erbbaurecht für das beste Konzept zu vergeben. Wie für fünf andere Leipziger Grundstücke auch, wurde für das Grundstück daher ein „Konzeptverfahren zur Bestellung eines Erbbaurechts für kooperatives und bezahlbares Bauen und Wohnen“ vergeben. Beworben hatten sich zwei Baugruppen als potenzielle Bauherren, die mit einem Punktesystem bewertet wurden. Einige Punkte wurden nach einem festen Verfahren berechnet (z. B. der Anteil an barrierefreiem Wohnraum). Andere Punkte wurden von einer Jury bewertet, und in dieser Jury habe ich den Bürgerverein Gohlis vertreten. Am Ende gewann das Konzept, das auch aus Sicht des Bürgervereins stärker überzeugte. Hinter dem Konzept steht eine Gruppe von jüngeren Erwachsenen namens „WEforever“, die vor rund 15 Jahren gemeinsam in Weimar wohnten und studierten, derzeit von Berlin bis München in Deutschland verstreut sind und zukünftig wieder zusammen leben möchten. Dafür haben sie Leipzig als besten Standort ausgewählt und in Leipzig die Wolfener Straße 42. Die Gruppe umfasst mehrere Architekten und Künstler, aber auch jemanden, der ein Café betreiben möchte – direkt an der Straßenecke im Erdgeschoss, gut erreichbar für die Gohliser Nachbarschaft.

Das Konzept hat einige Besonderheiten. Zum einen schafft es Clusterwohnungen, also Kombinationen aus individuellen Kleinstwohnungen und gemeinsam genutzten Wohnflächen. Zum anderen plant die Gruppe nicht nur für sich selbst (16 Erwachsene und 5 Kinder), sondern auch mehrere Wohnungen im Bereich des geförderten sozialen Wohnungsbaus in allen Wohngeschossen. Im Erdgeschoss sollen außer dem Café noch ein Atelier, eine Fahrradwerkstatt und vier Pkw-Stellplätze entstehen, darunter zwei Stellplätze für Car-Sharing. Die anderen beiden müssen nachgewiesen werden, damit z. B. Besucher des Cafés auch einmal mit dem Auto kommen können. Unter den 21 Mitgliedern der Baugruppe hat aktuell niemand ein Auto, es entsteht also kein Parkdruck im Umfeld, die Baugruppenmitglieder investieren ihr Geld lieber ins Gebäude – und in einen Dachgarten. Zu ebener Erde wäre der nicht überbaute Teil des Grundstücks zu klein und schattig für einen schönen Garten geworden. Der Dachgarten ist auch nur ein Teil des Gedankens, umweltfreundlich zu bauen, ökologische Baumaterialien waren der Gruppe ebenso wichtig wie die Standortwahl, die es erlaubt, in weniger als 10 Minuten den Leipziger Hauptbahnhof mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn zu erreichen.

Nachdem die Sieger (sowohl hier als auch für fünf Grundstücke außerhalb von Gohlis) klar sind, werden als nächstes die Konzepte konkretisiert und Fördermittel beantragt. Anfang 2022 soll ein Vertrag mit der Stadt geschlossen und vom Grundstücksverkehrsausschuss des Stadtrats bestätigt werden. Anschließend folgen die Baugenehmigung, die Ausführungsplanung und das Bauen. Drei Jahre nach Vertragsschluss, also bis Frühjahr 2025 müssen die Gebäude dann errichtet sein.

[Stellungnahme] Entwurfsplanung zu den Baumaßnahmen südliche Landsberger Straße

von Katja Roßburg

In 2022/23 wird die Sanierung der Landsberger Straße zwischen Coppiplatz und Hans-Oster-Straße mit einem Investitionsvolumen von fast 10 Mio. Euro eine der wichtigsten Baumaßnahmen im Stadtteil sein. Die LVB beabsichtigen die Aufweitung der Gleisanlagen für den Einsatz von breiteren Straßenbahnen. Parallel ist seitens des VTA der zum Teil grundhafte Ausbau der Fahrbahn vorgesehen. Die Pläne dazu wurden Ende April in der Sitzung des SBB Nord vorgestellt und Ende August im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens veröffentlicht. Die Vorplanung wurde bereits 2017/18 ohne Beteiligung der Öffentlichkeit durchgeführt. Die AG Mobilität und Verkehr hat sich die Entwurfsplanung einmal genauer angeschaut:

Neuerungen: Fahrbahnsanierung, Gleisaufweitung, Parkstellflächen und Gehwegnasen
Die Gohliser:innen können sich nach Abschluss der Bauarbeiten über mehr als 20 Baumneupflanzungen und eine Reduzierung des Straßenlärms freuen. Zwischen Coppiplatz und Viertelsweg wird die Fahrbahn komplett saniert und Parkstellflächen werden baulich eingefasst. Durch Abmarkieren von Radfahrstreifen erfolgt ein wichtiger Lückenschluss im Radwegenetz. Die Sanierung auf diesem Abschnitt wurde bereits 2011 im Rahmen „Mach’s leiser“-Projekt des Ökolöwen mit Bürger:innen als Maßnahme zur Lärmminderung identifiziert.

Die LVB wird das Wendegleis im Viertelsweg modernisieren und das separate Gleisbett bis zur Hans-Oster-Straße verbreitern. Stadteinwärts soll ein lärmreduzierendes Rasengleis angelegt werden. Auf der gleichen Straßenseite wird außerdem eine Deckensanierung durgeführt. Der schmale Radweg wird dort auf die Fahrbahn verlegt. Der bisherige gemeinsame Geh- und Radweg bleibt zukünftig dem Fußverkehr vorbehalten. Parkstellflächen werden auch hier baulich eingefasst und befinden sich nach dem Umbau zwischen Radfahrstreifen und Gehweg. Für den Kfz-Verkehr ergeben sich damit keine besonderen Veränderungen, die bisherige Verkehrsführung und der Parkraum bleiben laut den Plänen erhalten.

Im Zuge der Bauarbeiten gibt es für den Fußverkehr einige Verbesserungen in Sachen Barrierefreiheit. An den Einmündungen fast aller Nebenstraßen werden Gehwegvorstreckungen angelegt, die das Überqueren erleichtern und für die Verlangsamung des abbiegenden Kfz-Verkehr sorgen. Dort sowie an den Ampelanlagen und Haltestellen werden Bodenleitsysteme installiert. Außerdem sollen Poller und Radbügel an den Gehwegnasen errichtet werden, damit Querungshilfen und Sichtachsen für den fließenden Verkehr frei bleiben.

Kritikpunkte: Mindeststandards für den Radverkehr nicht erfüllt – Chance für Verdichtung des Haltestellennetzes vertan
Aufgrund der Gleisaufweitung sind an den Haltestellen Anpassungen notwendig. Hier wäre wünschenswert, dass stattdessen die Inselhaltestelle zwischen Hölderlin- und Breitenfelder Straße zu einer Kaphaltestelle umgebaut wird, wie es in einer der Varianten der Vorplanung angedacht war. Ein Kap am Gehweg würde den Ein-/Ausstieg für LVB-Fahrgäste erleichtern. Diese müssten dann nicht auf einem schmalen Streifen mit schnell fahrendem Kfz-Verkehr im Rücken auf die Straßenbahn warten. Ebenso könnte das Passieren für Radfahrende an der derzeitigen Engstelle deutlich sicherer gestaltet werden, da die Anlage eines breiten Radfahrstreifens vor der Haltestelle auf dem Kap realisierbar wäre.

Wenn man bedenkt, dass die grundhafte Erneuerung auf die nächsten 20 bis 30 Jahre ausgerichtet ist, wird für die kommenden Jahrzehnte mit dem aktuellen Planungsstand ebenfalls die Möglichkeit vertan, das Haltestellennetz zu verdichten. So bietet sich an, die LVB-Haltestelle am Umstiegsknoten Coppiplatz zwischen die beiden Bahntrassen näher an den S-Bahn-Haltepunkt zu rücken und eine weitere Haltestelle auf Höhe Stauffenberg-/Matthissonstraße zu legen. Eine schnelle Erreichbarkeit von Haltestellen trägt deutlich mehr zur Attraktivität des ÖPNV bei als kürzere Fahrzeiten durch wenige Stopps.

Obwohl der Straßenabschnitt auch im „Aktionsprogramm für den Leipziger Radverkehr 2021/2022“ aufgeführt ist, kann bis auf den schon erwähnten Lückenschluss im Radwegenetz nur begrenzt von Radverkehrsförderung gesprochen werden. An den vorliegenden Plänen gibt es zahlreiche Kritikpunkte, die typisch für Leipzigs Radverkehrsplanung der letzten Jahre sind:

  • Die neuen Radfahrstreifen (durchgezogene Linie) im südlichen Abschnitt unterschreiten die Mindestbreite von 1,85 m gem. den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA), die als eine Art „DIN-Norm“ den aktuellen Stand der Technik darstellen. Aufgrund der Zunahme von Lastenrädern und Fahrrädern mit Anhängern, wäre gem. ERA sogar eine Breite von 2 m geboten.
  • Die bereits existierenden Radschutzstreifen (gestrichelte Linie) mit teils nur 1,25 m Mindestbreite auf Höhe der Inselhaltestellen sind nicht StVO-konform, da ein Überholen von Radfahrenden durch einen Pkw oder Lkw mit 1,5 m Sicherheitsabstand nicht möglich ist. Abhilfe lässt sich hier durch eine leicht verengte Fahrbahnführung und entsprechende Beschilderung schaffen. Baulich wäre die Umgestaltung zu Kaphaltestellen die bessere Lösung.
  • Durch die Verlegung des Radwegs zwischen Hans-Oster-Straße und Viertelsweg auf die Fahrbahn ist auf Höhe der Konsum-Filiale ein sog. Radfahrstreifen in Mittellage („Angstweiche“) geplant, d.h. Radfahrende, die geradeaus auf der Landsberger Straße weiterfahren wollen, werden an die Ampel zwischen zwei Kfz-Spuren geleitet. Diese Art der Verkehrsführung wird u.a. vom ADFC abgelehnt, da sie von vielen Radfahrenden als gefährlich empfunden wird und wissenschaftlich nicht belegt ist, dass sie zu einer Verringerung von Unfällen beiträgt. Auch hier war in einer Vorplanungsvariante die Führung am rechten Fahrbahnrand vorgesehen.
  • An den Kreuzungen Coppiplatz und Viertelsweg fehlen Möglichkeiten zum sog. indirekten Linksabbiegen, dies ist aufgrund der Gleisanlagen und des damit verbundenen erhöhten Unfallrisikos zwingend erforderlich. Anstatt z.B. von Norden kommenden in die Coppistraße mit dem Kfz-Verkehr direkt nach links abzubiegen, fährt man zunächst mit einem Schwenk nach rechts in die Ludwig-Beck-Straße und wartet dort an der Ampel um anschließend geradeaus in die Coppistraße einzufahren.
  • Vor den Ampeln enden Radfahrstreifen weiterhin im Nichts. Hier waren ebenfalls in den Vorplanungsvarianten zwar nicht optimale, aber sichere Lösungen erarbeitet wurden. In den jüngsten LVZ-Interviews betonen sowohl OBM Burkhard Jung und VTA-Leiter Michael Jana zwar, dass man sich diesen Gefahrenstellen bewusst ist und diese entschärfen müsste, aber auch in dieser Planung ist nicht zu erkennen, dass die Verantwortlichen die Lösung derartiger Probleme in Angriff nehmen.

Die Maxime scheint auch weiterhin zu sein, die Leichtigkeit des Kfz-Verkehrs zu Lasten der Sicherheit aller am Verkehr Teilnehmenden zu gewährleisten. Die Planungen sind bereits weit fortgeschritten und die Einbindung der Öffentlichkeit ist erst auf Anfrage durch Stadtbezirksbeirat und Bürgervereinsvorsitzenden Tino Bucksch über den SBB Nord im Nachgang zur ersten Pop-Up-Radweg-Aktion der AG Mobilität und Verkehr im März 2021 erfolgt. Die AG versucht sich auch weiterhin im Rahmen des laufenden Planfeststellungsverfahrens und über den SBB Nord bis zum Bau- und Finanzierungsbeschluss mit Anregungen und Einwendungen einzubringen.