Skip to content Skip to left sidebar Skip to footer

Braucht eine Familie ein Auto? Familie Franke hat schon zwei abgeschafft

von Matthias Reichmuth

In dieser Reihe befragen wir einige Gohliser, die ein Auto besaßen und es später abgeschafft haben, nach ihren Erfahrungen. Kann so die Zahl der Pkw auf unseren Straßen verringert werden? Die Abschaffung eines Autos ist natürlich eine sehr persönliche Entscheidung, daher machen wir dazu Interviews. Für das dritte Interview traf ich Familie Franke.

In welcher Situation haben Sie früher entschieden, ein Auto anzuschaffen?

Frau Franke: Anfänglich hatten wir sogar zwei Autos: Ich kaufte 2003 mit Unterstützung von Verwandten gleich nach dem Erwerb des Führerscheins ein Auto, um die Wege, die damals von Engelsdorf zur Berufsschule und zum Ausbildungsbetrieb mit Schichtdiensten führten, besser bewältigen zu können. Mein Mann, der aus der Gegend von Wermsdorf stammte, und damals schon in Gohlis lebte, kaufte sein Auto 2001 hauptsächlich, um die Eltern auf dem Land erreichen zu können, zudem war sein Arbeitsplatz nicht zu allen Schichtzeiten mit dem ÖPNV erreichbar.
Als wir dann zusammen zogen, hatten wir somit anfänglich sogar zwei Autos.

Was wurde für Sie zum Auslöser, den Pkw abzuschaffen?

Fr. Franke: Der erste Anlass zur Abschaffung eines Autos kam 2012 bei der Geburt unseres ersten Sohnes. Von der Stadt Leipzig gab es ein Willkommensangebot für den Nachwuchs, mit dem wir ein Jahr lang kostenlos den ÖPNV nutzen konnten. Und bei uns in Leipzig-Gohlis ist dieser ja gut ausgebaut. Also haben wir das größere Auto als Familienauto behalten und das kleinere verkauft.
Das eine Auto hatte noch mehrere Funktionen, so konnte einer von uns beiden damit erheblich schneller als mit dem Bus den Arbeitsplatz erreichen, der zeitweise in Paunsdorf war, die beiden Kinder (2014 wurde unser zweiter Sohn geboren) konnten mit Kindersitz zum Kindergarten gebracht werden.
Herr Franke: 2021 waren dann beide Kinder in der Schule und konnten dorthin zu Fuß selbst gehen. Der Arbeitsplatz von mir war ins Leipziger Zentrum verlegt worden, wohin ich in 15 Minuten selbst fahren konnte, die Einkaufsmöglichkeiten waren fußläufig erreichbar. In dieser Situation stand das Auto in Gohlis-Mitte oft tagelang ungenutzt im Straßenraum. In dieser Situation machten wir einen Kassensturz und rechneten uns aus, ob es nicht billiger wäre, gelegentlich ein Auto zu mieten bzw. bei teilAuto zu buchen oder ohne Auto unterwegs zu sein, als weiter eines auf der Straße stehen zu haben. Es stand auch die Frage an, ob wir das Auto noch einmal durch den TÜV bringen würden. Dann hielten wir Familienrat und beschlossen, das Leben ohne eigenes Auto auszuprobieren.

Wie hat sich die Umstellung auf Ihren Alltag ausgewirkt?

Fr. Franke: Der Alltag ohne Auto war ja teilweise schon vorher eingetreten: Ich habe ein günstiges Jobticket vom Arbeitgeber (für den Arbeitsweg nach Heiterblick), mit dem ich auch Kinder und am Wochenende die ganze Familie MDV-weit mitnehmen kann, mein Mann kann bequem mit dem Rad zur Arbeit kommen. Der Grundschüler konnte zu Fuß zur Schule, der große Bruder, der mit einem Gymnasium in Borsdorf begann, kommt mit einem Schülerticket sehr günstig dorthin und auch zu seinen Schulfreunden und Freizeitaktivitäten.
Neu für uns war, dass wir Wochenend-Aktivitäten jetzt genauer vorausplanen: Kommt man dorthin ohne Auto oder braucht man eines von teilAuto bzw. einen CityFlitzer, um hinzukommen? Wenn ja, wie groß muss es für diesen Zweck sein und wie viele Stunden wollen wir es buchen? Außer dem teilAuto gibt es auch noch die Option, ein Auto von meiner Mutter in Leipzig-Schöenefeld zu borgen, bei dem wir uns dann an den Vollkosten beteiligen. Das ist manchmal sinnvoll, wenn die Fahrten über die CityFlitzer-Zone hinaus gehen oder wenn sie mit einem Weg zur Arbeit kombiniert werden, so dass der Buchungszeitraum bei teilAuto recht lang und teuer wäre. Insgesamt benutzen wir Autos aber bewusster als früher. Das führt dazu, dass die Fälle, in denen wir eines brauchen, allmählich immer seltener werden.
Und wir haben ausgerechnet, dass wir für unsere Mobilität im Jahr 2022/23 monatlich im Durchschnitt 158,- Euro eingespart haben, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wo wir noch ein Auto hatten – und das trotz Inflation. Wahrscheinlich ist die tatsächliche Ersparnis also noch größer, obwohl manche Rechnungen auf den ersten Blick auch hoch aussehen, z. B. der Urlaub mit einem recht großen TeilAuto. Außerdem müssen wir uns weder um die Parkplatzsuche, noch um TÜV, Werkstatt, Autowäsche oder Reifenwechsel kümmern, bei teilAuto geht auch das Tanken über eine Tankkarte – wir sparen also nicht nur Geld ein, sondern auch Zeit zum Kümmern ums Auto.
Hier in Leipzig mit direktem Anschluss an Bus, Straßenbahn und S-Bahn am Coppiplatz, sowie mit den umfangreichen Angeboten des stationären und flexiblen Car-Sharings in allen Fahrzeuggrößen (teilAuto und CityFlitzer) sind die Voraussetzungen dafür tatsächlich auch wesentlich besser als etwa im ländlichen Raum.

Sind alle Haushaltsmitglieder im Nachhinein mit der Entscheidung zufrieden?

Alle vier: Eindeutig: „Ja.“ Wir denken, dass es wichtig ist, für die eigene Mobilität immer verschiedene Alternativen im Blick zu haben, dann findet sich auch für jeden Weg eine gute Lösung, zumindest hier in Leipzig-Gohlis. Abgesehen vom eingesparten Geld ist es auch ein gutes Gefühl, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck reduzieren konnten, indem wir bewusster und seltener Autos verwenden.
In unserem Bekanntenkreis kennen wir inzwischen auch noch andere Familien, die ihr Auto abgeschafft haben. Andere Freunde, die weiter weg von der Stadt wohnen, bedauern es teilweise, dass sie es nicht so gut organisieren können wie wir.