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Mühlenbau in Gohlis – Im Interview mit Hans-Martin Kählitz – TEIL II

von Peter Niemann

Es ist wieder Montag und wieder befinde ich mich in der Olbrichtstraße, genauer gesagt in den Räumlichkeiten der Alten Heeresbäckerei. Es ist nun schon Herbst und das Licht tritt etwas gedämpfter durch die hohen Fenster des Raumes. Wieder führe ich ein interessantes Gespräch mit Herrn Kählitz und wieder vergehen die Stunden wie im Flug. In der Ausgabe 4/2021 des Gohlis Forums ging es ja in einiger Ausführlichkeit um dessen Großvater Bruno Wollstädter (* 14. Juli 1878 | † 17. Februar 1940), welcher als Bildhauer in Leipzig und weit darüber hinaus zu einiger Berühmtheit gelangte. Diesmal soll das unternehmerische Wirken von Herrn Kählitz selbst und dessen Familie im Vordergrund stehen.

Wie berichtet, blickt er auf ein ebenso langes wie erfülltes Leben in Gohlis zurück. Der Grundstein dafür wird früh gelegt, als der Vater 1935 für die Familie ein Haus in der Baaderstraße in Gohlis-Mitte kauft. Als Dreijähriger zieht Kählitz dort ein. Die Schulzeit beginnt für ihn 1938 in der heutigen Carl-von-Linné-Grundschule in der Delitzscher Straße. Während des Krieges dann und aufgrund einer Umnutzung des Gebäudes zum Lazarett wechselt er zur heutigen 33. Grundschule in die Theresienstraße. Der weitere Bildungsweg führt 1942 auf die Wirtschaftsoberschule im Gebäude der heutigen Volkshochschule (Löhrstraße). Es fühlt sich hier gut an – im Gedächtnis bleiben „vorzügliche Lehrer“. Als Ziel kristallisiert sich das Abitur als Vorbereitung auf ein Wirtschaftsstudium heraus. Ein einschneidendes Erlebnis, so erinnert er sich, war die Evakuierung der Klasse im Jahr 1943. Im Rahmen einer sog. KLV (Kinderlandverschickung) wurden Kinder und Jugendliche aus den urbanen Räumen ins ländliche Sachsen evakuiert, um der Bombengefahr durch alliierte Luftangriffe zu entgehen. Das erste Mal von Eltern und Geschwistern getrennt, lebt er in Falkenstein (Vogtland) in ständiger Furcht um seine Familie. Kurze Kommunikationswege gibt es keine und entsprechend erleichtert ist er über jede Postkarte von daheim. Auch das Leben im Lager prägt ihn. Es geht militärisch zu und die Lieder, die regelmäßig zum Marsch gesungen werden, haben sich bis in den heutigen Tag eingebrannt. Ein gutes Jahr später und nach „einigem Geningel“ geht es endlich zurück nach Leipzig. Bis zum Kriegsende: Leibniz-Schule, welche als „normales Gymnasium“ viel Druck und schlechte Noten mit sich bringt und „in unangenehmster Erinnerung geblieben“ ist. Nach Wiedereröffnung der Wirtschaftsoberschule in der Löhrstraße, sogar mit einem Großteil des ursprünglichen Lehrkörpers, liegt ein Wechsel nahe um auf das Abitur hinzuarbeiten. Allerdings wird die Schule 1949 wieder geschlossen und dieser Plan jäh durchkreuzt. Dennoch ein gutes Timing, da Kählitz so zumindest die Mittlere Reife mit Abschluss der 10. Klasse erhält.

Der folgende Lebensabschnitt führt in die Firma des Vaters Kählitz und Lübcke – Mühlsteinfabrik und Mühlenbauanstalt gegr. 1894, um einen handwerklichen Beruf zu erlernen: den des Mühlenbauers. Genau genommen ist er sogar einer der beiden letzten Mühlenbauer, die jemals in Leipzig ausgebildet wurden. 1952 absolviert Kählitz die Gesellenprüfung. Der ursprüngliche Plan, ein Besuch der Ingenieurschule Nahrungs- und Genussmittel, geht nicht auf. Leider spielen fachliche Eignung und wiederholte Bewerbung keine sonderliche große Rolle, da der Vater ‚Kapitalist‘ ist. Es liegt nahe, zunächst beim Vater unterzukommen und dort in der Produktion, mal als Tischler oder Schlosser oder eben auf Montage im Mühlenbau zu unterstützen.

Familie Kählitz vor dem Firmengelände
Familie Kählitz vor dem Firmengelände

Mit der Erkrankung des Vaters im Jahr 1956 wechselt Kählitz langsam in die Verwaltung des Betriebes. Die Übernahme scheiterte zunächst am Erwerb eines eigenen Gewerbescheins, denn ein Ausbau von Privatbetrieben war so nicht vorgesehen. Der schlussendliche Kompromiss: Eine staatliche Beteiligung und Einflussnahme in Arbeit und Produktion gemäß staatlicher Planvorgaben im Gegenzug für den Schein. Laut Kählitz, der mit dem Tod des Vaters im Jahr 1959 geschäftsführender Gesellschafter wird, ist das Maß an unternehmerischer und organisatorischer Freiheit im nun ‚eigenen‘ 20-Personen-Betrieb gerade noch erträglich. Bis 1972 folgt dann ein in der wirtschaftlichen Situation der DDR begründetes Auf und Ab. Mit Improvisation und einigen Projekten, die nicht wirklich etwas mit Mühlenbau zu tun hatten, kann der Betrieb aufrechterhalten werden.

Die Verstaatlichungswelle schluckt auch Kählitz’ Unternehmen kurzerhand und ohne Ankündigung. Ein Parteibeauftragter „setzte ihn mündlich darüber in Kenntnis, dass sein Betrieb nunmehr ein staatlicher Betrieb sei.“ Als Ausgleich erhält er ein paar Mark und immerhin die Möglichkeit, dann künftig als Direktor des nun Volkseigenen Betriebes tätig zu sein. Unterm Strich reicht es nicht, er hat schließlich eine Familie. Neben dem Beruf nutzt Kählitz jede Gelegenheit, sich an der Karl-Marx-Universität Leipzig im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich weiterzubilden. So machte er 1971 schließlich einen Abschluss als Diplom-Ökonom.
Als VEB-Direktor leitet er noch bis zum 1. April 1988 die Geschicke des Betriebs. Dann setzt man ihn ab. Grund dafür war – und das habe man ihm deutlich gesagt, die fehlende Parteizugehörigkeit. Ersetzt wird er durch einen Genossen, der seinen Mangel an fachlicher Qualifikation durch die passende Parteizugehörigkeit ausgleichen kann. Frustriert verlässt Kählitz das Familienunternehmen und schwört sich, den Betrieb nie wieder zu betreten, solange die Partei involviert ist. Schließlich arbeitet er bis zur Wende als ökonomischer Leiter des VEB Leipziger Stadtreinigung.

Im Januar 1990 stellt Kählitz 1990 einen Antrag auf Re-Privatisierung bei der Stadt bzw. Treuhand. Die Verhandlungen ziehen sich bis 1992. Dank kapitalstarker Partner kann ein neues Unternehmen am gleichen Ort gegründet werden. Anstatt mit Mühlenbau wird das Geschäft an der Virchowstraße/ Ecke Max-Liebermannstraße nun mit Blechbearbeitung und Bedachung gemacht. Es „lief hervorragend“ und schon bald werden Dependancen in Chemnitz und Dresden eröffnet. In diesem Betrieb arbeitet Kählitz als Gesellschafter bis zu seiner Rente mit. Es gibt ihn noch, er befindet sich heute in der Maximilian-Allee. Am 1.1.1997 trifft Kählitz eine Entscheidung. Er findet, es sei ein guter Zeitpunkt aufzuhören – „er wollte raus“ und erklärt seinen Renteneintritt via Telefon.
Mit dem Ruhestand beginnt Kählitz seine intensiven Recherchen über das Schaffen des Großvaters Bruno Wollstädter. Wie eingangs geschrieben, berichteten wir dazu in Teil I des Interviews im Gohlisforum 4/ 2021 (nachzulesen unter www.gohlis.info).