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Joseph Roth in Leipzig

von Elisabeth Guhr

Am 2. September 2019 jährt sich zum 125. Mal der Geburtstag von Joseph Roth (1894 – 1939).

Joseph Roth hielt sich während seiner Besuche in Leipzig ab 1920 meist bei seinen Verwandten, den Grübels, in der Gohliser Str. 18 auf.
Joseph Roth, der Journalist, Essayist, Romanautor und Dichter stammte aus einer jüdischen Familie in Brody, das damals zu Galizien, einem Teil des Österreichisch Ungarischen Kaiserreichs, gehörte. Nach dem ersten Weltkrieg war Brody polnisch und heute gehört es zur Ukraine. Kaum einer kann sich an die Geschichte dieser Stadt, deren Bevölkerung im 19. Jahrhundert zu zwei Dritteln jüdisch war, erinnern. Joseph Roth hat seiner galizischen Heimat und dem untergegangenen Ostjudentum in seinem wehmütigen Roman „Hiob“ ein Denkmal gesetzt.

Moses Joseph Roth, so sein Geburtsname, wuchs vaterlos bei Mutter und Großvater Grübel in Brody auf. Er erhielt dort eine Ausbildung am deutschen Gymnasium und begann danach ein Studium der Germanistik in Lemberg und Wien. In seiner Jugendzeit spielten die Brüder seiner Mutter, Hopfenhändler in Wien, Nürnberg und Leipzig, für ihn eine wichtige Rolle, nicht nur als Vaterersatz.

Einer dieser Brüder, Sally (Salomon) Grübel, lebte hier in Leipzig in der Gohliser Straße Nr. 18. Das Haus wurde im Krieg zerstört. An seiner Stelle befindet sich heute ein Neubau, in dem sich die Sparkasse befindet.
Als Journalist kam der junge Joseph Roth irgendwann nach dem ersten Weltkrieg, aber spätestens 1920, als er von Wien nach Berlin übergesiedelt war, nach Leipzig. Sally Grübel, sein Leipziger Onkel, war, wie er selbst, als Soldat im Krieg auf Österreichischer Seite gewesen und nun, nachdem das Kaiserreich untergegangen war, waren beide keine Österreicher mehr. Ihr Geburtsort Brody in Galizien gehörte nun zu Polen. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen Leipziger Juden, die plötzlich Polen oder staatenlos waren.

Sally Grübel hatte in eine bedeutende Leipziger Rauchwarenhändler-Familie eingeheiratet. Mit Lucy Fischer hatte er einen einzigen Sohn, Fritz, der 1908 in Leipzig im Haus Nordplatz 6 geboren wurde. Fritz war 12 jahre alt, als er seinen Cousin Joseph das erste Mal traf und Schüler des Schillergymnasiums. Bei seinen Besuchen in Leipzig in den Zwanziger Jahren war Joseph Roth meist Gast bei der Familie seines Onkels. Er gab sogar 1930 noch die Gohliser Str. 18 als seine Adresse in Leipzig an.
Joseph Roth hatte damals noch nicht die Berühmtheit, die er später mit seinen Romanen Radetzkymarsch oder Hiob erreichte, aber er hatte schon einen guten Ruf als Feuilletonist. Ja, er gehörte zu den beliebtesten Feuilletonschreibern seiner Zeit. Fred Grubel, wie sich sein Cousin Fritz später in Amerika nannte, meinte, der Journalismus sei für Joseph Roth „bread and butter“ gewesen.

Einer seiner frühen Romane, „Die Rebellion“, der 1924 herauskam, erzählt die Geschichte eines Kriegsinvaliden in einer Großstadt, der den Dank des Vaterlandes erwartet und an der staatlichen Ordnung / der Bürokratie zerbricht. Bilder zu diesem Roman scheinen Joseph Roth in Gohlis begegnet zu sein. Am Anfang kommt Andreas Plum, der einbeinige Invalide, mit einem Leierkasten aus dem Lazarett am Rande der Stadt. Und immer wieder wird ein konkreter Ort, die „Kirche aus gelben Ziegelsteinen“ genannt, in der man unschwer die Friedenskirche erkennen kann. Dort heiratet er und sucht Zuflucht.

Ein anderer Armseliger im Frühwerk Joseph Roths ist der Bettler in der 1920 in Leipzig entstandenen „Ballade“. Diese Ballade, die nur in der von Fritz Grübel selbst gesetzten Form überliefert ist, das Original ging bei der Flucht verloren, zeigt, wie auch die Rebellion, das Interesse und Mitgefühl für die Unterprivilegierten. (1) Nicht umsonst unterschreibt Joseph Roth in dieser Zeit seine Artikel für den „Vorwärts“ mit „der rote Joseph“, was sicher nicht nur als Verballhornung seines Namens gedacht ist.

In seinen späteren Jahren veränderte sich Joseph Roths Haltung hin zum Konservativen, nicht aber seine soziale Haltung. Er lebte in Wien und emigrierte 1933 nach Paris. Sein Leben endete im Mai 1939 in dieser Stadt, in der er rastlos geschrieben, aber auch getrunken hatte, nach einem psychischen und körperlichen Zusammenbruch. Den Einmarsch der deutschen Truppen, der für die nach Paris geflohenen Künstler, Intellektuellen und Juden heillose Flucht, Internierung und Deportation bedeutete, erlebte er nicht mehr. Fritz Grübel, sein Leipziger Cousin, hatte Jura studiert, konnte aber ab 1933 als Jude diesen Beruf in Deutschland nicht mehr ausüben. Bis zu seiner Auswanderung im Jahr 1939 arbeitete er bei der jüdischen Gemeinde als Verwaltungsdirektor. Er wurde bekannt als langjähriger Vorsitzender des
Leo-Baeck-Instituts in New York, das sich die Erforschung und Bewahrung der Kultur der deutschen Juden zur Aufgabe gesetzt hat. Seit der Gründung bis zu seinem Tod im Jahr 1998 war er Präsident der Ariowitsch-Stiftung in Leipzig.

Seine Eltern hatten sich nach dem Zusammenbruch der KuK – Monarchie um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht und diese endlich 1929 erhalten (mit ihnen auch der Sohn Fritz). Sie wurde ihnen kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wieder aberkannt. Daraufhin verließen sie Deutschland und lebten in Sarajewo. Dort starb Sally Grübel 1940. Seine Frau Lucy wurde nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in einem Frauen-KZ interniert, wo sie unter den unmenschlichen Lebensbedingungen wahrscheinlich an Typhus ums Leben kam. Nach 1933 trafen viele Intellektuelle in Sanary-sur-Mer zusammen, unter ihnen Joseph Roth. Die abgebildete Tafel erinnert heute daran.

Ballade
In langer Bettlerschaft verhärtete sein Sinn und Hochmuth war in ihm vor Erbgesessenen:
er schlug zum Schlaf am schroffen Wegrand hin und war wie einer von den gottvergessenen Randsteinen dort am trüben Bachgerinn …
Nur einmal blühte seiner Seele Glut:
als er sie mitten zwischen längst begrabenen
Hoffnungen fand; und sein Vagantenblut verjüngt aufrauschte in dem jäh erhabenen Heilstrom der Liebe, die die Wunder tut .
Noch da sie fortging, mußt‘ er nach ihr späh’n:
wie man Teeblüten nachsieht, zart gewesenen, die Winde töricht wo auf Wüsten sä’n .
Und war, einer von den Niegewesenen, die von versteinten Heiligen Gnade fleh’n

(1) „Da man glaubte, daß manuelle Arbeit im Ausland nützlicher ist, als der Versuch, wieder in einen intellektuellen Beruf hineinzukommen, nahm mein Freund H²O (d.i. Hans Oesterreicher) mich in seines Vaters Druckerei und ich versuchte, Schriftsetzen zu lernen. Meine Glanzleistung war das Setzen eines Gedichts von Joseph Roth, dessen Manuskript er bei uns gelassen hatte. Einen Abdruck meiner Leistungen habe ich noch. Das Manuskript ging leider irgendwie verloren.“ Fred Grubel in „Schreib das auf eine Tafel, die mit ihnen bleibt“