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Die Büttnersche Höhere Töchter-Schule – ein Dorf auf dem Weg zum bürgerlichen Wohnort

von Ursula Hein

Gohlis, das kleine Dorf vor den Toren Leipzigs, beherbergte um 1800 in 45 Häusern eine Einwohnerschaft von gerade einmal 450 Leuten, während Leipzig über 33.000 Einwohner zählte. Ein halbes Jahrhundert später lebten in Gohlis über 1.000 Menschen, 1880 schon über 9.000. Das Bürgertum hatte Gohlis nicht nur als Ausflugsort mit vielen Gasthäusern, sondern auch als gesunden Wohnort entdeckt. In dieser noch eigenständigen Gemeinde, die schon lange über eine Volksschule verfügte, sollte nun 1882 die erste private Mädchenbildungsanstalt entstehen, die Büttnersche Höhere Töchter Schule. Zwei Festschriften begleiten den Weg dieser ersten privaten Mädchenschule in Gohlis: 1907 wird noch in Anwesenheit der Schulgründerin Mathilde Büttner das 25jährige Jubiläum und 1932 unter ihrer Nachfolgerin Emma Wenke-Ruschhaupt das 50jährige Jubiläum mit großer Anteilnahme von Schülerinnen, Lehrerinnen, Eltern und Obrigkeit gefeiert.

Nun aber zurück zu den Ereignissen von 1882:
Mit neun sechsjährigen Schülerinnen eröffnet die Lehrerin Frl. Mathilde Büttner am 17. April 1882 in Gohlis in der Langen Straße 54 (heute Eisenacher Straße 31) die erste Klasse einer höheren Mädchenschule, die zunächst nur als dreiklassige Vorschule geplant war. Ob die Gründung der kleinen Privatschule auf Anregung der Lehrerin Frl. Mathilde Büttner oder auf Anregung einer Anzahl Gohliser Familien geschah, sei dahingestellt. Jedenfalls treffen hier Gleichgesinnte aufeinander. Die Eltern wollen ihren kleinen Töchtern den weiten Weg in die Mädchenschule nach Leipzig ersparen, Mathilde Büttner sich mit einer Schule selbstständig machen. Die Lehrerin nahm nun die Mühen auf sich, jeden Tag mit der Pferdebahn von Leipzig nach Gohlis zu fahren. Im Winter musste sie häufig diesen Weg von der Brandvorwerkstraße, wo sie noch mit Mutter und Geschwistern lebte, im tiefen Schnee zu Fuß auf sich nehmen.

Nachdem sie zwei angemietete Zimmer in einem Wohnhaus als Schulstube eingerichtet hatte, unterrichtete sie ihre Zöglinge zunächst alleine. 1883 kam Frl. Dümler hinzu, 1885 dann Frl. Noël, die dann beim ersten Jubiläum eine lange Ansprache zu Geschichte, Idee und Realität der Schule hielt, wie in der Festschrift von 1907 nachzulesen ist.
Die Schule war erfolgreich, was man auch an ihrer „Wanderschaft“ durch verschiedene Domizile in Gohlis nachvollziehen kann, denn der Raumbedarf vergrößerte sich rasch. 1893 ging es in die Nähe des Schillerhäuschens, Schillerstraße 7 mit Blick auf die Lindenstraße (beides Teile des heutigen Schillerweges). Als dann auch der Durchbruch zum Nachbarhaus für den Raumbedarf der größer werdenden Mädchenschar nicht mehr ausreichte, zog man 1903 in die Georgstraße 2 (heute Natonekstraße 2), Auf dem Titelblatt der Festschrift steht allerdings die Hausnummer 8. Hier hatte man schon ein richtiges Schulhaus mit Schulhof. 1928 konnte der Schulhof erweitert, die Aula verschönert und ausgemalt werden.

Zum Zeitpunkt des Jubiläums 1907 gab es an der Schule 118 Schülerinnen und 17 Lehrkräfte. Bis 1918 leitete Frl. Büttner die Schule, um dann krankheitshalber die Aufgabe an Frl. Ruschhaupt, eine Schülerin des Reformpädagogen Gaudig, weiterzugeben. Diese hielt eine Ansprache zur 50-Jahr-Feier 1932 über ihren Beitrag zur „inneren Geschichte der Schule“, wie es in der zweiten Festschrift von 1932 heißt.
1918 hatte die Schule schon 171 Schülerinnen, 1921 sogar 415, doch dann sank infolge der Inflation die Zahl, bis sie bis 1932 noch 289 Schülerinnen und 21 Lehrkräften umfasste. In den 50 Jahren hatten insgesamt 2500 Schülerinnen diese private Mädchenschule besucht.

Zum ersten Jubiläum 1907 hatten Eltern, ehemalige Schülerinnen und Lehrerinnen mit einem Grundkapital von 4.000 Mk. die Mathilde Büttner-Stiftung, eine Krankenkasse für den Lehrkörper, gegründet. In der Inflation von 1923 schmolz das Kapital schließlich bis auf null zusammen, aber schon am 10.März 1924 legte ein Vater mit einer Spende von 22 M den Grundstein für das Wiederaufleben der Stiftung, die 1932 dann über 10.000 RM besaß.

Über die weitere Geschichte der Schule ist fast nichts bekannt. Nur so viel ist sicher, in den historischen Adressbüchern der Stadt Leipzig finden sich unter Georgstraße 2 bis 1937 der Name der Schule, der der Schulleiterin Frau Wenke-Rauschhaupt und der des Schulhausmeister Pautsch. Diese wenigen Jahre während der Zeit des Nationalsozialismus gilt es noch zu untersuchen. Ab 1938 gibt es dann in der Georgstraße 2 ein Jugendheim der Stadt Leipzig, ein H. Martin ist Hausmeister. Der Name der Schulleiterin ist ebenso wie der Name des ehemalige Schulhausmeisters in den Adressbüchern nicht mehr aufzufinden. Auch hier gibt es also noch Forschungsbedarf.

Die Schule hatte von Anfang an sehr ambitionierte Ziele. Sie sollte die jungen Mädchen aus bürgerlichem Haus auf christlicher Grundlage zu einem tätigen Leben bilden und erziehen. Sie sollten befähigt werden, einen Beruf auszufüllen, auch zu studieren. Man sah also die Zukunft junger Mädchen realistisch, nicht mehr nur als geduldig auf den künftigen Ehemann Wartende. Sie selbst sollten für den Lebenskampf gewappnet sein. Frl. Noël beklagt sich in ihrer Rede sogar darüber, dass manche Eltern ihre Töchter nicht bis zum Abschluss auf der Schule ließen, sondern sie sozusagen aus der Ausbildung herausnahmen, um sie in einem bürgerlichen Pensionat nur auf das Familienleben vorzubereiten.

Zum Programm der Erziehung gehörte auch, die Schülerinnen durch Ausflüge mit der Welt bekannt zu machen. Nach Besuchen im Umkreis wie dem Schützenhaus noch unter der Leitung Frl. Büttners ging es dann später auch ins Muldental, in die Thüringer Berge, nach Weimar, zum Kyffhäuser, auf die Wartburg, nach Meißen und Dresden. Im Jahr des 50jährigen Bestehens der Schule musste man sich dann mit Besuchen in der Nähe bescheiden, dies war den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise geschuldet, die auch vor den gut bürgerlichen Kreisen des angesagten Villenvorortes Gohlis nicht Halt machte.
Frl. Ruschhaupt betont in ihrem Beitrag den Einfluss der Gaudig` schen Reformpädagogik auf die Schule. Sie selbst hatte unter dem Reformpädagogen und Schulleiter Hugo Gaudig 10 Jahre an der Gaudigschule, der städtischen höheren Mädchenschule Leipzig in der heutigen Lumumbastraße 2 gearbeitet.

Auch die Worte des Behördenvertreters zeigen 1932 durchaus eine moderne Auffassung der Mädchenbildung, während die Worte des Elternvorsitzenden deutlich konservativer sind. Die Schule hat seit 1919 als Elternvertretung einen Elternrat und Elternversammlungen, in denen über anstehende Fragen der Mädchenerziehung, weibliche Berufe uvm. berichtete wurde. Bei der nach dem Kriege notwendigen Erneuerung der Schulbücherei konnten die Eltern mitwirken und bestehende Lücken schließen. Seit 1922 gab es eine Schulzeitung „Der Weggeselle“, die allgemein interessierende Themen behandeltete. Seit dem gleichen Jahr beginnen die Beteiligungen an den Pfingst-Kundgebungen des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland). Schon seit 1908 hat die Schule ihre Fühler weiter ausgestreckt und im Bund privater deutscher Mädchenschulen aktiv mitgewirkt.

Man sollte nicht außer Acht lassen, dass die neue Schulleiterin nach 1918 bestrebt war, die Möglichkeiten der Privatschule auszubauen. So wurden Aufstiegsklassen für begabte Schülerinnen aus der Gohliser Volksschule eingerichtet. Diese Klassen dienten dann als Vorbild für ein entsprechendes Angebot an städtischen Schulen, was zu Folge hatte, dass die Büttnersche Schule diese Klassen schließen musste. Seit 1929 wurde die Mittlere Reife abgelegt, neue Fächer und Methoden wie das Kuhlmannschreiben statt des bisherigen Taktschreiben eingeführt. Der Musikunterrichte sollte alle und nicht nur die besonders Begabten zum Mitmachen animieren. Sprechtechnik spielte eine große Rolle im Stimmbildungsunterricht (nach Professor Engel aus Dresden), der 1924 zu einem eigen Fach aufgewertet wurde. Auch der Mathematikunterricht wurde zu einem wichtigen Fach in der Mädchenausbildung.

Zuletzt sollte noch auf nette Besonderheit hingewiesen werden. Eva Stadler aus der 4, Klasse verfasst ein Schul- und Wanderlied, für das der Komponist Georg Striegler aus Dresden die Melodie schuf.

Die Büttnersche Mädchenschule hatte für die bürgerlichen Mädchen aus Gohlis eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Das Haus in der Georg- jetzt Natonekstraße steht noch und verdiente eigentlich eine Plakette mit dem Hinweis auf die Schule, die hier von 1903-1937 viele Schülerinnen Bildung und Erziehung vermittelt hat.

Bericht über die Feier des 25 jährigen Bestehens der Büttnerschen Höheren Mädchenschule zu Gohlis Georgstraße 8 erstattet von den Mitgliedern des Kollegiums. Leipzig 1907
Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Büttnerschen Schule. Unter Mitwirkung von Dr. jur. F.O.Jummel herausgegeben von der Büttnerschen Schule. Leipzig 1932
Hugo Gaudig. Architekt einer Schule der Freiheit. Festschrift zum Internationalen Symposium aus Anlass seines 150. Geburtstages. Leipzig 2010
Adressbücher der Stadt Leipzig 1933-1938