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Anton Kippenberg, Leipziger Verleger und Gohliser Bürger

In der Richterstraße 27 steht heute ein Neubau. Kein Schild kündet davon, dass hier die Kippenberg-Villa stand, das Zentrum der Goetheverehrung in Leipzig. Die spektakuläre Goethe-Sammlung des Insel-Verlegers Anton Kippenberg hat zwar die Bombardierung der Stadt Leipzig überlebt – sie war schon früh an sicheren Stelle versteckt worden – aber sie ist dennoch nicht mehr in Gohlis, sondern in Düsseldorf im Goethemuseum zu finden. Dorthin haben die beiden Töchter der Familie Kippenberg die Sammlung gegeben, nachdem ihre Eltern sie 1945 mit Hilfe amerikanischer Truppen aus dem Ostteil Deutschlands nach Marburg verbracht hatten.

Wer war nun dieser Anton Kippenberg, an den nur noch eine kleine Straße in Leipzig erinnert? 1874 in Bremen in eine Lehrerfamilie mit 8 Geschwistern hineingeboren, erlernte er von 1890 bis 1893 den Buchhandel, ging als Buchhandlungsgehilfe nach Lausanne, wo er mit dem Kauf einer Faustübersetzung ins Französische den Grundstein für seine berühmte Goethesammlung legte. (2) 1894 kam er nach Leipzig und nach kurzem Zwischenspiel beim obligatorischen Militärdienst blieb er in der Pleißestadt bis 1945. Im wissenschaftlichen Verlag der Fa. Wilhelm Engelmann brachte er es rasch zum Prokuristen.

Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit pflegte er seine kulturellen Interessen: die Konzerte im Gewandhaus, den Thomanerchor, Bach, die Oper. Wer konnte damals schon daran denken, dass der kulturbeflissene junge Mann später im auch im Vorstand des Gewandhauses und Oper sitzen würde.

Seine Bekanntschaft mit der Verlegerwitwe Engelmann und der Komponistenwitwe Hedwig von Holstein, deren Vater eine große Autographensammlung besaß, hatten ihn mit den führenden kulturellen Kreisen in Leipzig zusammengebracht.

Sein Ehrgeiz ebnete ihn trotz fehlenden Abiturs den Weg an die Universität. Mit einer Ausnahmegenehmigung begann er ein Kameralistikstudium, doch Musik, Romanistik und deutsche Literatur wurden zu seinem wichtigsten Fächern. Er schloss schließlich mit einer Promotion bei Albert Köster über „Die Sage vom Herzog von Luxemburg“ sein Studium 1901 mit summa cum laude ab (3), eine Tag später erhielt er die Procura im Verlag. Im selben Jahr besuchte er die Mathildenhöhe in Darmstadt und schloss er sich der Goethegesellschaft in Weimar und der Gesellschaft der Bibliophilen(BibliophilenAbend) in Leipzig an. Neben literaturwissenschaftlichen Abhandlungen widmete er sich auch dem Ausbau seiner Goethesammlung.

Seine Bekanntschaft mit dem Meisterdrucker Carl Ernst Poeschel (1874-1944) aus der Druckerei Poeschel und Trepte, die auch für den Insel-Verlag arbeitete, brachte die entscheidende Wende im Berufsleben Kippenbergs. Als ersten bibliophilen Druck brachten die beiden im Insel-Verlag „Brief der Frau Rat Goethe“ heraus und übernahmen den krisengeschüttelten Verlag, trennten sich aber nach einem Streit um eine Schillerausgabe. Kippenberg verschaffte der „Insel“ ein solides finanzielles Fundament und führte sie gemeinsam mit seiner Frau bis zu seinem Tod 1950.

In das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhundert fiel für Anton Kippenberg noch eine weitere Bekanntschaft, die für sein persönliches und berufliches Leben wohl die wichtigste wurde. Er lernte 1905 auf dem Weg nach Weimar die junge „Studentin“ (4) Catharina von Düring (5) aus Hamburg kennen. Im September erfolgte die Verlobung, im Dezember die Hochzeit in Hamburg. Das junge Paar ließ sich in Gohlis in der Fechnerstraße 6 (später 12) nieder, 1906 kam Tochter Jutta, 1910 Tochter Bettine zur Welt. Katharina, wie sie ihren Vornamen seit der Eheschließung schrieb, wurde zur wichtigsten Mitarbeiterin ihres Mannes, zur „Herrin der Insel“ (6)

Die Aufbruchszeit seit 1900 stand im Banne der Weimarer Klassik mit Goethe als Zentrum, auch moderne Autoren wurden, betreut von Katharine Kippenberg, in der „Insel“ verlegt. Ihrem Zeugnis zufolge arbeitete Anton Kippenberg wie ein Besessener, der sich um alles kümmerte (7). Das schön gestaltete Buch wurde zum Markenzeichen des Insel-Verlages, die Insel-Bücherei, nach dem Vorbild Reclams konzipiert, überragte diese durch ihre Gestaltung und wurde von Stefan Zweig, dem Hausautor der Insel, als „demokratisches Angebot“ (8) gefeiert.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs wurde zum großen Einschnitt für Verlag und Verleger, Anton Kippenberg stellte sich als Reserve-Offizier zur Verfügung, nach erster Tätigkeit als Begleiter von Truppentransporten kam er als Rekrutenausbilder nach Halle, also in direkte Nachbarschaft zum Leipziger Verlag. Später gab er als Hauptmann die Kriegszeitung der IV Armee in Gent heraus, während seine Frau im Verlag bei deutlich reduzierter Belegschaft(24 von 29 Mitarbeitern waren ihr verblieben!) ihren Mann stehen musste. Der Verlag profitierte auch von der anfänglichen Kriegsbegeisterung 1915 mit dem „Kriegsalmanach“.

Nach Kriegsende war Anton Kippenberg schon am 11. November 1918 wieder in Leipzig und führte den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Katharina weiter. In den zwanziger Jahren geriet der Verlag durch sein sehr konservative Verlagsprogramm in finanzielle Schwierigkeiten, dennoch lehnte Anton Kippenberg die Aufnahme moderner deutscher Autoren, die seine Frau protegierte, weitgehend ab. Die Inflation 1923 bedrohte ebenso wie das Erstarken der neuen Medien Kino und Rundfunk die „Insel“, jedoch konnte durch die Veröffentlichung moderner angelsächsischer Autoren, die Katharina für den Verlag gewann, diese Probleme gelöst werden.

Am 22. Mai 1924 wurde dann mit großem Pomp und vielen Gästen Kippenbergs 50. Geburtstag als kulturelles Ereignis gefeiert. Katharina Kippenberg hatte eine bibliophile Festschrift (9) in 500 Exemplaren und Beiträgen vieler Autoren des Verlages wie Rudolf Alexander Schröder, Harry Graf Kessler. Georg Witkowski, Stefan Zweig, um nur einige zu nennen. (10) Das Buch kann in der UB Leipzig nur zu wissenschaftlichen Zwecken eingesehen werden. Zum Geburtstag erschien auch das „Jubelschiff“, eine Sondernummer des Inselschiffes, ebenfalls von Katharina Kippenberg ediert.

Die schwierigste Zeit begann in den dreißiger Jahren und vor allem nach 1933. Die Werke jüdischer Autoren v.a. des jüdischen Hausautors Stefan Zweig wurden nicht mehr gedruckt, konservative Autoren der später so genannten Inneren Emigration wurden gepflegt, was Kurt Tucholsky (11) schon 1932(!) als „merkwürdig“ kritisierte. Anton Kippenberg war der neuen nationalsozialistischen Regierung gegenüber wohl skeptisch, wie Hans Carossa in seinen Briefen schon im Juni 1933 berichtete. Harry Graf Kessler geht hingegen kritischer mit dem Ehepaar Kippenberg um und bezeichnet sie als „geistige Hakenkreuzler“. Nach Meinung der Biographien Katharina Kippenbergs Sabine Knopf sollte man die Haltung des Verlegerehepaars differenzierter betrachten. Aus Anton Kippenberg einen Widerständler (12) zu machen, wie es das Gewandhausmagazin 96 nahelegt, ist doch mindestens ein wenig übertrieben.

Derm Verleger gelang es, seinen Verlag aus der Politik herauszuhalten, seine konservative Verlagstätigkeit war von Erfolg gekrönt, er wurde im konservativen Lager geschätzt. Im Mai 1944 feierte er seinen 70. Geburtstag in Weimar mit vielen Freunden, vielen Paketen und über 1000 Briefen und Telegrammen aus aller Welt. Für ihn öffnete trotz der Kriegsschließung das Hotel Erbprinz, er selbst plante die Schenkung seiner renommierten Goethesammlung „ an das deutsche Volk“. Sie sollte eigentlich in Leipzig bleiben. Die Thomaner kamen nach Weimar und sangen für ihn. Es gratulierten der ehemalige OB Carl Goerdeler, Richard Strauß, Max Brockhaus und viele mehr. Er erhielt die Ehrenbürgerschaft der Stadt Weimar, die Staatsplakette seiner Vaterstadt Bremen, der BibliophilenAbend gratulierte, ebenso die Presse, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ließ durch Dr. Erckmann, Oberregierungsrat im RMVP (13) eine Ehrengabe überbringen.

Die Kriegszeit verbrachten die Kippenbergs auf Schloss Mansfeld bei Katarinas Schwester Louise von der Reche und bei ihren Freunden Heinrich und Maria Berthes auf dem Rittergut Walbeck im Harz.
Die Villa Kippenberg fiel nach dem Verlagshaus im graphischen Viertel Leipzigs den alliierten Bombenangriffen zum Opfer, die Goethesammlung hatte Anton Kippenberg schon früh in acht sicheren Verstecken auf dem Land und in Leipzig untergebracht und so gerettet.

Am Kriegsende boten die Amerikaner den Kippenbergs einen neuen Verlagssitz in Wiesbaden an. Kippenberg sammelte die Bestände ein und sie wurden von amerikanischen Lastwagen in die amerikanische Bergungsstelle nach Marburg verbracht. Am 8 März endet die Epoche Kippenberg in Leipzig mit einem letzten Besuch des Ehepaars in den Trümmern ihres Hauses in der Richterstraße 27 in Gohlis. Am 14.12 1945 spricht Katharina von dem geplanten Wiederaufbau in Leipzig, wozu es nicht mehr kommen sollten.

Seit dem 23. Mai sind die Kippenbergs in Marburg, der Insel-Verlag nimmt seine Arbeit wieder auf. Anton Kippenberg pendelt zwischen Marburg, Leipzig, Wiesbaden und dem Krankenlager seiner Frau in Frankfurt am Main, wo sie am 7.Juni 1947 starb. Sie wurde in einem Ehrengrab auf dem Marburger Friedhof bestattet.

Anton Kippenberg widmet seine Frau und Mitarbeiterin im Herbst desselben Jahres die Rilke-Gedächtnis-Ausstellung, zu dem geplanten Gedächtnisbuch kam es aber nicht mehr. Anton Kippenberg arbeitete unermüdlich weiter, erhielt zu seinem 75. Geburtstag im Mai die Bremer Ehrenbürgerschaft und wurde Ehrensenator der Universität Marburg, auch der Thomanerchor kam aus Leipzig, um dem verehrten Verleger sein Ständchen zu bringen. Im August hielt er zu Goethes 200jährigem Geburtstag die Gedenkrede in der Weimarer Fürstengruft. Zu dieser Zeit war die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten noch offen, der Verleger konnte ungehindert reisen. Von Weimar ging es nach Leipzig, hier hielt er eine Gedenkrede vor 8.000 Menschen auf dem Gelände der Technischen Messe.

Persönliche Schicksalsschläge lähmten jedoch seine wieder erwachte Verlegertätigkeit. Über den Tod von Schwiegersohn und Enkeltochter kam nicht hinweg, der Besuch in der Schweiz brachte keine Erholung, sondern den endgültigen Zusammenbruch. Am 21. September 1950 starb er in Luzern. Am 28. September wurde er an der Seite seiner Frau beigesetzt, im “ewigen Grab“ der Stadt Marburg.

Auf das Angebot der Stadt Leipzig, das Gohliser Schlösschen für die Sammlungen zur Verfügung zu stellen, hatte Kippenberg angesichts der unsicheren Zeitläufte nicht geantwortet, Frankfurt, das ihm nach 1945 nicht den Goethepreis zuerkannte, wollte er nicht auswählen. Schließlich übergab Bettina von Bornhard, die jüngste Tochter, die Anton- und Katharina-Kippenberg-Stiftung der Stadt Düsseldorf, 1953 erfolgte die Eröffnung des Museums im Hofgärtnerhaus. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erhielt 1964 den persönlichen Nachlass, die Bibliothek und Katharinas private Rilke-Sammlung. 1965 wurden die neuen Bestände einem staunenden Publikum vorgestellt und in den Jahrbüchern der Schillergesellschaft gibt es zahlreiche Veröffentlichung. 1974 gesellte sich das Insel-Archiv zu den Kippenberg-Archivalien.

In Gohlis findet sich keine Erinnerung mehr an den Palazzo Chippi, der für fast ein halbes Jahrhundert der kulturellen Mittelpunkt der Goetheverehrung und der Literaturvermittlung in Leipzig war. Der Bürgerverein Gohlis versucht dieses Versäumnis durch mehrere Beiträge über Anton und Katharina Kippenberg und ihre Villa nachzuholen (14). Vielleicht sollte eine Gedenktafel am Neubau in der Richterstraße in der Zukunft der Erinnerung dieser wichtigen Verlegerfamilie wachhalten und nicht nur eine kleine Aster mit dem Namen Aster dumosus Professor Anton Kippenberg.

(1) Sabine Knopf, Katharina Kippenberg-„Herrin der Insel“, Leipzig 2010, Anton Kippenberg – Oxford Reference. www.oxfordreference.com/view/…/authority.201108031000385…Anton Kippenberg (1874–1950) German publisher and Goethe collector.As proprietor of Insel Verlag and president of the Goethe-Gesellschaft (1938–50), he assembled a vast Goethe collection, including many autographs. It became the foundation 
(2) Seine Goethe-Sammlung mit rund 12 900 Nummern wird die größte private Goethe-Sammlung überhaupt, 1945 umfasst sie mehr als 25 000 Objekte und wird seit 1956 als „Anton und Katharina Kippenberg Stiftung“ im Düsseldorfer Goethe-Museum aufbewahrt. Auszeichnungen
(3) Die Sage vom Herzog von Luxemburg und die geschichtliche Persönlichkeit ihres Trägers. Dissertation, Leipzig 1901
(4) 1905 gab es an der Leipziger Universität noch keine Studentinnen. Frauen durften nur Vorlesungen „hören“, nicht aber regulär studieren
(5) Die spätere Katharina Kippenberg .s. den Artikel Katharina Kippenberg im Online-lexikon und im700 Jahre Gohlis S.
(6) Diesen Bezeichnung übernahm Sabine Knopf in den Titel ihrer kenntnisreichen Kippenberg-Biographie
(7) Briefwechsel Rilke-Kippenberg S. 40
(8) S.o. S. 33
(9) Navigare necesse est, Festschr. f. A. K., hrsg. v. Katharina Kippenberg, 1924;
(10) Näheres bei S.Knopf a.a.O. S. 110f.
(11)Tucholsky, Ges. Werke Band 10 S. 68
(12) gewandhaus-magazin-nr-96-herbst-2017 Seite 45 Anton Kippenberg: Der Insel-Verleger, Insel-Bücherei-Erfinder und Goethe-Sammler gehörte ab 1926 der Gewandhaus-Konzertdirektion an. 1938 wurde er deren Vorsitzender. – Erinnerung an einen, der sich widersetzte. Aufsatz von Werner Marx
(13) Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda!
(14) 700 Jahre Gohlis S. 95, 307 und im Internet