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Gohlis in Kriegszeiten

von Ursula Hein

Das kleine Dorf Gohlis lag vor den Toren der großen befestigten Stadt Leipzig, die immer wieder zum Schauplatz kriegerischer Ereignisse wurde. So konnte es nicht ausbleiben, dass das Dorf von der Stadt nicht nur profitierte, sondern auch die Folgen der Kriege deutlich spüren musste. Zwar fan-den die Kriegshandlungen nicht direkt im Dörfchen statt, aber Einquartierungen, ob von Feind oder von Freund, und Plünderungen ebenso durch Feinde wie durch Freunde, lassen sich in der Ge-schichte des Örtchens immer wieder aufzeigen.
Zwar konnten die Bewohner bei drohender Kriegsgefahr in der ummauerten Stadt mit ihrem Vieh Zu-flucht erhalten, ihr Dorf aber wurde geplündert und niedergebrannt. Auch als Gohlis 1870 zum Stadt-teil Leipzigs geworden war, hatte es unter Kriegsfolgen unterschiedlichen Ausmaßes zu leiden. Es gab Einquartierungen von Soldaten oder Verwundeten bis ins 20. Jahrhundert belegt, auch von Bom-bardierungen im Zweiten Weltkrieg wurde es nicht verschont.
Auf einen Teil der Kriege soll in einzelnen Kapiteln eingegangen werden:

  1. Der Schmalkaldische Krieg 1546-1547
  2. Der Dreißigjährige Krieg 1618-48
  3. Der erste Schlesische Krieg1740 bis 1763
  4. Die Napoleonischen Kriege bzw. Die Befreiungskriege1813-15
  5. Die Garnison Gohlis-Möckern 1866-19
  6. Die Weltkriege 1914-18 und 1939-45

1.Der Schmalkaldische Krieg (1546–1547)

In diesem ersten Religionskrieg nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555
stand der Schmalkaldische Bund aus protestantischen Landesfürsten und Reichsstädten gegen die katholische Seite mit dem Kaiser an der Spitze.
Von Süddeutschland aus verlagerte sich der Krieg in den sächsisch-thüringischen Raum. Herzog Moritz von Sachsen (1521–53) stand – obwohl Protestant – auf Seiten des katholischen Kaisers, um die angestrebte Kurfürstenwürde zu erhalten, die sein Vetter Johann Friedrich (1503–54) innehatte. Moritz sollte im Auftrage des Kaisers an Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen die Reichsacht voll-strecken. Der Kurfürst kam von der Donau, eroberte sein Land zurück und wollte Herzog Moritz aus Leipzig vertreiben.
Dieser ließ die Befestigungen der Stadt verbessern, Ranstädter und Hallesche Abb. 4 Stadtansicht Leipzig, Belagerung 1547Vorstadt abtragen, die Tore schützen und damit die Stadt belagerungsfest machen. Die umliegenden Dörfer wurden dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Gohliser sollten ihr Hab und Gut in die befestigte Stadt bringen, zögerten aber so lange, bis die anrückenden Landsknechte das Dorf niederbrannten, flohen dann in die Stadt zu Verwandten und Freunden, ande-re wurden im Universitätsbereich und ihr Vieh im Paulinerkollegium untergebracht.
Am 6. Januar begann mit heftiger Beschießung die Belagerung der Stadt durch Kurfürst Johann Friedrich, schon am 29. Januar 1547 gab er die Belagerung aus finanziellen und witterungsbedingten Gründen wieder auf. Nach dem Abzug der Truppen gab es weiterhin marodierende Feinde im Um-land, das Niederbrennen der Gohliser Mühle ist für den 27. Februar 1547 belegt.
In der Folge wurde der Ort Gohlis mit Leipziger Hilfe wiederhergestellt, die Stadt verzichtet auf die Hälfte des jährlichen Erbzinses. Die Gohliser Bauern profitierten dann durch den Zuzug von Flücht-lingen aus Antwerpen.

2. Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Von direkten Kriegshandlungen blieben Leipzig und Umgebung in den ersten Kriegsjahren verschont. Um dem Brotmangel in Leipzig zu begegnen, durften die Gohliser Bauern ihr Brot in der Stadt direkt verkaufen. Die Ausrüstung eines „Heerfahrtwagens“, eines Proviant- und Trosswagens mit Fuhr-pflicht für die Ausrüster, gemeinsam mit den Eutritzschern, kostete zunächst 561, dann 1623 erneut 364 Taler. In der Zeit von 1631 bis 1649 wurde Gohlis fünfmal niedergebrannt und verwüstet, die Bewohner mussten mehrmals in das befestigte Leipzig flüchten. 1631 stellte der kaiserliche Heerfüh-rer Graf von Tilly (1559–1632) bei der Belagerung der Stadt mit 40000 Mann seine Feuermörser zwi-schen Gohlis und Pfaffendorf auf und bezog Quartier in den umliegenden Dörfern. Die Stadt musste sich ergeben, doch schon wenig später bezogen die Schweden Quartier, erst die Schlacht bei Brei-tenfeld be -endete 1631 die Einquartierungen.
1632 waren es die Kaiserlichen, die die Dörfer niederbrannten. 1635 verursachte ein Soldat eine Feuersbrunst in Gohlis. Dabei wurden 16 Bauernhöfe eingeäschert, also fast das ganze Dorf. 1637 plünderten die Schweden den Ort, der zudem durch die Pest ein Drittel seiner Bevölkerung verlor. Vier Jahre später plünderten die Schweden erneut die Gegend um Leipzig, eine weitere Schlacht bei Breitenfeld 1642 brachte Gohlis noch einmal schwedische Besatzung, die erst am 30. Juni 1650 ab-rückte. Der Dankgottesdienst am 22. Juli 1650 beendete für die Gohliser endgültig diesen Krieg, je-doch sollten seine Folgen wie Ernteverluste und Zerstörungen noch Jahre zu spüren

3. Der erste Schlesische Krieg1740 bis 1763

Kaum ein Jahrhundert nach dem 30.jährigen drohten neue Kriege. Friedrich II. von Preußen (1712–1786) versuchte ab 1740 in drei Kriegen Schlesien für seinen Staat von Österreich zu gewinnen. Die ungünstige Lage Sachsens zwischen den beiden kämpfenden Mächten führte dazu, dass der Kur-fürst zunächst im 1. Schlesischen Krieg (1740–42) auf der Seite Preußens stand. Im 2. Krieg (1744/45) wechselte er auf die österreichische Seite. Im 3. Schlesischen Krieg (1756–63), auch als Siebenjähriger Krieg bekannt, wurde Sachsen und Leipzig besonders in Mitleidenschaft gezogen.
Ortsgeschichte 27 Im August 1745 bezogen Teile des sächsischen Heeres unter General Rutowsky (1702–64) ein Lager zwischen Gohlis und Schönefeld, wohl auf der Petzscher Mark.
Im Oktober versammelte sich das gesamte sächsische Heer von ca. 30 000 Mann zwischen Gohlis und Möckern, erst am 29. November rückten preußische Truppen von Halle mit 30000 Mann vor Leipzig. „An den Teichwiesen in der Gohliser Mark“ schanzten sie und hoben Laufgräben und Wulfs-löcher aus. Die Husaren des alten Dessauers, d. i. Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau (1676–1747), plünderten Gohlis. Während dieses Krieges kam es auch wieder zu Einquartierungen und Zerstörun-gen, die erst mit Kriegsende und dem Friedensschluss 1763 endeten.

4. Die Napoleonischen Kriege bzw. Die Befreiungskriege1813-15

Nach den erfolgreichen Napoleonischen Eroberungskriegen begann 1812 mit Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug die Gegenoffensive der alliierten Truppen (Preußen, Russland, England u.a.). Sachsen stand als Rheinbundstaat auf französischer Seite verhielt sich aber ambivalent Sachsens, die Truppen kämpften noch auf französischer Seite, während ihr König versuchte mit den Alliierten zu
Verhandeln, aber 1813 sich wieder zu Napoleon zuwandte und während der Völkerschlacht in Leipzig bleiben musste.
Dieses Jahr 1813 brachte für Gohlis sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ebenso wie die anderen Dörfer in Leipzigs Umgebung gab es wechelnde Einquartierungen und zahleiche Kampfhandlungen. Das Gohliser Schlößchen wurde zum Standort unterschiedlicher Befehlshaber. Der französische Marschall Davoust (1770–1823) musste dem österreichischen General Wittgenstein (1769–1843) weichen, der im April 1813 Gohlis wieder verließ. Nach der für die Alliierten verlorenen Lützener Schlacht am 1./2. Mai mussten sich die Österreicher unter Mitnahme vieler Pferdefuhrwerke gänzlich aus Gohlis zurückziehen.
Die Franzosen kehrten zurück und vom 2.–10. Juli wurden Handwerker zu Dienstleistungen in Gohlis herangezogen. 28 Schneider waren damit beschäftigt, die Montierung der Dragoner, die auf Gut Be-nedix saßen, zu ändern. Am 10. August gab Jean-Toussaint Casanova, Herzog von Padua (1778–1853) und Gouverneur von Leipzig, im Gohliser Schlößchen ein Fest zu Ehren des Napoleonstages (eigentlich der 15. August), wohl das letzte friedliche Ereignis des Jahres in Gohlis.
Anfang September war Gohlis voll von französischen Einquartierungen und zwar von Husaren, Kü-rassieren und Infanterie, am 23. September kamen an die 200 Soldaten aus Möckern hinzu. Zwei Tage später führte ein französischer General alle Reiter aus Gohlis fort, am 29. folgten die übrigen Soldaten bis ans Hallische Tor vor Leipzig, abends kam die Kavallerie wieder in das Dorf. Mann-schaft und Pferde mussten durchgehend verpflegt werden.

Die ersten kriegerischen Handlungen begannen dann am 5. Oktober. Die Stadt und das Umland wur-den vom fliehenden französischen Heer besetzt. Am 16.10. mussten die Franzosen unter General Marmont (1774–1852) ihre Stellungen in Möckern verlassen, am 18.10. gab es nur noch wenige Franzosen in Gohlis. Sie wurden am 17.10. von General Blücher (1742–1819) angegriffen, auch am 18.10. gab es Kämpfe bei Gohlis, im Rosental und in Eutritzsch. Die restlichen Franzosen flohen ins Rosental, wo viele gefangen oder bei Widerstand getötet wurden. Nach der Flucht besetzte die schlesische Armee Gohlis, am 19. Oktober brachen 3000 Mann russischer Infanterie in das Rosental auf und nahmen dort noch versteckten französischen Soldaten gefangen.

Ab dem 18. Oktober nahm ein Dragonergeneral mit seinen Offizieren Quartier in der Oberschenke in Gohlis, am 20. und 21. Oktober wurde Gohlis zum Quartier General Blüchers. Bis zum 8. Dezember waren die meisten Soldaten entweder nach Merseburg gezogen oder nach Leipzig ins Lazarett oder ins St. Georghaus gebracht worden.
Als Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch in Gohlis die Felder verwüstet, die Vorräte aufgezehrt. Die Einquartierung österreichischer Truppen sollte noch bis 1814 dauern, 1815 zogen dann auf dem Weg nach Frankreich wiederum österreichische und preußische Truppen durch Gohlis.
Archäologische Überreste der Kämpfe von 1813 fanden sich fast zweihundert Jahre später. Im De-zember 2011 stießen Arbeiter bei Baggerarbeiten auf der Baustelle der „Kaisergärten“ in Gohlis auf menschliche Schädel. 2012 konnten Archäologen die sterblichen Überreste von zehn Soldaten aus-graben und sie als Tote der Völkerschlacht bei Leipzig identifizieren.

5. Die Garnison Gohlis-Möckern ab1866

Nach diesen kriegerischen Ereignissen zu Beginn des Jahrhunderts blieb für Gohlis weitgehend von Kriegen verschont. Nach dem deutsch-deutschen Krieg 1866, in dem Sachsen auf der Seite des Deutschen Bundes stand, wurde Leipzig an dem 15./16, Juni bis zum 29. Dezember 1866 von preu-ßischen Truppen besetzt. Am 28.6. errichtete man internationale Lazarette in Leipzig, u.a. wurde das Gohliser Schlösschen zum Militärhospital Gohlis. Gemeinsam mit andren Lazaretten wurde es mit Freund und Feind belegt und unterstand dem Johannisorden, der insgesamt 400 Diakonissinnen aus Preußen zur Pflege der Verwundeten nach Leipzig sandte. Trotz dieser Bemühungen starben viele der Verwundeten. Seit 1867 erinnert ein Gedenkstein an diese Toten.
Fünf Jahre später wurde es 1870/71 zur Garnisonsstadt und die Garnison auf der Flur Möckern-Gohlis zum wichtigen Wirtschaftsfaktor für Gohlis.

6. Die Weltkriege 1914-18 und 1939-45

Die Kämpfe des Ersten Weltkrieges (1914–1918) spielten sich fern von Leipzig ab; wie die meisten deutschen Gemeinden zollte man seinen Tribut an den Krieg „nur“ in Form von Toten und Verwunde-ten. Für Letztere wurden wie in anderen Gemeinden Schulen und andere Gebäude freigemacht. In Gohlis war es unter anderem die Gaststätte Schillerschlößchen, in dem die Verwundeten versorgt wurden. An die vielen Toten erinnern auch heute noch Gedenktafeln in Gohliser Kirchen ebenso wie Denkmäler. Für die Friedenskirche in Gohlis schuf der Leipziger Bildhauer Carl Ludwig Seffner (1861–1932) 1926 zwei Gedächtnistafeln für 743 Gefallene der Friedenskirchgemeinde, die am 21. November des gleichen Jahres im Gottesdienst geweiht wurden.

Im Gegensatz zum Ersten fand der Zweite Weltkrieg auch auf deutschem Boden statt. Leipzig und der Stadtteil Gohlis, der nördlich des Hauptbahnhofes liegt, wurden Opfer zahlreicher alliierter Luft-angriffe. Am 27. März 1943 lösten die Notabwürfe eines britischen Flugzeuges in Gohlis ein Groß-feuer aus. Am 20. Oktober 1943 erlebten die Leipziger den ersten großen Luftangriff auf ihre Stadt. Bei den Bombenangriffen im Dezember 1943 und im Juli 1944 wurde die Friedenskirche in Gohlis stark beschädigt, die Kirchenfenster, die man nicht ausgelagert hatte, gingen zu Bruch, bis heute fehlt die Nordsakristei. Am Gohliser Schlösschen wurden Garten, Arkaden und Dach des Haupthau-ses sowie das Deckengemälde beschädigt. Größere Bombenschäden gab es auch an der heutigen Georg-Schumann-, Lützow- und Berggartenstraße. Diese Lücken sind zum Teil bis heute noch sicht-bar. Der Seitenflügel des Heinrich-Budde-Hauses fehlt noch immer, die starken Zerstörungen auf dem Werksgelände Bleichert wurden nach 1945 beseitigt. Weitere Angriffe erfolgten nahezu monat-lich, bis die Amerikaner im April in Leipzig einzogen. Die Stadt war in Teilen zerstört, mehr als 5000 Menschen waren ums Leben gekommen.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs kam für Leipzig mit der Übernahme der Stadt durch US-Truppen. Da die Stadt nicht zur Festung erklärt worden war, ging der Krieg weit – gehend unblutig zu Ende. Volks- und Wehrmachtseinheiten hatten sich an verschiedenen Stellen der Stadt verschanzt und leis-teten vereinzelt Widerstand wie beim Hauptbahnhof und bei den Gohliser Kasernen. In der Nacht vom 18. auf den 19. April wurden sie von amerikanischen Truppen überrollt und das Kasernengelän-de besetzt.
Die 106er Kaserne an der Halleschen Straße wurde für 2500 Flüchtlinge zu einem Flüchtlingslager umgewidmet, die Georgskaserne als behelfsmäßige Flüchtlingssammelstelle verwendet. Ein Jahr später diente die 106er Kaserne ab dem 31. Juli als Quarantänelager für entlassene deutsche Kriegsgefangene. Damit war für Gohlis der direkte Krieg zu Ende. Nach dem Abzug der Amerikaner kam die russische Besetzung, der Krieg war zu Ende.
Nach 1945 begann dann endlich für Gohlis wie für ganz Mitteleuropa eine Zeit ohne Kriege und Zer-störungen.

Literatur
Alt-Gohlis. Eine historische und städtebauliche Studie. Hrsg. Nabert, Thomas / Rüdiger, Bernd, Pro Leipzig e. V., Leipzig 1996
Ebert, Willy: Gohlis, Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes. Leipzig 1926
Geißler, Emil, Aus der Vergangenheit von Gohlis. Leipzig, [ca. 1900]
Heimatgeschichte für Leipzig und den Leipziger Kreis, [bearb] Reumuth, Karl 1886-1964 ? [hrsg] Kötzschke, Rudolf, 1867-1949 Leipzig ca. 1927
Kürschner, Dieter: Leipzig als Garnisonsstadt 1866-1945/49, Herausgegeben von Ulrich von Hehl und Sebastian Schaar (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig) – Leipzig 2015
Leipzig brennt : der Untergang des alten Leipzig am 4. Dezember 1943 in Fotografien und Berichten Lehmstedt, Mark [hrsg] 1961-
Neu-Gohlis. Eine historische und städtebauliche Studie. Nabert, Thomas ; Weitzmann, Uta-Andrea Leipzig : Hrsg. v. Pro Leipzig e. V, Leipzig 2 Leipzig 2003
Tausend Jahre deutscher Vergangenheit in Quellen heimatlicher Geschichte insbesondere Leipzigs und des Leipziger Kreises Bd.1 und 2 Hrsg. Von K.Beier und A.Doberitzsch Leipzig 1911
1000 Jahre Leipzig – Die große vierbändige Stadtgeschichte Geschichte der Stadt Leipzig Bd. 1-4 Leipzig 2015ff.