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Ein Fund auf dem Antikmarkt – Die „Eidechse“, Erinnerungen an den Elektrokarren

von Joachim Petschat , ehemals Schlosser und Ingenieur im VEB VTA Leipzig

Auf dem AGRA-Antikmarkt wurden kürzlich Prospekte aus der Produktpalette der größten Fabrik in Gohlis, den einstigen Bleichert-Werken, angeboten. Sie weckten Erinnerungen an meine Zeit in diesem Betrieb, damals VEB Verlade- und Transportanlagen (VTA). Daran möchte ich Sie teilhaben lassen.

Elektrokarren – 1923 patentiert
Da zurzeit die Diskussion über das Elektroauto läuft, schreibe ich über meine Erlebnisse mit der berühmten Bleichert-Eidechse, die mit Elektroantrieb fuhr. Unsere Altvorderen haben dieses Fahrzeug schon in den 20er-Jahren eingesetzt. Abgase in den Werkhallen waren auch damals ein Problem. Das Patent auf den Elektrokarren „Eidechse“ wurde der Firma 1923 erteilt. Angeboten wurde er mit Vollgummi- und Luftreifen, ohne Federung, vorgesehen für innerbetrieblichen und öffentlichen Straßentransport. Laut Prospekt wurden sogar Eisenbahnwaggons damit versetzt. Auf dem Leipziger Hauptbahnhof konnte man solche E-Karren beim Gepäcktransport mit z. T. halsbrecherischer Fahrweise noch lange erleben.

Die Eidechse wurde von 1924 bis in die 60er-Jahre in großen Stückzahlen hergestellt. Für fast alle betrieblichen Transporte gab es passende Varianten bzw. Zusatzgeräte. Noch im Juli 1964 musste ich als Zwischenprüfung in der Schlosserlehre im Lehrwerk der Betriebsberufsschule Handräder für die Schaltung komplett montieren. Sie wurden damals auf Bestellung als Ersatzteile geliefert.

Die Wippenlenkung der Eidechse war gewöhnungsbedürftig. Fuhr man auf einer Seite durch ein Schlagloch, konnte man hochgeschleudert werden. Auch bei Notbremsung war ein Sturz möglich. Aus Gründen der Arbeitssicherheit wurden die Eidechsen später mit einem Seitenschutz versehen. Ob vorn eine Tür war, wie bei der dieselbetriebenen „Ameise“, ist mir nicht mehr erinnerlich, ebenso wenig, wie bei der Eidechse der Fahrtrichtungswechsel angezeigt wurde.

Mit der Eidechse im Straßenverkehr
Da ich an der Betriebsberufsschule den Lkw-Führerschein erworben hatte, erhielt ich die Fahrerlaubnis 2 E und durfte die Eidechse auch im öffentlichen Straßenverkehr fahren, meist zwischen den Betriebsteilen in Eutritzsch und Gohlis sowie in die Außenlager, um Ersatzteile hinzuschaffen oder abzuholen, in diesem Fall auf Luftbereifung. Meine weiteste Fahrt war die zum Ersatzteilhandel in Taucha.

In der Spätschicht wurden im Werk 2 in Eutritzsch manchmal kleine Rennen gefahren. Ärgerlich war es, wenn man nicht auf die Ladung der Batterie geachtet hatte und deshalb liegenblieb. Dann musste man unter dem Gespött der Kollegen zur Ladestation abgeschleppt werden. Und die war zum Schichtende hin immer belegt. Gewartet wurden die Batterien der Eidechsen in der Kugelschaufler-Halle in Eutritzsch, was damals bedeutete: Platten und Säure ersetzen. Beim Betreten der abgetrennten Station verschlug es einem wegen der Säuredämpfe den Atem. Aber der damalige Batteriewart Hugo hat dort sogar gefrühstückt! Dankenswerterweise hat er mir auch meine private Motorradbatterie mit gewartet.

Leider verschwanden die umweltfreundlichen Eidechsen nach und nach aus beiden VTA-Werksteilen in Gohlis und Eutritzsch. Schade! Die Produktion von Elektrokarren wurde im Rahmen des Rates der gegenseitigen Wirtschaftshilfe nach Bulgarien verlagert. Im Museum Eisenmühle Elstertrebnitz kann man ein fahrbereites Exemplar einer Eidechse besichtigen, allerdings vom westdeutschen Bleichert-Ableger und Konkurrenten in Köln.