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Gohliser Ladengeschichten (2): Kuchenränder und Wurstsuppe

Bäckerei Hermann Eckart um 1910. Der größere Junge in der Mitte ist der Vater des Autors.

In Teil 1 unserer kleinen Serie kam die Blumenhändlerin Karla Hasse zu Wort. Diesmal zitieren wir aus einem Leserbrief von Gerhard Eckart mit Kindheitserinnerungen. Dass es darin vor allem ums Essen geht, hängt mit der Zeit zusammen, die er beschreibt. Damals wurden Zuckerrübenschnitzel nicht wie heute an Pferde oder Schafe verfüttert, sondern von hungrigen Menschen gegessen.

Geschenkte Kuchenränder …
Ich wurde 1938 in Leipzig-Gohlis geboren und wohnte bis 1949 in der Eisenacher Straße 25. In unserem Haus befand sich ein Gemüse-und Kolonialwarengeschäft, betrieben von dem Ehepaar Müller. Im Nachbarhaus Nr. 27 war eine Bäckerei, dort kauften wir aber nicht ein, wir ließen dort nur Kuchen und Stollen backen. Brot holte ich, wenn ich einkaufen musste, immer in einer Bäckerei in der Lindenthaler Straße, in einem Eckladen auf der linken Straßenseite, ich weiß aber nicht mehr, ob an der Elsbeth- oder Cöthner Straße. Ich machte mir den weiteren Weg, da ich dort beim Einkauf immer eine Tüte Kuchenränder bekam und wenn ich um die Ecke durch die Toreinfahrt zum Bäcker in die Backstube ging, um mit ihm zu schwatzen, bekam ich von ihm noch eine zweite Tüte.

… und geklaute Brötchen
Eigentlich wollte ich damals Bäcker werden, habe es mir später aber anders überlegt. Mein Großvater Hermann Eckart war Bäckermeister und hatte eine Bäckerei in Leipzig-Gohlis an der Ecke Wahrener-/Lüderstraße, jetzt Wolfener-/Lüderstraße. Mein Großvater hatte außerdem ein Zweiggeschäft in der Innenstadt, in der Hainstraße.

An der Ecke Georg-Schumann-/Lindenthaler Straße, wo jetzt das Altenwohnheim steht, war nach dem Krieg ein Backwarenladen von der Brotfabrik, wo wir aber nicht einkauften. 1946 haben wir als Kinder, wenn im Laden viel Andrang war, Brötchen aus dem Schaufenster geklaut, wir hatten ja immer Hunger, und eine Handvoll Rübenschnitzel aus der Hosentasche reichte auch nicht zum Sattwerden.

Wurstsuppe und Speiseeis-Ersatz
An der Ecke Stockstraße/Wahrener Straße war unser Fleischerladen, Fleischer Piepenbrink. Dort mussten wir als Kinder, mein älterer Bruder und ich, mit großen Töpfen Wurstbrühe holen. Wenn wir zeitig genug dort waren, hatten wir manchmal Glück, dass noch ein paar Wurst- oder Fleischbrocken darin schwammen. Zumeist waren wir aber schon froh, wenn noch ein paar Fettaugen zu sehen waren.

In der Georg-Schumann-Straße, kurz nach der Ecke Lindenthaler Straße, stadtaus-wärts neben dem Bandagisten-Geschäft war nach dem Krieg der erste „Eisladen“. Da wurde eine undefinierbare Masse, eine Art Schlagcreme, als Eis angeboten. Später gab es den Eissalon „Florenz“ in einem Flachbau auf der anderen Ecke stadteinwärts, wo sich erst ein Plakatmaler niedergelassen hatte, der aber nach Schweden ausgewandert ist. In der Winkelstraße, einer Verbindung zwischen Menckestraße und Platnerstraße, hatte unser Schuhmacher seine Werkstatt, seinen Namen weiß ich allerdings nicht mehr.

Kinderkarussell mit Handbetrieb
An der Ecke Breitenfelder/Möckernsche Straße, wo sich früher der alte Gohliser Friedhof befand, deshalb wurde er Knochenplatz genannt, und später eine Konsumverkaufsstelle entstand, hatte ein Schausteller zeitweise ein Karussell betrieben. Da es aber keinen Stromanschluss hatte, musste es per Hand angeschoben werden, was wir als Kinder gern übernahmen. Dafür gab es dann eine Mark und wir durften abwechselnd einmal umsonst mitfahren. Gerhard Eckart

PS: Dietmar Gabriel, der in der Nähe der heutigen „Semmelkiste“ in der Wilhelm-Plesse-Straße groß geworden ist, hat uns in seinem Leserbrief Interessantes über Geschäfte in dieser Gegend mitgeteilt. Aus dem fernen Schriesheim bei Heidelberg meldete sich Gerhard Luff, dessen Großmutter früher ein Feinkostgeschäft in der Gohliser Straße 29 hatte. Offensichtlich erinnern sich viele Gohliser an Ladengeschichten. Sie auch? Dann schreiben Sie an: Bürgerverein Gohlis, Lindenthaler Straße 34 oder schicken Sie eine E-Mail an buergerverein@gohlis.info – Kennwort: Ladengeschichten. Ebenfalls um dieses Thema geht es beim Gesprächs-Café der AG Stadtteilgeschichte am Mittwoch, dem 27. März, 17 Uhr, im Budde-Haus, Lützowstraße 19.