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Gohliser Ladengeschichten: Eine Blumenfrau erzählt

Karla Hasse (links) beim Gesprächs-Café des Bürgerverein, rechts die Optikerin Johanna Splinter)

Von Antje Bethmann

„Ich gehe ins Dorf“, sagten die Leute früher, wenn sie in der Gohliser Straße ihre Einkäufe erledigen wollten. Um mehr zu erfahren, luden wir frühere Geschäftsinhaber zum Gesprächs-Café in den Bürgerverein Gohlis ein. Interessante Ladengeschichten wollen wir im „Gohlis Forum“ veröffentlichen. Den Anfang machen wir mit der Floristin Karla Hasse, die in der Gohliser Straße 32/34 ihr Blumengeschäft betrieb. „Blumen Hasse“ war wohl für alle Gohliser ein Begriff.

Wir treffen eine aufgeschlossene Frau, die auf sehr frische Art aus ihrem Geschäftsleben erzählt. Ihre Eltern hatten 1953 das schon bestehende Blumengeschäft gekauft. 1968 hat sie es übernommen und mit ihrem Mann 42 Jahre geführt. Er hat die Blumen bei Gärtnereien in ganz Sachsen eingekauft. Warenbeschaffung war ja zu DDR-Zeiten der schwierigste Punkt im Handel. Die Hasses stammen aus Dörfern südlich von Leipzig, die inzwischen der Braunkohle geopfert wurden. Karla Hasses Vater hatte eine Gärtnerei in Bösdorf und die Familie somit gute Beziehungen zu den Erzeugern. Damals ein unschätzbarer Vorteil.

Heidekraut für den Westexport
Frau Hasse erzählt: „Es war für uns private Händler schwierig, die Blumen zu bekommen, die man haben wollte. Blumen wurden genauso wie Obst nicht staatlich gefördert. Wir durften als privates Blumengeschäft nur von privaten und nicht von staatlichen Betrieben kaufen und waren daher benachteiligt. Mein Mann ist zwar täglich viele Kilometer gefahren, aber letztlich konnten wir nur bekommen, was da war. Damals wurden in den Gärtnereien zum größten Teil Eriken und Azaleen angebaut, vor allem für den Westexport.

Blumen Hasse in der Gohliser Straße (60er-Jahre)
Blumen Hasse in der Gohliser Straße (60er-Jahre)

Beim Beladen der Laster mit den Blumen für Westdeutschland schmuggelte sich hin und wieder ein ausreiselustiger Ostbürger zwischen die Erika-Kisten und kam auf diese Weise nach drüben. Später haben die Grenzer dann Hunde über die Ware laufen lassen, da war dieser Weg versperrt.

Der Verkauf in den Westen war existentiell für die Gärtnereien. Erst wenn sie z. B. 1.000 Eri­ken in den Westen verkauft hatten, bekamen sie 1.500 leere Blumentöpfe. Ich habe damals meine Kunden gebeten, mir die alten Töpfe wiederzubringen, damit ich sie dem Gärtner geben kann. Plastetöpfe gab es damals nicht, alle waren aus Keramik und knapp.

Keine Nelken für den Brautstrauß!
Als ich 1968 geheiratet habe, hatte ich bei drei Gärtnern Blumen für den Brautstrauß bestellt. Als ich bei dem ersten zur Tür raus bin, habe ich geheult. Ich hatte Nelken bestellt und kriegte sooolche kurze Fresien … Der Gärtner riet mir: Da machen Sie Draht dran, Mädchen! Das war zu viel für mich! Es wurde immer improvisiert. Zugleich waren die Preise staatlich festgelegt. Die Blumen wurden nach Länge und Durchmesser bewertet, und wir wurden streng kontrolliert. Die Preisliste habe ich heute noch.

In der Gohliser Straße gab es alles

Blumen Hasse in den 90ern – links Karla Hasse, Mitte Kathi Mieth
Blumen Hasse in den 90ern – links Karla Hasse, Mitte Kathi Mieth

Als Kind musste ich für die Familie einkaufen gehen. Dadurch erinnere ich mich sehr gut an die Läden in der Gohliser Straße. Einige Geschäfte gab es mehrfach, also musste ich immer mal woanders hingehen – das machte man früher so, man kaufte nicht immer beim selben Händler. Das war anständig und ich finde das auch heute noch gut. Es gab mehrere Bäcker, mehrere Fleischer, einen Schuster, einen Uhrmacher und einen Schuhladen, einen für Molkereiwaren, sogar zweimal Kurzwaren… Und auch ein Textilgeschäft ‚vom Schlüpper bis zur Bettwäsche‘. Dort hat mir meine Mutter alles für meine Aussteuer gekauft. Ich kann mich noch entsinnen, dass die Älteren immer gesagt haben: ‚In der Gohliser Straße haben wir das ganze Jahr über alles bekommen. Wir sind nur mal zu Weihnachten in die Innenstadt gefahren‘.“

2009 hat Karla Hasse das Geschäft krankheitsbedingt an Kati Mieth übergeben, die es in ihrem Sinne weiterführt.

PS: Kennen Sie interessante Ladengeschichten? Es darf auch die Eisdiele oder der Kohlenhändler sein. Dann schreiben Sie an: Bürgerverein Gohlis, Lindenthaler Str. 34, 04155 Leipzig oder schicken eine E-Mail: buergerverein@gohlis.info – Kennwort: „Ladengeschichten“.