Zum 9. November 2025 (Ein Rückblick)

Wer im November des vergangenen Jahres einen Spaziergang durch den Schillerweg unternommen hat, dem wird vor Nummer 31 eine Säule aufgefallen sein. Diese war am Abend beleuchtet. Sie sollte an die ehemalige Synagoge erinnern, die sich hier bis zur Reichspogromnacht am 9.11. 1938 befunden hat. Der Historiker Steffen Held hat dazu folgende Fakten recherchiert: Der erste Betraum wurde 1922 im Schillerweg 31, im Hofgebäude, geweiht. Es war eine orthodoxe Synagoge, die den Namen Scha’are Zedek (Tore der Gerechtigkeit) erhielt. Sie wurde von Privatpersonen wie dem in der Elsbethstraße wohnenden Borstenhändler Barney Taub finanziert. Als Vorbeter wirkte Josef Kober. Eigentümer des Grundstücks war die Bierbrauerei Kleinkrostitz. An der Synagoge wirkte möglicherweise Hermann Ludwig als Rabbiner. Ludwig wohnte seit 1914 in der Menckestraße 12. Dem Leipziger Adressbuch ist zu entnehmen, dass er anfangs als Prediger und Lehrer arbeitete, später als Rabbiner und Religionslehrer. Der Betraum wurde vermutlich in der Nacht vom 9. zum 10.11. 1938 verwüstet, aber nicht zerstört.
Zum Gedenken an die Reichspogromnacht und um die Erinnerung daran wach zu halten entwickelte die Künstlerin Nina K. Jurk 2002 eine Lichtinstallation, das Projekt „Spuren“: Es sollten an den ehemaligen Standorten der Leipziger Synagogen Säulen in Form von Tora-Rollen aufgestellt werden. Sie sollten die gleiche Form besitzen, mit dem Gedicht die „Todesfuge“ von Paul Celan „eingehüllt“ und nachts beleuchtet sein. Es wurde an 14 Standorten ehemaliger Synagogen und Beträume umgesetzt. (unter anderem auch im Schillerweg 31) und über vier Wochen gezeigt.
Ab 2023 wurde das Projekt von Nina K. Jurk in Zusammenarbeit mit der jüdisch-christlichen Arbeitsgemeinschaft (JCHA) und finanzieller Unterstützung durch die Stadt Leipzig erneut im Rahmen der Jüdischen Woche und später zum Gedenken an die Reichspogromnacht realisiert. Zuletzt geschah dies im November 2025. Da die Aufstellung immer nur temporär umgesetzt werden konnte (es musste aufgebaut, wieder abgebaut und zwischengelagert werden), erschien es sinnvoll eine Dauerlösung zu schaffen. Deshalb brachte die SPD-Fraktion 2023 im Stadtrat den Antrag „Erinnerung an ehemalige Synagogen und Beträume“ ein. Es wurde vorgeschlagen, das Projekt zu verstetigen und dauerhaft durch an Fassaden angebrachte Tafeln, in den Boden eingelassene Platten, symbolhafte Tora-Rollen, Davidsterne o. ä. an Leipziger Synagogen und Beträume zu erinnern und damit zu gedenken. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Leider sah der Alternativvorschlag der Verwaltung aber nur eine digitale Plattform vor und keine sichtbaren Hinweise auf die Standorte. Der Stadt Wien gelang dies allerdings auf eindrucksvolle Weise.
Seit 2025 liegt folgender Zwischenstand vor: Es wurde eine interaktive digitale Landkarte erarbeitet, die alle ehemaligen Synagogen und Bethäuser Leipzigs verzeichnet und detaillierte Informationen zu diesen Standorten bereithält. Auch auf der Internetseite der JCHA kann man sich darüber informieren. Eine standortgebundene Erinnerung ist durch die Stadt Leipzig weiterhin nicht vorgesehen.
Wer mehr zum Thema erfahren möchte, dem sei das Buch „Synagogen und Betstuben in Leipzig“ von Dr. Sven Trautmann empfohlen.
von Claus Müller

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