Loreen Heinrich – von der Tellerwäscherin zur Restaurant-Besitzerin

Goldenes Licht fließt weich in die hölzerne Stube der Gosenschenke „Ohne Bedenken“ Leipzig. Am Tisch sitzt Loreen Heinrich mit einem Glas Wasser. Seit 2024 ist sie die Inhaberin des Traditionsrestaurants. Ursprünglich wollte sie nur drei Monate kellnern, um praktische Erfahrung für den Einstieg in die Gastronomie zu sammeln. Heute führt sie ein Team von 22 Mitarbeitern, davon 14 fest angestellt.
Als sie 2009 nach Leipzig kam, dauerte es zwei Jahre, bis sie zunächst Gläser im Gose-Biergarten abräumte. Weil im Gastraum viel zu tun war, bot sie sich an, auch dort zu helfen – und beförderte sich damit zur Kellnerin. Da die damals 19-Jährige für starke Umsätze sorgte, festigte sie schnell ihren Platz. Mit der Zeit entwickelte sie eine tiefe emotionale Bindung zum Haus: „Ich habe eine richtige Liebe für diesen Laden entwickelt. Ich mag dieses Alte, dieses Historische.“ Aus dem Nebenjob wurde ein langfristiges Ziel. Sie sprang überall ein – im Service, beim Einkauf, in der Küche – übernahm Verantwortung und schloss erfolgreich ihre Ausbildung ab.
Ein Jahr nach ihrem Einstieg wurde der damalige Inhaber Dr. Hartmut Hennebach schwer krank. Kurz vor dessen Tod übernahm 2012 der langjährige Geschäftsführer Jens Gröger die Schenke. Mit dem Jahreswechsel 2023/2024 übergab er die Gosenschenke an die inzwischen zur Restaurantleiterin aufgestiegene Loreen Heinrich. Damit erhielt die Schenke erstmals eine
„Gosewirtin“, die noch heute fleißig am Tresen, im Büro oder im Sommer am Grill mitwirkt.
Die in Wolfen geborene Wahlleipzigerin beschreibt die Gasträume, die erstmals 1899 von Carl Cajeri eröffnet wurden, mit einer Mischung aus Heimatgefühl, Geschichte und persönlicher Bindung. „Es ist wie ein Wohnzimmer. Ich habe eine richtige Liebe für diesen Laden entwickelt. Es hat etwas Warmes, etwas Gemütliches, wenn man hierherkommt.“
Zum Namen „Ohne Bedenken“ kam die Schenke übrigens, weil der Kellner Karl Schmidt um 1900 auf die Frage, ob man die Gose auch trinken könne, stets mit „Ohne Bedenken“ antwortete. Auch Goethe soll Gose getrunken haben, und sogar der junge Wladimir Putin war in seiner Leipziger Zeit ein oft gesehener Gast.
Das Menschliche spielt für die engagierte Betreiberin seit jeher eine bedeutende Rolle. Zusammenhalt wird im Unternehmen großgeschrieben, es haben sich über die Jahre auch private Freundschaften gebildet. Kollegen organisieren gemeinsame Ausfahrten oder besuchen zusammen den Leipziger Weihnachtsmarkt. Wie stark der Zusammenhalt ist, zeigt die lange Betriebszugehörigkeit vieler Mitarbeiter: Einige leisten seit 19 Jahren treuen Dienst. Die älteste Mitarbeiterin, Bärbel, ging vor Kurzem mit 70 Jahren in den Ruhestand.
Auf die Frage nach ihrem persönlichen Lieblingsgericht im Haus antwortet Loreen Heinrich spontan: „Roulade mit Rotkraut und Klößen.“ Doch nicht nur dieses Gericht ist eine Spezialität des Hauses. Getreu des Namens wird seit 2017 eigene Gose, Kellerbier und Schwarzbier gebraut. Mit der Brauerei erfüllte sich Jens Gröger einen lang gehegten Wunsch, denn bis dahin wurde die Gose von externen Brauereien bezogen. In London gewann das Leipziger Gebräu dieses Jahr sogar den Titel „Weltbeste Gose“.
Verkosten kann man sie ausschließlich vor Ort – frisch gezapft vom Fass oder in Flaschen im Bierträger. Zu kaufen gibt es die Gose sonst nirgends. Klassisch trinkt man sie pur, mit Sirup, Kirschlikör oder Leipziger Allasch – je nach Gusto.
Neben den kulinarischen Genüssen bietet Frau Heinrich ihren Gästen regelmäßig Kulturveranstaltungen wie Konzerte oder eine Reklame- und Schilderbörse. Letztere zählt zu den gemeinsamen Sammelleidenschaften der Wirtin und ihres Mannes. Die Räume sind daher nicht nur eine gemütliche Gaststube, sondern zugleich eine museale Zeitreise in die 1920er Jahre – mit der Wärme von Omas Wohnstube, sanft gehüllt in goldenes Licht.
von Ron Kuhwede

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