Zwischen Anspruch und Alltag – eine persönliche Bilanz des Magistralenmanagements

Sachlicher Überblick
Das Magistralenmanagement an der Georg-Schumann-Straße in Gohlis war über mehr als ein Jahrzehnt ein zentrales Instrument der Stadtentwicklung im Leipziger Norden. Von 2010 bis 2021 wurden für den Betrieb und die Unterhaltung des Infozentrums insgesamt rund 1,7 Millionen Euro eingesetzt.
Zu den Kernaufgaben zählte u.a. der Aufbau und die Organisation einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik, Wirtschaft, gesellschaftlichen Gruppen und der Anwohnerschaft. In diesem Zusammenhang entstanden verschiedene akteursbezogene Strukturen: der Magistralenrat als beratendes Gremium, der Förderverein Georg-Schumann-Straße e. V. sowie feste Austauschformate mit bestehenden Akteuren wie dem Bürgerverein Gohlis e. V. und dem Bürgerverein Möckern-Wahren e. V. – gerade das sogenannte Drei-Vereine-Treffen war als Versuch angelegt, eine nachhaltige, ehrenamtlich getragene Struktur zu etablieren. Der Förderverein Georg-Schumann-Straße wurde ausdrücklich als ehrenamtliche Begleitstruktur der Förderkulisse gegründet. Einzelne Projekte konnten so in die Ehrenamtlichkeit überführt werden, etwa die „Nacht der Kunst“, die sich als anerkanntes Kunstfestival im Leipziger Norden etabliert hat und heute eigenständig getragen wird.
Darüber hinaus gab es themenbezogene Arbeitszusammenhänge, etwa zur geplanten Radschnellverbindung Leipzig–Halle, bei der eine Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsgruppe Mobilität und Verkehr des Bürgerverein Gohlis und dem Magistralenrat stattfand – wenn auch ohne sichtbaren Durchbruch im Ergebnis. Beteiligungsformate wie Gesundheitstage, Bürger-Picknicks oder Bürger-Cafés zielten darauf ab, Nachbarschaften zu stärken und Gewerbetreibende einzubeziehen.
Mit dem Auslaufen des Bundesförderprogramms endete Mitte 2022 eine zentrale Finanzierungsgrundlage. In der Folge wurde das Infozentrum von Januar 2023 bis zum 31. August 2025 vom Kulturkosmos e. V. übernommen. Parallel dazu wurde im Rahmen einer Anschlussförderung aus dem Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ ein Geschäftsstraßenmanagement eingerichtet, getragen von GECKO2. Ergänzend sollte die Online-Plattform „Leipziger Ecken“ als gemeinsames Instrument für Standortmarketing, Beteiligung und Kooperation dienen.
Persönliche Einschätzung aus bürgerschaftlicher Sicht
Als Mitglied eines Bürgervereins und engagierter Akteur im Stadtteil Gohlis fällt meine Bilanz zwiespältig aus. Viele der genannten Maßnahmen waren gut gemeint, manche zeitweise auch wirksam. Aus ehrenamtlicher Perspektive stellt sich jedoch die Frage nach ihrer Nachhaltigkeit.
Die Beteiligungsformate zur Nachbarschaftsbildung – etwa Gesundheitstage oder Bürger-Cafés – haben Begegnung ermöglicht, hinterließen aber kaum dauerhafte Strukturen. Ein systematischer Wissenstransfer oder eine Verstetigung der gewonnenen Kontakte ist aus meiner Sicht nicht erkennbar gewesen. Dies wäre Aufgabe des Magistralenmanagementes gewesen. Der letzte Träger war dieser Aufgabe leider nicht gewachsen. Ähnlich erging es der Stadtteilplattform „Leipziger Ecken“: Sie wurde von oben an die Akteure herangetragen, ohne dass ein gemeinsames Verständnis für Nutzen und Anwendung entstand. Für viele Ehrenamtliche blieb sie abstrakt – und letztlich wirkungslos.
Unsicherheit in der Stabilität der Vereinslandschaft
Auch die Zukunft des Fördervereins Georg-Schumann-Straße sehe ich pessimistisch. Der Verein ist stark themen- und projektbezogen aufgestellt. Es ist nur begrenzt gelungen, eben jener Zielgruppe aus Gewerbetreibenden einen breiten Mehrwert des Fördervereins und dessen Arbeit zu vermitteln und darüber hinaus dauerhaft Unterstützer zu gewinnen. Spätestens nach dem Ende des Magistralenmanagements wurde deutlich, wie schwer es ist, diese Struktur aus eigener Kraft zu stabilisieren und Ziele zu entwickeln, die über einzelne Leuchtturmprojekte hinausgehen. Der Magistralenrat fand nach dem unerwarteten Tod seines Sprechers Steffen Mildner Anfang 2021 nie wieder zu strategischer Schlagkraft und Verankerung entlang der Georg-Schumann-Straße zurück. Stattdessen verfing er sich in der romantisierenden Vorstellung einer breiten demokratischen Legitimation seiner Gründungsveranstaltung, deren Glanz nach 12 Jahren definitiv nicht mehr vorhanden ist.
Das Drei-Vereine-Treffen, das als Keimzelle einer nachhaltigen Zusammenarbeit gedacht war, ist ebenfalls versandet. Statt echter Stärkung der ehrenamtlichen Akteure dominierte eine eher technische Begleitung durch das spätere Magistralenmanagement. Ergebnisdokumentation, Dauerhaftigkeit oder Strukturaufbau wurden nicht unterstützt oder sogar aktiv behindert. Ohne emotionale Bindung und ohne echte Mitverantwortung auf Augenhöhe fehlte am Ende die Energie durch die Vereine, diese Struktur gegen den Willen des Magistralenmanagementes weiterzutragen.
Defizit Wissenstransfert
In der Rückschau entsteht bei mir der Eindruck, dass gerade im letzten Drittel der Förderphase ein technokratisches Verständnis überwog und kein echtes Verständnis für Arbeit in und mit zivilgesellschaftlichen Strukturen im Magistralenmangement vorherrschten. Erfolge waren scheinbar gut dokumentiert, blieben aber vielfach auf dem Papier. Nach dem Ende des Förderprogrammes gab es weder eine systematische Übergabe von Kontakten und Netzwerken noch eine Weitergabe bewährter Aktionsformate an die aktiven Akteure. Es stellt sich die Frage, ob diese überhaupt jemals angedacht war – ob nun bewusst oder unbewusst ist egal, es zeugt von dem Scheitern der Stadtverwaltung das späte Magistralenmanagement in seiner Aufgabenerfüllung zu kontrollieren.
Diese Lücke in der Erfüllung der Aufgabe des Managementes zeigt sich aus meiner Sicht auch im anschließenden Geschäftsstraßenmanagement, das im Rahmen einer temporären Förderung aus dem Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ mit dem Träger GECKO2 umgesetzt wurde. Statt auf vorhandene Erfahrungen, Netzwerke und Erkenntnisse des vorherigen Magistralenmanagements aufzubauen, entstand erneut ein Bruch. Ein erkennbarer Wissenstransfer vom letzten Träger des Magistralenmanagementes zu GECKO2 fand nicht statt, sodass zu Beginn der neuen Trägerschaft wieder grundlegende Bedarfs- und Akteursbestandsaufnahmen notwendig wurden. Für die ehrenamtlich Engagierten bedeutete das vor allem eines: Zeitverlust – und das Gefühl, dass bereits geleistete Arbeit und gewachsene Kenntnisse nicht ausreichend wertgeschätzt oder genutzt wurden. Dabei sei ausdrücklich betont, dass dies aus meiner Sicht nicht das Verschulden von GECKO2 war. Vielmehr fehlte es an einer sauberen, systematischen Aufarbeitung, Sicherung und Übergabe der Erkenntnisse aus nahezu zwölf Jahren Magistralenmanagement. Ohne eine solche strukturierte Wissensbasis war es kaum möglich, nahtlos anzuknüpfen.
Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei den Mitarbeitern der Träger des Magistralenmanagementes bedanken, die mir mit ihrem täglichen Handeln das Gefühl vermittelt haben, Teile einer ehrlichen und sachorientierten Kooperation zu sein: vielen Dank an Jochen Gauly und Team sowie Maria Köhler, Talina Rinke und Alexandra Schmidt.
von Tino Bucksch

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