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Denkmalreicher Stadtteil in bevorzugter Lage

Von Wolfgang Leyn

„Gohlis ist reich an Denkmalen“, erklärt Annekatrin Merrem bei ihren Stadteilrundgängen. Am bekanntesten ist sicher das Schillerhaus, wegen seines prominenten Sommergastes von 1785 und als ältestes Bauernhaus im heutigen Stadtgebiet. Das Gohliser Schlösschen ist Leipzigs einziges Rokokoschloss. Charakteristisch für die Bürgerstadt Leipzig ließ es kein Adliger errichten, sondern ein Kaufmann und Ratsbaumeister. Dass Gohlis im Vergleich mit anderen Stadtteilen relativ viele Denkmale hat, hat mit auch seiner günstigen Lage direkt am Rosental zu tun, aufgrund dessen wurde das einstige Bauerndorf Gohlis zum bevorzugten Vorort, in dem sich Mitte des 19. Jahrhunderts wohlhabende Leipziger ihre Sommerhäuser bauten – in der alten Ortslage, der heutigen Menckestraße, und an deren Rand, am Schillerweg. Häuser aus der Zeit um 1860 haben sich sonst in Gohlis nur wenige erhalten.

Architektur von hoher Qualität
Von bedeutenden Architekten entworfen wurden sowohl die Villen in der Friedensstraße, am Kickerlingsberg oder in der Ludwig-Beck-Straße als auch die großbürgerlichen Mietshäuser um den Nordplatz, in der Gohliser Straße, in der Schorlemmerstraße oder am südlichen Ende der Lindenthaler Straße. Das Haus Menckestraße 9 gehört zu den Hauptzeugnissen des Jugendstils in Leipzig. Reformstil und Art déco beeinflussten die Gestaltung von Villen wie auch von Wohnanlagen des genossenschaftlichen Wohnungsbaus der 1920er- und 1930er-Jahre. In Gohlis-Mitte gehört das sogenannte „Riemann-Quartier“ zu den prominenten Beispielen (siehe Seite 6).
Im Geist der Moderne entstanden in den späten 1920er-Jahren die Wohnhäuser der Krochsiedlung in Gohlis-Nord. Diese steht wegen ihrer städtebaulichen Bedeutung als sogenannte „Sachgesamtheit“ unter Denkmalschutz. Die Versöhnungskirche am Viertelsweg ist ein prominentes Beispiel des Kirchenbaus dieser Zeit. Ein prägendes Baudenkmal aus frühen DDR-Zeiten ist das Gebäude des früheren Herder-Instituts in der Lumumbastraße. Auf der Denkmalliste stehen auch die Feuerwache Nord, der Gohliser Friedhof oder Parkanlagen wie der Schillerhain.

Nicht nur Fassade und Dach
Zum schützenswerten Denkmalerbe in Gohlis gehört in vielen Fällen die Innenarchitektur, zum Beispiel Wand- und Deckenmalereien in den Treppenhäusern. Dort, wo offene Bebauung vorherrscht, betrifft das bei einzelnen Gebäuden auch die Gärten. Dazu kommen allerlei Kleindenkmale – von der Wasserpumpe in der Berggartenstraße, Ecke Lindenthaler Straße bis zur Taxi-Rufsäule in der Elsbethstraße vor dem ehemaligen Kino „GoLiPa“.

Wohnen in früheren Industriebauten
Anders als zum Beispiel Plagwitz war Gohlis kein ausgesprochenes Industrieviertel. Dennoch gibt oder gab es hier wichtige technische und Industriedenkmale. Die historische Actien-Brauerei an der heutigen Georg-Schumann-Straße einschließlich der Gaststätte „Bräustübl“ ging verloren, anderes wie die Gohliser Mühle konnte gerettet werden. Die allermeisten nach 1990 entstandenen Industriebrachen wurden oder werden für andere Zwecke umgebaut: Aus der Aromafabrik Oehme und Baier in der Benedixstraße wurde 2000 ein Wohn- und Pflegeheim, in der Schokoladenfabrik Felsche zwischen Menckestraße und Poetenweg entstanden ab 2004 Loft-Wohnungen. Verwaltungsgebäude und Fabrikhallen der einstigen Bleichert-Werke an der Lützowstraße erleben gerade ihre Metamorphose zu noblen Wohnhäusern mit hochwertiger Ausstattung.
Zum Bedauern der Denkmalpfleger blieb bei der Umnutzung von Industriedenkmalen von der historischen Ausstattung oft nur wenig erhalten. Annekatrin Merrem nennt ein Beispiel, wie dem entgegengewirkt werden kann: Die einstige Kasernenstadt an der Flurgrenze zu Möckern verwandelt sich Schritt für Schritt in ein neues Wohnquartier. Damit die Spuren der früheren Nutzung der Gebäude nicht verlorengehen, wurden in der einstigen Heeresbäckerei zum Beispiel die historischen Sackrutschen geborgen. Zusammen mit Fotodokumenten sollen sie später im Gelände museal untergebracht werden.

Architektonisches Ortsgedächtnis
Gibt es ein Denkmal in Gohlis, das Annekatrin Merrem besonders am Herzen liegt? Diese Frage lässt sie kurz zögern, ehe sie ein ganzes Denkmalensemble nennt – die alte Ortslage an der Menckestraße, aufgeweitet durch den einstigen Dorfanger, mit Gebäuden aus beinahe allen Stilepochen – vom Barock über Biedermeier, Gründerzeit und Jugendstil, den sozialen Wohnungsbau der 1920er- und 30er-Jahre bis hin zu ambitionierten Wohnhaus-Neubauten aus dem 21. Jahrhundert. Die allermeisten Gebäude in der Straße stehen heute unter Denkmalschutz. Mit dem Schillerweg im Hintergrund ist die Menckestraße so etwas wie das Gedächtnis des alten Ortes. Man spürt, dass es diese Straße schon vor vielen hundert Jahren gegeben hat. Auch hat deren Krümmung zur Folge, dass sich beim Durchwandern ständig neue, romantische Blickwinkel ergeben.