Musikgeschichte in Gohlis – Hier wurde die Schallplatte erfunden

Überhaupt war Leipzig um 1900 weltbekannt für Grammophone und andere Spielautomaten. In Gohlis gab es eine solche Fabrik in dem Klinkerbau der heutigen Kasseler Str.11a bis 15a. Ja, viele sagen, dass dort die Arbeiter der nahegelegenen Sternburg-Brauerei wohnten, aber das war später.
„In den Jahren 1876 bis 1930 existierten in und um Leipzig mehr als 100 Fabriken und Werkstätten für den Bau selbstspielender Musikinstrumente. Den Schwerpunkt bildeten Lochplatten-Musikwerke und Notenrollen-gesteuerte Klaviere sowie Klavier-Orchestrions.“ (Quelle: www.alte-spieluhren.de).
Es gab vorher schon lange Spielautomaten mit Walzen, die wie ein Uhrwerk aufgezogen wurden und dann drehte sich die Walze, darüber lief eine Art Kamm aus Metallstreifen mit verschiedener Tonhöhe – eine Melodie erklang. Aber die Walzen waren nicht einfach auswechselbar und die Melodie recht leise und recht kurz, je nach Größe der Spieluhr.
Der Gohliser Ingenieur und Erfinder Paul Lochmann erfand um 1885 ein neuartiges Gerät mit wesentlichen Verbesserungen. Statt Walze wurde nun eine (Metall-) Platte verwendet, die länger spielte und v.a. leicht auswechselbar war. Man könnte sagen, hier wurde die erste Schallplatte der Welt erfunden – zumindest vom Prinzip her.
„Das Funktionsprinzip der Polyphon-Lochplatte besteht in einer Metallplatte mit eingestanzten länglichen Löchern, die auf der Unterseite kleine Haken bilden. Diese Haken drehen ihrerseits an mit Zähnen versehenen Rädchen, die Metalllamellen am sogenannten Stimmkamm anreißen, und so einen Ton erzeugen. Das Polyphon war mit einem Federwerk versehen, das mit einer Kurbel aufgezogen werden musste. Die Melodien waren auf Lochplatten aufgebracht, die leicht ausgetauscht werden konnten. Lochplatten gab es in verschiedenen Größen und mit unterschiedlich langer Spieldauer. Beispielsweise hatte eine Lochplatte mit 28 cm Durchmesser eine Spieldauer von ungefähr einer Minute.“ (Quelle: leipziger-industriekultur.de).
Die Weltneuheit ließ sich gut verkaufen und wurde in Massen produziert. Es begann 1885 mit der Fabrik Lochmannscher Musikwerke Lochmann, Kuhno & Co. in der heutigen Eisenacher Str. 72. Noch heute ist der ganze innenhof zwischen Eisenacher Str. und Kasseler Str. in diesem Teil als ehemaliges Industriegelände erkennbar, z.B. an einem großen Schornstein neben dem Ziegelbau der heutigen Musikschule. Die Firma wechselte mehrmals die Besitzer und die Adresse und ging 1926 in Konkurs. Erhalten geblieben sind mehrere Patente von Teilen des Symphonions von Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Symphonion wurde vielfach kopiert. Das Original besteht aus einem recht einfachen Kasten mit Kurbel an der Seite. An der Innenseite des Deckels ist ein Papier mit typischen Jugendstil-Schmuckelementen am Rand angebracht und nur beim Original steht dort eine kurze Bedienungsanleitung in drei Spalten: auf englich, französisch und deutsch. Davon sind nicht mehr viele in gutem Zustand erhalten und sie werden bei Sammlern für Preise um ca. 1000 € gehandelt. Wir Gohliser sind stolz auf dieses Stück Industriegeschichte. Es ist kaum bekannt, dass Plattenspieler hier erfunden worden.
von Timo Schönemann


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