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Nachruf für einen alten Wegbegleiter

Das ehemalige „Thüringer Rostbrät’l“, nun schon in neuer Aufmachung.

Vielleicht kennen Sie das, lieber Leser dieser Zeilen: durch Zufall bekommen Sie es mit, dass ein guter Bekannter, den sie schon lange nicht mehr gesehen oder gesprochen haben, nicht mehr unter uns weilt. Das ist für Sie dann ein großer Schock, da besagter Bekannter irgendwie immer zu ihrem Leben gehörte und in der hintersten Ecke ihrer Gedanken und ihres Herzens ebenso lange immer präsent war. Und genau so ging es mir diese Woche, als ich durch Zufall, weil ich einem kleinen Verkehrsstau ausweichen wollte, eine Abkürzung durch die Wilhelm-Plesse-Straße fuhr. Mit einem kurzen Blick aus den Augenwinkeln sah ich am Fenster der Gaststätte „Zum Thüringer Rostbrät’l“ ein Schild hängen. Darauf war zu lesen, dass es ab Januar 2025 hier eine Pizzeria geben wird. Nun habe ich wirklich nichts gegen eine gute Pizza einzuwenden, aber diese alte, traditionsreiche Wohngebietsgaststätte hat mich mein ganzes bisheriges Leben hier im Norden von Leipzig begleitet.

Meine Eltern zogen mit mir 1970 aus der Nähe vom Chausseehaus hierher und die Freundschaft mit dieser Lokalität begann sofort. Ich ging damals in die 1. Klasse und mein Kopf war voller Abenteuergeschichten aus dem Mosaik und diversen Piratenbüchern. Und plötzlich kam ich in ein Restaurant, wo man auf echten Holzfässern um einen runden Tisch sitzen konnte. Mir ging das Herz auf! Außerdem gab es die in der DDR immer als etwas Besonderes angesehenen Pommes frites. Um es auf den Punkt zu bringen: ich war begeistert!

Diese Freundschaft überdauerte die Jahrzehnte, unbeschadet der äußeren Umstände und Veränderungen im eigenen Leben und auf der großen Weltbühne. So ging man sowohl mit den Maurern der Feierabendbrigade, die mein Vater auf geheimnisvollen Wegen zu DDR-Zeiten angeheuert hatte, hier zum Mittagessen, um die Kollegen bei Laune zu halten, als auch mit dem teuren Westbesuch zur Leipziger Messe, um diesem zu zeigen, dass es auch bei uns lokale Spezialitäten (und Pommes) gab. In der Wendezeit 1990 saßen wir hier mit guten Freunden aus den alten Bundesländern bei einem (oder mehreren) Glas Ur-Krostitzer und malten uns die gemeinsame deutschdeutsche Zukunft aus. Hier wurden auch meine Vorstellungsgespräche bei mehreren Firmen „im Westen“ organisiert, die schließlich dazu führten, dass es mich 34 Jahre in die fremden Weiten Bayerns verschlug. Doch bei den häufigen Heimatbesuchen bei meinen Eltern war dann des öfteren gemeinsam mit ihnen oder alten Freunden ein herrlich nostalgisches Essen im Thüringer Rostbrät’l der Zeitpunkt, wo man spürte, zu Hause zu sein. Nun soll diese Ära also wirklich zu Ende gehen. Mir krampft sich bei diesem Gedanken das Herz ein wenig zusammen. Es fühlt sich wirklich so an, als ob man einen guten alten Freund verliert. Ich werde mich sicherlich immer an die herzliche Atmosphäre, die freundliche und lustige Bedienung, den Wirt, der einen Gast auch nach längerer Zeit immer noch erkannte und sich an die zuletzt geführte Unterhaltung erinnerte und natürlich an die vielen Steaks au four mit Pommes und Worcestersauce erinnern. Thüringer Rostbrät’l, Du wirst mir sehr fehlen! Danke für die vielen schönen Stunden, sowohl im Restaurant, als auch im Sommer im Biergarten. Es war immer schön bei Dir.

Sven List, Eduard-von-Hartmann-Straße

Quelle: Eutritzscher Rundblick 2/2025. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

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